Inhaltshinweis: Artikel enthält Themen wie sexualisierte Gewalt, Mord, Suizid, Missbrauch, auch der Minderjähriger. Nach der Einleitung findet man Anlaufstellen für betroffene
Am 17. Juni 2025 nahm die Hamburger Polizei einen 20‑jährigen Deutsch‑Iraner in Hamburg‑Marienthal fest. Der Beschuldigte, der im Netz unter dem Pseudonym „White Tiger“ agierte, soll als relevantes Mitglied des internationalen Sadismus‑Netzwerks „764“ mindestens viele Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren zu schwersten Selbstverletzungen bis hin zum Suizid gedrängt haben – darunter einen 13‑jährigen US‑Amerikaner, der den Anweisungen folgend verstarb.
„764“ ist ein dezentrales Online‑Netzwerk, das 2021 von dem damals 15‑jährigen Bradley Chance Cadenhead in Texas gegründet wurde. Die Zahl 764 ist eine Anspielung auf dessen Postleitzahl. Die Gruppierung nutzt Plattformen wie Discord, Telegram und Online‑Games (z. B. Minecraft), um psychisch labile Minderjährige gezielt anzusprechen, durch Grooming Vertrauen zu gewinnen und sie mittels sexueller Erpressung in einen perfiden Wettbewerb um immer extremere Gewalttaten zu treiben. Laut FBI erfüllt „764“ die Kriterien eines terroristischen Netzwerks, in dem Sadismus, Rechtsextremismus und Satanismus zusammenkommen.
Unsere große Recherche öffnet erstmals den Vorhang zu den gesamten neonazistischen Strukturen, die hinter dem Netzwerk 764 stehen, und belegt deren nahezu weltweit verzweigte Verbindungen. Bisherige Berichte haben den grausamen Kern des Cybergroomings aufgezeigt, doch die Dimension rechtsextremer Ideologie und Terrorfinanzierung blieb weitgehend unerwähnt. Wir haben drei Monate an dieser Recherche gearbeitet und über 600 Quellen zusammengetragen, die das ganze Netzwerk und die Verbindungen in die rechtsextreme Szene zeigen.
Ein Hinweis an Eltern, Lehrkräfte und Sorgeberechtigte
Diese Recherche richtet sich auch und besonders an Eltern. Denn die Täter hinter der Gruppe 764 suchen sich gezielt Kinder: psychisch labile Jugendliche, isolierte Gamer, LGBTQ+-Teens, die auf der Suche nach Anschluss sind – und sie rekrutieren über Plattformen wie Discord, Telegram, Minecraft und Roblox.
Wenn Ihr Kind sich zurückzieht, auf einmal aggressiv oder distanziert wirkt, sich mit düsteren Symbolen oder Gewaltdarstellungen beschäftigt oder Kontakte mit Unbekannten im Netz pflegt: Schauen Sie hin. Reden Sie. Fragen Sie nach. Und nehmen Sie Warnzeichen ernst.
Wir veröffentlichen diesen Deep Dive nicht, um zu schockieren, sondern um aufzuklären. Um ein Netzwerk sichtbar zu machen, das im digitalen Schatten operiert – mit realen, oft tödlichen Konsequenzen.
Was Sie gleich lesen, ist verstörend. Aber es ist real.
Nur wer hinsieht, kann verhindern, dass andere in diese Abgründe gezogen werden.
Wichtige Telefonnummern und Hilfsangebote
🔹 Für Kinder & Jugendliche
Nummer gegen Kummer – Kinder- und Jugendtelefon
📞 116 111 (kostenlos & anonym)
🕐 Mo–Sa, 14–20 Uhr
🌐 https://www.nummergegenkummer.de
Auch als Chat-Beratung verfügbar. Für alle, die nicht reden wollen, aber Hilfe suchen.
🔹 Für Eltern, Lehrkräfte und Angehörige
Elterntelefon – Nummer gegen Kummer
📞 0800 111 0 550 (kostenlos & anonym)
🕐 Mo–Fr, 9–11 Uhr & Di/Do, 17–19 Uhr
🔹 Bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt oder Missbrauch
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (UBSKM)
📞 0800 22 55 530
🕐 Mo–Fr, 9–17 Uhr
🌐 https://www.hilfe-telefon-missbrauch.de
🔹 Bei extremistischen Inhalten oder Radikalisierung
jugendschutz.net – Fachstelle für jugendgefährdende Onlineinhalte
📧 meldung@jugendschutz.net
🌐 https://www.jugendschutz.net
EXIT Deutschland (Hilfe beim Ausstieg aus rechtsextremen Gruppen)
📞 030 234 720 58
🌐 https://www.exit-deutschland.de
White Tiger“ – Cybergrooming, Mord und rechtsextremer Terror im digitalen Zeitalter
Der Fall „White Tiger“ erschüttert – nicht nur wegen der unfassbaren Brutalität, mit der ein junger Mann Minderjährige manipulierte, missbrauchte und in den Tod trieb. Er erschüttert auch, weil er ein Schlaglicht auf eine neue Form des Rechtsextremismus wirft: einen, der sich nicht in Springerstiefeln auf der Straße zeigt, sondern in anonymen Foren, in perfiden Chatgruppen, in toxischen Online-Kulturen. Der Täter war kein Einzeltäter. Er war Teil eines internationalen Netzwerks, das unter dem Kürzel „764“ firmiert – ein digital organisiertes, dezentral agierendes Kollektiv aus Neonazis, Satanisten und Nihilisten.
"White Tiger" äußerte sich auch rechtsextrem
Chatprotokolle aus einem rechtsextremen Telegram-Kanal, die dem NDR vorliegen, geben Einblick in das Weltbild von "White Tiger". Dort schrieb er 2021, Iraner seien Arier. Hitler habe sie "willkommen geheißen". Er selbst sei "weißer als einige Deutsche". Auch antisemitisch äußerte er sich in dem englisch-sprachigen Chat. Er selbst sei nicht mehr gläubig, wünsche sich aber Muslim zu sein - dann könne er "die Juden ausrotten".
Was „764“ von klassischen rechtsextremen Strukturen unterscheidet, ist die Verschmelzung von Ideologie mit digitaler Gewaltfantasie. Die Gruppe verherrlicht Tod, Missbrauch und Zerstörung als Ausdruck einer menschenverachtenden Weltanschauung. Ihre ideologischen Wurzeln liegen tief im Boden des neonazistischen Terrorismus – mit Bezügen zur „Order of Nine Angles“, einer weltweit als extremistisch eingestuften Organisation, die offen zum Mord und zum Kollaps westlicher Demokratien aufruft.
„White Tiger“, so zeigen Ermittlungen, war nicht nur ein Mitläufer, sondern ein zentraler Akteur. Seine sadistischen Taten dienten nicht bloß persönlicher Lust oder Macht – sie waren Teil eines ideologisch motivierten, systematischen Vorgehens: Schwache und Verletzliche sollten gebrochen, entmenschlicht, vernichtet werden. Es ging nicht nur um Kontrolle – es ging um Terror.
Der Täter war ein Rechtsextremist
Diese Recherche verfolgt das Ziel, die ideologischen Strukturen hinter den Taten offenzulegen. Sie benennt klar: Der Täter war ein Rechtsextremist. Nicht, weil er ein Wahlplakat aufgehängt oder Parolen gegrölt hätte – sondern weil er gezielt nach der Logik eines faschistischen Vernichtungswillens handelte.
Wer den Fall „White Tiger“ nur als Perversion eines Einzeltäters betrachtet, verkennt die Dimension: Es geht um ein Netzwerk, eine Ideologie, eine reale Bedrohung. Diese Bedrohung ist nicht abstrakt. Sie ist digital, sie ist global – und sie ist brandgefährlich.
Falls Sie den Fall nicht kennen:
Vermutlich haben Sie es in den letzten Wochen lesen dürfen, ein 20-jähriger Mann aus Hamburg wurde im Juni 2025 festgenommen – und was anfangs wie ein Einzelfall digitaler Gewalt wirkte, entpuppte sich schnell als etwas viel Düstereres: Der Mann, der unter dem Pseudonym „White Tiger“ agierte, war nicht nur ein Einzeltäter, sondern führendes Mitglied der internationalen Terror-Community „764“ – einem globalen, neonazistisch-satanistischen Netzwerk, das im Untergrund sozialer Medien sein Unwesen treibt.
Laut NDR und WELT hat der Hamburger Täter in über 120 Fällen Kinder und Jugendliche zu Selbstverletzung, sexuellen Handlungen und sogar zum Selbstmord angestiftet. In mindestens einem Fall, so die Washington Post, kam es zum Suizid eines 13-jährigen Jungen aus den USA – live verfolgt von „White Tiger“ und seinen Online-Fans.
Was hinter diesen abscheulichen Taten steckt, ist ein digitales Terrornetzwerk namens „764“ – ein Ableger bzw. ein eng verbundener Arm der „Order of Nine Angles“ (O9A), einer weltweit beobachteten, rechtsextrem-satanistischen Organisation, die bereits mehrfach mit Mord, Kindesmissbrauch und Terroranschlägen in Verbindung gebracht wurde.
Die britische Sky News hat in einem Spezialbericht enthüllt, dass es sich bei 764 um eine Online-Community mit über 16.000 aktiven Accounts handelt, die ihre Mitglieder mit einem perversen Belohnungssystem für möglichst extreme Taten motiviert: Wer Gewaltvideos postet, Kinder manipuliert oder Opfer live leiden lässt, steigt im internen Rangsystem auf.
Die internationalen Strafverfolgungsbehörden, darunter das FBI und die kanadische RCMP, betrachten „764“ längst als eine terroristische Bedrohung auf Augenhöhe mit jihadistischen Netzwerken.
250 Verfahren in 55 Städten
Das FBI leitet über 250 Verfahren in 55 Städten, wie Sky News und AP News berichten. Auch in Europa sind ähnliche Fälle bekannt: Verhaftungen in Schweden, Großbritannien, Griechenland, Brasilien und Italien belegen, dass „764“ längst ein internationales Netzwerk der digital organisierten Folter ist.
Laut The Times UK und der Watchdog-Organisation Hope Not Hate wächst der Einfluss dieser Szene vor allem unter jungen Menschen, die über Telegram, Discord und geheime Darknet-Foren in diese sadistische Ideologie hineingezogen werden – oft durch psychologische Manipulation, Versprechungen von Macht oder der Androhung von Gewalt gegen ihre Familien.
Was also zunächst wie ein Fall aus Hamburg aussieht, ist in Wahrheit ein Fenster in eine neue Form des digitalen Faschismus: Eine Welt, in der Kindesmissbrauch, Morde, Terrorästhetik und Satanismus Hand in Hand gehen – und in der junge Männer wie „White Tiger“ nicht nur Täter, sondern Teil einer strukturierten, international vernetzten Bewegung sind.
Struktur und Subgruppen: Eine dezentrale Terrormatrix
764 ist keine klassische Organisation mit Hierarchie – sondern ein loser Schwarm aus Subgruppen, Chatkanälen und Ablegern. Einige prominente Namen:
- CVLT (Vorgängerstruktur)
- Harm Nation, Sew3r, Kaskar, Leak Society, Slit Town, No Lives Matter
- NMK, 8884, 545, 404, 303, SR1, H3ll, 2992, XVN
Diese Gruppen agieren teils unabhängig, nutzen aber gleiche Methoden und ideologische Grundlage. Oft sammeln sie Material über CSAM (Child Sexual Abuse Material), Tiertötungen, Gewaltverherrlichung und Suizidanimation.
Rekrutierungsmethoden: Games, Discord, Telegram
764 rekrutiert gezielt über Spieleplattformen wie Minecraft, Roblox und Kommunikationsdienste wie Discord oder Telegram. Die bevorzugten Opfer:
- Minderjährige mit psychischen Problemen
- LGBTQ+-Jugendliche
- Kinder mit Suizidgedanken oder Isolationserfahrungen
- rassifizierte oder diskriminierte Jugendliche
In Discord-Servern und Telegram-Kanälen wurden Täterrollen romantisiert, Videos von Morden oder Suiziden geteilt und als Beweis für „Stärke" gefeiert. Die Plattform Telegram wurde insbesondere für geschlossene Gruppen genutzt, in denen nicht nur extremistische Propaganda, sondern auch CSAM verbreitet wurde. Die Namen dieser Gruppen wurden aus Ermittlungsgründen bisher weitgehend geheim gehalten, doch laut FBI und BKA seien Dutzende solcher Kanäle aktiv gewesen.
Internationale Verbindungen: Netzwerk des Todes
764 ist kein isoliertes Konstrukt. Es existieren klare Vernetzungen zu:
- Atomwaffendivision (AWD): US-basierter rechtsterroristischer Zellverband mit Ablegern in Deutschland, bekannt für Anschlagspläne und Mordfantasien.
- Temple ov Blood: Okkulte US-Splittergruppe, fordert reale Opfer und propagiert Gewalt als sakrales Ritual.
- Maniac Murder Cult (MMC): Ukrainischer Neonazikult, bekannt durch Obdachlosenmorde. Kooperation mit 764 belegt.
Verbindungen nach Deutschland: Toxische Keimzellen in Hamburg und Verbindungen nach Sachsen
764 ist auch in Deutschland aktiv:
- 2022: Ein Jugendlicher, der in Rumänien seine Stieffamilie ermordete, soll laut Recherchen Kontakt zu deutschen 764-nahen Gruppen gehabt haben.
- 2024: Ein 20-Jähriger aus Hamburg wurde verhaftet. Er hatte über Telegram Tötungsvideos verbreitet und war mutmaßlich in 764-nahen Gruppen aktiv. Er agierte unter dem Pseudonym „White Tiger". Er soll einen 13-jährigen Jungen aus den USA zur Live-Selbsttötung gezwungen haben.
- Sächsische Separatisten und rechte Prepper-Foren zeigen ideologische und stilistische Überlappungen mit O9A/764.
Der Order of Nine Angles (ONA oder O9A) ist ein satanistisch-esoterischer, rechtsextremer Orden aus Großbritannien. Er entstand in den 1960er/70er Jahren (vermutlich um die Figur „Anton Long“, mutmaßlich ein Pseudonym des Neo-Nazis David Myatt) und propagiert einen apokalyptisch-rassistischen „Aenischen“ Weltbildansatz.
Die O9A lehnt zentrale Strukturen ab und tritt international als loses Netzwerk (ein sogenannter „Kollektiv“) auf. Aus ihren Lehren entfalten sich okkulte Rituale, Gewaltaufrufe und sogar Menschenopfer-Ideen.
Der Tempel ov Blood (ToB) ist eine inoffizielle US-Ablegergruppe der O9A. Er wird von Joshua Caleb Sutter (bis zur Scheidung: und seiner Frau Jillian Hoy) in South Carolina geleitet. Das ToB bezeichnet sich selbst als „Hybrid zwischen traditionellem satanischem Koven und militärischem Orden“.
