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Diese drei Deutschen erklären jeden Anstieg in der Mord-Statistik – Deep Dive

von  | Analyse | 6. Juli 2026 |  26 min

Content Note: In diesem Artikel werden Morde und konkrete Mordserien behandelt

Es gibt eine Statistik, die in diesem Land regelmäßig dazu benutzt wird, euch Angst zu machen. Dafür war sie aber nie gedacht. Sie heißt Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS. Sie wird jedes Jahr im Frühjahr vom Bundeskriminalamt vorgestellt. Und sie ist die Grundlage für viele der Schlagzeilen, die euch ein gefährlicheres Land suggerieren sollen. Dabei wird Deutschland seit Jahren immer sicherer: Die Straftaten gehen kontinuierlich zurück, während die Zahl der hier lebenden Ausländer steigt.

Die Zahl der Ausländer stieg seit 2005 um mehr als 70 Prozent, die Kriminalitätsrate ging im gleichen Zeitraum aber um rund 14 Prozent zurück. Dazu aber später mehr. Die PKS ist die Zahlenbasis, auf der die AfD seit zehn Jahren ihren Diskurs aufbaut, auf der NIUS, BILD und alle anderen ihre Migrationserzählungen drehen und mittlerweile sogar alle anderen Parteien ihre Politik begründen. Natürlich manipulieren, verzerren und instrumentalisieren Rechtsextreme vieles. Aber die Zahlen aus der PKS, offizielle Zahlen des BKA, damit kann man vermeintlich mit harten Zahlen debattieren.

Die PKS ist in entscheidenden Punkten so verzerrt, so unzuverlässig und so nutzlos, dass ich ehrlich nicht weiß, wo ich überhaupt anfangen soll. Die Zahlen, auf die Rechtsextreme, aber auch der Rest in Politik und Medien oft so blind vertrauen, zeigen wirklich nicht das, was viele denken, das sie tun. Deshalb will ich euch heute mal mitnehmen in einen deep dive.

Niels, David und Johannes.

In den letzten Wochen habe ich mich tief in die Mordstatistik eingegraben. Ich habe extra exemplarisch die Mordzahlen genommen, weil das für viele eine der "schlimmsten" Straftaten ist und sie viel zitiert wird. Aber viele der Dinge sind auch für viele andere Straftaten relevant. Ich habe alle Zahlen, die das BKA für die letzten zwanzig Jahre veröffentlicht hat, durchwühlt. Ich habe beim Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern nachgefragt. Teils 400-seitige PKS-Jahrbücher gewälzt. Und am Ende dieser Recherche habe ich so ein paar Dinge herausgefunden, die ich noch nirgendwo sonst gelesen habe. Und die für immer verändern werden, wie du auf die PKS schauen wirst.

Ich habe festgestellt, dass praktisch jeder größere Anstieg in der deutschen Mordstatistik der letzten zwanzig Jahre zu größten Teilen auf nur drei deutsche Männer zurückgeht. Drei „Massenmörder“ mit Vornamen wie Niels, David und Johannes.

Außerdem habe ich bei der Recherche einen gravierenden Fehler des BKA entdeckt, der mich umgehauen hat. Es geht um den schwersten antisemitischen Anschlag der Bundesrepublik seit Jahren, den Terroranschlag von Halle. Und das BKA hat ihn schlicht vergessen.

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Aber jetzt zurück zur PKS!

So instrumentalisieren Rechtsextreme die Morde in der PKS

Ich muss euch nicht erzählen, wie die rechte Propaganda bei Straftaten und Migration aussieht. Sie ist leider inzwischen Mainstream geworden. Aber schauen wir trotzdem ein wenig konkreter rein, wie die große Lüge der Rechtsextremen aussieht:

Am 20. April 2026, dem Tag der Veröffentlichung der PKS für das Berichtsjahr 2025, schreibt Martin Hess, AfD-Bundestagsabgeordneter und Pressesprecher der Fraktion für innere Sicherheit, in einer Pressemitteilung:

„Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Bereich der Gewaltkriminalität: Mord und Totschlag nahmen 2025 um 6,5 Prozent zu. [...] Besonders ins Gewicht fallen junge Männer, die seit 2015 infolge der bis heute nicht korrigierten migrationspolitischen Fehlentscheidung von Angela Merkel in großer Zahl ins Land kommen. Die Konsequenz ist offensichtlich: Die weiterhin völlig verfehlte Migrationspolitik dieser Regierung verschlechtert die Sicherheitslage massiv."

