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Die AfD ist Europas gefährlichste, rechtsextreme Ausnahme

von  | Analyse | 29. Juni 2026 |  6 min

Ganz Europa rückt nach rechts – aber meist mit gemäßigten Tönen, um an die Macht zu kommen. Nur eine Partei macht das Gegenteil: Die AfD radikalisiert sich immer weiter und wächst trotzdem. Warum Deutschland die gefährliche Ausnahme ist.

Dieser Beitrag von Markus Conrad erschien zuerst bei Belltower News.

Während die Abwahl Viktor Orbans vielfach für Erleichterung sorgte, wurde wenig später der Rechtspopulist Janez Janša erneut zum Regierungschef Sloweniens gewählt. Die Stärke des europäischen Trends nach Rechtsaußen präsentiert sich also nicht einheitlich. Ein akkurates Bild zeigt sich, wenn die Stimmenanteile rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien bei den nationalen Parlamentswahlen innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten zu festen Stichpunkten verglichen werden. ­­­

Dieser Vergleich zeigt, dass die Rechtsaußen-Parteien von 2020 bis 2025 europaweit um durchschnittlich fünf Prozentpunkte gewachsen sind. Der europäische Rechtsruck ist real.

Der Weg nach Rechts differenziert betrachtet

Und doch existieren Unterschiede bei den Parteien des äußeren rechten Spektrums. Ein Vergleich zwischen der griechischen „Goldenen Morgenröte“ (Chrysi Avgi) mit ihrem offen neofaschistischen Extremismus und den „Fratelli d’Italia“, die eine Ministerpräsidentin stellen, hinkt unvermeidbar. Hier lohnt die Unterscheidung zwischen rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien. Rechtsextremismus beschreibt primär eine Ideologie; Rechtspopulismus ist zu wesentlichen Teilen ein taktisches Instrument, um politische Ziele zu erreichen. Ihre Stimmengewichte unterscheiden sich deutlich:

Zum Stichpunkt 2025 kamen Rechtspopulist*innen auf einen Schnitt von 17,5 Prozent bei nationalen Wahlen, während rechtsextreme Parteien lediglich 3,7 Prozent erreichten. Ähnliches zeigt sich auch bei den Zuwächsen. Der europäische Rechtsruck ist also viel eher ein populistisches als ein extremistisches Phänomen.

Europas Rechtspopulisten auf dem Vormarsch

Im hier betrachteten Zeitraum verzeichnete Rechtsaußen in Rumänien, Portugal, Frankreich und Slowenien die stärksten Zuwächse. Mit Giorgia Meloni und Janez Janša stellen Rechtspopulist*innen zudem in Italien und Slowenien die Regierungschefs und unterstreichen die Wirksamkeit rechtspopulistischer Strategien. Ein wesentlicher Baustein ist die Fähigkeit zur strategischen Mäßigung. Reiner, ungefilterter Extremismus stößt in den meisten europäischen Demokratien auf Grenzen. Teile der Mittelschicht mögen zwar rechten Thesen oft zustimmen, möchten aber keinesfalls mit offenem Extremismus in Verbindung gebracht werden.

Kluge Populist*innen haben diese Lektion gelernt. Auch viele Rechtsextreme kaschieren ihre Ideologien und verwenden populistische Taktiken. Die Übergänge sind fließend. Unter neuem Namen distanziert sich der französische „Rassemblement National“ strategisch geschickt von seiner rechtsextremen Vergangenheit und sucht den Anschluss ans bürgerliche Spektrum. In Italien regiert Giorgia Meloni seit Herbst 2022 und zeigt lehrbuchhaft, wie die Transformation von einer postfaschistischen Randnotiz zur massentauglichen Machtoption funktionieren kann. Außenpolitisch gibt sie sich gemäßigt und proeuropäisch, während sie im Inland einen bürgerlich verpackten Kulturkampf und eine extrem restriktive Migrationspolitik betreibt.