Sutter (vorher mit seiner ex Frau Hoy) betreibt auch den Verlag Martinet Press, der neonazistische und esoterische Schriften vertreibt. Der Gründungszeitpunkt des Tempels ist nicht genau bekannt, doch erste Aktivitäten datieren auf etwa 2014. Wie die O9A insgesamt operiert auch der Tempel of Blood dezentral:
Er nimmt keine formale Mitgliedschaft vor, sondern spricht völkische Rechtsradikale an, die das O9A-Weltbild für sich übernehmen.
Das Vorgängerkollektiv der Terrorgruppe 764, CVLT entstand zwischen 2017 und 2019 zunächst auf Kik und Instagram und verlagerte sich später auf Discord und Telegram. Nach mehreren Festnahmen zerfiel die Gruppe; die verbliebenen Kader bündelten ihre Methoden ab 2021 unter der neuen Fahne „764“. Eine Kurzstudie des Acceleration Research Consortium beschreibt CVLT als frühen Inkubator für jene Strategien, die 764 heute perfektioniert – systematisches Grooming Minderjähriger, erpresste Selbstverletzungs-Streams und den Handel mit extrem gewalttätigen Missbrauchsaufnahmen, die intern in „LoreBooks“ katalogisiert werden.
Operativ folgt 764 einem klaren Muster: Über populäre Jugend-Plattformen wie Discord, Telegram, Roblox, Minecraft oder VRChat geben sich Mitglieder als Altersgenossen aus, um das Vertrauen von Kindern zu gewinnen. Sobald erste intime Bilder vorliegen, setzt die Sextortion ein; die Täter drohen mit Veröffentlichung und erzwingen immer extremere Handlungen – von sexualisierter Gewalt bis zu Selbstverletzung oder Tierquälerei, die live gestreamt werden. Das so erzeugte Material dient sowohl zur weiteren Erpressung als auch als Währung innerhalb des Netzwerks. Die FBI-Warnungen heben hervor, dass insbesondere seelisch belastete Mädchen zwischen neun und sechzehn Jahren betroffen sind.
Die Strafverfolgungsbehörden reagieren inzwischen grenzübergreifend. Am 22. April 2025 nahm das FBI den 20-jährigen Prasan Nepal in High Point (North Carolina) fest; wenige Tage später erfolgte in Thessaloniki die Verhaftung des 21-jährigen Leonidas Varagiannis. Beide gelten als Führungsfiguren von 764.
Laut einem Bericht der Economic Times und nachfolgender Bestätigung durch das FBI laufen mittlerweile mehr als 250 Ermittlungen, verteilt auf sämtliche 55 Field Offices der USA; Ermittler gehen von Tausenden weltweiten Opfern aus.
Trotz dieser Fortschritte bleibt 764 durch seine dezentralen Strukturen, die Nutzung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Dark-Web-Speicherknoten äußerst widerstandsfähig. Plattform-Sperren führen oft nur zu schnellen Re-Brands oder Abwanderung in neue Kanäle; auch Finanzströme lassen sich schwer zurückverfolgen, weil das Netzwerk bevorzugt auf datenschutzorientierte Kryptowährungen wie Monero setzt.
Internationale Netzwerke: Atomwaffen Division und Co.
Die O9A und ihr US-Pendant Tempel ov Blood sind stark mit anderen gewaltbereiten Neonazi-Netzwerken verflochten. Besonders prominent ist die Verbindung zur Atomwaffen Division (AWD), einer international operierenden neo-nazi-terroristischen Gruppe, die 2015 in den USA entstand AWD besitzt.
Die AWD besitzt Zellen in Nordamerika und Europa und propagiert weißen Rassismus und weltweite Gewalt. Mehrere AWD-Mitglieder sind zugleich Anhänger oder Förderer der O9A-Ideologie: So berichten US-Forschungsstellen, AWD-Leute hätten „Gleichzeitigkeit von Mitgliedschaften“ in der O9A sowie in anderen extremistischen Gruppen.
Tatsächlich veröffentlichte AWD etwa auf seiner Webseite O9A-Texte (z. B. das Hostia-Manifest). Journalisten zufolge haben zudem zahlreiche Mitglieder des Tempel ov Blood Schlüsselposten in der AWD eingenommen – mindestens neun ToB-Anhänger sollen in AWD-Führungsteams gesessen haben.
Grafik und Vokabular der O9A finden sich auch im Umfeld weiterer rechter Milizen: In Großbritannien etwa beeinflussten O9A-Lehren die Sonnenkrieg Division (den britischen Ableger der Atomwaffen Division) sowie die inzwischen verbotene Gruppe National Action.
Auch das Southern Poverty Law Center ordnet die O9A in ein weltweites Netzwerk „okkult-satanistischer“ Neonazi-Gruppen ein.
Online-Radikalisierung und die Rolle von „764“
In den 2010er- und 2020er-Jahren erlebte die O9A über das Internet einen starken Zulauf. Junge Extremisten stoßen in Foren und Online-Kreisen auf O9A-Symbole und -Rhetorik.
Den Ursprung des Namens "764" bilden die Ziffern des Zip-Codes einer kalifornischen Kleinstadt, wo der Teenager Bradley Cadenhead das Netzwerk gründete. Medienberichte betonen, dass O9A-Ästhetik und Slogans sich stark in 764 manifestieren.
Ein Wired-Artikel resümiert 2024, O9A sei „in den gewalttätigsten Ecken des zeitgenössischen Rechtsextremismus omnipräsent“ und die Symbolik von O9A („kollektive Rauten, Ritualmagie“) erscheine weitverbreitet in der 764-Community.
Die visuelle Ähnlichkeit – etwa Pyramiden und schwarz-weiß-geometrische Symbole – verdeutlicht den ideologischen Anschluss. Kurz gesagt: Die O9A dient vielen Jugendlichen im Netz als Einstiegsdroge in extreme Gewaltfantasien, und Gruppen wie 764 propagieren diese Ideen gezielt.
[nextpage title="Die Atomwaffendivision und der Order of Nine Angles "]Die Atomwaffen-Division ist ein gewalttätiges neonazistisches Terrornetzwerk, das 2015 gegründet wurde und durch eine Reihe von Morden (5-8 zwischen 2017 und 2019), geplante Terroranschläge und andere kriminelle Aktivitäten international bekannt geworden ist.
Ursprünglich im Süden der Vereinigten Staaten beheimatet, hat sie sich inzwischen auf das ganze Land ausgedehnt und verfügt nun auch über Niederlassungen in Australien, dem Vereinigten Königreich, Kanada, Deutschland, den baltischen Staaten und anderen europäischen Ländern.
Die Atomwaffen-Division (AWD), die zu einem großen Teil aus jungen weißen Männern besteht, rekrutiert ihre Mitglieder vor allem in rechtsextremen Online-Gemeinschaften wie dem (inzwischen aufgelösten) extremistischen Forum Iron March, dem Kanal „Bowl Patrol“ auf der Spieleplattform Discord oder der rechtsextremen Twitter-Alternative gab.com.

Im Zentrum der AWD-Ideologie steht die rechtsextreme Idee, den Zusammenbruch des demokratischen Systems durch Chaos, Gewalt und Terror zu beschleunigen, um ein weißes, rassistisches Regime zu errichten.
Zu einer solchen „Beschleunigung“ wollte unter anderem ausdrücklich der Rechtsterrorist Brenton Tarrant beitragen, der im März 2019 bei einem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen getötet hatte.

Eines der Hauptziele der AWD ist die Vorbereitung auf den „Tag X“, d.h. den Beginn eines (zivilen) Ethnienkriegs, der unter verschiedenen Bezeichnungen im weißen Suprematisten-Untergrund stattfindet: „The Day of the Rope“ oder ‚The Day of the Bowl‘ (TDOTB), in Anlehnung an den Schalenschnitt von ‚Dylan Roof, dem 21-Jährigen, der am 17. Juni 2015 neun ältere afroamerikanische Gemeindemitglieder in der Emanuel African Methodist Church in Charleston, South Carolina, niedergeschossen hat‘ - ein Held im AWD-Milieu.

Quelle -Gegen die AfD und Foia Research
Hate Camps, Bomben bauen, Militärtaktiken
In sogenannten „Hate Camps“ trainieren AWD-Mitglieder für diesen angestrebten Ethnien-Krieg in verschiedenen Disziplinen: Schusswaffengebrauch, Nahkampf, Militärtaktik sowie Bombenbau und Umgang mit Sprengstoff.
Die AWD zieht vor allem Jugendliche und mehrere Militärangehörige der US Army und Navy an. Der Gründer der AWD, Brandon Russell, war Mitglied der 53rd Combat Brigade der Florida National Guard. In einem ProPublica-Bericht aus dem Jahr 2018 wurden drei von ihnen identifiziert, darunter Vasillios Pistolis, der damit prahlte, dass er bei der Unite-the-Right-Kundgebung in Charlottesville, Virginia, „drei Schädel aufgeschlagen“ habe. Ein weiteres Mitglied, Joshua Beckett, der 2017 Mitglieder der Atomwaffen in Schusswaffen und Nahkampf ausbildete, diente laut Dienstunterlagen von 2011 bis 2015 in der Armee.
Iron March Und Daily Stormer
Die AWD hatte ihre Gründung im Jahr 2015 auf der Website IronMarch.org angekündigt, einem inzwischen nicht mehr existierenden Forum, das als Auffangbecken für Neonazis und Rechtsextremisten bekannt war.
Erste Spuren der AWD führen zu Beiträgen vom Juni 2015, als der AWD-Gründer Brandon Russell, damals noch ein Teenager, um Unterstützung bei der Erstellung eines Memes mit einem Atomwaffen-Schriftzug bat.
In einem späteren Beitrag im selben Jahr beschrieb sich die Gruppe als „sehr fanatische, ideologische Bande von Kameraden, die sowohl Aktivismus als auch militantes Training betreiben. Hand zu Hand, Waffentraining und verschiedene andere Formen der Ausbildung. Was den Aktivismus betrifft, so verbreiten wir das Bewusstsein in der realen Welt mit unkonventionellen Mitteln“.
Der Journalist Nate Thayer hat die Stimmung im Milieu des Eisernen Marsches (IM) treffend beschrieben:
Wie eine Cyberspace-Version von „Der Herr der Fliegen“ im 21. Jahrhundert versammelt sich die fast ausschließlich sehr junge und männliche Bruderschaft, die eine rohe und unfokussierte Wut teilt, in geheimen Online-Diskussionsforen … um Hass zu verbreiten und der Angst der Teenager Luft zu machen, indem sie sich noch mehr in eine dunkle Raserei der Hoffnungslosigkeit hineinsteigert.
IM wurde 2011 von einer Person gegründet, die sich „Alexander Slavros “ nannte und behauptete, ein Faschist aus Osteuropa zu sein. In den sechs Jahren seines Bestehens (September 2011 bis Dezember 2017) wurde IM zu einem zentralen Knotenpunkt für eingefleischte White Supremacists, Neonazis und Neofaschisten, die ein Interesse an „weißem Extremismus auf globaler Ebene“ hatten.

IM hatte etwas mehr als 1.600 Nutzer, die zusammen mehr als 150.000 Nachrichten gepostet hatten, bevor das Forum im Dezember 2017 ohne Vorwarnung seine Aktivitäten einstellte, wahrscheinlich aufgrund der immer offensichtlicher werdenden Verbindungen zum Inlandsterrorismus.
Bomben bauen, geschürter Hass, Terrorismus, Morde
Auf der IM-Website waren Anleitungen zum Bombenbau veröffentlicht worden, und der von Slavros und anderen Forumsmitgliedern geschürte Hass hatte zu einer Reihe von Morden und Terroranschlägen geführt.
IM wäre wohl auf dem Friedhof des Internets verschwunden, wenn nicht im Jahr 2019 die gesamte Datenbank des Forums von einem Nutzer namens antifa-data geleakt worden wäre. Obwohl die meisten Nutzer von Iron March unter Pseudonymen auftraten, enthält das Leck in den internen Aufzeichnungen der Website auch E-Mail- und IP-Adressen, die zur Identifizierung von Mitgliedern verwendet werden könnten.
IM hatte Mitglieder rechtsextremer Gruppen aus den gesamten USA und Europa zusammengeführt. Zu den US-Gruppen, die in der IM vertreten waren, gehörte neben der AWD auch Vanguard America, die bekannter wurde, als sich herausstellte, dass James Fields, der Mörder von Heather Heyer in Charlottesville, ein Schild mit dem VA-Logo in der Hand hielt, bevor er ein Auto in eine Menge von Demonstranten fuhr.
Aus Europa waren Gruppen wie die britische National Action, die serbische Action, die griechische Goldene Morgenröte, das ukrainische Asow-Bataillon und die litauische Skydas in der IM vertreten. Die britische Gruppe National Action (2013–2018), die Berichten zufolge sowohl Vanguard als auch die AWD inspiriert hatte, war die erste neonazistische Gruppe in Großbritannien, die als terroristische Vereinigung verboten wurde.
Es wurden auch Verbindungen zum Asow-Bataillon bestätigt. Das ermordete AWD-Mitglied Andrew Oneschuk stand in Kontakt mit Asow und hatte bereits seine Reise vorbereitet, um mit ihnen in der Ukraine zu trainieren, aber seine Familie konnte ihn im letzten Moment davon abbringen.
Ein anderes nicht identifiziertes AWD-Mitglied, das in einer MSNBC-Dokumentation über AWD auftrat, sagte, dass „diese Gruppen Leute ermutigen, in die Ukraine zu gehen und mit dem Asow-Bataillon zu trainieren. Und es sind nicht nur Atomwaffen, es sind viele nationalsozialistische Gruppen.
In der Selbstbeschreibung des IM-Forums heißt es, dass die „psychologische Kriegsführung“ ihr erstes Ziel sei. „Kenne deinen Feind, um ihn zu vernichten, und kenne deinen Verbündeten, um ihn nicht zu beleidigen, weil du unter demselben Wort unterschiedliche Dinge verstehst“, heißt es in der Selbstbeschreibung der IM.
Wie andere Neonazi-Zellen in ganz Europa, etwa CasaPound in Italien, Hogar Social Madrid in Spanien oder Haus Montag Pirna in Deutschland, legte IM besonderen Wert auf die Verankerung der Ästhetik des italienischen Futurismus in der amerikanischen Neonazi-Bewegung. Die soziale und künstlerische Futurismus-Bewegung ästhetisierte Geschwindigkeit, Technologie, Jugend und Gewalt und war ein Wegbereiter für den Aufstieg des italienischen Faschismus, weshalb ihre Adaption für die Sache in den Vereinigten Staaten als fruchtbar angesehen wurde. Ein ganzes Forumsthema auf IM mit dem Titel „American Futurism Workshop“ war diesen Bemühungen gewidmet.
Aufdeckung der Atomwaffen-Division
Die AWD tauchte erstmals in der Öffentlichkeit auf, als mehrere ihrer Mitglieder gewalttätige neonazistische Propaganda auf verschiedenen US-amerikanischen College- und Universitätsgeländen verbreiteten, meist in Form von Flugblättern und Aufklebern.
