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Ruhs: Nein, diese Zahl belegt nicht, dass Deutschland zum „gescheiterten Staat“ wird

von  | Faktencheck | 2. Juli 2026 |  14 min

Die alte, rechte Masche: Man nehme eine echte Zahl, reiße sie aus jedem Kontext – und erzählt, der Untergang stehe kurz bevor. Genau das macht Julia Ruhs mit der Zahl der ins Ausland gezogenen Deutschen, das irgendwie belegen soll, dass wir zum "gescheiterten Staat" werden, obwohl Deutschland 2025 netto um 235.000 Menschen gewachsen ist und Deutschland zu einem der stabilsten Ländern der Welt gehört. Der Trick ist nicht die Zahl, sondern die absurd gesponnene Geschichte drumherum – und die ist direkt anschlussfähig an rechtsextreme Narrative.

Das BILD-Märchen und die herausgepickte Zahl

Julia Ruhs gilt manchen als mutige publizistische Stimme, als eine Art Shootingstar eines neuen konservativen Journalismus. Sie selbst inszeniert sich als Gegenstimme zu einem angeblich links-grünen Mainstream. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich: Aus Mut zur Wahrheit wird bei ihr bisweilen Mut zur Vereinfachung. Deutlich wird dieses Muster beispielsweise an ihrem Umgang mit der Abwanderungsstatistik in einer BILD-Kolumne: Aus einer einzelnen Zahl macht sie eine große Niedergangserzählung.

In einem BILD-Video und begleitenden Beiträgen verweist Ruhs darauf, dass 2025 knapp 290.000 Menschen mit deutschem Pass aus Deutschland weggezogen seien. Daraus folgert sie: Deutschland ziehe angeblich die „falschen Menschen“ an, bestrafe Leistungswillen und entwickle sich zum „gescheiterten Staat“. Das klingt nicht nur sehr zugespitzt, sondern ist analytisch unsauber.

Ruhs formuliert ihre These nicht gerade zurückhaltend. In dem BILD-Video zur Abwanderung sagt sie: „Wir brauchen keine Einwanderung in die Sozialsysteme“, sonst werde die Last für diejenigen, die bleiben, immer höher. Aktuell ziehe Deutschland „die falschen Menschen“ an. Wer „reich werden will oder erfolgreich“, habe in Deutschland wegen Steuern und Bürokratie schlechte Voraussetzungen. „Leistungswille wird hier eher bestraft“, so Ruhs. Ihre Schlussfolgerung: „Wir in Deutschland entwickeln uns zum gescheiterten Staat.“

Auch in ihrem begleitenden LinkedIn-Beitrag rahmt Ruhs die Wanderungszahlen als harte Standortdiagnose. Knapp 290.000 Menschen mit deutschem Pass seien 2025 ausgewandert, „so viele wie nie zuvor“. Als Zielländer nennt sie Österreich, die Schweiz und Spanien. Polen hebt sie als Gegenmodell hervor: Dort boome die Wirtschaft, die Lebenshaltungskosten und Abgaben seien niedriger, die Migration geringer.

Damit ist die Richtung gesetzt: Aus einer Wanderungsstatistik wird eine politische Erzählung über „falsche“ Zuwanderung, bestraften Leistungswillen und einen angeblich scheiternden Staat. Genau diese Kette trägt die Statistik aber nicht.

Brutto ist nicht netto!

Der wichtigste Punkt ist banal: 290.000 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger sind eine Bruttozahl. Es handelt sich zudem lediglich um registrierte Wegzüge, nicht „Flucht“, nicht endgültige Auswanderung, nicht politische Motivation und nicht automatisch den Verlust von „Leistungsträgern“. Die Zahl sagt ohne Kontext und Vergleiche erst einmal wenig bis gar nichts. Es handelt sich um eine Zahl, keine komplette Erzählung.

Also etwas mehr Kontext: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind 2025 insgesamt rund 1,48 Millionen Menschen nach Deutschland zugezogen und rund 1,25 Millionen Menschen fortgezogen. Daraus ergibt sich ein Wanderungsüberschuss von rund 235.000 Personen. Zugleich gab es bei deutschen Staatsangehörigen einen negativen Wanderungssaldo: Den erwähnten 290.000 Fortzügen stehen etwa 193.000 Zuzüge von Bundesbürgern entgegen. Das heißt: Rund 97.000 mehr Deutsche zogen fort als zurückkamen.