Was die AfD dich glauben lassen will: Morde steigen, weil Migranten in diesem Land sind. Das ist gelogen.

Am selben Tag titelt die rechte Fake-Schleuder NIUS: „Neue Kriminalstatistik 2025: Mehr Morde und Vergewaltigungen – Syrer und Afghanen fast 10 Mal so oft tatverdächtig wie Deutsche." Die Junge Freiheit am Tag danach: „So hoch ist der Ausländeranteil bei besonders schweren Verbrechen." Die AfD-Fraktion in Nordrhein-Westfalen schreibt in ihrer Pressemitteilung, Kriminalität stehe „nachweislich in starker Korrelation zu weiterhin offenen Grenzen sowie ausbleibenden Rückführungen ausländischer Straftäter, die sich weiterhin in unserem Land aufhalten und schwerste Straftaten bis hin zu Mord und Terroranschlägen begehen".

Eine Auswahl von rechter Presse über die PKS aus unserem Video

Sie sprechen alle über Morde, Anstiege und einen Zusammenhang mit Migration.

Sie alle belügen dich. Alles daran ist falsch. Mehr Ausländer erhöhen die Krimianalitätsrate nicht, wie auch Studien zeigen. Aber die Zahl der "Morde" wäre 2025 sogar GESUNKEN. Wenn es nicht einen gewissen Deutschen namens Johannes gegeben hätte. Und du fragst dich sicher, warum ich "Morde" in Anführungszeichen gesetzt habe. Ja, viele von diesen "Morden" aus der Statistik sind keine vollendeten Morde. Es gibt viele Fälle von Tatverdächtigen, die in der Mord-Statistik auftauchen, die nie jemanden umgebracht haben. Sogar einer der drei "Massenmörder", wie ich sie eingangs genannt habe, hat (zum Glück) niemanden getötet! Das mag extrem verwirrend sein, aber das ist ein bisschen das, was ich dir gerade erklären will.

Aber fangen wir von vorne an und schauen uns an, was die PKS überhaupt ist und was sie nicht ist.

Die PKS ist im Kern ein Tätigkeitsbericht der Polizei. Das meine ich nicht abwertend, das ist die eigene Darstellung des BKA, der Polizei. In der PKS landet alles, was der Polizei bekannt wird. Was nicht angezeigt wird oder unentdeckt bleibt, taucht in der PKS nicht auf. Das nennt die Kriminologie das Dunkelfeld, und es ist je nach Deliktart die deutliche Mehrheit aller tatsächlichen Taten. Und auch ein Faktor, der zu Verzerrung führt, aber das nur am Rande. Und in der PKS ist nicht mal alles an Straftaten drin – Verkehrsdelikte sind nicht drin, Staatsschutzdelikte auch nicht und auch nicht alles das, was direkt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurde, und noch ein paar Sachen mehr.

Noch wichtiger: Die PKS erfasst Tatverdächtige, keine Verurteilten. Das sind Menschen, gegen die ein Anfangsverdacht besteht. Ein erheblicher Teil aller Ermittlungen endet später mit einer Einstellung, einem Freispruch oder mit einer Verurteilung von weniger oder anderen Fällen, als anfänglich ermittelt wurden. Und auch wenn etwas später in einer Verurteilung landet, kann es auch wegen etwas weniger Gravierendem sein, als was der Beamte als Verdacht ermittelt hat. Das ist das längst bekannte Phänomen der „Überbewertung“ der Polizei.

Überbewertung

Diese nimmt Straftaten regelmäßig schlimmer auf, als sie am Ende abgeurteilt werden. „Beispielsweise bleiben von Delikten, die von der Polizei noch als „versuchter Mord“ erfasst wurden, vor Gericht häufig nur „Gefährliche Körperverletzungen“ übrig“, schreibt der Journalist Tobias Wilke, der das Thema bereits öfter für Volksverpetzer behandelt hat. Ein Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung wird von der Polizei oft zum Beispiel als Tötungsdelikt erfasst.