Aber erst nach einem Doppelmord an zwei AWD-Anhängern durch ein ehemaliges AWD-Mitglied im Mai 2017 wurde die Gruppe einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Laut Michael Heyden vom Southern Poverty Law Center (SPLC):
[Am 19. Mai 2017 betrat AWD-Anführer Brandon] Russell, der bei Iron March unter dem Namen „Odin“ auftrat, sein Haus in Tampa, Florida, und fand dort zwei durch Schusswunden entstellte Leichen vor. Devon Arthurs, einer seiner vier Mitbewohner, der bei Iron March unter dem Namen „TheWeissewolfe“ auftrat, erschoss die beiden anderen Mitbewohner von Russell, Andrew Oneschuk und Jeremy Himmelman. Oneschuk nannte sich bei Iron March „Borovikov“. Himmelmans Iron March-Handle, falls er einen hatte, ist unbekannt.“
Dem Rolling Stone zufolge „wohnten sie in einer üppig bewachten Wohnanlage in der Nähe der Universität von Südflorida, in einer terrakottafarbenen Zweizimmerwohnung, die von ihrem vierten Mitbewohner gemietet wurde … Brandon Russell, ein reicher Junge von den Bahamas, der in einem Waffenladen arbeitete und in der Nationalgarde von Florida diente“.
Das Szenario war bizarr. Nach seiner Verhaftung hatte Devon Arthurs, der Doppelmörder, in Polizeigewahrsam erklärt, sein Motiv sei Rache für den Spott seiner Mitbewohner gewesen, als er vom Neonazismus zu einer „autodidaktischen“ Version des radikalen Islam konvertiert war.
Nachdem er zwei seiner ehemaligen AWD-Kollegen mit einem Kugelhagel niedergemäht hatte, hielt Arthurs die Angestellten eines Headshops in Tampa als Geiseln, als die Polizei am Tatort eintraf. Devons verhielt sich offenbar sehr unberechenbar,
… und beschwerte sich über die Bombardierung muslimischer Länder durch die USA. Arthurs ergab sich innerhalb von fünfzehn Minuten nach Eintreffen der Beamten am Tatort und wurde in Gewahrsam genommen. Laut einem Bericht des Büros für Schwerverbrechen in Tampa machte Arthurs … Erklärungen über seinen Glauben und gab gleichzeitig der US-Außenpolitik die Schuld an seinem Handeln. Auf die Frage der Beamten, ob noch jemand verletzt worden sei, antwortete Arthurs: „Die Leute in der Wohnung, aber die sind nicht verletzt, die sind tot.“
Arthurs war erst 16 Jahre alt, als er im März 2015 zum ersten Mal in das IM-Forum schrieb, und wurde nach den Morden für unzurechnungsfähig erklärt.
Nach Angaben des Daily Stormer, einer Website für Kommentare und Foren von weißen Rassisten und Neonazis, wurde Arthurs vom Administrator der Website, Andrew „Weev“ Auernheimer, persönlich vom Discord-Server der Website verbannt, weil er beschuldigt wurde, ein Informant der Bundesbehörden zu sein. In dem Artikel erklärte der Daily Stormer:
Alle drei dieser Personen [der Mörder und die beiden Getöteten] waren uns bekannt. Mit dem islamischen Mörder hatte ich vor Monaten persönlich ein Gespräch, in dem ich andeutete, dass er ein Bundesagent sein könnte. Ich hatte ihn gerade von unserem Discord-Server verbannt, weil er sich äußerst zwielichtig verhielt und versuchte, Leute zum Salafismus, einer besonders gewalttätigen und bösartigen Form des Islamismus, zu bekehren. Der Kerl hat sich so daneben benommen, dass ich wirklich dachte, er müsse ein Informant des Bundes sein. Wie sich herausstellte, war er wirklich ein durchgeknallter Moslem.
Der Daily Stormer hat selbst eine unrühmliche Rolle bei der viralen Verbreitung von weißem Rassismus und neonazistischer Ideologie unter jungen Online-Nutzern gespielt. Nach Angaben der SPLC:
…ohne die Ästhetik, den Slang und das Meme-Milieu des Daily Stormer hätte sich das IM-Forum nicht so entwickelt, wie es sich entwickelt hat. Das Forum ist eine Erweiterung und Reaktion auf die Art und Weise, wie Neonazi-Influencer in den letzten Jahren eine zeitgenössische Online-Bewegung aufgebaut haben. IM und Daily Stormer wurden im September 2011 bzw. im Juli 2013 ins Leben gerufen und entwickelten sich nicht als Gegensätze, sondern als Ergänzungen zueinander.
Es gibt auch persönliche Kontinuitäten zwischen dem Daily Stormer und dem Iron March Forum. Der Herausgeber des IM-Webzines NOOZE, „Charles Zeiger“, war auch ein produktiver Mitarbeiter des Daily Stormer und schrieb für den Blog der britischen Neonazi-Gruppe National Action.
Brandon Russell
Der Doppelmord an Devon Arthurs setzte den Plänen des AWD-Anführers Brandon Russell, Synagogen, Stromleitungen oder ein Kraftwerk im Raum Miami zu bombardieren, ein jähes Ende. Er wurde im Mai 2017 wegen des Besitzes von illegalem Sprengstoff zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt:
In der Autogarage, die an Russells Wohnung angebaut war, fanden die Behörden eine voll ausgestattete Bombenfabrik - große Mengen an Komponenten für den Bombenbau, darunter zwei Arten von radioaktivem Material - Thorium und Americium; Ammoniumnitrat und Nitromethan, die chemische Kombination, mit der Timothy McVeigh das Bundesgebäude in Oklahoma City in die Luft sprengte, Kaliumchlorid, rotes Eisenoxid, Kaliumnitrat, selbst hergestellte Bombenzünder, ausgehöhlte großkalibrige Kugeln, die zur Herstellung von Bombenzündern verwendet werden, und zwei Geigerzähler sowie andere Bombenvorläufer und Sprengstoffe.
Order of Nine Angles und Temple of Blood
Nach der Verhaftung von Brandon Russel übernahm John Cameron Denton alias „Rape“ die Leitung des AWD, der laut dem Journalisten Nate Thayer bereits vor der Gründung des AWD Satanist und Mitglied der Sekte Tempel des Blutes war.

Es scheint, dass der AWD unter Dentons Führung eine wahrhaft satanistische Wendung nahm. Mehrere der derzeitigen AWD-Führer sind Anhänger „des ‚Esoterischen Hitlerismus‘ oder ‚Okkulten Hitlerismus‘ und Befürworter einer extremen Sekte des Satanismus, die von nationalsozialistischen und satanischen Überzeugungen durchdrungen ist und den Orden der Neun Engel [O9A] nennt, der den Einsatz von Massenterror und Gewalt fördert, um einen totalen Zusammenbruch der Institutionen von Regierung und Gesellschaft zu erzwingen.“
Im Februar 2018 schrieb ein Atomwaffenführer aus Arizona, Cody William Moreash, in einem Neonazi-Chatroom:
Bluebird und Iron Gates sind zwei O9A-Bücher, die zur Pflichtlektüre für Atomwaffenmitglieder gehören. Sie zeigen Szenen einer postapokalyptischen Welt, in der arische Sieger menschliches Leid zelebrieren und sich an mutwilliger Kindervergewaltigung, Folter, Pädophilie, ethnischer Säuberung und Genozid beteiligen. Sie werden von Jillian Scott Hoy veröffentlicht und vertrieben, die die Satanic Martinet Press leitet, und von ihrem Ehemann Joshua Caleb Sutter verfasst, einem derzeitigen Anführer der Atomwaffen-Division und dem Anführer der satanischen Sekte Tempel of Blood in South Carolina, einem extremistischen Ableger der bereits extremistischen satanischen Ideologie des Order of Nine Angles.
Nach Angaben des Journalisten Nate Thayer:
Mindestens neun Anhänger der Lehren des Ordens der Neun Engel der satanistischen Sekte Temple of Blood bekleiden derzeit wichtige Führungspositionen in der Atomwaffen-Abteilung. Zu ihnen gehören Atomwaffen-Mitglieder aus dem Bundesstaat Washington, Colorado, Virginia, Texas, Massachusetts, Oklahoma, Arizona, South Carolina und anderswo.
Ein Bücherversteck, das einem der Mitglieder gehörte, gibt einen Einblick in die Denkweise der Gruppe. Okkultistische und esoterische Literatur, gemischt mit Nazi- und Neonazi-Klassikern, die von Julius Evola bis Francis Parker Yockey reichen.
James Nolan Mason und SIEGE
Die extreme Gewaltbereitschaft und die Orientierung am esoterischen Nationalsozialismus der AWD lässt sich sicherlich zum Teil durch den Kontakt mit dem US-amerikanischen Neonazi-Veteranen James Nolan Mason (*1952) erklären, einem persönlichen Bekannten des neonazistischen Todeskultführers und mehrfachen Mörders Charles Manson, den die AWD fetischisiert.
Einem Staatsanwalt in einem Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der AWD zufolge repräsentiert Mason „die gewalttätigste, revolutionärste und potenziell terroristischste Ausdrucksform des heutigen Rechtsextremismus“.
Mason erlebte als US-amerikanisches Neonazi-Urgestein eine Art Wiederauferstehung aus der relativen Unbekanntheit. Es ist nicht bekannt, wer von AWD sich wann genau mit Mason zusammengetan hatte, aber sein Kompendium SIEGE wurde in der Folgezeit so etwas wie die Bibel der Gruppe. SIEGE war das Mitteilungsblatt der US-amerikanischen White Supremacist Organisation National Socialist Liberation Front (NSLF), das Mason von 1980 bis 1986 herausgegeben hatte.
Das Buch enthält Nachdrucke der Mitteilungsblätter, in denen Mason willkürliche Angriffe auf die Gesellschaft befürwortet, um sie zu destabilisieren, sowie Masons Korrespondenz mit dem inhaftierten Massenmörder Charles Manson.
In einem verdeckten Interview mit dem Spiegel sagte Mason, dass er nicht in die operativen Angelegenheiten der AWD involviert ist, sondern „nur“ in die ideologische Ausbildung ihrer führenden Kader.

Masons neonazistische Aktivitäten reichen bis in seine Teenagerjahre zurück. Sein Lebenslauf wurde in einem Buch über Savitri Devi von Nicholas Goodrick-Clarke treffend zusammengefasst: - Nicholas Goodrick-Clarke, Hitler’s Priestess: Savitri Devi, the Hindu-Aryan Myth, and Neo-Nazism (New York and London: New York University Press, 1998), 214-215.
Der 1952 geborene Mason verbrachte eine entfremdete Jugend in Ohio, bevor er sich 1966 den Nazis [George Lincoln] Rockwells [American Nazi Party] anschloss. Bis 1968 hatte er einen Vollzeitjob in der Zentrale in Arlington. Als sich die Partei 1970 in verschiedene Fraktionen aufspaltete, blieb Mason zunächst Koehls NSWPP [National Socialist White People's Party] treu, lehnte aber später die Massenstrategie der Wahlwerbung zugunsten des subversiven Terrorismus ab.
Seine Inspiration war Joseph Tommasi (geb. 1951), ein junger Führer der NSWPP in Südkalifornien, der 1974 die National Socialist Liberation Front (NSLF) gegründet hatte. In Anlehnung an die militante Linke rief Tommasi zu einem Guerillakrieg mit rassistischen Morden und direkten Angriffen auf „die jüdische Machtstruktur“ der Vereinigten Staaten auf. Die NSLF unterhielt Überseeverbindungen zur extremistischen britischen Bewegung in England.
Die Befürwortung des bewaffneten Kampfes durch die NSLF sollte in den Vereinigten Staaten ein Jahrzehnt lang keine Entsprechung finden, bis zu den terroristischen Ausschreitungen von The Order Mitte der 1980er Jahre, die auf William Pierces Roman über eine globale weiße Revolution, The Turner Diaries (1978), basieren. 1980 belebte Mason die NSLF (die nach der Ermordung von Tommasi 1975 erloschen war) als Vorreiter neuer militanter amerikanischer weiß-supremistischer Bewegungen wieder, die sich dem bewaffneten Kampf gegen die so genannte zionistische Besatzungsregierung verschrieben hatten.
Mason gab nun die NSLF-Zeitschrift Siege wieder heraus, in der er Gewalt, Rassenkonflikte und einen totalen Krieg gegen das verhasste „System“ predigte. Auf seiner Suche nach extremistischen Vorbildern war Mason als nächstes von Charles Manson (geb. 1934) besessen, dem berüchtigten psychopathischen Mörder, der wegen Verschwörung zu den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate und anderen im Jahr 1969 eine lebenslange Haftstrafe verbüßte. In den späten 1970er Jahren hatte Manson begonnen, im Untergrund einen Kultstatus als oberster Gesetzloser anzunehmen, der direkt gegen eine korrupte Gesellschaft vorging. Er behauptete, das „System“ bringe die Welt um:
Das Überleben der Menschheit hänge von einer einfachen ökologischen Philosophie ab, die auf Luft, Bäumen, Wasser und Tieren basiere. Inzwischen hatte er sich ein Hakenkreuz auf die Stirn geritzt, als Zeichen seines abtrünnigen Geistes. 1982 hatte James Mason Manson als geistigen Führer seiner neuen Nazigruppe, des Universellen Ordens (der Name stammte von Manson), und seines Zerstörungsfeldzugs gegen den angeblichen Irrsinn der liberalen amerikanischen Gesellschaft übernommen.
Das Beharren des Universellen Ordens auf dem Gleichgewicht der Natur, gepaart mit einem Aufruf zu apokalyptischer Gewalt gegen eine verkommene Menschheit, hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit den Ansichten von Savitri Devi. Auf den Seiten von Siege zollte Mason Hitler, Tommasi, Manson und Savitri Devi extravaganten Tribut.
Sonnenkrieg Division

Diese Verweise auf Savitri Devi sind wichtig, um die Namensgebung des britischen Arms der AWD, der Sonnenkrieg-Division, zu verstehen, die im Vereinigten Königreich ausgegraben wurde.
Die Gruppe wurde bekannt, als Andrew Dymock alias „Blitz“ 2018 gemäß Abschnitt 58 des britischen Terrorismusgesetzes (2000) wegen des Besitzes von Material verhaftet wurde, das für eine Person, die einen terroristischen Akt begeht oder vorbereitet, nützlich sein könnte.
Ein Jahr später wurden der 19-jährige Michal Szewczuk aus Leeds und der 18-jährige Oskar Dunn-Koczorowski aus West-London wegen der Verbreitung „abscheulicher und krimineller“ Online-Propaganda zu vier Jahren bzw. 18 Monaten Haft verurteilt. Laut Richterin Rebecca Poulet war das von ihnen verbreitete Material „einheitlich gewalttätig und bedrohlich“ und „die Art der Gewalt schließt Vergewaltigung und Hinrichtung ein“. Ein Mitglied hatte zur Vergewaltigung und Tötung von Babys und Frauen aufgerufen.
AWD in Deutschland
Ein deutscher Ableger der AWD, die Atomwaffen Division Deutschland (AWDD), ist irgendwann im Frühsommer 2018 aufgetaucht.
Ein internes Manifest kündete an, man werde in Deutschland „Gewalt und Töten“ propagieren und „möglichst viele Männer wieder zu Gewalttaten bringen“.