Das ist der Ausgangspunkt für eine Analyse, nicht der Schlusspunkt. Schauen wir daher genauer auf die Zahlen: So zeigen die Zielländer der Fortzüge von deutschen Staatsbürgern keinen Massenexodus in ein bestimmtes Land, das als Gegenmodell zu Deutschland gelten könnte. 2025 zogen laut Mediendienst Integration exakt 288.579 Deutsche aus Deutschland fort; die häufigsten Zielländer waren die teilweise bzw. komplett deutschsprachigen Nachbarländer Schweiz mit rund 22.700 Fortzügen und Österreich mit 13.500. Es folgen Spanien mit 9.700, die USA mit 8.900 und Frankreich mit 5.700.

Fast die Hälfte der Zielländer nicht bekannt

Selbst das wichtigste Zielland, die Schweiz, steht damit nur für knapp acht Prozent aller Fortzüge deutscher Staatsangehöriger. Österreich liegt bei nicht einmal fünf Prozent, Spanien bei gut drei Prozent. Zudem weist der Destatis-Qualitätsbericht zur Wanderungsstatistik darauf hin, dass bei deutschen Staatsangehörigen 2025 rund 47 Prozent der Fortzüge ins Ausland auf „Unbekannt / ohne Angabe / ungeklärt“ entfielen. Das wären, bezogen auf 288.579 Fortzüge rund 135.600 Fälle. Wer aus dieser Datenlage eine eindeutige Geschichte über „die Leistungsträger“ konstruiert, hat ein Belegproblem: Für fast die Hälfte der Fälle ist das Ziel nicht benannt, und selbst auf die wichtigsten bekannten Zielländer entfallen nur relativ kleine Anteile.

Der Blick auf Alter und Staatsangehörigkeit macht die Erzählung von Ruhs noch wackliger. Bei jüngeren Altersgruppen liegen Auslandssemester, Studium, Berufseinstieg, befristete Jobs oder internationale Mobilität näher als die große Flucht vor einem angeblich gescheiterten Staat. Bei den bekannten europäischen Wohnsitzdaten zeigt sich zudem kein einheitliches Auswanderungsmuster: Schweiz und Österreich sind besonders naheliegende Ziele, weil sie räumlich nah sind und weniger oder keine Sprachbarrieren bestehen.

Spanien steht dagegen auch für ein anderes Motiv, nämlich Klima und Lebensabend. Anfang 2025 lebten laut Destatis rund 329.900 Deutsche in der Schweiz, gut 239.500 in Österreich und 131.800 in Spanien. In Österreich lag der Anteil der Deutschen ab 65 Jahren bei 13,3 Prozent, in Spanien dagegen bei 26,8 Prozent. Der umgangssprachliche „Fortzug nach Malle“ passt also eher zur Ruhestands- und Lebensstilgeschichte als zur Erzählung vom jungen Leistungsträger, der vor dem deutschen Staat flieht.

Doppelte Staatsbürgerschaften berücksichtigen

Dazu kommt: „deutsche Staatsangehörige“ umfasst auch Menschen mit Migrationsgeschichte. In der Gruppe können Doppelstaatler, Eingebürgerte oder Menschen mit familiären Bindungen ins Ausland enthalten sein. Gerade bei doppelter Staatsangehörigkeit kann ein Wegzug auch Rückkehr, Pendelmigration oder familiäre Mobilität bedeuten.

Die Wanderungsstatistik zählt außerdem An- und Abmeldungen. Sie verrät nicht, ob jemand dauerhaft auswandert oder für Studium, Beruf, Liebe, Rente, Projektarbeit, Familienphase oder einige Jahre ins Ausland geht. Auch Rückkehrabsichten werden nicht erfasst. Der Mediendienst Integration weist ausdrücklich darauf hin, dass unbekannt ist, wie viele Fortzüge vorübergehend und wie viele dauerhaft sind. Viele Deutsche kehren nach einiger Zeit wieder zurück.

Wer auf dieser dünnen Basis eine eindeutige Erzählung macht, überfrachtet die Zahl massiv. Statistik wird nicht mehr eingeordnet, sondern für eine bereits feststehende Dramaturgie instrumentalisiert. Für eine genauere Analyse braucht es Daten über Qualifikation, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Aufenthaltsdauer, Motive und soziale Lage der Zu- und Fortziehenden. Alle diese Belege liefert die Wanderungsstatistik nicht.

„Failed State“: Ein Kampfbegriff statt Analyse

Besonders deutlich wird die Überladung der Zahl beim Begriff des „gescheiterten Staates“. In der politischen Wissenschaft meint ein failed state keinen Staat mit zu viel Bürokratie, hohen Mieten, mangelnder Digitalisierung oder Hochgeschwindigkeitszügen, die nicht pünktlich sind. Gemeint sind Staaten, die zentrale Funktionen nicht mehr erfüllen können: Sicherheit, Verwaltung, territoriale Kontrolle, Rechtsstaatlichkeit, Grundversorgung.

Ich nehme es daher vorweg: Deutschland ist kein failed state. Es ist auch nicht auf dem Weg dorthin. Wer denkt, er lebe in einem gescheiterten Staat, sei eine Reise in tatsächliche Krisengebiete empfohlen, um den Blick für die eigene zumeist unfassbar privilegierte Perspektive aufzuklaren.

Schon ein Blick auf den Fragile States Index zeigt, wie weit Ruhs’ Begrifflichkeit von einer belastbaren Einordnung entfernt ist. Der Index des Fund for Peace bewertet Staaten nach zwölf Indikatoren, darunter Sicherheitsapparat, gesellschaftliche Spannungen, wirtschaftlicher Niedergang, staatliche Legitimität, öffentliche Dienstleistungen, Menschenrechte und externe Intervention. Deutschland liegt dort nicht in einer Krisenkategorie, sondern am oberen Ende im Bereich stabiler Staaten.

Auch dieser Index ist lediglich ein Instrument, ebenfalls nicht perfekt, aber deutlich belastbarer als eine einzelne Zahl aus der Wanderungsstatistik. Und der Index macht deutlich: Wer Deutschland wegen Migrations- und Standortproblemen als „gescheiterten Staat“ beschreibt, verwendet keinen präzisen Analysebegriff, sondern einen politischen Kampfbegriff. Genau an dieser Stelle kippen Beschreibungen von realen Problemen und Schwächen in eine überdrehte Untergangsdiagnose. Und genau an dieser Stelle wird es richtig problematisch, denn dies ist ein Eingang ins „Rabbit Hole“, in dem sich nicht wenige Menschen dann verlieren.

Das NGO-Narrativ: vom Staat zur Schattenmacht

Denn die Ausführungen zur Abwanderung stehen nicht allein. Sie passen zu einem größeren Muster, das Ruhs in ihren Beiträgen, ihrem Buch und ihrer öffentlichen Positionierung bedient – und die in rechtskonservativen und rechtsradikalen Milieus gebetsmühlenartig wiederholt werden; Lautstärke und Redundanz sollen dabei offenkundig fehlende Belege ersetzen. Die Kernthesen, nun wieder von Ruhs: Deutschland werde von einer „links-grünen Meinungsmacht“ geprägt, abweichende Stimmen würden delegitimiert, öffentlich-rechtliche Medien seien einseitig, NGOs wirkten als politische Akteure mit besonderem Einfluss.

NGOs verfolgen politische Ziele, betreiben Kampagnen, erhalten Fördermittel, setzen Themen und versuchen, öffentlichen Druck zu erzeugen. Das gehört zur pluralistischen Demokratie und ist erst einmal überhaupt nichts Ungewöhnliches. Und wer Themen setzt und Meinungen vertritt, muss auch mit Kritik leben.

Problematisch wird es an dem Punkt, an dem Kritik an NGOs zu einem pauschalen Deutungsmuster gemacht wird: NGOs erscheinen dann nicht mehr als zivilgesellschaftliche Akteure unter vielen, sondern als Teil eines gesteuerten politisch-medialen Komplexes, der Migration fördert, Kritik unterdrückt und öffentliche Meinung manipuliert. In dieser Logik werden Medien, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Aktivisten, Parteien und NGOs zu einem einzigen Block verschmolzen: „links-grün“.

Das rechte Märchen über "NGOs"

Dieses Muster ist anschlussfähig an rechte Erzählungen über eine angebliche Migrationsindustrie oder eine politisch gesteuerte Zivilgesellschaft. Ruhs muss solche Begriffe nicht selbst exakt so verwenden, damit die Funktion sichtbar wird: Komplexe politische Aushandlung wird auf ein Lager reduziert, das angeblich Macht ausübt und Widerspruch moralisch erstickt. Ex-BILD-Chefredakteur Julian Reichelt und sein rechtsradikales Krawallmedium können von dieser Verschwörungslegende gar nicht genug bekommen und senden diese seit Wochen hoch und runter.