Screenshot Tobias Wilke

Im BKA-Lagebild (Noch mal eine extra BKA-Statistik) steht (fast schon versehentlich) der Hinweis, dass diese „Überbewertung“ bei „Zuwanderern“ wohl massiv der Fall ist. "Zuwanderer" ist auch ein irreführender BKA-Begriff, aber das ignorieren wir heute. Bei „Zuwanderern“ lag die Quote „vollendeter“ Tötungsdelikte zum Beispiel 2024 (neueste Zahlen, die wir haben) bei nur 18,5%. Insgesamt war sie in der PKS aber mehr als doppelt so hoch: 41,8%.

Screenshot BKA

Wer aus der PKS herauslesen will, wie viele Ausländer in Deutschland Straftaten begangen haben, liest schlicht etwas in die Statistik hinein, was nicht drinsteht. Da steht drin, wie viele Ausländer von der Polizei verdächtigt wurden.

Paragraph § 211 - Mord

Heute schauen wir uns aber nicht alle Delikte an. Heute schauen wir uns nur Mord an. Speziell Delikte im Paragraphen § 211. Aus einem einfachen Grund. Mord ist die schwerste Straftat, die das deutsche Strafgesetzbuch kennt. Mord ist das, was die rechte Erzählung am stärksten emotional auflädt. Und genau hier wird besonders deutlich, wie verzerrt diese Statistik in Wirklichkeit ist. Also kein Totschlag usw. Nur § 211. Das Recht unterscheidet zwischen Mord und Totschlag - beides sind vorsätzliche Tötungen,

Bei einem Mord liegt zusätzlich mindestens ein qualifizierendes Mordmerkmal vor: Entweder ein besonderes Motiv: Mordlust, Habgier, die Befriedigung des Geschlechtstrieb oder sonstige niedrige Beweggründe; oder die Art und Weise der Tötung: Heimtückisch, Grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln (zum Beispiel eine Bombe) oder der Zweck der Tötung: Eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken. Erfüllt eine vorsätzliche Tötung keines dieser Merkmale ist es ein Totschlag.

Damit das funktioniert, müsst ihr ein paar Eigenheiten dieser Statistik verstehen. Wie es dazu kommt, dass Taten darin vorkommen, wo niemand gestorben ist oder wie man Opfer einer vollendeten Tat werden kann, ohne zu sterben.

Versuchter Mord

Erstens: Die Mord-Fallzahlen umfassen auch versuchten Mord. Wenn ihr lest „2025 wurden in Deutschland 784 Mordfälle erfasst", dann sind das nicht 784 ermordete Menschen. Das ist die Summe aus vollendeten Morden und Mordversuchen, und der Versuchsanteil ist sehr hoch - 2025 waren es 498 von 784, fast zwei Drittel Versuche. Das ist genauso schlimm, aber es ist eben nicht dasselbe und muss man bedenken.

Zweitens: Wir schauen uns Mordfälle an. Nicht Mordopfer. Das wird vom BKA akribisch unterschieden, das sind zwei völlig unterschiedliche Zahlen. Die sind teils sogar stark unterschiedlich. Ein Beispiel. Der Germanwings-Absturz von 2015 floss in die Statistik von 2016 ein. Andreas Lubitz, der Co-Pilot, hatte das Flugzeug 2015 absichtlich gegen einen Berg geflogen, um sich umzubringen, und hat 149 andere Menschen mit in den Tod gerissen. Das waren 149 Mordopfer in der Statistik des Jahres 2016, aber nur EINE Tat. Die nur als eine Tat in die Statistik einging. Trotz der hohen Opferzahlen war er in der Fallstatistik gleichwertig mit einem einzelnen Mordversuch.

Nicht jedes Mordopfer ist auch tot

Drittens: Auch bei einem vollendeten Mord muss nicht zwingend jedes Opfer gestorben sein. Ein vollendeter Mord setzt zwar voraus, dass mindestens eine Person gestorben ist. Aber wenn bei derselben Tat weitere Menschen angegriffen wurden, die überlebt haben, dann werden diese überlebenden Menschen in der Opferstatistik ebenfalls unter "Mord vollendet" mitgezählt. Das wird unsere Erkenntnis nachher nicht direkt beeinflussen, weil wir uns auf die Fallzahlen konzentrieren, wird aber noch relevant werden.