Die deutsche Anomalie

In Deutschland ist die AfD auf dem Vormarsch: Im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 konnte sich die Partei 2025 auf 20,8 Prozent verdoppeln; aktuelle Umfragen sehen sie noch stärker. Und war sie 2017 noch eher dem Rechtspopulismus zuzuordnen, wird die Partei heute von Politikwissenschaftler*innen wie Hajo Funke oder Armin Pfahl-Traughber zunehmend rechtsextrem bewertet. Das hat Folgen: Rechnet man die BRD aus der europäischen Gleichung heraus, wachsen die Stimmenanteile rechtspopulistischer Parteien noch deutlicher. Rechtsextreme hingegen schrumpfen – um immerhin 0,5 Prozentpunkte. Dies zeigt die Sonderrolle des deutschen Rechtsextremismus im europäischen Kontext.

Vergleich der Stimmenanteile rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien aller 27 EU-Mitgliedstaaten zwischen Dezember 2020 und Dezember 2025. Die europäischen Prozentwerte und Zuwächse basieren auf eigener Datenerhebung des Autors.

Die Radikalisierung der AfD

Die AfD mäßigt sich nicht. Fünf ihrer Landesverbände sind vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft: Thüringen (seit 2021), Sachsen-Anhalt (2023), Sachsen (2023), Brandenburg (2025) und Niedersachsen (2026). Besonders die ostdeutschen Landesverbände trieben die Radikalisierung der Gesamtpartei voran – erstaunlicherweise, ohne dabei an Zustimmung einzubüßen. Die gesichert rechtsextremen Landesverbände konnten ihre Stimmenanteile laut Daten von wahlrecht.de sogar noch ausbauen.

Die Umfragewerte von wahlrecht.de beziehen sich jeweils auf den Juni bzw. die zeitnächsten verfügbaren Daten. Die europäischen Prozentwerte und Zuwächse basieren auf eigener Datenerhebung des Autors.

Das Drehbuch für Ostdeutschland und Osteuropa

Es gibt einige Parallelen zwischen den Erfolgen der ostdeutschen AfD-Landesverbände und denen anderer Rechtsaußen-Parteien in Osteuropa: Beispielsweise verzichten die Parteien „Vazrazhdane“ (Bulgarien), „S.O.S. România“ (Rumänien) und „Svoboda a přímá demokracie“ (Tschechien) komplett auf eine bürgerliche Tarnkappe und zeigen ihren Extremismus ganz offen.

Die Gruppierungen kombinieren einen aggressiven Ethno-Nationalismus mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Brüssel, scharfer Homofeindlichkeit und gezielten, lautstarken Provokationen im Parlament, um die Grenzen des Sagbaren permanent zu verschieben. Auch Janez Janša in Slowenien folgt letztlich diesem osteuropäischen Muster. Zwar nutzt er außenpolitisch geschickt das bürgerliche Label der „Europäischen Volkspartei“ (EVP), doch im Inland tickt er völlig anders als Meloni oder Le Pen. Er sucht nicht die bürgerliche Nähe, sondern setzt auf maximale Polarisierung. Seine Regierungszeiten waren geprägt von Frontalangriffen auf die freie Presse, die Justiz und zivilgesellschaftliche Organisationen.

Osteuropäischer Rechtspopulismus folgt zumindest in Teilen einem anderen Drehbuch als der des westeuropäischen, das in einem politischen Klima von historisch tiefem Institutionenmisstrauen und den Härten der postkommunistischen Transformation einen geringeren Hang zur Mäßigung zeigt. Während die meisten westeuropäischen Rechtspopulist*innen ihre Inhalte und Töne moderieren, setzen viele Kräfte in Osteuropa weiter auf das Prinzip lautstarker Konfrontation.

Erfolg auch ohne Mäßigung?

Neben lokalen Besonderheiten der ostdeutschen AfD-Landesverbände, die etwa der Soziologe Steffen Mau in seinem Essay „Ausgebremste Demokratisierung“ (2024) beschreibt, könnte auch die fehlende Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung die Radikalisierung letztlich befeuert haben. Glaubt man an ihre Belastbarkeit, dann schließt die „Brandmauer“ die gesamte AfD von jeder realistischen Machtperspektive auf Bundes- oder Landesebene aus. Ohne diesen Anreiz radikalisierte sich die AfD immer weiter, während wachsende Zustimmung trotz zunehmender Radikalität den strategischen Zwang zur Zurückhaltung unterminiert.

Während andere Rechtspopulist*innen ihre Töne mäßigten, um näher an die Macht zu kommen, setzt die AfD darauf, dass die Brandmauer unter dem puren Druck der Prozente von allein kollabiert.

Artikelbild: Kay Nietfeld/dpa

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