In den letzten Jahren ist die Gruppe in die Schlagzeilen geraten, da mehrere deutsche Politiker Todesdrohungen von Personen erhalten haben, die mit der AWDD in Verbindung stehen, darunter die Grünen-Politiker Claudia Roth und Cem Özdemir. Eine dieser Todesnachrichten, die per E-Mail verschickt wurde, lautete:
Lieber Herr Özdemir,
Sie als linkes türkisches Schwein stehen nun auch auf unserer Todesliste, auf der wir Sie willkommen heißen. Derzeit planen wir, wie und wann wir Sie hinrichten werden…
Mit freundlichen Grüßen
Atomwaffen Division Deutschland
Die deutsche AWD-Abteilung hat mehrere Werbevideos veröffentlicht, von denen eines eine symbolische Bücherverbrennung zeigt, bei der u.a. Werke der Frankfurter Schule oder der Koran verbrannt werden.

Wie in den USA wurden in mehreren deutschen Städten, darunter Kiel, Köln, Berlin und Frankfurt, gewalttätige antisemitische und antimuslimische Flugblätter und Flyer verteilt. In Köln wurden die Flugblätter am Tatort eines der NSU-Morde gefunden und forderten die Menschen auf, Muslime zu töten.
Die AWDD verbreitete ihre Propaganda vorwiegend in sozialen Netzwerken, wie der rechtsextremen Twitter-Alternative gab.com. Auf einem inzwischen gelöschten gab-Profil (@AWDD) war zu lesen:
Der nächste Schritt wird sein, die eigene Zukunft des Kämpfens und Tötens als Soldat der weißen Ethnie entschlossen zu begrüßen. Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe, Breivik, Roof, Bowers, Tarrant; sie sind unter den Ersten. Und ihrem Beispiel wird man folgen.
In einem anderen Gab-Post wird ein „totaler Bürgerkrieg“ gefordert.

Mindestens ein Mitglied aus Deutschland soll an einem Trainingslager in der Wüste von Nevada teilgenommen haben. Experten schätzen, dass die AWD in Deutschland etwa 24 bis 36 Mitglieder hat.
Obwohl ihre Identitäten größtenteils nicht geklärt sind, führt eine Spur nach Thüringen. Nach Recherchen von t-online.de gibt es Hinweise, dass ein Mitglied einer neonazistischen Kampfsportgruppe und Kameradschaft aus Eisenach an einem AWDD-Video beteiligt war. Dieser soll auch an einem Waffentraining in Tschechien teilgenommen haben und sich im Internet über den Umgang mit Sprengstoff und den Bombenbau unterhalten haben.
Am 6. April 2022 schlug der deutsche Staat schließlich zu: In einer bundesweiten Razzia durchsuchten über 1000 Polizisten die Wohnungen von 50 Verdächtigen in 11 Bundesländern.
Diese Aktion richtete sich gegen mehrere rechtsextreme Strukturen – neben der Kampfsportruppe Knockout 51 und der bereits verbotenen Combat 18 auch gegen die „Atomwaffen Division Deutschland“ und eine darauf basierende Online-Zelle namens Sonderkommando 1418.
Laut Bundesanwaltschaft hatten sich bis zu zehn deutsche Rechtsextremisten der hiesigen Atomwaffen-Sektion angeschlossen. Ihr Ziel entsprach dem des US-Vorbilds: einen „Rassenkrieg“ vom Zaun zu brechen, in dem die weiße Bevölkerung obsiegen solle.
Die Gruppe versuchte, gezielt junge Deutsche (z.B. Studenten in Berlin und Frankfurt) mit Flugblättern und Internetpropaganda anzuwerben. Bei den Razzien wurden vier Beschuldigte verhaftet und Waffen sowie umfangreiches rechtsextremes Material sichergestellt (Siehe Oberhalb).
Diese koordinierte Aktion – vom Spiegel als „größter Schlag gegen die militante Neonazi-Szene der letzten Zeit“ bezeichnet erdeutlichte, dass die Atomwaffen-Ideologie auch in Deutschland Fuß gefasst hatte. Die deutschen Ermittler sehen AWD als terroristische Vereinigung an und führten in den Anklagen an, dass deren Ziel die Herbeiführung eines gewaltsamen Umsturzes sei.
Ein wichtiger Aspekt in der Geschichte von AWD ist, wie bereits erwähnt, die Durchdringung mit O9A/ToB-Ideologie. Durch Joshua Sutter und weitere O9A-Anhänger in ihren Reihen radikalisierte sich AWD noch weiter: weg von rein „rassistisch“ motiviertem Terror hin zu einem quasi-religiösen Vernichtungskult.
Diese Synthese machte Schule – neben AWD selbst übernahmen auch Ableger wie die Northern Order in Kanada oder die Feuerkrieg Division (FKD) in Nordeuropa Elemente des satanistischen Neonazismus.
Insgesamt lassen sich AWD und ihre Splittergruppen als Teil eines losen Netzwerks neonazistischer Akzelerationisten sehen, das – häufig online vernetzt – auf den Kollaps der liberalen Gesellschaft hinarbeitet. Aufgrund der internationalen Verflechtungen (AWD hatte Zellen oder Unterstützer in den USA, Kanada, Großbritannien, Deutschland, Skandinavien, Australien u.a.) kooperieren hier auch Strafverfolger über Grenzen hinweg.
[nextpage title="Maniac Murder Cult (MKY/MKU) – Ideologie und Herkunft"]Die Maniac Murder Cult (auch Maniacs Murder Cult, Maniacs: Cult of Killing, abgekürzt MKY/MKU) ist eine internationale, neonazistisch ausgerichtete Terrorgruppe mit Beschleunigungsideologie. Sie propagiert Gewalt gegen „unerwünschte“ Gruppen (z.B. Migranten, Juden, Homosexuelle) und strebt die Zerstörung der bestehenden Ordnung an.
Gründer ist offenbar der ukrainische Neo-Nazi Egor „Maniac“ Krasnov aus Dnipro, der seit 2017/18 unter falschem Namen (Egor Yakovlev) agiert. MKY entstanden um 2018 in Dnipro und breiteten sich später nach Russland und Europa aus.
Zentrale Propagandamittel ist das „Hater’s Handbook”, in dem Schul- und Anschlagspläne beschrieben werden.
Nach Einschätzung der US-Behörden verfolgt die Gruppe das Ziel, „die gesellschaftliche Ordnung […] durch Terrorismus und Gewalttaten zu stören“ und damit Angst und Chaos zu verbreiten.
Elemente von Nationalsozialismus, Rassenhass und satanistischem Okkultismus (Order of Nine Angles) sind kombiniert, meist mit Betonung auf Gewalt und Mystik.
Verbindungen zu anderen extremistischen Gruppen
MKY operiert als Teil eines größeren Beschleuniger-Netzwerks. Es ist eng verbunden mit dem internationalen Neonazi-/Pädophilen-Netzwerk „The Com“ (764).
In MKY-Chats fanden sich direkte Kontakte zu Mitgliedern von 764 (z.B. Codenamen „Xor“ und „Kush“). Auch „No Lives Matter“ (NLM) und weitere ONA-/NSO9A-Gruppen (Atomwaffen-Ableger) gelten als im selben Milieu agierend.
Der ehemalige Leiter der Neonazi-Feuerkrieg Division (FKD) Nicholas Welker stand laut Gerichtsdokumenten seit Juli 2022 mit MKY-Chef Chkhikvishvili in Kontakt.
Zudem fand die US-Ermittler, dass MKY eine Allianz mit der Atomwaffen-Abspaltung NSO9A (National Socialist Order of Nine Angles) eingegangen ist. Die Ideologie von MKY ähnelt jener der Atomwaffen Division und anderer Beschleuniger-Gruppen: man will Gesellschaft durch Terrorakte destabilisieren. Auch staatliche Stellen berichten, dass MKY weltweit Anhänger hat (u.a. in USA, Europa).
Telegram- und Social-Media-Aktivitäten
MKY agiert vorrangig online über geschlossene Kanäle. Auf Plattformen wie Telegram und VKontakte verbreiten die Mitglieder Propagandavideos brutaler Übergriffe (z.B. Prügelattacken auf Obdachlose, Migranten). In diesen Kanälen werden Gewaltverherrlichung und „How-to“-Anleitungen publiziert: Vom Bombenbau bis zum Einsatz von Rizin-Giften reicht das Spektrum.
Mitgliedschaftsvoraussetzung ist laut Quellen, einen solchen Angriff auszuführen und zu filmen. Auch das ominöse Manifest „Hater’s Handbook“ wurde über Social-Media-Kanäle geteilt.
Soziale Medien dienen in der Szene sowohl zur Rekrutierung als auch zur Koordinierung von Aktionen. Die Gruppe selbst inszeniert Gewalt als „Opfergabe“ für ihre rassistische Ideologie.
Konkrete Mitglieder, Anschläge und Ermittlungen
An erster Stelle steht Michail Chkhikvishvili (21), alias “Commander Butcher” oder “Mishka”. Er gilt laut FBI/DOJ als Führer des MKY. Nach US-Anklage plante Chkhikvishvili u.a., sich als Weihnachtsmann zu verkleiden und vergiftete Süßigkeiten an jüdische Kinder in Brooklyn auszuteilen.
Dafür wurde er im Juli 2024 in Moldau festgenommen und im Frühjahr 2025 in die USA ausgeliefert und vor Gericht gestellt.
Die Anklage wirft ihm Verschwörung zu Hassverbrechen und Massenmord vor. Er selbst prahlte in Chats, er habe bereits Morde begangen und wolle weitere verüben.
MKY wird mit mehreren realen Gewalttaten in Verbindung gebracht: Beispielsweise bekannte sich ein Attentäter in Nashville (Antioch High School, Jan. 2025) vor seinem Amoklauf zu MKY und nannte dessen Gründer Krasnov beim Namen.
Die Anklage wirft ihm Verschwörung zu Hassverbrechen und Massenmord vor. Er selbst prahlte in Chats, er habe bereits Morde begangen und wolle weitere verüben.
MKY wird mit mehreren realen Gewalttaten in Verbindung gebracht: Beispielsweise bekannte sich ein Attentäter in Nashville (Antioch High School, Jan. 2025) vor seinem Amoklauf zu MKY und nannte dessen Gründer Krasnov beim Namen.
Auch ein Messerangriff im August 2024 in der Türkei sowie der Mord an einer älteren Frau in Rumänien (April 2022) sollen laut Behörden auf Befehle Chkhikvishvilis zurückgehen.
Der Gründers „Maniac“ Egor Krasnov wurde 2020 in Dnipro festgenommen; russische Ermittler gaben an, er habe mindestens 15 Menschen ermordet.
In Russland kam es 2021/22 zu Razzien gegen MKY-Unterstützer: Offenbar wurden nach Medienberichten rund 187 Tatverdächtige festgenommen, denen Terrorplanungen vorgeworfen wurden..
Die Gruppe findet auch in Deutschland und international breite Berichterstattung. In deutschen Medien (z.B. n-tv, ntv.de) wird MKY als „international extremistische Gruppe mit neonazistischer Ideologie“ beschrieben.
Dort wird hervorgehoben, dass die Anführer genau «Gewalttaten gegen Minderheiten, die jüdische Gemeinschaft und andere Gruppen» propagieren und es wird wörtlich zitiert: Ziel sei, „die gesellschaftliche Ordnung […] durch Terrorismus und Gewalttaten zu stören“
Spezialisierte Extremismusforschende und Antifaschisten analysieren MKY als Teil transnationaler Netzwerke. Das Global Network on Extremism & Technology (GNET) nennt MKY ein Beschleuniger-Netzwerk, das in Verbindung mit 764, „No Lives Matter“ und O9A-Ablegern steht.
[nextpage title="No Lives Matter (NLM)"]No Lives Matter (oft NLM abgekürzt) ist ein dezentrales, online organisiertes Terror-Netzwerk mit satanistisch-nihilistischem und neonazistischem Hintergrund. Die Gruppe propagiert offen menschenverachtende Ideologien – ihre Anhänger bezeichnen sich als radikale Menschenhasser, die „Gewalt, Terrorismus und die Zerstörung der Menschheit“ befürworten.
Der Name „No Lives Matter“ parodiert bewusst die Black Lives Matter-Bewegung, um maximale Provokation zu erzielen. NLM glorifiziert in ihren Manifesten den Tod und ruft zu wahllosen Tötungsaktionen auf, um die Menschheit zu „läutern“.
Die Gruppe hat mindestens zwei sogenannte “Kill Guides” (Mordanleitungen) veröffentlicht, die direkt mit realen Gewalttaten und Anschlagsplänen in Europa und den USA in Verbindung stehen.
So werden etwa Messerattacken, Brandanschläge, Amokläufe und Auftragsmorde von NLM-Ideologen als erstrebenswerte Taten dargestellt.
Entsprechend verwundert es nicht, dass NLM-Anhänger innerhalb weniger Monate durch extreme Gewalttaten aufgefallen sind: In Stockholm stach ein 14-jähriger Junge unter dem Pseudonym „Slain764“ im Oktober 2024 acht Passanten nieder, , und auch in anderen Ländern (u. a. Italien, Großbritannien, USA) wurden Anschlagspläne vereitelt, bei denen NLM-Schriften wie die “Kill Guides” als Inspiration dienten.
NLM agitiert vorwiegend im Verborgenen auf geschlossenen Online-Plattformen (z. B. Telegram) und verbreitet dort Gewalt-Anleitungen, Ratgeber zu Verkleidung, Opferauswahl, Rekrutierung und Strafvermeidung.
Die Rekrutierung neuer Mitglieder erfolgt über extremistische Online-Subkulturen wie den „True Crime Community“-Foren und elitäre Gewalt-Chats; Voraussetzung für die Aufnahme ist laut einem US-Behördenreport sogar die Selbstverletzung durch tiefe Schnitte als blutiger Initiationsritus.
Sicherheitsbehörden rund um den Globus verfolgen NLM inzwischen mit hoher Priorität. So berichtet das US-Justizministerium, dass NLM bzw. das Umfeld der „764-Community“ intern als „Tier One“ Terrorismusbedrohung – also höchste Gefahrenstufe – eingestuft wird.
Extremismusforscher warnen insbesondere, dass NLM mangels fester Struktur oder klarer Ideologie schwer zu bekämpfen sei.
Vielmehr handelt es sich um einen amorphen Zusammenschluss von Gewaltextremisten, die via Internet einander zu immer brutaleren Taten anstacheln, um in ihren Kreisen Ansehen zu erlangen.
NLM ist eng verflochten mit einem größeren kriminellen Online-Netzwerk, das unter dem Namen “764” bzw. “the Community” bekannt ist.
Aus diesem Netzwerk – ursprünglich als globaler Sextortion- und Erpresserring gestartet – ist NLM als besonders gewaltorientierte Abspaltung hervorgegangen.
Die enge Bindung zeigt sich auch daran, dass NLM sich in seinen Propagandabotschaften als „Kinder des Feuers“ bezeichnet, die den Auftrag hätten „gewöhnliche Menschen in jeder Dimension“ zu töten – ein Vokabular und Weltbild, das in der 764-Community ähnlich verbreitet ist.