Und viertens, und das wird gleich richtig wichtig: Die PKS ist eine sogenannte Ausgangsstatistik. Ein Fall taucht nicht zum Zeitpunkt der Tat in der Statistik auf, sondern dann, wenn die Polizei ihre Ermittlungen abschließt und den Vorgang an die Staatsanwaltschaft abgibt. Das kann Monate dauern. Es kann Jahre dauern. Es kann ein ganzes Jahrzehnt dauern. Oder – Spoiler – nie. Das Germanwings-Beispiel von eben wurde für das Jahr 2016 gezählt, obwohl es 2015 passierte. Aber wir haben noch ein deutlicheres Beispiel:

Die größte Mordserie der deutschen Geschichte

Der Krankenpfleger Niels Högel, der die größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte begangen hat, hat seine Patienten in den späten 1990ern und frühen 2000ern getötet. Aber 159 seiner Taten landeten nicht in der PKS der Jahre, in denen die Menschen tatsächlich starben. Sie wurden über zwei Berichtsjahre in die PKS eingetragen, erst 2016 (Anmerkung Seite 33) und 2017 (Anmerkung Seite 68), also fünfzehn Jahre später. Weil erst zu diesem Zeitpunkt die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen waren.

Heißt: Wenn ihr Jahreszahlen aus der Mordstatistik vergleicht, vergleicht ihr nicht die Tatzeitpunkte. Ihr vergleicht die polizeilichen Abschluss-Zeitpunkte. Und damit habe ich euch den ersten deutschen Massenmörder in der Statistik verraten, und warum er die Zahlen so beeinflusst. Schauen wir aber kurz mal in die Übersicht:

Grafik Volksverpetzer Daten PKS, BKA

Hier ist die deutsche Mordstatistik der letzten zwanzig Jahre, in erfassten Fällen nach § 211 Strafgesetzbuch. Morde, und Mordversuche. Über zwei Jahrzehnte pendelt die Kurve zwischen rund 630 und 800 Fällen pro Jahr. Eigentlich stabil, Tendenz sinkend –- bis auf die verdächtigen Ausreißer zwischen 2016 und 2018. Bei gleichzeitig wachsender Bevölkerung pro Kopf ist das aber auch damit sogar leicht rückläufig, aber dazu später noch.

So verzerrt ein Serienmörder die Statistik

Aber du kannst es dir denken: Genau diese Peaks sind nicht das, was die AfD und andere dir glauben lassen wollen. Denn schauen wir uns die Fälle des Krankenpflegers Högel an. Der ehemalige Krankenpfleger aus dem niedersächsischen Delmenhorst hatte viele Intensivpatienten über Jahre getötet. Das Landgericht Oldenburg hat ihn 2019 zu lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Und markieren wir mal in der Statistik die Menge und den Zeitpunkt, als die Fälle von 1999 bis 2005 eingingen:

Grafik Volksverpetzer Daten PKS, BKA

Der Großteil des Anstiegs der Zahlen von 2016 und 2017 ging allein auf diesen Abschluss der Ermittlungen zurück. Das war kein so großer Anstieg in diesen Jahren, das war vor allem eine seltsame Eigenheit dieser Statistik. Und noch eine Diskrepanz: Ihm wurden am Ende 2019 85 Morde rechtskräftig bewiesen. 159 Fälle gingen in die Statistik in den Jahren 2016 und 2017 ein, für Taten zwischen 1999 und 2005. Aber Rechtsextreme haben das natürlich lieber Schutzsuchenden in die Schuhe geschoben, die zufällig genau in den Jahren zuvor kamen.

