29.780

Diese Grafik sollte auf jede Titelseite

von ,  | Aktuelles | 16. Juli 2026 |  11 min

Im Pazifik entwickelt sich gerade ein El Niño, wie ihn die Messgeschichte noch nie gesehen hat. In derselben Woche schafft die Bundesregierung das wirksamste deutsche Klimagesetz ab – weil sie glaubt, die deutsche Bevölkerung habe genug vom Klimaschutz. Eine Studie zeigt: Sie fallen dabei auf einen rechten Mythos herein. Wir wollen Klimaschutz - und er ist nötiger denn je.

Die Meerestemperatur im wichtigsten Klimaüberwachungsgebiet der Erde liegt so hoch wie in keinem Jahr seit Beginn der Satellitenmessungen zu dieser Jahreszeit. Während der Ozean dieses Signal sendet, hat der Bundestag am 10. Juli das Heizungsgesetz beerdigt und keinen Plan, wie wir unsere Klimaziele einhalten sollen. Begründet wird solche Politik stets mit dem Widerstand der Bevölkerung. Doch eine neue Studie in einem Nature-Journal zeigt: Deutsche Politiker unterschätzen die Zustimmung zu wirksamem Klimaschutz dramatisch. Die "Klimaschutz-Müdigkeit", auf die sich die Politik beruft, ist zu großen Teilen ein Medienprodukt. Genau wie die Ablehnung vom sogenannten "Heizungshammer". Statt rechte Lügen in alle Schlagzeilen zu packen, sollte diese Grafik die Debatte dominieren.

Bildquelle

Sie sorgt gerade in der Klimawissenschaft für Aufsehen, hat es aber trotzdem in kaum eine deutsche Schlagzeile geschafft: Die Grafik zeigt die Abweichung der Meeresoberflächentemperatur vom Durchschnittswert der Jahre 1982 bis 2020 in der sogenannten Niño-3.4-Region des äquatorialen Pazifiks, dem wichtigsten Überwachungsgebiet für das Klimaphänomen El Niño. El Niño ist ein Klimaphänomen, das normalerweise alle 2-7 Jahre auftritt. Dabei kehren sich die Temperaturverhältnisse im Pazifik um: Das Wasser im Westpazifik kühlt ab und drängt warmes Wasser vor die Küste Südamerikas. Es kommt zu extremen Regenfällen an der Westküste Südamerikas, Dürren in Australien, Indonesien und dem Süden Afrikas.

El Niño-Ereignisse lassen sich mittlerweile durch die Messung der Meeresoberflächentemperatur recht gut vorhersagen, auch in ihrer Stärke. Und nun zurück zu unserer Grafik:

Jede blaue Linie ist ein Jahr seit 1982. Die rote Linie ist 2026. Und sie sticht nicht nur wegen ihrer Farbe hervor. Die Meerestemperatur lag noch nie so weit über dem Durchschnitt wie dieses Jahr. Mittlerweile seit über einem Monat. Und noch ist kein Ende in Sicht.

Kein einziges Jahr war auch nur annähernd so warm

Das ist keine Prognose, kein Modell. Das geht aus den Messwerten aus dem NOAA-OISST-Datensatz hervor, der Satelliten-, Schiffs- und Bojenmessungen kombiniert. Mitte Juli lag die Temperatur im Messgebiet bereits um die 2 Grad Celsius über dem Durchschnitt von 1982-2020. Und das eben erst im Juli. El Niño-Ereignisse erreichen ihren Höhepunkt erst um Weihnachten herum (daher auch der Name: spanisch für Christkind).

Der Klimawissenschaftler Zeke Hausfather hat die Daten aufbereitet: Kein einziges Jahr der 45-jährigen Messreihe war zu diesem Zeitpunkt im Jahr auch nur annähernd so warm – nicht einmal 1997 (+1,6 Grad) und 2015 (+1,3 Grad), die Startjahre der beiden stärksten El Niños der Messgeschichte.