So bezeichnete ein führender 764-Anhänger das Ermorden eines Opfers im Chat mittlerweile als jemanden “totzobben” – in makabrer Anlehnung an den NLM-Attentäter “Tobbz”, der seine Morde live im Internet streamte.
Diese terminologischen Überschneidungen verdeutlichen, wie eng NLM und 764 ideologisch verzahnt sind und einander wechselseitig aufstacheln.
[nextpage title="Verbindungen nach Deutschland: Knockout 51 / AWD Netzwerke"]Knockout 51 (KO51) war eine rechtsextremistische, militante Kampfsportgruppe aus Eisenach (Thüringen). Der Name verweist auf das Kfz-Kennzeichen von Eisenach („EA“ = 5/1 im Alphabet). Die Gruppe entstand spätestens 2019 im Umfeld der Thüringer NPD und radikalisierte junge, nationalistisches Gedankengut teilende Männer.
Unter dem Deckmantel gemeinsamer Kampfsport-Trainings rekrutierte KO51 gezielt gewaltbereite Neonazis, indoktrinierte sie mit rechtsextremer Ideologie und bildete sie für Straßenkämpfe aus.
Ihr erklärtes Ziel wandelte sich von der Etablierung einer vigilanten „Ordnungsmacht“ in einem selbst kontrollierten „Nazi-Kiez“ in Eisenach hin zur gezielten Tötung politischer Gegner (insbesondere aus der linken Szene) ab spätestens April 2021.Mit brutalen Übergriffen auf politische Feinde und Polizei – darunter Knochenbrüche und Angriffe auf Büros der Linken – versuchte KO51, dieses Ziel umzusetzen.
Die Struktur der Gruppe war konspirativ und straff geführt: Etwa zehn Kernmitglieder trainierten regelmäßig in der NPD-Parteizentrale („Flieder Volkshaus“) in Eisenach unter Leitung von Leon R., dem Kopf der Gruppe.
Öffentlich traten KO51-Mitglieder u.a. als aggressive Ordner bei Querdenker-Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen auf, wo sie gezielt Zusammenstöße mit Polizeikräften und politischen Gegnern provozierten.
Die AWDD – ein Ableger der US-Atomwaffen Division – propagiert einen beschleunigten „Rassenkrieg“ und diente als terroristisches Netzwerk zur Rekrutierung deutscher Neonazis (u.a. mittels Flugblättern an Universitäten).
Ideologisch teilte KO51 mit AWD/AWDD den Neonazi-Akzelerationismus: Demokratie und Gesellschaft sollen durch maximales Chaos und Terror gewaltsam zum Kollaps gebracht und eine nationalsozialistische „Ordnung“ erzwungen werden.Entsprechend hat KO51 bundesweit mit anderen rechtsextremen Kampfsportgruppen kooperiert und sich ab 2020 zunehmend als Teil eines rechten Terror-Netzwerks verstanden.
Überschneidungen mit der Atomwaffen Division (AWD)
Knockout 51 war eng vernetzt mit der internationalen rechtsterroristischen Szene. Insbesondere bestehen personelle und ideologische Verbindungen zur Atomwaffen Division (AWD), einer 2015 in den USA gegründeten neo-nazistischen Terrorzelle. KO51-Anführer Leon R. suchte ab 2017 über das Iron-March-Forum Kontakt zu AWD-Aktivisten und galt als Befürworter von Holocaust und Hitler.
In einschlägigen Onlineforen teilte er Bauanleitungen für Bomben und den Erwerb von Munition.Ermittler vermuten, dass Leon R. maßgeblich an Aufbau und Propaganda der deutschen AWD-Sektion (Atomwaffen Division Deutschland, AWDD) beteiligt war.
So wurde ein von ihm produziertes Neonazi-Video identifiziert, das auch im AWD-Propagandafilm (Juni 2018) auftauchte, was ihn als möglichen Mitgründer der AWDD erscheinen ließ. Laut Thüringer Verfassungsschutz unterhielt Leon R. zudem Verbindungen zur britischen Combat 18 und zu einschlägig bekannten Rechtsextremisten im In- und Ausland (u.a. Teilnahme an Schießtrainings in Tschechien und Kontakte zum ukrainischen Regiment Asow).
Mindestens drei KO51-Kader (Leon R., Bastian A., Maximilian A.) wurden bei einer großangelegten Razzia 2022 gleichzeitig als mutmaßliche Mitglieder der AWDD festgenommen.
Ideologisch teilt KO51 mit AWD/AWDD den Neonazi-Akzelerationismus: Demokratie und Gesellschaft sollen durch maximales Chaos und Terror gewaltsam zum Kollaps gebracht und eine nationalsozialistische „Ordnung“ erzwungen werden.
Okkulter Extremismus: Order of Nine Angles und das Netzwerk „764“
Ein weiterer gefährlicher Überschneidungsbereich von KO51 und AWD ist die Verbindung zur okkult-satanistischen Neonazi-Ideologie der Order of Nine Angles (O9A). Die O9A entstand in Großbritannien und vertritt eine extremistische „Left-Hand-Path“-Lehre, die Nationalsozialismus mit Satanismus verknüpft. Sie predigt die völlige Aufhebung moralischer Grenzen („Sinister Tradition“), inklusive Ritualmorden, sexualisierter Gewalt gegen Kinder und gezielter Unterwanderung von Institutionen, um Chaos zu stiften.
Diese verstörenden Ideen fanden Eingang in AWD-Kreise: Unter Führung von Personen wie John Cameron Denton (AWD-Anführer mit Pseudonym „Rape“) übernahm die Atomwaffen Division O9A-artige Vorstellungen eines elitären, destruktiven Kults.
Der AWD-Propagandist Joshua Sutter – selbst langjähriger O9A-Aktivist und Kopf der O9A-Zelle „Tempel ov Blood“ – veröffentlichte entsprechende Schriften und beeinflusste die globale AWD-Bewegung stark.Dadurch verbreitete sich die O9A-Ideologie weltweit in der militant-neonazistischen Szene und inspirierte Gewalttaten in diversen Ländern.
Knockout 51 war zwar primär eine gewaltsame Straßenkampf-Truppe, doch durch ihre Einbindung in das AWD-Netzwerk wurden ihre Mitglieder indirekt mit den okkult-terroristischen Gedankengut der O9A konfrontiert. Überschneidende Akteure verstärken diese ideologische Melange: So traf Leon R. persönlich auf AWD-Anführer Denton und Sutter bei Online-Aktivitäten und zeigte Interesse an deren Schriften.
Dieses toxische ideologische Gemisch aus Neonazismus, Gewaltkult und Okkultismus bildet den Hintergrund, vor dem KO51 agierte.
Eng verbunden mit O9A ist das berüchtigte Netzwerk „764“, das in jüngster Zeit in den Fokus internationaler Ermittlungen geriet. 764 ist ein dezentrales, transnationales Online-Netzwerk von neonazistischen Satanisten, das enge Bezüge zur O9A-Szene aufweist.
Es machte ab 2021 Schlagzeilen als Kinder- und Jugend-“Sextortion”-Ring, in dem Mitglieder Minderjährige durch Erpressung zu sexuellen Handlungen und Selbstverletzungen zwingen. Dabei bedienen sich die Täter gezielt der O9A-Ästhetik und Symbolik und betrachten den Missbrauch als ultimativen Ausdruck ihrer nihilistischen Ideologie. Die Grausamkeit reicht von der Aufforderung an Opfer, sich die Pseudonyme der Täter in die Haut zu ritzen („Cutsigns“ genannt) bis hin zu dokumentiertem Kindesmissbrauch, Entführungen und sogar Mord.
International sind bereits über ein Dutzend Beteiligte des 764-Netzwerks in den USA, Europa und Brasilien festgenommen worden. Besonders brisant: Schlüsselfiguren der AWD/O9A-Szene förderten 764 aktiv. So wies eine WIRED-Untersuchung nach, dass Joshua Sutter persönlich die Entstehung von „764“ unterstützt hat.
Mitglieder dieses Netzwerks verfügten teils über Propagandamaterial und Tätowierungen des Tempel ov Blood (Sutters O9A-Zweig). Die Verflechtung zeigt exemplarisch, wie Neonazi-Terrorgruppen, okkulte Sekten und extreme Gewaltverbrechen miteinander einhergehen. Zwar gibt es keine Hinweise, dass KO51-Mitglieder selbst an 764-Verbrechen beteiligt waren; doch die ideologischen Überschneidungen (die Glorifizierung grenzenloser Gewalt und Menschenverachtung) und der Personalaustausch in diesen Szenen verdeutlichen, in welch radikalisiertem Milieu sich KO51 bewegte.
Deutsche Sicherheitsbehörden haben mit verstärktem Druck auf Gruppen wie Knockout 51, AWDD und O9A-Zirkel reagiert. Am 6. April 2022 erfolgte ein bundesweiter Großeinsatz gegen die militante Neonazi-Szene: Über 1.000 Polizisten (darunter Spezialkräfte des BKA) durchsuchten mehr als 50 Objekte in 11 Bundesländern.
Diese koordinierte Razzia richtete sich u.a. gegen Mitglieder von Knockout 51, der verbotenen Combat 18 und der Atomwaffen Division Deutschland sowie der Online-Gruppe „Sonderkommando 1418“.
Vier Verdächtige aus dem KO51-Umfeld – darunter Leon R. – wurden dabei festgenommen. Die Bundesanwaltschaft erhob im Mai 2023 Anklage gegen insgesamt vier KO51-Mitglieder. Vorgeworfen wurde ihnen neben mehrfacher gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Waffen- und Sprengstoffdelikten vor allem die Gründung bzw. Mitgliedschaft in einer kriminellen und terroristischen Vereinigung.
Dieser ungewöhnliche Doppelvorwurf (StGB §129 und §129a) spiegelte den Verdacht der Ermittler wider, KO51 habe sich spätestens ab 2021 zu einer terroristischen Zelle entwickelt. Im August 2023 ließ das Thüringer Oberlandesgericht (OLG Jena) die Anklage zum Teil zu, stufte KO51 jedoch nicht als terroristische, sondern nur als kriminelle Vereinigung ein.
Folglich wurde das Hauptverfahren an das Landgericht Gera verwiesen. Am 1. Juli 2024 verkündete der Staatsschutzsenat des OLG Jena im ersten Prozess mehrjährige Haftstrafen (zwischen rund 2 und 3½ Jahren) gegen die vier Angeklagten wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und diverser Körperverletzungsdelikte.
Eine Einstufung als terroristische Organisation lehnte das Gericht ab, was zu milderen Strafen führte als von der Bundesanwaltschaft gefordert.
Der Generalbundesanwalt (GBA) legte gegen dieses Urteil Revision ein, da er KO51 sehr wohl als terroristische Gruppierung betrachtet und entsprechend höhere Strafen (4 bis 7 Jahre) gefordert hatte.
Das Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof läuft derzeit (Stand Mitte 2025) und wird klären, ob KO51 nach Rechtsauffassung der höchsten Gerichtsinstanz terroristische Qualität besitzt. Parallel dazu laufen weitere Ermittlungen gegen das KO51-Netzwerk. Im Dezember 2023 wurden erneut drei Verdächtige in Eisenach festgenommen – darunter zwei mutmaßliche KO51-Mitglieder und ein Unterstützer aus der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Heimat“ (ehemals NPD).
Die Bewertung der Behörden spiegelt die hohe Gefährlichkeit von Knockout 51 wider. Verfassungsschutzberichte stufen KO51 als rechtsextremistische Kampfsportvereinigung mit erheblichem Gewaltpotential ein. Innenministerin Nancy Faeser betonte 2022, der Kampf gegen Rechtsterror habe oberste Priorität, und begrüßte das konsequente Vorgehen gegen Gruppen wie KO51 als „mächtiges Schwert zum Schutz unserer demokratischen Grundordnung“.
Insgesamt zeigt der Fall Knockout 51, wie eng lokale Neonazi-Gruppen mit transnationalen Terror-Netzwerken verwoben sind – von klassischen Neonazi-Terrorzellen (Atomwaffen Division) bis zu bizarren okkulten Netzwerken (O9A/„764“). Der deutsche Staat reagiert mit harter Strafverfolgung und Verboten, um dieser neuen Generation gewaltbereiter Rechtsextremisten Herr zu werden.
[nextpage title="Verbindungen nach Deutschland: Sächsische Separatisten / AWD Netzwerke "]Die Verbindungen zwischen der AfD und rechtsextremen Netzwerken in Deutschland, insbesondere in Sachsen, werfen ein beunruhigendes Licht auf die militante Radikalisierung innerhalb der Partei und ihrer Unterstützerkreise.
Ermittlungen und geleakte Dokumente legen offen, wie eng Mitglieder der Partei mit rechtsterroristischen Gruppierungen wie den sogenannten „Sächsischen Separatisten“ (SS) vernetzt sind.
Diese Gruppierung plante laut Verfassungsschutz nicht weniger als eine bewaffnete Revolte, einschließlich der gewaltsamen „Eroberung“ von Gebieten in Sachsen und darüber hinaus.
Dabei zeigten sich ideologische Überschneidungen mit der AfD, etwa durch fremdenfeindliche Rhetorik und die Verherrlichung von Gewalt.
Dieser Teil der Recherche beleuchtet die Aktivitäten und Pläne einer rechtsextremen Gruppierung, die als "Sächsische Separatisten" bekannt wurde und deren Mitglieder einen gewaltsamen Umsturz in Sachsen und gezielte Aktionen gegen Minderheiten vorbereiteten.
Durch die Unterstützung internationaler Sicherheitsbehörden wie dem FBI konnten wesentliche Informationen zusammengetragen werden, die das Vorgehen und die Gefährdungspotenziale dieser Gruppe aufzeigen.
Die folgenden Ausführungen zielen darauf ab, ein tieferes Verständnis der ideologischen Motive, der Strategien und der Vernetzungen solcher Gruppierungen zu schaffen, um die Bedrohungslage und mögliche Gegenmaßnahmen besser einschätzen zu können.
Wehrsport und Tag X
Der ehemalige Flugplatz Brandis-Waldpolenz, etwa zwölf Kilometer östlich von Leipzig, zieht aufgrund seiner verlassenen Hangars, Bunker und Kasernen gelegentlich Wanderer und Hobbyhistoriker an, die diesen „Lost Place“ erkunden.
In jüngerer Zeit jedoch entdeckten auch rechtsextreme Kreise die Ruinen als idealen Rückzugsort für ihre Aktivitäten. Nach Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nutzten mehrere Männer das Gelände im Sommer, um dort den Häuserkampf zu trainieren.
Einige Mitglieder der Gruppe sollen in Polen und Tschechien auch Schießübungen mit scharfen Waffen durchgeführt haben.
Ein sichergestelltes Video zeigt den mutmaßlichen Kopf der Gruppierung, Jörg Schimanek, dabei, wie er mit einem AR-15-Gewehr feuert. Diese Aufnahmen und weiteren Beweismaterialien führten am zur Festnahme des 24-jährigen Jörg Schimanek nahe der deutsch-polnischen Grenze in Zgorzelec. Zeitgleich wurden sieben weitere Männer im Alter von 21 bis 25 Jahren verhaftet.