2018: Wieder ein Deutscher Täter

Aber schauen wir uns den nächsten, größten Balken an: 2018. Eine Rekordzahl. Und die AfD hat das natürlich auch ausgeschlachtet. Beatrix von Storch, AfD-Bundestagsabgeordnete, setzt am 2. April 2019, dem Tag der PKS-Vorstellung, diesen Tweet ab, in dem sie – fälschlicherweise – von 500 Morden durch Zuwanderern spricht "Und @der_Seehofer so: 'Deutschland ist sicherer geworden'." [sic] Sie spottete, dass es Hohn sei, dass 2018 das bis dato sicherste Jahr, gemessen an allen Straftaten, seit der Wiedervereinigung war. Seitdem gab es übrigens noch einige Jahre mehr, die noch weniger Straftaten hatten, einschließlich 2025. Aber das nur am Rande.

Ein Blick in eine wichtige Fußnote der damaligen PKS zeigt aber, dass in diesem Jahr die Mordstatistik auch nur durch einen einzigen Tatverdächtigen in die Höhe getrieben wurde:

BKA

„Darin enthalten sind 105 Fälle von versuchten Mordes aus Bayern (Ein männlicher TV überredete in Internetsitzungen von Bayern aus junge Mädchen und Frauen unter Vorspiegelung eines Job-Angebots über Internet-Kleinanzeigen zu potenziell tödlichen Selbstversuchen)."

Es handelt sich um David G. aus Würzburg, der sich seit 2013 im Internet als Mediziner ausgegeben hat, der angeblich für die Universität Studien zur Wirkung von Stromschlägen in der Schmerztherapie durchführe. Er überredete seine weiblichen und teils minderjährigen Opfer, sich lebensbedrohliche Stromschläge zu versetzen. Das Landgericht München II hat ihn 2020 zu elf Jahren Haft wegen versuchten Mordes in 13 Fällen verurteilt. Das heißt das alles, geht nur auf diesen einen Mann zurück:

Grafik Volksverpetzer Daten PKS, BKA

2025 hätte es ohne einen Mann einen Rückgang gegeben

Damit schrumpft die Statistik tatsächlich weg von dem Rekordwert. Auch hier ist es nur ein Täter und die Fälle sind nicht aus dem Jahr 2018, verzerren die Statistik aber. Zum Glück ist keines seiner Opfer gestorben, aber damit haben wir hier 105 Fälle in einem Jahr, aber keine Toten. Macht die Tat nicht weniger verwerflich, aber das ist auch entscheidend, um die Statistik besser zu verstehen. Denn das sind die Zahlen, die die AfD zu "Morden von illegalen Migranten" macht.

Und auch 2025 war es wieder ein deutscher Tatverdächtiger, der alleine dafür sorgte, dass es einen Anstieg in der Fallstatistik bei den Morden gab:

Grafik Volksverpetzer Daten PKS, BKA

79 dieser 784 Fälle gehen auf einen einzigen Tatverdächtigen zurück. Eine mögliche Mordserie eines ehemaligen Palliativmediziners in Berlin, der schwerkranke Patienten getötet haben soll. Ein deutscher Arzt mit dem Vornamen Johannes. Ohne diesen hätte es auch 2025 wieder einen Rückgang dieser Straftaten gegeben. Der Prozess gegen ihn läuft noch, er ist noch nicht verurteilt.

Drei deutsche Männer, Niels, David und Johannes machen allein einen Großteil einiger der vermeintlich größten Anstiege in der Statistik der letzten Jahre aus. Und die meisten dieser Taten wurden nicht mal in den Jahren verübt, in der sie in der Statistik gelandet sind. Aber diese Anstiege wurden natürlich aus dem Kontext gerissen und rassistisch instrumentalisiert.

Haben die Anschläge die Statistik verzerrt?

Bei der Recherche ist mir irgendwann eine Frage gekommen, der ich nachgehen musste. Wenn die PKS so empfindlich für Einzelfälle ist, was ist dann eigentlich mit den großen terroristischen Anschlägen der letzten Jahre? Dazu habe ich auch einfach das BKA direkt befragt. Und ein paar erstaunliche Dinge herausgefunden. Vorab: Anschläge wie die vom Breitscheidplatz 2016 oder die Amokfahrt von Magdeburg 2024 sind trotz vieler Todesopfer anscheinend jeweils nur als ein Fall in die Statistik eingegangen. Der rechtsextreme Anschlag von Hanau ist etwas deutlicher eingegangen.