Die US-Klimabehörde NOAA hat den El Niño offiziell ausgerufen und gibt ihm eine Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent, bis ins Frühjahr 2027 anzuhalten. Und jetzt kommen die Prognosen und Modelle ins Spiel: Hausfather zufolge deuten 80 Prozent der Prognose-Berechnungen daraufhin, dass der diesjährige El Niño den Allzeitrekord von einer Abweichung um 2,75 Grad Celsius erreicht oder knackt. Selbst der untere Rand der Verteilung streift ihn.

Modelle und Ozeane in unbekannten Gewässern

Der höchste Wert, den die Modelle für 2026/2027 errechnen, liegt bei 3,6 Grad über dem Durchschnittswert. Das wäre dann mit größtem Abstand der stärkste El Niño der Messgeschichte. Aber natürlich ist bei Panikmeldungen über einen prognostizierten "Super-El Niño" Vorsicht geboten. Hausfather gibt zu bedenken: Bei gewöhnlichen Ereignissen funktionieren die Vorhersage-Modelle nachgewiesenermaßen gut. Aber eine Vorhersage eines El Niño dieser Größenordnung gab es noch nie und somit auch keine Verifizierung einer solchen. Die Übereinstimmung der Modelle sei "beruhigend" (also für die Qualität der Prognosen, nicht so sehr für das Weltklima), aber man habe eben keine Beweise, dass die Modelle auch in diesen Bereichen funktionieren. Nicht nur die Modelle, auch der Ozean befänden sich aktuell in unbekannten Gewässern, schließt Hausfather.

Womit wir wieder bei den aktuell messbaren, extrem hohen Wassertemperaturen wären.

El Niño und Klimawandel beeinflussen sich gegenseitig

Denn, oh Wunder, ein Klimaphänomen, bei dem durch die Veränderung der Wassertemperatur Extremwetterereignisse entstehen, bleibt vermutlich nicht ganz unbeeinflusst vom Klimawandel. Der EU-Klimawandeldienst Copernicus berichtete Anfang Juli, dass die globale Meeresoberflächentemperatur nach 2023 und 2024 dieses Jahr einen erneuten Rekord erreicht hat. Aktuell geht die Forschung davon aus, dass der Klimawandel El Niño-Ereignisse häufiger und stärker auftreten lässt. Aber auch El Niños können einen Einfluss auf die Folgen des Klimawandels haben: Sie heizen die Atmosphäre auf und tragen damit zu höheren globalen Temperaturen bei. Das erhöht das Risiko für Extremwetter, warme Ozeane lassen das Eis schneller schmelzen.

Da die globalen Temperaturen den El Niños um etwa drei bis fünf Monate hinterhinken, erwartet Zeke Hausfather, dass wir die durch den diesjährigen El Niño verursachte Erwärmung erst 2027 so richtig zu spüren bekommen. Es könnte mit deutlichem Abstand als das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen in die Geschichte eingehen. Und auch schon dieses Jahr hat mit 28 Prozent laut den Modellen keine unerhebliche Chance, 2024 den bisherigen Rekord abzunehmen. Mehr Hitzewellen, mehr Unwetter, höhere Lebensmittelpreise, teurere Versicherungen: Die Rechnung für den Klimawandel wird auch bei uns in Deutschland ankommen.

Man könnte meinen: Wenn der wichtigste Klimaindikator des Planeten aus der gesamten Messreihe ausbricht, wäre das für eine Bundesregierung ein Signal, beim Klimaschutz aufs Tempo zu drücken.

In derselben Woche: Deutschland schaltet in den Rückwärtsgang

Stattdessen passierte in derselben Woche das Gegenteil. Am 10. Juli haben Bundestag und Bundesrat das Gebäudemodernisierungsgesetz beschlossen, das das Gebäudeenergiegesetz – von BILD und Co. als "Heizhammer" verteufelt – ablösen soll. Gestrichen werden die Paragrafen 71 bis 71p und damit die Vorgabe, dass neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien laufen müssen. Neue Öl- und Gasheizungen sollen damit wieder unbeschränkt eingebaut werden können. Mit der Biotreppe soll Gas oder Öl ab 2029 schrittweise ein verbindlicher Bioanteil beigemischt werden. Details dazu sollen bis zum 1. Dezember 2026 in einem eigenen Gesetz folgen. Wirksamen Klimaschutz sucht man in diesem Gesetz vergeblich.