Wer sind die sächsischen Separatisten?
Der Generalbundesanwalt sieht Jörg Schimanek, als Anführer der Gruppe. Obwohl seine Heimatstadt Brandis im Landkreis Leipzig liegt, wurde Schimanek in der polnischen Stadt Zgorzelec festgenommen.
Noch im Jahr 2020 sprach er in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung über seine Ausbildung bei der Firma „Sachsen-Obst“.
Junge Alternative, Treffen mit Höcke, Aufbau der Terrorgruppe
Damals erwähnte er, dass er ursprünglich nach dem Abitur zur Bundeswehr wollte. Spätestens im Jahr 2022 fand Schimanek jedoch Anschluss bei der „Jungen Alternative“ (JA).
Am 21. Mai des Jahres wurde er zusammen mit anderen mutmaßlichen Mitgliedern der inzwischen aufgelösten Gruppierung in Grimma beim Besuch von Björn Höcke abgelichtet.
In seiner aktuellen Lage wird Schimanek von Martin Kohlmann, einem Chemnitzer Rechtsanwalt mit Verbindungen zur Neonazi-Szene und Vorsitzenden der „Freien Sachsen“, vertreten. Kohlmann äußerte sich am Tag der Festnahme auf seinem Telegram-Kanal. Dort schrieb er, dass er einem Mandanten helfen werde, der angeblich „aus dem Görlitzer Teil östlich der Neiße“ „verschleppt“ worden sei.
Jörg Schimanek auch bekannt als Hunter M. Waffenkäufe, Waffentraining, Panzerplatten für Schusswesten, direkte Kontakte zu AWD
Jörg Schimanek, der sich in den Chats unter dem Pseudonym „Hunter M.“ ausgibt, spielt eine zentrale Rolle im Aufbau und der Koordination eines rechtsextremen Netzwerks, das sowohl ideologische als auch logistische Aktivitäten verfolgt. Als Anführer der „Sächsischen Separatisten“ (SS) arbeitete er unermüdlich daran, diese Gruppe zu einer lokalen Zelle in einem internationalen Neonazi-Netzwerk zu entwickeln. Seine Verbindungen erstrecken sich von Österreich bis in die Ukraine und die USA, was ihn zu einer Schlüsselfigur in der globalen rechtsextremen Szene macht.
Waffen, Waffentraining, Panzerplatten für Schusswesten
In den Chatprotokollen (liegen vor) wird deutlich, dass Schimanek gezielt militärische Ausrüstung organisiert und vertreibt. Er bietet ballistische Schutzplatten aus Österreich an, die in der Lage sind, Schüsse von 5.56 NATO- und 7.62x51-mm-Munition abzuwehren. Dabei zeigt er sich als pragmatischer Händler, der bereit ist, die Platten auch in größere Mengen zu liefern, und nennt unter anderem den Versand von fünf Kilogramm Platten von Österreich in die Ukraine. In den Chats betont er, dass er die Ausrüstung privat und nur an Personen verkauft, die er kennt, was auf eine bewusst abgeschottete und konspirative Vorgehensweise hindeutet.
Seine Kontakte gehen über Europa hinaus. Er pflegt eine Freundschaft mit dem US-Neonazi Drew Lawrence B., der der „Vorherrschaft Division“ angehören soll. Beide trafen sich im Dezember 2022 in Deutschland, und B. postete später ein Foto von sich auf dem Flugplatz in Brandis, wo er den Hitlergruß zeigte.
Diese Verbindung unterstreicht Schimaneks Bestreben, die „Sächsischen Separatisten“ als Teil eines größeren internationalen Netzwerks zu positionieren. In einer weiteren Chatgruppe vernetzte sich Schimanek zudem mit dem kroatischen Neonazi Noah L., einem ehemaligen Mitglied der „Feuerkriegs Division“, die eng mit der berüchtigten „Atomwaffen Division“ verknüpft ist.
Internationale Netzwerke: USA, England und Ukraine
Dieser Teil der Recherche beleuchtet die internationalen Verbindungen der „Sächsischen Separatisten“ und zeigt auf, wie tief die rechtsextreme Szene in ein globales Netzwerk eingebunden ist, das sich über Europa und die USA erstreckt.
Ein zentraler Akteur in diesen Verbindungen ist Drew Lawrence B., ein US-amerikanischer Neonazi und Mitglied der rechtsextremen „Vorherrschaft-Division“.
Diese Gruppierung, bekannt für ihre rassistische und antisemitische Ideologie, agiert als Teil eines internationalen Netzwerks, das enge Verbindungen zu Organisationen wie der „Atomwaffen Division“ und der „Feuerkriegs Division“ pflegt. Drew Lawrence B. spielte eine wichtige Rolle in der Unterstützung der „Sächsischen Separatisten“ und reiste mehrfach nach Deutschland, um die Gruppe zu treffen und strategisch zu unterstützen.
Im Dezember 2022 kam es zu einem Treffen zwischen Drew Lawrence B. und dem Anführer der „Sächsischen Separatisten“, Jörg Schimanek, auf einem verlassenen Militärgelände in Sachsen.
Bundestag als Anschlagsziel ausgespäht
Fotos aus dieser Zeit zeigen Drew Lawrence B. beim Hitlergruß, ein klarer Hinweis auf seine ideologische Ausrichtung und seine Identifikation mit nationalsozialistischer Propaganda. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, um sich in rechtsextremen Kreisen in Sachsen zu vernetzen. Besonders brisant: In mehreren Chatgruppen prahlte er damit, Sicherheitslücken am Berliner Bundestag erkundet zu haben, und behauptete, die Rückseite des Gebäudes sei „beinahe unbewacht“.
Ebenso engagierte sich Drew Lawrence B. auch auf internationaler Ebene, wie seine mutmaßliche Teilnahme am Krieg in der Ukraine zeigt. Unter dem Rufnamen „Titanic“ soll er dort im Jahr 2023 auf einer der Kriegsseiten aktiv gewesen sein.
Rechtsterroristen und Anschlagspläne als Bindeglied
Die engen Verbindungen zwischen deutschen und internationalen rechtsextremen Netzwerken unterstreichen die globale Dimension dieser Bedrohung. Die „Sächsischen Separatisten“ versuchten, sich als lokale Zelle in einem global agierenden Netzwerk zu etablieren, wobei Akteure wie Drew Lawrence B. als Bindeglieder fungierten.
Seine Reisen, ideologische Ausrichtung und militärische Aktivitäten zeigen, wie eng diese Netzwerke verknüpft sind und wie gefährlich sie für die politische Stabilität und öffentliche Sicherheit werden können.
Entstehung und Ziele der „Sächsischen Separatisten“
Die Gruppierung formierte sich offenbar Anfang der 2020er Jahre in Sachsen und umfasste schätzungsweise 15 bis 20 Mitglieder. Ihren Namen leiteten sie daraus ab, dass sie im Falle eines erwarteten Kollaps der staatlichen Ordnung separat ein eigenes Herrschaftsgebiet in Sachsen errichten wollten. Laut Bundesanwaltschaft bereitete sich die Zelle konspirativ auf diesen „Tag X“ vor, um dann einen nationalsozialistischen Staat zu etablieren. Ideologisch orientierte man sich an dem neonazistischen Akzelerationismus: In internen Chats forderte der Anführer etwa, Deutschland müsse „vollständig ins Chaos stürzen“, bevor „etwas Normales“ wieder entstehen könne. In diesem Zusammenhang fantasierte er von einem „weißen Dschihad“, also einem gewalttätigen „Heiligen Krieg“ zur Rettung der „weißen Rasse“.
Die Gruppe nutzte für ihre Radikalisierung und Planung vor allem die Plattform Telegram und war Teil des dortigen rechtsextremen Netzwerks („Terrorgram“). Über diese digitale Vernetzung ergaben sich Kontakte zu Gleichgesinnten im In- und Ausland, während man parallel auch Offline-Aktivitäten durchführte, z.B. paramilitärische Übungen in Sachsen.
- Jörg Schimanek (Jörg S.) – Gilt als Rädelsführer der Gruppe. Der 24-Jährige aus Brandis (Landkreis Leipzig) war ideologischer Kopf und Organisator. Er kommunizierte unwissentlich über Telegram mit einem FBI-Informanten, der sich als Gesinnungsgenosse ausgab. Dies führte letztlich zu seiner Verhaftung im November 2024 zusammen mit sieben Komplizen. Schimanek präsentierte sich in den Chats zeitweise als „Rekrutierer“ eines deutschen Ablegers der Atomwaffen Division, was auf seine Vernetzung mit der internationalen Neonazi-Szene hindeutet. Politisch war Jörg S. zuvor in der AfD-Jugend aktiv – auf einem Foto von 2022 ist er gemeinsam mit Björn Höcke und anderen JA-Mitgliedern zu sehen.
- Jörn Schimanek – Bruder des Anführers, ebenfalls festgenommen. Er reiste Anfang 2024 zum internationalen Neonazi-Treffen „Tag der Ehre“ in Budapest (Gedenkmarsch rechtsextremer Gruppen) und wurde dort von Beobachtern als Teilnehmer identifiziert. Seine Präsenz bei diesem Treffpunkt europäischer Neonazis verdeutlicht die grenzüberschreitenden Kontakte der Gruppe.
- Kurt Hättasch – Kommunalpolitiker (AfD-Stadtrat in Grimma) und bis Ende Oktober 2024 sogar Schatzmeister der sächsischen AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ar. Er wurde bei der Razzia im November 2024 verhaftet. Hättasch war offenbar bewaffnet – bei seiner Festnahme zeigte er eine Langwaffe und wurde von der Polizei angeschossen. Seine Beteiligung unterstreicht die brisante personelle Überschneidung zwischen militanten Neonazis und der AfD. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe schloss die AfD Hättasch aus der Partei aus.
Finanzierungsquellen und -methoden
Trotz ihres relativ kleinen Kreises verfügten die „Sächsischen Separatisten“ über bemerkenswerte finanzielle Mittel und Beschaffungswege. Ihre Finanzierungsquellen lassen sich in legale Zuwendungen, illegale Geschäfte und Szenenetzwerk-Hilfe unterteilen:
Private Geldgeber aus der Szene: Ein prominentes Beispiel ist der ehemalige Berliner CDU-Finanzsenator Peter Kurth, der der Gruppe (nach eigener Aussage unwissentlich) einen Kredit von 100.000 € zukommen ließ. Kurth bestätigte, im Januar 2024 einem Bekannten (Kevin R.) und zwei „seiner Kollegen“ dieses Darlehen für ein Immobilienprojekt gegeben zu haben. Mit dem Geld kaufte die Gruppe ein dreistöckiges Haus im sächsischen Grimma, das laut Ermittlern als rechtsextremer Szenetreff und Rekrutierungsort dienen sollte. Kurth bestreitet, von der terroristischen Zielsetzung gewusst zu haben, und bezeichnete die Enthüllung als „So ein Mist“.
Bemerkenswert ist, dass Kurth bereits zuvor als Geldgeber in der rechtsextremen Szene auffiel: Zwischen 2019 und 2022 überwies er insgesamt rund 240.000 € an Firmen der Identitären Bewegung, um deren Immobilienprojekte in Ostdeutschland und ein Zentrum in Österreich mitzufinanzieren. Diese Verflechtung illustriert, wie Personen aus dem bürgerlichen Lager als Finanziers für rechtsextreme Netzwerke auftreten und so auch radikalere Gruppen indirekt stärken.
Einnahmen durch illegale Aktivitäten: Die Separatisten hatten konkrete Pläne, sich durch Waffen- und Militärausrüstungs-Handel zu finanzieren. Anführer Jörg S. war aktiv in den Verkauf von Waffenteilen und Ausrüstung involviert.
Er nutzte z.B. Online-Kleinanzeigenportale und den Telegram-Kanal „Völkischer Flohmarkt“ (einen szenebekannten Marktplatz) zum Anbieten von Gegenständen. Konkret verkaufte oder vermittelte er u.a. Schalldämpfer, Magazine für Sturmgewehre und schusssichere Westen.
Der Wert allein der gehandelten Schutzwesten wird auf etwa 50.000 € geschätzt. Einen Schalldämpfer verkaufte Jörg S. an den genannten Österreicher Alfred K., der als Sprengstoffexperte fungierte. Auch organisierte Alfred K. für die Gruppe einen Beschusstest von ballistischen Platten russischer Herkunft, vermutlich um die Qualität von beschaffter Schutzausrüstung zu prüfen.
Die Einnahmen aus diesen Waffendeals flossen mutmaßlich in den Ausbau der Gruppenausstattung und die Finanzierung ihrer Vorhaben. Darüber hinaus horteten die Mitglieder Wertgegenstände: Bei Razzien fanden Ermittler größere Mengen Edelmetall – u.a. 400 Silbermünzen und zwei Goldbarren – versteckt in Objekten der Beschuldigten. Dies deutet darauf hin, dass die Gruppe Bargeld in krisensichere Sachwerte umwandelte, um ihre Mittel zu verschleiern oder für einen Zusammenbruch des Systems zu sichern.
| Finanzierungsweg | Beschreibung & Beispiele | Quellen-Nachweis |
|---|---|---|
| Private Geldgeber (Spenden/Darlehen) | Unterstützung durch Sympathisanten aus Politik und Szene. Beispielsweise 100.000 € Kredit von Peter Kurth zur Finanzierung eines Neonazi-Treffs in Grimma Kurth finanzierte zuvor auch identitäre Projekte in sechsstelliger Höhe. | „Kurth […] einen Kredit in Höhe von 100.000 Euro […] Haus für einen Szenetreff gekauft“. Kurth zuvor ~240.000 € an Identitäre überwiesen. |
| Illegale Geschäfte (Waffenhandel) | Vertrieb von Waffen, Munition und Militärausrüstung zur Geldbeschaffung. Anführer Jörg S. verkaufte u.a. Schalldämpfer, Sturmgewehr-Magazine und Schutzwesten über Online-Plattformen; Wert der verkauften Westen ~50.000 €. Einnahmen dienten der Gruppenfinanzierung. | „durch den Handel mit Militärausrüstung und NS-Devotionalien zu finanzieren“; Jörg S. verkaufte Schalldämpfer, Magazine, Westen (Wert ~50.000 €). |
| Handel mit NS-Devotionalien | Verkauf von nationalsozialistischen Memorabilia (Uniformteile, Orden, Propagandamaterial) über szenenahe Kanäle wie den Telegram-Channel „Völkischer Flohmarkt“. Diente als zusätzliche Einnahmequelle und zur Ausstattung von Sympathisanten. | „Jörg S. war […] involviert, wobei er Plattformen wie […] ‘Völkischer Flohmarkt’ nutzte“ (Handel mit NS-Devotionalien als Finanzierungsquelle). |
| Unterstützung durch Netzwerke (Sachleistungen) | Materielle Hilfe von rechtsextremen Netzwerken im In- und Ausland. Beispielsweise stellte die österr. Familie Schimanek ein Safehouse und ein Waffenlager (30 kg Munition, Ausrüstung) bereit. Szenekontakte vermittelten zudem Ausrüstungstests (Alfred K. testete ballistische Platten). | „Forsthaus […] sollte als Stützpunkt dienen. Dort wurde ein großes Waffenlager ausgehoben […] 30 kg Munition […] sowie […] Ausrüstungsgegenstände […]“. |
| Legale Einkünfte der Mitglieder | Nutzung eigener Gehälter/Vergütungen zur Beschaffung von Ausrüstung. Einige Mitglieder hatten Einkommen (z.B. aus Bundeswehr, kommunalen Ämtern) und investierten dies in Fahrzeuge, Kommunikationstechnik, Reisen (etwa Treffen in Wien) oder kauften legal Waffen/Munition (durch Jagdschein, Reservistenstatus) für die Gruppenzwecke. | Ein Mitglied (AfD-Politiker, Jäger) besaß legal Waffen – bei Festnahme mit Langwaffe gestellt. Bundeswehrsoldaten erhielten Ausbildung und ggf. Ausrüstung, bevor sie entlassen wurden. (Indirekte Finanzierung durch Know-how und legale Ausstattung) |
Die Terrorzelle mit Kontakten zu AWD und Order of Nine Angles
Über soziale Medien – vor allem Telegram – suchte Schimanek alias „Hunter M.“ gezielt Anschluss an die globale Neonazi-Szene. Er vernetzte sich mit rechtsextremen Extremisten aus dem Ausland und zeigte dabei besonderes Interesse an Gruppierungen wie der Atomwaffen Division und der Order of Nine Angles.
