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Warum Spanien seit März über unsere Strompreise lacht

von ,  | Aktuelles | 3. Juli 2026 |  8 min

Während Deutschland und Italien nach dem Gaspreisschock steigende Strompreise bekommen haben, sparte sich jeder spanische Haushalt sogar 10 € im Monat. Wie haben die das geschafft? Durch eine kluge klimapolitische Entscheidung, die Deutschland gerade bremsen will: Eine Beschleunigung der Energiewende.

10€ pro Monat gespart dank Energiewende

Ein aktueller Bericht des Energie-Thinktanks Ember zeigt, dass Stromverbraucher:innen in Spanien dank Klimaschutz 10 € pro Monat sparen. Die niedrigeren Strompreise im Vergleich zu Deutschland haben verschiedene Gründe. Doch dass Spanien vor allem trotz des US-israelischen Angriffs auf den Iran im März kaum einen Strompreisschock abbekam, hat das Land in erster Linie einer klugen Energiepolitik zu verdanken, die klimafreundliche erneuerbare Energien beim Ausbau bevorzugt.

Erinnert ihr euch noch, was uns jahrelang erzählt wurde? Erneuerbare machen den Strom teuer. Erneuerbare machen das Netz instabil. Oder: Erneuerbare führen zum Blackout. Diese Behauptungen haben rechte Medien und konservative Politiker:innen seit Jahren rauf und runter gebetet – und nichts davon ist je eingetreten. Erneuerbare senken sogar die Gefahr von Blackouts. Und auch beim Preis liefert Spanien gerade den Gegenbeweis. Und zwar nicht in einer Modellrechnung, sondern auf der Stromrechnung! 

Wie sie das gemacht haben? Die haben nicht auf rechte Medienkampagnen gehört (wie wir das gerne leider tun), sondern weiter stark auf Erneuerbare Energien gesetzt. Die Grafik von Ember zeigt sehr schön, wie der Anteil der Fossilen (alles, was so braun ist) an der Stromerzeugung immer weiter zurückgeht, während Wind und in den letzten Jahren vor allem Solar (dunkel-/hellgrün) steigen.

Screenshot Ember Energy

Der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica meldet seit 2019 sieben Rekordjahre Erneuerbaren-Ausbau in Folge mit insgesamt mehr als 45 Gigawatt neuer Kapazität – 2025 allein kamen 10 GW dazu, der größte Zubau der Geschichte. Damit ist Spanien innerhalb der europäischen Netzbetreiber-Organisation ENTSO-E das Land mit der zweitmeisten Wind- und Solarkapazität – nur hinter Deutschland. Im August 2025 wurde laut Red Eléctrica den gesamten Monat über keine einzige Kilowattstunde Kohlestrom produziert – nachdem Mitte Juli das letzte große Kohlekraftwerk Aboño II umgerüstet worden war.

Der EE-Ausbau allein hat das allerdings nicht geschafft:

Und jetzt der wichtige zweite Gedankenschritt, denn der Ausbau allein erklärt noch nicht unbedingt die niedrigen Preise. Deutschland hat schließlich auch zum Glück einen großen Ausbau – im ersten Halbjahr 2026 haben wir es auf den Rekord von 58 % EE-Anteil gebracht. Um zu verstehen, was Spanien gerade wirklich leistet, muss man wissen, wie der Strompreis an der Börse entsteht: 

Nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip bestimmt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken, den Preis für alle. Wind und Sonne liefern fast zum Nulltarif – aber sobald auch nur ein Gaskraftwerk zugeschaltet werden muss, zahlt der ganze Markt Gaspreis-Niveau. Relevant ist also nicht, wie viele Gaskraftwerke ein Land noch hat, sondern wie oft die laufen müssen – und damit den Strompreis bestimmen und teurer machen.

2021 bestimmte Gas noch in 52 % der Stunden den Strompreis in Spanien, 2026 waren es bisher nur noch 9 % (Januar bis Mai). Die Wind- und Solarerzeugung hat in dieser Zeit um 37 % zugenommen (2021–2025). Deswegen ist der spanische Strompreis eben so niedrig – seit Anfang März gehört er durchgehend zu den niedrigsten in Europa – und vor allem: Er ist relativ unabhängig vom Gaspreis.

Wie krass der Unterschied ist, zeigt der Vergleich mit dem gasabhängigen Italien: Dort lag der Großhandelspreis im März bei 143 € pro Megawattstunde – Spanien zahlte 42 €. Mehr als das Dreifache. Mit denselben Weltmarkt-Gaspreisen.

Gaskrise? Welche Gaskrise?