Das Gesetz stößt auf massive Kritik: In einer Experten-Anhörung im Bundestag wurden neben bürokratischer Überlastung, sozialer Risiken für Verbraucher und mangelnder Praxistauglichkeit auch verfassungsrechtliche Bedenken angebracht: weil das Gesetz im Konflikt mit der gesetzlichen Vorgabe der Klimaneutralität bis 2045 stehe. Die Linke klagte (erfolglos) vor dem Bundesverfassungsgericht, weil sie die Informationsrechte der Abgeordneten verletzt sah. Das Gesetz werde durchgepeitscht, ohne dass die Folgen für das Klima bekannt seien. Auch die deutsche Umwelthilfe kündigte eine Klage an, weil der Gesetzentwurf die Erreichung der verfassungsrechtlich verankerten Klimaziele gefährde.

Die Begründung für den Rückbau des Gesetzes, dass Deutschland in Richtung Klimaneutralität weiterbringen sollte: Man dürfe "die Menschen nicht überfordern". Die Bevölkerung wolle das alles nicht. Und genau dieses Argument fällt gerade wissenschaftlich in sich zusammen.

Politiker schätzen wirksame Klimamaßnahmen besonders falsch ein

Im Juni erschien im Nature-Journal Communications Earth & Environment eine der weltweit größten Studien dazu, wie Politiker die öffentliche Meinung zum Klimaschutz einschätzen. Forscher der Ruhr-Universität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg kontaktierten über 6.000 deutsche Politiker aller Ebenen – vom Bundestag bis zum Gemeinderat – von denen rund 1.600 teilnahmen. Deren Einschätzungen verglichen sie mit zwei repräsentativen Bevölkerungsstichproben mit insgesamt über 2.000 Personen

Das Ergebnis ist eine schallende Ohrfeige für die "Überforderungs"-Rhetorik: Politiker aller Ebenen und Parteien unterschätzen die Akzeptanz von Klimaschutz-Maßnahmen deutlich. Die Zustimmung zu verbindlichen Klimagesetzen wurde um mehr als ein Viertel der gesamten Antwortskala unterschätzt. Noch größer war die Fehleinschätzung bei der Frage, wie viele Menschen bereit wären, selbst einen finanziellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. 18 Prozent der Bevölkerung würden das tun, schätzen die Politiker. Tatsächlich sind es 47 Prozent – fast die Hälfte der Befragten!

Die stärksten Fehleinschätzungen gab es bei den Maßnahmen, die Fachleute als besonders wirksam zur Bekämpfung des Klimawandels ansehen. Während die Zustimmung zu Informationskampagnen teilweise sogar leicht überschätzt wurde, wurde sie vor allem bei Gesetzen, Regulierungen und finanziellen Beiträgen deutlich unterschätzt. Überraschung, die Menschen wollen nicht mehr Informationen über den Klimawandel, sie wollen mehr echten Klimaschutz – von ihren Politikern!

Weltweit hohe Zustimmung für Klimaschutz

Studienautor Timur Sevincer bringt es auf den Punkt: „Die größte Hürde für manche Klimaschutzmaßnahmen könnte nicht mangelnde Zustimmung sein. Die größere Hürde könnte die falsche Annahme sein, dass diese Zustimmung fehlt."

Die breite Zustimmung für Klimaschutz beschränkt sich nicht auf Deutschland: Eine Untersuchung mit 130.000 Befragten in 125 Ländern zeigte 2024, dass weltweit 69 Prozent bereit wären, ein Prozent ihres Einkommens gegen die Klimakrise beizutragen, und 89 Prozent mehr politisches Handeln fordern – während fast überall systematisch unterschätzt wird, wie viele Mitmenschen genauso denken. Forscher nennen das pluralistische Ignoranz. Die deutsche Studie zeigt nun: Politiker irren dabei noch stärker als die Bevölkerung selbst.