Auch der Streit um Ruhs’ ARD-Format „Klar“ hat dieses Muster bereits gezeigt. Eine NGO kritisierte die Sendung wegen migrationsfeindlicher Narrative; konservative und rechte Medien machten daraus den Beleg für eine Kampagne gegen unliebsame Stimmen. Aus Kritik an journalistischen Standards wurde so eine Geschichte über Unterdrückung konservativer Perspektiven. Jede NGO-Kritik wird dann zum vermeintlichen Beweis, dass vermeintlich mächtige Netzwerke unliebsame Debatten verhindern wollen.

Dieses Muster zeigt sich auch in einer weiteren BILD-Kolumne von Ruhs. Darin geht es um angeblich verfeuertes Steuergeld, gut bezahlte Posten, eine Social-Media-Stelle im Bundestag, das Sondervermögen und das Programm „Demokratie leben!“. Ruhs bastelt daraus kurzerhand eine größere politische Klammer: Der Staat werde „fetter“, der Bürger ärmer, Demokratieprogramme seien politisches Beiwerk, Geld fließe in eher linkslastige Projekte. Zivilgesellschaftliche Demokratieförderung erscheint nicht als legitimer Teil demokratischer Infrastruktur, sondern als ideologische Ausgabenmaschine eines linken Milieus auf Kosten der Fleißigen: hier die Steuerzahler, dort die politische Klasse, die Bürokratie und die geförderte Zivilgesellschaft.

Revolutionsraunen statt historischer Einordnung

Besonders problematisch ist dabei Ruhs’ historischer Schluss. Sie verweist auf die Französische Revolution und die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung, ohne „zu dick auftragen zu wollen“, rückt aber dennoch heutige Steuer- und Haushaltskritik in eine vorrevolutionäre Umgebung.

Die Französische Revolution war nicht bloß ein Aufstand fleißiger Steuerzahler gegen verschwenderische Eliten. Sie richtete sich gegen das Ancien Régime: gegen absolutistische Monarchie, ständische Privilegien, Steuerungleichheit, fehlende politische Repräsentation und eine Herrschaftsordnung, in der Rechte nicht aus gleicher Staatsbürgerschaft, sondern aus Stand, Herkunft und königlicher Gewalt abgeleitet wurden.

Die Finanzkrise der Monarchie war ein zentraler Auslöser. Aber sie war deshalb explosiv, weil das absolutistische System Reformen blockierte und die privilegierten Stände ihre Sonderrechte verteidigten. Wer daraus eine Parabel über heutige Haushaltsprogramme, NGOs und angeblich verfeuertes Steuergeld macht, historisiert nicht, sondern raunt.

Auch die Amerikanische Revolution war mehr als ein Steuerstreit. Der Konflikt entzündete sich an Abgaben und Handelsgesetzen, zielte aber auf Selbstregierung, politische Repräsentation und die Zustimmung der Regierten. „No taxation without representation“ war kein Sparprogramm, sondern verfassungspolitischer Anspruch gegen imperiale Herrschaft.

Ruhs nutzt Revolutionen damit als Warnkulisse. Der Eindruck: Wenn Bürger heute Steuern zahlen, während der Staat Demokratieprogramme, politische Bildung oder angeblich linke Projekte finanziert, nähere sich Deutschland vorrevolutionären Zuständen. Das ist historisch schief. Die Bundesrepublik ist kein absolutistisches System, NGOs sind keine privilegierten Stände, und demokratisch beschlossene Förderprogramme sind nicht mit der Herrschaftsordnung des Ancien Régime vergleichbar.

Förderung ist nicht nur dann legitim, wenn sie aus dem eigenen Milieu kommt

Ruhs’ NGO- und Förderkritik bekommt eine zusätzliche Schieflage, wenn man ihren eigenen Werdegang betrachtet, in dem politisch geprägte und staatlich mitfinanzierte Bildungs-, Nachwuchs- und Auszeichnungsstrukturen durchaus eine Rolle spielten. In ihren öffentlichen Berufsprofilen (LinkedIn, Xing) führt Ruhs die Journalistische Nachwuchsförderung JONA der Konrad-Adenauer-Stiftung auf. Die KAS beschreibt JONA als journalistisches Stipendium mit Seminaren und finanzieller Förderung. Ihre Masterarbeit über Russlands Desinformationspolitik wurde zudem mit dem 1. Preis des DialogForums Sicherheitspolitik ausgezeichnet und später zusätzlich mit dem Sonderpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten beziehungsweise der Bayerischen Staatsregierung prämiert.

Das ist für sich genommen völlig legitim. Politische Stiftungen, Begabtenförderung, Nachwuchspreise, Seminare, Fachmedien und Netzwerke gehören zur demokratischen Öffentlichkeit. Genau deshalb ist Ruhs’ Argumentation so schwach. Der Punkt ist nicht, dass Ruhs solche Förderung nicht hätte annehmen dürfen. Der Punkt ist, dass ihr eigener Werdegang zeigt, wie normal politisch geprägte Förderung in Deutschland ist; auch und insbesondere im konservativen und sicherheitspolitischen Milieu. Wer diese Strukturen auf der einen Seite als demokratische Infrastruktur nutzt und auf der anderen Seite als ideologische Verschwendung rahmt, muss genauer begründen, worin der Unterschied liegen soll.

Kritik ja, Herabsetzung nein

Insbesondere weil Ruhs’ Beiträge kritikwürdig sind, braucht es präzise Kritik. Ein Beispiel dafür, wie es nicht geht, lieferte die Kontext-Wochenzeitung mit einer Kolumne unter der Überschrift „Deutschlands dümmste Journalistin“. Der Autor Cornelius W. M. Oettle arbeitet unter anderem als freier Autor der ZDF-Kabarettsendung „Die Anstalt“.

Das ist deshalb relevant, weil „Die Anstalt“ immer wieder selbst mit einem ähnlichen Muster arbeitet: politisch richtige oder zumindest diskutierbare Anliegen werden in grobe Freund-Feind-Schemata, moralische Eindeutigkeiten und satirisch überhöhte Gewissheiten gepresst. Das kann aufklärerisch gemeint sein, kippt aber nicht selten in plumpen Populismus. Politiker sind doof und gierig! Höhö. Aufklärerisch oder mutig ist an solchen Witzchen ohne Pointe wenig.

Der Kontext-Beitrag enthält absolut berechtigte Kritik an Ruhs’ öffentlicher Selbstinszenierung. Aber Beschimpfungen, Abwertungen oder sogar sexistische Anspielungen sind dafür nicht nötig. Sie sind übrigens nie nötig, sondern immer Mist. Auch wenn sie als Satire, Rollenprosa oder angebliche Spiegelung rechter Frauenbilder markiert werden, verschieben sie die Debatte weg von der Sache und hin zur Herabsetzung. Entscheidend ist aber nicht, ob man Ruhs sympathisch findet. Entscheidend ist, ob ihre Argumente tragen. Genau daran scheitern die hier geprüften Beispiele.

Der Trick: echte Probleme, falsche Klammer

Fazit: Das Erfolgsrezept solcher Beiträge wie von Ruhs liegt darin, reale Zahlen oder auch Probleme mit einer hoffnungslos überdehnten Interpretation zu überladen. Sachliche Fragen werden nicht ergebnisoffen geprüft, sondern in eine fertige Geschichte einsortiert: Leistung geht, Transfer kommt, NGOs reden das schön, Medien schützen das System, der Staat scheitert.

Das ist der Punkt, an dem aus konservativer Kritik populistische Kommunikation wird. Sie arbeitet nicht primär mit Erfindungen, sondern mit einseitiger Auswahl, Auslassung und Zuspitzung. Eine richtige Zahl wird zum Kronzeugen für eine größere Geschichte, die von der Zahl selbst nicht gedeckt ist. Ein konkreter Haushaltsstreit wird zur pauschalen Erzählung vom gefräßigen Staat. Eine Debatte über Demokratieförderung wird zum Generalverdacht gegen zivilgesellschaftliche Akteure. Ein demokratischer und stabiler Staat wird in die Nähe vorrevolutionärer Zustände gerückt.

Das ist keine Aufklärung, hat auch nichts mit mutigem Journalismus oder Lust auf echten Diskurs zu tun. Es sind populistische Methoden, die einen demokratischen Diskurs erschweren, nicht fördern.

Artikelbild: Screenshots bild.de. Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.

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