Das hessische Landeskriminalamt hat uns geschrieben, dass der Anschlag von Hanau mit insgesamt 15 Fällen unter § 211 StGB in die hessische und damit in die Bundes-PKS eingetragen wurde. Zehn vollendete Morde, fünf Mordversuche. Aufgeschlüsselt nach Tatörtlichkeiten: neun Fälle mit der Örtlichkeit Bar, drei mit der Örtlichkeit Kiosk, je einer auf dem Gehweg, im PKW und im Einfamilienhaus.

Grafik Volksverpetzer Daten PKS, BKA

Tathandlungen, nicht Opfer

Hier auch erwähnenswert: In Hanau starben mehr Menschen als bei dem Würzburger Arzt, aber in der Statistik sieht das viel "harmloser" aus, als es ist. Und ich will hier wirklich nicht Menschenleben gegenainander aufrechnung, hier geht es nur um den Versuch einer sachlichen Einordnung. Warum hat Hanau aber viel mehr Fälle als Magdeburg?

Die PKS zählt Tathandlungen, nicht Opfer. Ein Schuss auf eine Person ist ein Fall. Eine Fahrt mit einem Auto ist ein Fall. Ja, das ist emotional nicht gleichwertig, aber so landet das in der PKS. Und ich kritisiere das nicht, das macht aus Ermittlungssicht durchaus Sinn. Diese Statistik ist auch nicht dazu da, um die Entwicklung der Morde, egal ob von Deutschen oder Nicht-Deutschen verübt, zu dokumentieren, sondern die Arbeit der Polizei.

Wenn ihr das zusammensetzt, wird die Statistik regelrecht grotesk. Ein einzelner Würzburger produziert mehr Fälle als der schwerste rechtsterroristische Anschlag dieses Jahrzehnts. Eine Mordstatistik, die wirklich gefährliche Geschehnisse so unterschiedlich abbildet, taugt nicht als Maßstab für die Sicherheit eines Landes. Und jetzt kommen wir zu einem ganz besonderen Fall. Denn ich habe mich gefragt, wann der rechtsterroristische Anschlag von Halle in die Statistik eingeflossen ist und mit wie viel Fällen.

Das BKA hat Halle in der PKS vergessen

Wenn Hanau mit 15 Fällen drin ist, dann muss Halle in irgendeiner Größenordnung auch sichtbar sein. Ein deutscher Rechtsextremist, hat am 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag, versucht, ein Massaker in der Synagoge zu verüben. Das Oberlandesgericht Naumburg hat ihn am 21. Dezember 2020 rechtskräftig wegen zweier Morde und 68 Mordversuche zu lebenslanger Haft mit Sicherungsverwahrung verurteilt. Wenn die hessische PKS für Hanau 15 Fälle erfasst, müsste Halle in einer ähnlichen oder höheren Größenordnung in der PKS auftauchen, dachte ich mir.

Die Antwort, die ich von einem Sprecher des Bundeskriminalamtes erhalten habe, hat mich mehrere Minuten still vor dem Bildschirm sitzen lassen. Ich zitiere wörtlich:

„Der Anschlag in Halle (Saale) vom 09.10.2019 ist statistisch im KPMD-PMK im Berichtsjahr 2019 abgebildet. Gemäß der PKS-Richtlinien erfolgt die statistische Erfassung eines Falles in der PKS mit Abschluss der Ermittlungen. Wir haben festgestellt, dass eine damalige Erfassung des PKS-Datensatzes nach Abschluss der hiesigen Ermittlungen durch das BKA nicht erfolgt ist."

Auf Deutsch: Der Anschlag von Halle ist in der Mordstatistik nicht enthalten. Genau null Fälle. Das BKA war für die Erfassung selbst zuständig, weil die Bundesanwaltschaft das Verfahren geführt hat, und das BKA hat es schlicht versäumt, ihn einzutragen. Und es ist niemandem aufgefallen, bis ich jetzt, sechs Jahre später, nachgefragt habe.