Wie sehr sich Spanien gegen Preisschocks isoliert, sieht man auch wieder schön plastisch, wenn man sich anschaut, wie sich die Strompreise (year-ahead baseload/Grundlast für das kommende Jahr) in verschiedenen europäischen Ländern entwickelt haben: Bei Italien und Deutschland kann man genau an diesem Diagramm ablesen, wann der Krieg im Golf eskaliert ist bzw. die Straße von Hormus zugemacht wurde, an der spanischen Linie (grün) könnte man das nicht erkennen:

Screenshot Ember Energy

All das sind natürlich erstmal Börsenstrompreise. Da die meisten Menschen feste Verträge haben, kriegen sie diese Schwankungen nicht täglich mit. Aber Ember berechnet auch, was auf der Rechnung ankommt: Wäre der spanische Strompreis noch so stark an Gas gekoppelt wie 2021, läge die typische Monatsrechnung um 10 € oder 19 % höher – allein wegen der Krise im Golf. (In den vermiedenen Großhandelskosten stecken eigentlich rund 15 € pro Haushalt und Monat, ein Teil davon wird aber durch höhere Kosten für Netzstabilisierung wieder aufgefressen – netto bleiben die 10 €.)

Übrigens – in Spanien waren in der Gaskrise sogar die Spritpreise niedriger, was die AfD dazu brachte, versehentlich die linke Regierung dort als Vorbild für Deutschland anzupreisen:

Aber was ist mit dem Blackout 2025?

Moment, werden jetzt einige sagen – war da nicht was mit Spanien und Strom? Richtig: Ende April 2025 erlebte die Iberische Halbinsel einen historischen Stromausfall. Und noch bevor irgendeine Ursache geklärt war, instrumentalisierten rechte Politiker und Medien den Vorfall – alle behaupteten sofort: Die Erneuerbaren waren's! 

Wie so oft lagen sie aber daneben. Der offizielle Untersuchungsbericht stellte klar, dass nicht die Erneuerbaren die Ursache waren, sondern eine unkontrollierte Überspannung und eine Kettenreaktion von Schutzabschaltungen. Und ausgerechnet die als Retter angepriesenen Atomkraftwerke brauchten am längsten, um wieder Strom zu liefern. Der Abschlussbericht der europäischen Netzbetreiber ENTSO-E vom März 2026 bestätigt ebenfalls: Das Problem lag in Netzsteuerung und Regelungsrahmen, die mit dem Tempo des Umbaus nicht Schritt hielten. Nicht in den Erneuerbaren.

Wenn man auf Rechte gehört hätte, wäre Strom jetzt teurer

Zum Glück hat die Spanische Regierung nicht auf die Rechten und ihre Sündenböcke gehört. Zwischen Mai 2025 und Februar 2026 baute Spanien im Schnitt 1,3 Gigawatt Wind und Solar pro Monat zu – sogar etwas mehr als vor dem Vorfall. Die Großspeicher-Kapazität hat sich 2025 vervierfacht, und je mehr Speicher die Netzdienste übernehmen, desto seltener muss Gas ran. Ministerpräsident Sánchez kündigte schon kurz nach dem Blackout an, „keinen einzigen Millimeter" von der Energie-Roadmap abzuweichen. Das Ergebnis könnt ihr oben nachlesen: Es sind 10 € im Monat. 

Dass man in Spanien insgesamt weniger für Strom zahlt, liegt auch noch an anderen Maßnahmen. Die linke Regierung hatte als Reaktion auf die Gas-Krise im März 2026 ein Entlastungspaket beschlossen: Mehrwertsteuer auf Strom runter auf 10 %, Stromsteuer (IEE) von 5,11 % auf 0,5 %, dazu die Aussetzung der Erzeugerabgabe IVPEE. Diese Steuersenkungen waren ausdrücklich temporär und liefen zum 1. Juni wieder aus, als sich die Preise stabilisierten

Spanien zeigt: Deutschland ist bereits auf dem richtigen Weg – eine Kehrtwende wäre falsch

Und ja: Strompreise sind auch aufgrund vieler anderer Größen nicht 1:1 vergleichbar, etwa wegen Spaniens Lage im europäischen Stromnetz vs. der deutschen Lage. Die schwache Anbindung an den Rest Europas hat auch Nachteile: Sie war beim Blackout 2025 hinderlich, weil sie schwer Strom von außen holen konnten – aber sie erklärt eben nicht die Preisstabilität. Die kommt daher, dass Gas den Preis kaum noch setzt.

Aber, was nicht zu bestreiten ist: Spanien hat den Gaspreisschock im Strommarkt quasi gar nicht gespürt – und das ist eben auf die Erneuerbaren zurückzuführen. Und was macht Deutschland? Bekämpft die Energiewende statt hohe Energiekosten. Spanien zeigt uns, dass Deutschland mit seinem EE-Ausbau auf genau dem richtigen Weg ist und wir nicht wegen lobbybeeinflussten (Schein-)Argumenten weiter in der teuren Abhängigkeit von Fossilen bleiben sollten. Vielleicht sollte jemand diese Zahlen der Wirtschaftsministerin zeigen, damit sie ihre Argumente nicht weiter von Energie-Konzernen beziehen muss.

Artikelbild: Screenshot https://knowyourmeme.com/

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