Woher das Zerrbild kommt – wir haben es letzte Woche gezeigt

Bleibt die Frage, woher Politiker ihr Zerrbild einer klimaschutzmüden Bevölkerung haben. Einen erheblichen Teil der Antwort haben wir letzte Woche auf Volksverpetzer gegeben: Eine peer-reviewte Studie in Energy Research & Social Science hat dokumentiert, wie BILD mit der erfundenen Kampagnen-Vokabel "Heizungshammer" die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz systematisch verzerrte – und wie diese Kampagne die politische Wahrnehmung dessen prägte, was „die Menschen" angeblich denken. Schon 2023 haben wir nachgezeichnet, wie das angebliche „Heizverbot" herbeigeschrieben wurde.

Und hier hätten wir das Puzzlestück zwischen Politik und Bevölkerung, auf dem sich die Linse befindet, die das Bild verzerrt: Medienkampagnen, die eine nichtexistente Empörung herbeischreiben. Vielleicht gibt es auch noch ein paar andere Gründe. Aber riesige öffentlichkeitswirksame Medien erreichen eben alle. Nicht nur die Bundestags-Bubble, sondern auch Gemeinderäte und Bürgermeister.

Und diese Kampagne fahren Medien nicht einfach so, nur weil es sich gut verkauft. Dahinter stehen Menschen mit knallharten Interessen. Bei der BILD zum Beispiel Mathias Döpfner, der seine Blätter nachweislich zur Wahlkampf-Beeinflussung einsetzt („Please stärke die FDP") und an dessen Axel-Springer-Konzern damals der Private-Equity-Riese KKR beteiligt war – ein Unternehmen mit Investments in fossilen Energien. Döpfner ist auch eng mit dem Faschisten Elon Musk vernetzt, der in Springers WELT zur Wahl der AfD aufrief.

Das Wahrnehmungsproblem hat einen Grund – und eine Lösung

Diese Kampagnen erreichen auch Nicht-Politiker und tragen sicher auch bei den Bürgern zur pluralistischen Ignoranz bei. Politiker sind aber eine besonders gute Zielgruppe für diese Kampagnen, weil sie ein größeres Interesse daran haben, zu erfahren, wie die Stimmung zu bestimmten Themen in der Bevölkerung ist. Und dafür leider anscheinend auch sehr viel Fake News-Schleudern wie Bild oder Nius konsumieren. Denn sie fallen immer wieder auf deren Hetze herein, wie die "Heizhammer"-Geschichte oder die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf.

Und viel zu oft wird aus den medialen Fake-Empörungswellen dann handfeste Politik. Brosius-Gersdorf wurde nicht Verfassungsrichterin. Und der Klimaschutz im Gebäudermodernisierungsgesetz wird jetzt endgültig beerdigt. Nicht, weil die Bevölkerung es so will. Sondern weil Politiker denken, dass sie es will.

Wer euch erzählt, ambitionierter Klimaschutz scheitere am Willen der Bevölkerung, erzählt euch ein Märchen – eines, das immer wieder bewusst und mit ökonomischen Interessen dahinter produziert wird. Die gute Nachricht in alldem: Wir haben kein Akzeptanzproblem für den Klimaschutz, wir haben ein Wahrnehmungsproblem. Und das lässt sich beheben. Indem man die Wahrheit sichtbar macht. Du kannst mithelfen, in dem du diesen Artikel teilst.

Artikelbild: climatecasino.substack.com, Canva

Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.

Die in diesem Artikel vorhandenen Links wurden zuletzt am Veröffentlichungstag abgerufen.
Defekten Link gefunden? Schreib uns an redaktion@volksverpetzer.de!

Danke, dass du Artikel bis zum Ende liest!

Unterstütze unsere Arbeit gern, indem du den Artikel teilst oder eine Spende dalässt!

Passende Artikel dazu: