Alle reden vom unaufhaltsamen Aufstieg der rechtsextremen AfD. Dabei zeigt die neueste Forsa-Umfrage: Linke und Grüne haben seit der Bundestagswahl zusammen MEHR zugelegt als die AfD. Rot-Rot-Grün steht bei 40 Prozent, Union und die Rechtsextremen haben in Summe sogar verloren. Ein Linksruck, den alle verschweigen? Nicht ganz. Aber die Geschichte, die die Umfragen wirklich erzählen, ist noch viel unbequemer - vor allem für Friedrich Merz. Und für alle Medien, die seit Monaten den Aufstieg und die Machtübernahme der AfD als Naturgesetz herbeischreiben. Und es zeigt, dass progressive Politik nicht nur möglich, sondern auch immer noch gewünscht ist.
Sensation! Ein Linksruck, den dir die Medien verschweigen! Laut der aktuellen Forsa-Umfrage vom 21. Juli hat die AfD im Vergleich zum endgültigen Ergebnis der Bundestagswahl 2025 zwar 5,2 Prozentpunkte zugelegt: Von 20,8 auf 26 Prozent. Aber: Die Grünen haben 4,4 Punkte gewonnen (11,6 → 16 Prozent) und Die Linke 3,2 Punkte (8,8 → 12 Prozent). Zusammen sind das plus 7,6 Prozentpunkte. Deutlich mehr als die rechtsextreme AfD.
Und Rot-Rot-Grün insgesamt? Dieser Block und potentielle Regierungskoalition ist von 36,8 auf 40 Prozent gestiegen. Und auf der rechten Seite, Union plus verfassungswidrige AfD zusammen? Haben seit der Wahl zusammen sogar leicht verloren: von 49,3 auf 48 Prozent. Die Union ist von 28,5 auf 22 Prozent abgestürzt.
Der wahre Trend seit der Bundestagswahl wäre also sogar ein Linksruck. Warum spekuliert kein einziger Leitartikel über eine drohende linke Mehrheit? Oxford-Professor Tarik Abou-Chadi sagt auf Bluesky, das Rot-Rot-Grün nur noch wenig zur Mehrheit fehlen. Und: "Solche Verschiebungen sind leicht möglich." Wieso schreibt niemand: „Merz verursacht einen Linksruck"?
Na gut, so einfach ist es auch nicht, ABER:
Ja, wir haben uns eine einzelne Umfrage rausgepickt, die diese (realen!) Trends am deutlichsten abbildet. Wir haben Parteien simpel zu Blöcken zusammengefasst. Und wir haben eine Momentaufnahme, die innerhalb der Fehlertoleranz für Linke und Grüne nach oben ausschlägt, ein wenig zu viel Bedeutung beigemessen. Und dann eine sehr steile Schlagzeile drübergeklatscht, wie wir es ja öfter machen: halb-ironisch, um nicht nur Narrative aufzuzeigen, die im Mainstream untergehen, sondern auch, mit welchen Methoden Stimmung gemacht wird.
Denn genau das ist es, was ein großer Teil des deutschen Politikjournalismus seit anderthalb Jahren mit der rechtsextremen AfD macht. Nur in die andere Richtung. Natürlich sollten wir das nicht überbewerten und anhand einzelner Umfragen, die unser politisches Narrativ stützen, direkt über Regierungsbildungen spekulieren. Das wäre ja so, als würde halb Mediendeutschland wegen einer Handvoll INSA-Umfragen, die von der rechtsradikalen Propaganda-Schleuder NIUS in Auftrag gegeben wurden, schon die AfD-Alleinregierung in Sachsen-Anhalt herschreiben. Ups!
Also: Was sagen die Zahlen wirklich?
Was die Daten wirklich zeigen
Wir arbeiten intern gerade an einem eigenen, gewichteten Umfragetrend über alle Institute hinweg. Der ist methodisch noch in der Reifephase, betrachtet das hier also als Sneak Peek, nicht als fertiges Produkt. Wir hatten zur Bundestagswahl 2025 eine ältere Version davon hier online.
Aber in diesem Trend sieht das Bild so aus (Stand 23. Juli): AfD 27,4 Prozent, CDU/CSU 22,3, Grüne 13,9, SPD 12,3, Linke 11,0. Die Forsa-Umfrage mit Grünen bei 16 und Linken bei 12 Prozent liegt bei beiden Parteien am oberen Ende der Schwankungsbreite - sie ist aktuell eher ein Ausreißer. Forschungsgruppe Wahlen hat R2G auch bei 39 % und bei Allensbach hat die AfD in der letzten Umfrage im Vergleich zum Vormonat 1,5 % verloren, aber sonst sind die Werte aus linker Sicht schlechter.

