Der rechtsterroristische Anschlag von Halle taucht in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nicht auf. Das hat uns das Bundeskriminalamt auf Anfrage schriftlich bestätigt. Die Behörde hat schlicht vergessen, ihn bei den Mord-Fällen einzutragen – und es fiel erst auf, als Volksverpetzer für eine Recherche beim BKA nachfragte.
Am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, verübte ein Rechtsterrorist einen Anschlag in Halle an der Saale. Er wollte ein Massaker in der dortigen Synagoge verüben. Er scheiterte zum Glück an der verschlossenen Tür – und erschoss daraufhin die Passantin Jana L. auf der Straße und den 20-jährigen Kevin S. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte ihn im Dezember 2020 rechtskräftig wegen zweifachen Mordes und 68-fachen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Es war einer der schwersten antisemitischen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Anschlag wurde vom BKA entsprechend auch in die jeweiligen Statistiken aufgenommen. Er wurde bei der Politisch motivierten Kriminalität erfasst, jedoch nicht in der PKS.
Wir haben nachgefragt
Aufgefallen ist uns das bei einer mehrwöchigen Recherche zur PKS und wie verzerrt die Statistik insbesondere bei Mord-Fällen ist. In dem Beitrag analysieren wir, wie einige wenige Mordserien die Anzahl der Mordfälle drastisch verzerren können und auf wie vielen Ebenen diese Statistik weder geeignet ist, um darin die Sicherheit des Landes abzulesen, noch migrationspolitische Schlussfolgerungen. Wir stellten fest, dass drei Deutsche für fast jeden größeren Anstieg der Mordfallzahlen der letzten 15 Jahre verantwortlich war. Hier zum Beitrag.
Im Laufe der Recherche wollte ich wissen, ob und wie die größten Anschläge in die Statistik der Morde in der PKS eingeflossen sind und ob sie diese auch beeinflussen oder gar verzerren. Ich stelle eine entsprechende Anfrage an das BKA. Ich wollte wissen, mit wie vielen Fällen jeweils die großen Terroranschläge der letzten Jahre eigentlich in der PKS erfasst sind. Für Hanau konnte uns zum Beispiel das hessische Landeskriminalamt antworten: 15 Fälle, zehn vollendete Morde, fünf Versuche. Für Halle war das BKA selbst zuständig. Die Antwort des BKA-Sprechers:
„Der Anschlag in Halle (Saale) vom 09.10.2019 ist statistisch im KPMD-PMK im Berichtsjahr 2019 abgebildet. Gemäß der PKS-Richtlinien erfolgt die statistische Erfassung eines Falles in der PKS mit Abschluss der Ermittlungen. Wir haben festgestellt, dass eine damalige Erfassung des PKS-Datensatzes nach Abschluss der hiesigen Ermittlungen durch das BKA nicht erfolgt ist."
Der Anschlag ist zwar in der separaten Statistik für politisch motivierte Kriminalität (KPMD-PMK) erfasst. Aber in der PKS, der Statistik, aus der die öffentlich diskutierten Zahlen zur Kriminalität stammen, fehlt er komplett, weil das BKA ihn nie eingetragen hat. Das BKA war hier ausnahmsweise selbst für die Erfassung zuständig. Normalerweise tragen die Landeskriminalämter die Fälle ein. Weil aber die Bundesanwaltschaft das Verfahren an sich gezogen hatte, lag die Erfassung beim Bundeskriminalamt. Und dort ist der Vorgang offenbar vergessen worden.
Der Anschlag wird aber NICHT nachgetragen
Es kommt noch bemerkenswerter: Eine Korrektur wird es nicht geben. Das BKA schreibt uns, eine rückwirkende Zuordnung sei nicht möglich, da die PKS-Jahresbestände zum Ende des Berichtsjahres abgeschlossen werden. Eine Nacherfassung würde bedeuten, dass der Anschlag von 2019 systembedingt dem aktuellen Berichtsjahr 2026 zugeordnet werden müsste – und die Statistik für dieses Jahr damit verzerren würde.
Diese Entscheidung ist sogar nachvollziehbar. Würde Halle jetzt nachgetragen, würden die Mordzahlen für 2026 um möglicherweise Dutzende Fälle steigen – und genau wie 2025 könnte ein möglicher Rückgang der Straftaten durch einen einzigen Täter, der nicht mal in jenem Jahr seine Tat verübt hatte, zu einem Anstieg bei den Mordzahlen führen.
Und man kann sich ausmalen, wer daraus welche Schlagzeilen über ein angeblich immer gefährlicheres Deutschland gemacht hätte. Aber im Klartext heißt das: Dieser Anschlag wird in der zentralen Kriminalstatistik dieses Landes für immer fehlen. Das BKA teilt uns außerdem mit: „Das BKA nimmt diese Feststellung zum Anlass, die Arbeitsbereiche hinsichtlich des Workflows zwecks umfänglicher Erfassung einschlägiger Sachverhalte in der PKS zu sensibilisieren."
Immerhin wird es eine interne Schulung dazu geben. Wir finden allerdings: Einen solchen Fehler könnte das BKA auch von sich aus öffentlich kommunizieren. Nicht nur, dass es Volksverpetzer mit unserer bescheidenen Reichweite erwähnt und außer unserer Leserschaft nie jemand erfährt. Vielleicht wäre es auch für andere Medien interessant?
Was das über die PKS aussagt
Diese Auslassung unterstreicht jedoch den Punkt meiner Recherche; Die PKS ist die Zahlengrundlage fast jeder Kriminalitätsdebatte in Deutschland. Die AfD baut seit Jahren ihre Migrationshetze auf ihr auf, NIUS und BILD schnitzen ihre Schlagzeilen daraus, Innenminister verkünden mit ihr Erfolge oder Misserfolge. Und sie ist nicht nur wegen ihrer grundsätzlichen Struktur, sondern auch offensichtlich wegen derartiger Fehler nicht so verlässlich, wie oft getan wird.
Dass die PKS gar nicht geeignet ist, die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland - auch völlig unabhängig von Migrationsdebatten - abzubilden, habe ich in meiner Recherche genauer dargelegt. Dazu gibt es auch ein brandneues Video auf Youtube, wo ich sehr detailliert aufzeige, wie verzerrt diese Statistik ist - und wo die vielen Stolpersteine sind, die oftmals populistisch ausgeschlachtet werden:
Wenn du es gut findest, dass ich mir auch wieder Wochen Zeit nehmen kann, um derartige Recherchen und deep dives zu erstellen, und auch mal Fehler bei Behörden zu finden, überlege es dir, uns dafür einen Kaffee zu spendieren oder mit einem Dauerauftrag zu unterstützen: Hier.
Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.