Interne Chat-Protokolle, die Ermittler sicherstellen konnten, deuten darauf hin, dass Schimanek in geschlossenen Kanälen der AWD kommunizierte und sich dort bis März 2023 als “Hunter M.” betätigte.
In diesen Chats soll es um Waffenkäufe, Sprengstoff und die Vorbereitung eines „weißen Dschihad“ (so die Welt am Sonntag) gegangen sein.
Ein bekannt gewordenes Video zeigt Schimanek sogar beim Training mit einem AR-15-Sturmgewehr – ob diese Aufnahmen in Deutschland oder im Ausland entstanden, ist unklar, da der Erwerb einer solchen Waffe hier illegal wäre. Die „Sächsischen Separatisten“ standen offenbar auch im Austausch mit anderen militanten Neonazi-Zirkeln im In- und Ausland, möglicherweise einschließlich 764-bezogener Chats (Andeutungen in sozialen Netzwerken verweisen zumindest auf 764- und O9A-Bezüge in den Chatlogs).
Ideologisch verfolgte die Gruppe um Schimanek eine klassische rechtsterroristische Akzelerationismus-Strategie: Man wollte auf den Tag X warten – oder diesen durch Provokationen beschleunigen – um dann mit vorbereiteten Waffen und Strukturen einen neuen Nazi-Staat zu erzwingen.
Verbindungen und Überschneidungen mit der AfD
Die Alternative für Deutschland ist zwar primär eine parlamentarische Partei, doch Teile von ihr stehen ideologisch der rechtsextremistischen Szene nahe. Der oben beschriebene Fall in Sachsen – drei involvierte AfD-Mitglieder in einer mutmaßlichen Terrorzelle – verdeutlicht diese personellen Verflechtungen.
In der Vergangenheit gab es mehrfach Überschneidungen zwischen AfD-Personal und militanten Netzwerken. So waren AfD-Leute in den Chatgruppen des Prepper-Netzwerks “Nordkreuz” aktiv, das Todeslisten von politischen Gegnern führte und Waffen sowie Munition für den Tag X hortete.
Auch bei der im April 2022 ausgehobenen Gruppe Knockout 51 (militante Neonazi-Kampfsporttruppe in Thüringen) sollen AfD-nahestehende Personen im Umfeld gewesen sein, was der Partei wiederholt den Vorwurf einbrachte, sie biete geistige Brandstifter für rechtsterroristische Bestrebungen. Besonders gravierend wirkte jedoch der jüngste Vorfall in Sachsen: Hier waren Funktionsträger der AfD direkt an Umsturzplänen beteiligt.
Das hat die Diskussion um den demokratiefeindlichen Charakter der Partei neu angefacht.
Der deutsche Verfassungsschutz beobachtet die AfD schon seit einigen Jahren und hat seine Einschätzung jüngst verschärft. Im Mai 2025 stufte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die gesamte AfD offiziell als “gesichert rechtsextremistische” Partei ein.
Damit gilt die AfD nun als erwiesenermaßen verfassungsfeindlich – zuvor war sie lediglich ein „Verdachtsfall“. Diese Hochstufung erlaubt den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel (Observationen, Telefonüberwachung, V-Leute) gegen die Partei.
In der Begründung führte das BfV an, die AfD vertrete ein ethnisch-völkisches Volksverständnis, das mit dem Grundgesetz unvereinbar sei, und schüre systematisch Hass gegen Migranten und Muslime.
.Zwar betont die AfD-Spitze, sie lehne Gewalt ab und habe mit Terrorgruppen nichts zu tun. Doch interne Chatprotokolle und Reden von Funktionären zeichnen oft ein anderes Bild – beispielsweise wurde bekannt, dass führende AfD-Mitglieder in Sachsen in internen Runden vom „Dschihad gegen die Ungläubigen“ schwärmten, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen als „weißer Dschihad“ gegen die multikulturelle Gesellschaft.
Solche Rhetorik legt nahe, dass einige in der Partei durchaus apokalyptisch-revolutionäre Fantasien hegen, wie sie auch Akzelerationisten à la AWD propagieren. Die Beteiligung von AfD-Leuten an den „Sächsischen Separatisten“ hat die Rufe nach einer Verbotsprüfung der AfD lauter werden lassen.
Politiker etablierter Parteien argumentieren, spätestens mit diesem Vorfall sei klar, dass die AfD ein Sammelbecken nicht nur für Rechtsextremisten, sondern sogar für potenzielle Terroristen sei. Ein Parteiverbotsverfahren ist jedoch juristisch sehr anspruchsvoll und bisher nicht eingeleitet. Gleichwohl dürfte die neue Extremismus-Einstufung des BfV eine wichtige Voraussetzung dafür schaffen, ein Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht überhaupt in Betracht ziehen zu können.
Bis dahin setzt der Staat vor allem auf Beobachtung und Abschreckung: Die Enttarnung der afdinternen Neonazi-Netzwerke (wie z.B. die Chats um „Hunter M.“ alias Jörg Schimanek) ist ein klares Signal, dass solche Umtriebe im Verborgenen nicht unentdeckt bleiben. Die AfD versucht ihrerseits Schadensbegrenzung, indem sie die beschuldigten Mitglieder ausschließt und sich offiziell von Gewalt distanziert. Dennoch bleibt die inhaltliche Nähe mancher AfD-Strömungen zum Rechtsterrorismus bestehen – etwa wenn führende Köpfe der Partei von “Widerstand” und “Umsturz” fabulieren oder mit völkischen Kampfbegriffen agitieren.
[nextpage title="Verbindungen nach Deutschland: Atomwaffen Division und die Identitäre Bewegung"]Die Atomwaffen Division (AWD) und die Identitäre Bewegung (IB) sind augenscheinlich zwei unterschiedliche Akteure des extrem rechten Spektrums, weisen jedoch ideologische Überschneidungen und vereinzelt personelle Verflechtungen auf. AWD wurde 2015 in den USA gegründet und entwickelte sich zu einem transnationalen neonazistischen Terror-Netzwerk.
Die IB entstand ab 2012 in Europa als Teil der „Neuen Rechten“ und präsentiert sich als metapolitische Aktivistenbewegung, die scheinbar gewaltfrei agiert.
Trotz unterschiedlicher Strategie – AWD ruft offen zu Terror und einem beschleunigten Zusammenbruch des Systems auf, während IB offiziell auf Öffentlichkeitsaktionen statt Gewalt setzt – gibt es ideologische Schnittmengen (z. B. Verschwörungserzählungen vom „Großen Austausch“ und völkisch-rassistische Weltbilder) sowie einzelne personelle Überschneidungen. Im Folgenden werden diese möglichen Verbindungen detailliert untersucht – von Ideologie und Feindbildern über personelle Verflechtungen und Kommunikationsstrategien bis zu internationalen Entwicklungen und Bewertungen durch Behörden, NGOs und Fachjournalisten, sowie antifaschistischen Recherchen.
Ideologische Überschneidungen
Akzelerationismus – Revolutionärer Umsturz vs. metapolitische Geduld
Die AWD vertritt eine akzelerationistische Ideologie: Ihre Anhänger glauben, dass ein apokalyptischer „Rassenkrieg“ unvermeidlich sei und aktiv durch Terror vorangetrieben werden müsse. Ziel ist es, durch Chaos und Gewalt die demokratische Ordnung zum Einsturz zu bringen, um letztlich eine neonazistische „weiße Vorherrschaft“ zu errichten.
IB-Ideologen hingegen propagieren keinen offenen Terror, sondern setzen auf einen kulturellen Vorlauf: Sie wollen durch metapolitische Aktionen (Proteste, Kampagnen, Social Media) das gesellschaftliche Klima nach rechts verschieben.
Offiziell lehnt die IB Gewalt als Mittel ab, da sie ihren Einfluss innerhalb des legalen Rahmens sichern will. Dennoch können akzelerationistische Ideen in ihrem Umfeld Resonanz finden: Experten warnen, dass auch im Milieu der Neuen Rechten (zu dem die IB zählt) der Schritt vom „Warten auf Tag X“ zum aktiven Herbeiführen solcher Krisen möglich ist.
So bewunderte etwa der Christchurch-Attentäter (2019) – ein Akzelerationist, der 51 Menschen ermordete – die „Great Replacement“-Theorie und wollte mit seinem Anschlag die Krise beschleunigen.
Diese Verschwörungserzählung vom Bevölkerungsaustausch wurde zuvor von identitären Vordenkern popularisiert, was zeigt, dass IB-Ideologie in extremistischer Zuspitzung auch akzelerationistischen Terror inspirieren kann. Diese Verschwörungserzählung vom Bevölkerungsaustausch wurde zuvor von identitären Vordenkern popularisiert, was zeigt, dass IB-Ideologie in extremistischer Zuspitzung auch akzelerationistischen Terror inspirieren kann.
Dieses Konzept klingt moderater, läuft aber auf das Gleiche hinaus wie klassische Rassentheorien: die Ablehnung von Migration, Durchmischung und Gleichberechtigung verschiedener Ethnien. So warnt die IB vor dem vermeintlichen „Bevölkerungsaustausch“, einer Verschwörungserzählung, wonach Eliten (häufig als „Globalisten“ oder kodiert antisemitisch als „Strippenzieher“) gezielt die einheimische Bevölkerung durch Migranten ersetzen wollten.
Die AWD teilt diesen Kernmythos ebenfalls, allerdings in roherer Form: In ihren Materialien wird der angebliche Austausch der weißen Bevölkerung explizit als von „den Juden“ geplant dargestellt. Beide Gruppen eint also die Überzeugung, die „weiße“ bzw. „europäische“ Identität sei existenziell bedroht – bei der IB soll sie durch Remigration und Reconquista gerettet werden, bei der AWD durch einen bewaffneten Kampf. Entsprechend bekennt sich die AWD offen zum neonazistischen White Supremacy. AWD-Anhänger verherrlichen Adolf Hitler und beziehen sich ideologisch z.B. auf die „14 Words“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern“).
In internen AWD-Chats und Pamphleten wird ein „heiliger Rassenkrieg“ proklamiert, mit direktem Aufruf zur Gewalt gegen alle, die nicht ins arische Weltbild passen.
Die IB-Führung dagegen betont nach außen, man sei nicht nationalsozialistisch und lehne Holocaustleugnung ab – versucht also, eine Distanz zum historischen NS zu wahren. Dieser stilistische Unterschied ändert jedoch nichts daran, dass auch IB-Akteure letztlich eine dauerhaft segregierte, ethnisch homogene Gesellschaft anstreben.
Die Gemeinsamkeit liegt im Denken in strikten Abstammungs- und Kulturkategorien: Beide Milieus betrachten multiethnische Demokratien als degeneriert oder künstlich und propagieren eine radikale Rückbesinnung auf eine vermeintlich reine ethnische Identität.
Feindbilder – „Globalisten“, Minderheiten und die liberale Demokratie
Sowohl AWD als auch IB definieren sich über ausgeprägte Feindbilder, die einander ähneln – wenn auch mit unterschiedlicher Offenheit artikuliert. Antisemitismus ist bei AWD zentral: In ihren Pamphleten heißt es unverblümt, „die Juden würden das System kontrollieren“, und es wird zur Ermordung von Jüdinnen und Juden aufgerufen.
Die IB vermeidet solch offene Judenfeindschaft aus taktischen Gründen. Doch auch sie verbreitet oft die Narrative internationaler Verschwörungsmythen (Stichwort „Globalismus“ oder „George Soros“), die strukturell antisemitisch aufgeladen sind. So warnte IB-Chef Martin Sellner in Anlehnung an das antisemitische „Bevölkerungsaustausch“-Narrativ vor einer „großen Umvolkung“, gelenkt von „Eliten“ – Begriffe, die in rechtsextremen Kreisen als Chiffre für angeblich jüdische Drahtzieher fungieren.
Ein weiteres gemeinsames Feindbild ist der Islam bzw. „die Migranten“ generell: Die IB inszeniert muslimische Zuwanderung als existentielle Bedrohung für Europa (Kampagnen gegen „Islamisierung“), während AWD-Propaganda Migrantinnen vor allem als Zielscheibe für Gewalt sieht. So rief eine deutsche AWD-Flugblattaktion 2018 explizit dazu auf, Muslime zu ermorden.
Beide Gruppen betrachten also insbesondere muslimische Geflüchtete und People of Color als Invasoren bzw. Feinde ihres „Volkskörpers“. Daneben sehen sowohl IB als auch AWD die liberale Demokratie und ihre Vertreter als Feind: Die IB verachtet das „Establishment“ der etablierten Politik und wettert gegen „Gutmenschen“, „links-grüne“ Politiker und die EU. Die AWD steigert diese Ablehnung ins Totalitäre: westliche Regierungen gelten ihr pauschal als verräterisch („ZOG“ – Zionist Occupied Government – wird im Neonazi-Jargon unterstellt) und sollen gewaltsam gestürzt werden.
Linke und Antifaschisten stehen ebenfalls bei beiden im Fadenkreuz. IB-Aktivisten diffamieren antifaschistischen Protest als „kriminell“ und inszenieren sich als Opfer von „Linksextremismus“. AWD-Angehörige hingegen gehen deutlich weiter: Sie erstellen Feindeslisten und drohen etwa politischen Gegnern direkt mit Ermordung (so erhielten 2019 deutsche Grünen-Politiker E-Mails mit Morddrohungen, unterschrieben „Atomwaffendivision Deutschland“).
Auch LGBTQ+-Personen und feministische Anliegen gelten beiden Milieus als Feindbild: Die IB propagiert ein reaktionäres Familienbild und hetzt gegen „Gender-Ideologie“, während AWD-Ideologen Frauenhass und Homophobie offen ausleben – in internen Chats fantasierten sie von sexualisierter Gewalt u.a. gegen Feministinnen und Minderjährige.
Trotz unterschiedlicher Sprache lassen sich somit überschneidende Feindbilder erkennen: Beide verachten den pluralistisch-demokratischen Staat, sehen hinter Migration, Feminismus und Liberalismus vermeintlich dunkle Mächte am Werk und propagieren eine völkisch-homogene, autoritäre Gesellschaft als Lösungsmodell.
Personelle Verflechtungen
Obgleich IB und AWD in ihrem öffentlichen Auftreten stark differieren – hier eine legale Aktivistengruppe, dort eine konspirative Terrorzelle – sind einzelne personelle Überschneidungen dokumentiert. Besonders aufschlussreich ist ein Fall aus Österreich: Ein junger Wiener, der sich als IBÖ-Aktivist einen Namen gemacht hatte, entpuppte sich als Mitglied der rechtsterroristischen „Feuerkrieg Division“ (FKD) – einem europäischen Ableger der Atomwaffen Division.
Dieser 20-Jährige („V00rm“) nahm an IB-Treffen teil, bezog IB-Infomaterial und stand im Verteiler der IBÖ, wie aus dem österreichischen Verfassungsschutzbericht hervorgeht. Gleichzeitig radikalisierte er sich in geheimen Online-Foren der FKD, teilte dort Anleitungen zum Bombenbau und plante laut Anklage sogar einen Anschlag mit Chlorgas auf eine Synagoge.
Im Juli 2024 wurde er vom Wiener Gericht wegen Wiederbetätigung, Verhetzung und terroristischer Vereinigung verurteilt. Brisant ist, dass derselbe Mann bis zu seiner Verhaftung als Soldat des Bundesheeres eingesetzt war – ausgerechnet zum Objektschutz jüdischer Einrichtungen. Dieser Fall zeigt eindrücklich, dass IB-Aktivisten im Einzelfall in noch radikalere Schattenstrukturen abgleiten können.
Auch in der Schweiz ist eine personelle Verbindung zwischen identitärem Milieu und AWD-naher Neonazi-Szene sichtbar. Dort formierte sich 2019 die Gruppe „Eisenjugend“, die sich explizit als Schweizer Arm der US-Neonazi-Organisation „Iron Youth“ verstand und stilistisch an die Atomwaffen Division angelehnt war.
Mitglieder posierten vermummt mit Waffen, verbrannten Israel-Flaggen und teilten das Manifest des Christchurch-Attentäters als Lektüreempfehlung. Aus dieser Eisenjugend ging später die Gruppe „Junge Tat“ hervor, die sich nun als „Identitäre Bewegung 2.0“ inszeniert.
Die Führungsfiguren der Jungen Tat stammen jedoch aus der altbekannten Neonazi-Szene und waren teils in AWD-nahen Chats aktiv. Dieses Beispiel unterstreckt, dass personelle Überschneidungen oft über Jugendnetzwerke und informelle Kameradschaften laufen: Unter dem Deckmantel eines hippen IB-Stils (Heimatliebe, Social-Media-Inszenierung, Kampfsporttraining) wirken alte Neonazi-Kader weiter und transportieren die deutlich gewaltorientiertere Ideologie à la AWD in neue Kreise.
In Deutschland sind direkte Doppel-Mitgliedschaften zwischen IB und AWD bislang kaum öffentlich bekannt. Die IB Deutschland (IBD) war eher in neurechten Zirkeln verankert, während die AWD-„Ableger“ hier konspirativ in Kleinstzellen agierten. Allerdings zeigen Ermittlungen, dass die rechtsextreme Szene vernetzt ist: Als die Bundesanwaltschaft im April 2022 Razzien gegen mutmaßliche AWD-Unterstützer (AWD Deutschland, „AWD Hessen“ etc.) durchführte, fanden sich bei einigen
Koordinierte Aktionen zwischen der Atomwaffen Division und der Identitären Bewegung sind – soweit bekannt – nicht vorgekommen. Die Natur der beiden Gruppen unterscheidet sich hier fundamental: AWD-Zellen operieren im Verborgenen und planen Gewalttaten, während IB-Gruppen öffentlichkeitswirksame Aktionen (Demonstrationen, Banner-Drops, Besetzungen) durchführen und Gewaltanwendung offiziell meiden. Eine direkte Kooperation bei Aktionen wäre für die IB strategisch selbstmörderisch, da sie ihren legalistischen Anstrich verlieren würde. Entsprechend gibt es keine Berichte über gemeinsame Kampagnen oder Attentatspläne von IB und AWD. Es gibt Überschneidungen zu klassischen Neonazi-Gruppen wie der NPD-Jugend oder Combat 18.
Dennoch ist bekannt, dass viele IB-Aktivisten in Deutschland zugleich Mitglied in Burschenschaften, AfD-Jugendorganisationen oder rechtsextremen Verlagen/Think-Tanks sind. Diese personellen Netzwerke können Berührungspunkte zur gewaltbereiten Neonazi-Szene schaffen. So wurde z.B. ein führender IB-Aktivist (Mario Müller, Leiter der IB-Sektion Halle) in der Vergangenheit bei einem paramilitärischen Schießtraining mit Neonazis aus Thüringen gesehen – ein Training, das mutmaßlich dem Umfeld der AWD zugerechnet wird.
Insgesamt bleibt festzuhalten: Offene Doppelmitgliedschaften zwischen IB und AWD sind selten, da die IB bemüht ist, sich von offen terroristischen Strukturen zu distanzieren. Jedoch existieren indirekte Verflechtungen über Personen, die in beiden Milieus verkehren, sowie über gemeinsame Vernetzungstreffen der extremen Rechten.
Mögliche gemeinsame Aktionen und Kommunikationsstrategien
Koordinierte Aktionen zwischen der Atomwaffen Division und der Identitären Bewegung sind – soweit bekannt – nicht vorgekommen. Die Natur der beiden Gruppen unterscheidet sich hier fundamental: AWD-Zellen operieren im Verborgenen und planen Gewalttaten, während IB-Gruppen öffentlichkeitswirksame Aktionen (Demonstrationen, Banner-Drops, Besetzungen) durchführen und Gewaltanwendung offiziell meiden. Eine direkte Kooperation bei Aktionen wäre für die IB strategisch selbstmörderisch, da sie ihren legalistischen Anstrich verlieren würde. Entsprechend gibt es keine Berichte über gemeinsame Kampagnen oder Attentatspläne von IB und AWD.
Allerdings lassen sich parallele Kommunikationsstrategien und thematische Abstimmungen erkennen, die auf indirekte Wechselwirkungen hindeuten. Beide nutzen intensiv das Internet zur Rekrutierung und Verbreitung ihrer Ideologie. Die IB setzt auf professionell aufbereitete Social-Media-Inhalte, hippe Videos und Hashtags, um insbesondere Jugendliche anzusprechen.
Die AWD und ihre Ableger wiederum verbreiten Propaganda über verdeckte Kanäle wie geschlossene Telegram-Chats, Imageboards oder das berüchtigte Iron-March-Forum. Inhaltlich gibt es Überschneidungen: So teilen beide etwa Meme-Kultur und Schlagworte der internationalen Alt-Right. Begriffe wie „Volksverräter“, „Umvolkung“, „white genocide“ oder die Glorifizierung von Kreuzrittern und Wikingern tauchen sowohl in IB-nahen Kreisen als auch in AWD-Foren auf (wenn auch bei AWD oft mit gewaltverherrlichender Zuspitzung). Ein Beispiel für solche Narrative ist die Kampagne „Defend Europe“ der IB (2017), die versuchte, Flüchtlingsboote im Mittelmeer zu blockieren – begleitet von dem Slogan, Europa vor der „Invasion“ schützen zu müssen. Dasselbe Invasions-Motiv findet sich in den Pamphleten der AWD, jedoch verbunden mit direktem Aufruf zur Ermordung der „Invasoren“.
Man kann von einer ideologischen Arbeitsteilung sprechen: Die IB mainstreamt gewisse Begriffe und Feindbilder im öffentlichen Diskurs, die dann in Kreisen wie AWD zur Legitimation von Terror dienen. So wurde beispielsweise das von IB propagierte Schlagwort „Der große Austausch“ im Manifest des Christchurch-Attentäters aufgegriffen – was wiederum in AWD-nahen Chatgruppen als bestätigender „Beweis“ für die Notwendigkeit des bewaffneten Widerstands herumgereicht wurde.
Ein weiterer Bereich, in dem sich eine indirekte Koordination zeigt, ist die Nutzung von Alternativ-Plattformen und Infrastruktur. Beide Gruppen weichen aufgrund von Verboten und Sperrungen auf ähnliche Dienste aus (etwa Telegram, russische Hoster oder kryptofinanzierte Webseiten). Es ist bekannt, dass rechtsextreme Akteure ihre Server, Online-Shops und Treffpunkte teilweise teilen oder aneinander weitergeben. So übernahm 2019 ein Netzwerk in Deutschland den Webshop der IBÖ, als diese ihn aus Angst vor einem Verbot abgeben musste.
Die Sprache der IB („Remigration“, „Identität bewahren“) kann so im AWD-Kontext zur Radikalisierungsbrücke werden – z.B. wenn ein IB-Anhänger argumentativ vorbereitet ist und in Undercover-Chats der AWD landet, wo aus „Remigration“ dann „Rassenkrieg jetzt“ wird.
[nextpage title="Fazit"]Was sich im Schatten von Parlamenten, Chatgruppen und alten Burgen zusammenbraut, ist längst keine Ansammlung versprengter Einzeltäter mehr. Es ist ein vernetztes, tief ideologisiertes Terrorökosystem der extremen Rechten, das von der Mitte der Gesellschaft bis hin zur rituellen Gewalt reicht – und zwar mit klaren Linien, gemeinsamen Codes und funktionierender Struktur. Im Zentrum steht ein Dreiklang: AfD, sächsischer Separatismus und rechtsterroristische Netzwerke wie die Atomwaffen Division (AWD), Order of Nine Angles (O9A) und 764.
Die AfD spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie liefert mit ihren Narrativen vom „großen Austausch“, von „Remigration“, vom „entarteten Westen“ die ideologischen Versatzstücke, die in den Untergrund weiterverarbeitet werden. Ihre Parlamentsreden sind die radikale Vorlage für die Chatgruppen, ihre Rednerinnen und Redner die Stichwortgeber für die apokalyptische Rechte. Es ist kein Zufall, dass Rechtsterroristen wie Brenton Tarrant (Christchurch-Attentäter) nicht nur die identitäre Ideologie offen zitieren, sondern auch direkt mit AfD-nahen Akteuren wie Martin Sellner in Verbindung standen.
Aus dieser symbolischen Brandstiftung wächst auf der Straße eine gefährliche operative Kraft: die Freien Sachsen, Reichsbürger, „sächsische Separatisten“, die den Schulterschluss zwischen völkischem Protest, verschwörungsideologischer Esoterik und gewaltbereiten Neonazis organisieren. Von dort führen direkte Pfade zu militanten Gruppen wie Knockout 51, die nicht nur demonstrieren, sondern mit Messern und Stahlruten zuschlagen – wie in Eisenach oder Leipzig.
Doch all das ist nur die Oberfläche. Im Untergrund arbeiten Netzwerke wie die Atomwaffen Division Deutschland (AWDD), direkt verbunden mit der US-amerikanischen Terrororganisation AWD. Diese Gruppen rekrutieren über Telegram und Discord, vernetzen sich über Plattformen wie „Iron March“, verbreiten „Siege“-Literatur, planen Anschläge, bauen Waffenlager. Ihre Mitglieder – wie Leon R., Anführer von Knockout 51 – sind zugleich in Kampfsportgruppen, Neonazi-Clubs, und Online-Zellen aktiv. Sie trainieren für den Tag X. Und sie haben ihn ideologisch bereits vorweggenommen.
Das ideologische Rückgrat dieser Bewegung aber ist noch radikaler: Die Order of Nine Angles (O9A) – eine neonazistische, okkult-satanistische Sekte, die Ritualmorde, Kinderschändung und das gezielte „Brechen moralischer Schranken“ propagiert. Sie hat die internationale AWD-Bewegung mit ihren Schriften unterwandert, wurde über Ableger wie Temple ov Blood zentraler Ideengeber für die radikalste Form des Akzelerationismus – also das gezielte Herbeiführen des gesellschaftlichen Zusammenbruchs durch Mord, Terror, Chaos.
Und dann ist da noch 764 – ein globales Netzwerk, das noch erschreckender ist: Junge Männer, oft minderjährig, mit nihilistischer Gewaltverherrlichung, die über „Sextortion“, Suizidmanipulation und Gewaltmeme andere Kinder und Jugendliche in den Tod treiben. 764 ist ein digitales Echo von AWD und O9A – ohne Ideologie, aber mit derselben grausamen Logik: Zerstörung ist Sinn. Grausamkeit ist Ziel. Menschlichkeit ist Schwäche.
All diese Gruppen sind verbunden – personell, ideologisch, durch Propaganda, Ästhetik, Symbole. Einzelne Akteure wie „V00rm“ zeigen, wie fließend der Übergang ist: Öffentlich Mitglied der Identitären Bewegung, in Wirklichkeit Administrator neonazistischer Terrorgruppen. Leon R. organisiert Kampfsporttrainings für KO51 – und produziert gleichzeitig AWD-Propaganda-Videos. Sellner posiert als Metapolitiker – und kassiert Spenden von einem Massenmörder. Alles ist verknüpft. Und es funktioniert.
Und was tut der Staat?
Hier eine Razzia. Dort ein Prozess. Ein paar Verurteilungen – und ansonsten? Abwarten. Verharmlosen. Beobachten. Man spricht von „kriminellen Vereinigungen“, wenn längst von terroristischen Organisationen gesprochen werden müsste. Man beobachtet Telegram, aber nicht die Wurzeln. Man schützt die Meinungsfreiheit – auch für Neonazis, die mit dieser Freiheit ihre nächste Zielperson ausspähen.
Deshalb ist es höchste Zeit, dass die Bundesregierung nicht nur reagiert, sondern präventiv zerschlägt, was da wächst. Das heißt:
- ein Verbot aller rechtsterroristischen Netzwerke – AWD, O9A, 764 eingeschlossen
- ein Verbot der Identitären Bewegung und aller Subgruppen, austrocknung der Finanzen
- ein Verbot des AfD-Vorfelds
- das Erkennen und Ahnden der Verbindungen zur AfD – mit dem Ziel der Verfassungswidrigkeit
- die Entwaffnung rechtsextremer Netzwerke
- eine konsequente digitale Aufklärungsoffensive, um Kinder und Jugendliche aus der toxischen Radikalisierungsblase zu holen
- eine massive Stärkung antifaschistischer Zivilgesellschaft, die seit Jahren die Arbeit macht, die der Staat ignoriert
Denn wer jetzt noch abwartet, macht sich mitschuldig.
Die Gewalt ist real. Die Strukturen sind bekannt. Die Gefahr ist da.
Und der nächste Terroranschlag wird nicht aus dem Nichts kommen –
sondern aus einem Netzwerk, das längst aktiv ist.
Artikelbild: Georg Wendt/dpa; gegen die Alternative für Deutschland
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