Rechnet man in politischen Lagern (Links: SPD, Grüne, Linke; Rechts: Union und AfD), passiert seit der Bundestagswahl vor allem eines: Verschiebung innerhalb der Blöcke, nicht zwischen ihnen.
- Rechtes Lager (Union, AfD): 49,3 → 49,7 Prozent. Plus 0,4 Punkte. Aber innerhalb des Lagers eine massive Wanderung weg von der Union: CDU/CSU 28,5 → 22,3; AfD 20,8 → 27,4.
- Linkes Lager (SPD, Grüne, Linke): 36,8 → 37,2 Prozent. Ebenfalls plus 0,4 Punkte. Auch hier Wanderung innerhalb: SPD 16,4 → 12,3; Grüne und Linke zusammen 20,4 → 24,9.
Regierung wird für ihren Rechtsruck abgestraft
Das ist kein Rechtsruck, von dem man den Eindruck haben könnte, wir würden ihn im letzten Jahr erleben. Aber ja, es ist aber auch kein wirklicher Linksruck - es sei denn, man ist der Auffassung, dass die SPD keine echte linke Partei mehr wäre. Es ist ein sehr klassischer Anti-Regierungs-Effekt, aufgesplittet nach Lagern: Die CDU verliert nach rechts an die verfassungswidrige AfD, die SPD verliert nach links an Grüne und Linke. Beide Regierungsparteien werden für dieselbe Politik abgestraft - nur wandern ihre enttäuschten Wähler in unterschiedliche Richtungen. Ironischerweise führt der Rechtsruck der Regierung offenbar dazu, dass linke sowie rechte Wähler abwandern.
Fairerweise gehören zwei Einwände in meiner Darstellung dazu: Erstens ist das rechte Lager weiterhin der größere Block - wobei „Block" hier ebenfalls irreführend ist, weil die Mehrheit der Unionswähler und auch bisher die Partei insgesamt eine Koalition mit der AfD ablehnt, während R2G als Bündnis deutlich realistischer denkbar ist. Zweitens: Dass eine rechtsextreme und nachweisbar verfassungswidrige Partei Zulauf bekommt, ist demokratiepolitisch eine fundamental andere Nachricht, als wenn Grüne und Linke im Aufwind sind. Eine Partei, die in fünf Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist - und deren Bundesverband nur deshalb gerade noch nicht so genannt werden darf, weil noch ein Verfahren läuft, und die von einem umfangreichen Gutachten als nachweislich verfassungswidrig einstuft wird -, steht bei bis zu 28 Prozent. Das ist eine Katastrophe.
Aber - und das kommt auch fast keiner Berichterstattung vor: Die rechtsextreme AfD wächst schon eine ganze Weile nicht mehr. Seit Monaten pendelt sie in unserem Trend um die 26 bis 28 Prozent. Es gab zuletzt sogar mehrere Umfragen mit Bewegung in die andere Richtung, dass es sogar wieder leichte Verluste gab, die allerdings auch nur in der Fehlertoleranz liegen. Die Partei, deren „unaufhaltsamer Aufstieg" seit anderthalb Jahren Schlagzeilen produziert, ist erstmal an eine gläserne Decke gestoßen.
Die AfD ist nie „unaufhaltsam". Das will sie uns glauben lassen
Und das ist wichtig zu wissen, auch wenn es keine Entwarnung ist und man sich hier nichts schönreden soll: Aber das Narrativ vom unaufhaltsamen Aufstieg ist nicht nur schlampiger Journalismus. Es ist auch Kern faschistischer Kommunikationsstrategie, historisch wie aktuell: Die eigene Machtübernahme als unabwendbar darzustellen, wie ein Naturgesetz, wie eine Welle, gegen die Widerstand zwecklos ist. Wer glaubt, dass etwas sowieso kommt, hört auf, sich zu wehren. Demobilisierung der Gegner, Bandwagon-Effekt bei den Unentschlossenen - das ist der Sinn dieser Erzählung. Und auch bei den AfD-Gegnern glauben zu viele daran.
Jede Meldung, die einen 1-Punkt-Ausreißer in einer Umfrage zum sicher geglaubten Sieg der verfassungswidrigen AfD aufbläst, arbeitet dieser Strategie zu. Ich habe oben vorgeführt, wie leicht sich aus einer Umfrage das exakte Gegenteil erzählen lässt - ein „geheimer Linksruck". Ja, DAS ist etwas übertrieben. Zumindest jetzt. Aber eine andere mindestens ebenso unseriöse Erzählung läuft seit Monaten in Dauerschleife. Und sie nützt der gefährlichsten Partei am meisten.
Was die Zahlen tatsächlich belegen: Merz' Politik ist jetzt bereits krachend gescheitert
Die eigentliche Nachricht dieser Umfragen ist nämlich eine andere, und sie ist für die Bundesregierung verheerend: Friedrich Merz ist mit dem Versprechen angetreten, die AfD zu halbieren. Seine Strategie dabei: rechte Themen übernehmen, rechte Rhetorik und Feindbilder übernehmen, migrationsfeindliche Politik machen - dann kämen die Wähler schon zurück. Das Ergebnis nach über einem Jahr an der Regierung: Die CDU hat über 6 Punkte verloren, die rechtsextreme AfD über 6 Punkte gewonnen. Die Abstimmung vor der Bundestagswahl mit der AfD hat die Partei gestärkt, der CDU Stimmen gekostet und sogar die Linke wiederbelebt - das zeigen auch Studien.
Und das ist auch keine Überraschung, sondern exakt das, was die Forschung vorhergesagt hat. Das ist Konsens der vergleichenden Parteienforschung, die in der derzeitigen Spitzenpolitik leider gerade stur ignoriert wird.
Eine Studie von Krause, Cohen und Abou-Chadi, die Wahldaten und Wählerwanderungen über Jahrzehnte und Länder hinweg ausgewertet hat, findet keinerlei Beleg dafür, dass die Übernahme rechtsradikaler Positionen den Rechtsradikalen schadet. Im Gegenteil, so die Autoren wörtlich: Wenn überhaupt, führen solche Anbiederungsstrategien dazu, dass mehr Wähler zu den Rechtsradikalen überlaufen. Eine weitere Untersuchung zeigt, wie etablierte Parteien die extreme Rechte durch Übernahme ihrer Themen und Rhetorik legitimieren und normalisieren. Und eine dritte Studie belegt kausal, dass konservative Parteien nach rechtsradikalen Wahlerfolgen ihre Positionen nach rechts verschieben - sie tun also verlässlich genau das Falsche, immer wieder.
Wer das Original wählen kann, wählt nicht die Kopie. Merz hat die Themen der AfD zur Chefsache gemacht, ihre Sprache in das Kanzleramt getragen und ihre Ziele ("Abschiebeoffensive") zur Regierungslinie erklärt. Der Zuwachs der AfD ist nicht trotz der Merz-Regierung da. Sondern wegen. Die Kehrseite der Medaille sind auch die historisch niedrigen Zustimmungswerte von Merz, die wir in unserem gewichteten Umfragetrend mal geplottet haben:


Jetzt ist die Chance für progressive Politik?
Nein, es gibt keinen geheimen Linksruck, aber er ist näher an der Realität, als viele glauben können. Er ist zum Greifen nah, wenn man sich überhaupt dessen bewusst werden würde. Abou-Chadi warnt davor, das zu vergessen:
"Grüne und Linke haben seit der Bundestagswahl zusammen so viel zugelegt wie die AfD. Es dreht sich aber alles um die AfD. Als wäre eh schon sicher, dass sie 2029 regiert. Das Narrativ des „Rechtsrucks“ suggeriert man müsse sich anpassen und könne gar nicht aktiv progressive Politik gestalten." [sic]
Progressive Politik ist aber weiterhin möglich. Und sie ist vielleicht sogar möglicher, als noch zur Bundestagswahl. Die Forsa-Umfrage ist ein Ausreißer, und wir haben sie oben ganz bewusst so instrumentalisiert, wie manche andere täglich Umfragen instrumentalisieren, um zu zeigen, wie das geht. Was es aber wirklich gibt: eine leichte Chance auf einen Trend nach links, eine AfD an der gläsernen Decke, eine implodierende Kanzlerpartei – und ein Mediensystem, das zu oft aus alldem seit Monaten die immergleiche Geschichte vom unaufhaltsamen Rechtsruck destilliert.
Diese Geschichte ist so nicht richtig. Und sie ist gefährlich, weil sie das Drehbuch der AfD ist. 27 Prozent für Rechtsextreme sind ein schrillendes Alarmsignal - aber sie sind nicht unsere unausweichliche Zukunft. Sie sind das messbare Ergebnis einer gescheiterten Strategie dieser Regierung (und ehrlich gesagt auch schon der Ampel seit 2023). Und was eine Strategie anrichtet, kann eine andere Strategie korrigieren. Nichts an diesen Zahlen ist unaufhaltsam. Am wenigsten die AfD.
Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.