Halle wird nicht nachgetragen

Das BKA schreibt mir weiter, dass eine nachträgliche Erfassung nicht mehr erfolgen wird, weil sie systembedingt dem aktuellen Berichtsjahr 2026 zugeordnet werden müsste und die Statistik dann verzerren würde. Also genau das, was ich euch die ganze Zeit zeigen wollte, was ja so ähnlich schon einige Male passiert war. Wir würden dann 2027, wenn die Zahlen für 2026 herauskommen, wahrscheinlich einen Anstieg der Zahlen um bis zu 70 Fälle ablesen. Obwohl es um den Anschlag von 2019 ging. Und dann hätte die AfD das wahrscheinlich genutzt, um gegen Migranten zu hetzen. Und daran wäre auch noch ich selbst schuld. Naja, eigentlich das BKA.

Von daher ist das eine nachvollziehbare Entscheidung, aber das heißt im Klartext: Dieser Anschlag wird für immer in der PKS fehlen. Der Sprecher des Bundeskriminalamtes sagt mir auch: „Das BKA nimmt diese Feststellung zum Anlass, die Arbeitsbereiche hinsichtlich des Workflows zwecks umfänglicher Erfassung einschlägiger Sachverhalte in der PKS zu sensibilisieren."

Wir haben das BKA also dazu gebracht, intern eine Schulung anzukündigen. Immerhin. Das ist aber ein krasser Patzer. Und ich finde, das sollte das BKA auch noch einmal öffentlich kommunizieren. Aber das unterstreicht noch mal alles, was ich sagen will: Das ist eine Statistik für die Ermittlungen der Polizei. Eine, in der Fälle und Opfer was komplett anderes sein können, in der Fälle 15 Jahre später auftauchen - oder eben gar nicht, weil das BKA halt auch Fehler macht. Der keinem aufgefallen ist. In der drei deutsche Männer einige der größten Anstiege in der Statistik der letzten 10 Jahre fast alleine erklären. Wir könnten alles das auch für andere Strafbestände durchgehen.

So verzerrt sind auch die Sexualstraftaten

Was für die Morde gilt, gilt für die gesamte PKS. Die Sexualstraftaten zum Beispiel sind in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen, und genau das nutzen NIUS, BILD und die AfD besonders gerne. Aber im November 2016 ist das reformierte Sexualstrafrecht in Kraft getreten, bekannt unter dem Schlagwort „Nein heißt Nein". Seitdem gelten viel mehr Handlungen als strafbare sexuelle Übergriffe als vorher. Eine Tat, die nach altem Recht keine Anzeige wert war, ist heute eine Straftat in der PKS. Auch 2021 gab es eine Verschärfung. Die Anzeigebereitschaft ist gleichzeitig gestiegen, was eine erfreuliche Entwicklung ist, auch das BKA weist darauf hin. Wer die heutigen Vergewaltigungszahlen mit denen von vor zehn Jahren vergleicht, vergleicht nicht denselben Sachverhalt. Er vergleicht zwei rechtlich unterschiedliche Definitionen unter zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Klimazonen.

Screenshot BKA

So massiv verzerrt sind die Zahlen zu Messer-Gewalt

Bei den Messerangriffen ist es noch absurder. Wenn euch jemand erzählt, die Messergewalt in Deutschland sei in den letzten Jahren dramatisch gestiegen, dann ignoriert er, dass das BKA Messerangriffe erst seit dem 1. Januar 2020 als Phänomen in der PKS erfasst. Vorher gab es schlicht keine bundesweiten Zahlen dazu. Das erste Berichtsjahr mit auswertbaren Daten war 2021. Und das war mitten in der Pandemie, in dem Jahr mit der niedrigsten Kriminalität aller Zeiten. Anstiege danach sind zwangsläufig erwartbar.

Und selbst dann wurden Messerangriffe bis 2023 nur für gefährliche und schwere Körperverletzung und für Raubdelikte ausgewiesen, nicht für alle Deliktbereiche. Wer aus diesen Daten einen langjährigen Trend ableitet, betreibt schlicht Zahlenmagie. Das kann man nicht seriös auslesen. Eine der wenigen Publikationen zu Messerkriminalität kommt zu dem Ergebnis, dass es “keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Messerkriminalität und schwerer Gewaltkriminalität insgesamt hinsichtlich der untersuchten Variablen, insbesondere der Staatsangehörigkeit, gibt.”

Aber nicht nur Rechtspopulisten missbrauchen diese Statistik, auch seriöse Medien nutzen diese Zahlen so, wie sie nicht gedacht sind und vertrauen viel zu blind auf das, was das BKA sagt.

Auch seriöse Medien machen hier oft Fehler

Selbst die Tagesschau hat bei der Vorstellung der PKS 2025 unkritisch einen Fehler aus der Pressemeldung des BKA übernommen, der nicht stimmte. Wir haben das in einem anderen Faktencheck dokumentiert, und sowohl die Tagesschau als auch das BKA mussten anschließend korrigieren. Ja, ich habe nicht nur einen Fehler beim BKA gefunden. Aber so entstehen Schlagzeilen, an die sich Millionen von Menschen erinnern werden.

Versteht mich nicht falsch. Die PKS ist nicht wertlos. Sie ist eine wichtige Informationsquelle für die polizeiliche Arbeit und für die Forschung, und auch die Pressesprecher, die sich die Zeit genommen haben, meine nerdigen Detailfragen zu beantworten, haben das akribisch und kompetent gemacht.

Aber die PKS ist eben das, was sie ist: ein Tätigkeitsbericht der Polizei mit allen Eigenheiten, die ein Tätigkeitsbericht hat. Sie ist keine objektive Messung der Sicherheit dieses Landes. Sie ist keine moralische Bilanz. Und sie ist kein Ranking nach Herkunft.

Die PKS ist der "Blechstandard"

Auch der Kieler Kriminologe Martin Thüne erklärt, dass die PKS schon allein deswegen problematisch ist, weil sie auf einer “problematischen Datengrundlage” basiert. Sie sei “unvollständig, verzerrt, potenziell manipulierbar und ungewichtet”. Viele Expert:innen plädieren daher schon seit langem für eine Abschaffung der PKS in ihrer jetzigen Form und einer grundlegenden Reformierung.

“Die PKS wird behandelt wie der Goldstandard der Kriminalitätsmessung. Sie ist aber nur der Blechstandard.” Kriminologe Tobias Singelnstein

Wenn euch das nächste Mal jemand mit gestiegenen Fallzahlen aus der PKS gegen Migration argumentiert, dann wisst ihr, was diese Statistik kann und was sie nicht kann. Sie zeigt, wer von der Polizei verdächtigt wird, nicht wer verurteilt wurde. Sie zeigt polizeiliche Aktenführung, nicht Sicherheitslage. Und sie ist so empfindlich für Einzeltäter, dass ein einziger Mensch eine Jahresstatistik kippen kann. Und sie kann sogar einen rechtsterroristischen Anschlag ganz vergessen.

Das große Bild über alle Eigenheiten und Sondereffekte hinweg ist eindeutig. In den letzten zwanzig Jahren ist die Kriminalitätsrate in Deutschland insgesamt um 14 Prozent zurückgegangen. In einem Zeitraum, in dem die Zahl der Ausländer, die in Deutschland leben, um 70 % gestiegen ist. Die letzten zehn Jahre waren die sichersten seit der Wiedervereinigung. Wenn mehr Migration tatsächlich automatisch zu mehr Kriminalität führen würde, müsste diese Kurve nach oben gehen. Sie geht nach unten. Eine ifo-Studie von 2025 hat das auf Landkreisebene durchgerechnet, mit dem Ergebnis: Veränderungen des regionalen Ausländeranteils hatten keinen messbaren Effekt auf die lokale Kriminalitätsrate. Was Kriminalität in einem Landkreis tatsächlich beeinflusst, sind soziale Faktoren. Nicht Pässe. Oder Vornamen.

So verzerrt ist die PKS

Wir haben das alles in einem eigenen, ausführlichen Artikel zur PKS 2025 aufgeschrieben. Wenn ihr die methodischen Punkte zu Alter, Anzeigeverhalten, Wohnsitz und sozialen Faktoren ausführlicher haben wollt, findet ihr sie dort. Und außerdem noch jede Menge anderer Faktoren und Statistik-Tricks, die die ganze Debatte rund um Kriminalität und Migration verzerren.

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Artikelbild: Volksverpetzer, canva.com

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