Ich war einmal ein Verschwörungsideologe

Der anonyme Autor dieses Artikels glaubte einmal an eine „Neue Weltordnung“, dass der Klimawandel und AIDS eine Erfindung der USA seien und an Chemtrails. Hier seine Geschichte, wie er die Welt gesehen hat und wie er aus diesem Denken ausbrechen konnte.VerschwörungVorab möchte ich mitteilen, dass ich anstelle von Verschwörungstheorie bzw. -theoretiker*in die Begriffe Verschwörungsthese bzw. -ideologe*in verwende, da ich die Wissenschaft nicht beleidigen will, denn Verschwörungsthesen sind weit entfernt von wissenschaftlichen Theorien.

Verschwörungsthesen. Irrsinnige Thesen, die davon sprechen, dass es böse Intrigen gäbe und in Wirklichkeit heimliche Eliten, seien es Geheimbünde, die Juden oder Aliens, die Herrschaft über uns herrschen würden. Solche Ideen können sehr unterhaltsam sein und wären gutes Material für spannende Thriller, jedoch gibt es Menschen, die tatsächlich an sie glauben, was sehr gefährlich sein kann, aber mehr dazu später. Für einige ist jetzt bestimmt unklar, wie jemand dazu kommt, Verschwörungsideologe*in zu werden. Diese Frage kann ich nicht ausführlich beantworten, ich kann aber meine eigenen Erfahrungen, aus der Zeit, als ich Verschwörungsideologe war, teilen. (Ja, ich war mal wirklich Verschwörungsideologe und ja, das ist mir auch gewissermaßen peinlich.)

Von einem gesunden Zweifel kam ich mithilfe verschwörungsideologischer Propaganda auf abstruseste Ideen

Ich war etwa 13-14 Jahre alt. Zuvor hatte ich nicht viel von Verschwörungsthesen gehalten. Ich hatte mich auch nie wirklich dafür interessiert. Doch dann sah ich mir auf YouTube ein Video über 9/11 an, das mein ganzes Weltbild veränderte. Das Hauptargument war, die drei Türme hätten nicht durch das Eindringen von Flugzeugen bzw. durch Feuer innerhalb so enorm kurzer Zeit in sich zusammenfallen können. Das kann für Menschen, die nicht viel Ahnung von Physik haben, sehr überzeugend wirken. Es ist nicht falsch, sich solche Fragen zu stellen und zu zweifeln, nur muss man versuchen, dies wissenschaftlich zu beantworten oder, wenn man dazu nicht in der Lage ist, sollte man sich an Expert*innen richten. Das ist genau das, was bei Verschwörungsthesen falsch läuft. Zusätzlich nutzen die Verschwörungsideolog*innen diesen Zweifel, den sie selbst geschaffen haben, um unsinnige Schlüsse in die Köpfe des Publikums zu pflanzen. So war es auch bei mir. Von einem gesunden Zweifel kam ich mithilfe verschwörungsideologischer Propaganda auf abstruseste Ideen, wie z.B., dass die Rothschilds, die Illuminaten oder andere Geheimbünde eine Neue Weltordnung erschaffen hätten, bei der es darum ginge, die gesamte Menschheit zu kontrollieren und klein zu halten.

Und spätestens ab dort wird es gefährlich. Denn dies sind eindeutig antisemitische Stereotypen, die einen unbemerkten Einstieg in den Antisemitismus ermöglichen. Als ich Verschwörungsideologe war, konnte ich einfach nicht begreifen, was dies mit Antisemitismus zu tun haben sollte. Das liegt daran, dass die Jüd*innen nie direkt erwähnt wurden. Wenn das „Finanzjudentum“ erwähnt worden wäre, wäre es bei mir vielleicht gar nicht so weit gekommen. Jedenfalls wuchs der strukturelle Antisemitismus und auch der Antiamerikanismus in mir. Es wurde so schlimm, dass ich an jede noch so unsinnige These glaubte, nur weil sie antiamerikanisch und strukturell antisemitisch war (was ich erst im Nachhinein begriff). Beispiele dafür wären Thesen, wie Behauptungen, dass die Erderwärmung und AIDS nur erfunden wären oder dass die USA Kriege nur wegen des Öls betrieben. Ausserdem war ich offen für Esoterik und alternative Heilmethoden, wie z.B. MMS (Chlorbleiche), kollodiales Silber, Schwarze Salbe und Germanische Neue Medizin. Dies tat ich nicht, weil ich mich damit auseinandergesetzt hatte und davon überzeugt war, sondern rein aus Prinzip, aus dem Irrglauben heraus, dass die „Elite“ diese Heilmethoden unterdrücken würde und dass diese Alternativ-„Mediziner“ gegen die „Elite“ kämpfen würden. Diese Denkweise kann natürlich auch sehr gefährlich werden, denn Alternativmedizin kann buchstäblich tödlich enden. Es kam so weit, dass ich eine gewisse Zeit (zumindest halbwegs) von Chemtrails überzeugt war. Dies war der Höhepunkt (oder wohl eher der Tiefpunkt) meiner Verschwörungsideologenkarriere.

Ich glaubte nicht daran, weil ich mich kritisch mit diesen Themen befasst hatte, sondern nur aufgrund einer Anti-Haltung

Dann fanden die sogenannten Montagsdemos statt, initiiert von dem antisemitischen Verschwörungsideologen Lars Mährholz. Ich war absolut begeistert von dieser (völkisch angehauchten) „Friedensbewegung“, da sie genau mein damaliges (verkürzt kapitalismuskritisches und v.a. stark antiamerikanisches) Weltbild vertrat. An diesen Mahnwachen traten u.a. die Verschwörungsideologen Ken Jebsen und Jürgen Elsässer auf, die ich bereits kannte; durch die Montagsdemos verstärkten sich meine Sympathien den beiden gegenüber aber enorm. Mit der Zeit wurde es vor allem Elsässer, dem ich gerne zuhörte. Ich glaubte an so gut wie alle seine fremdenfeindlichen, cis-heterosexistischen, sexistischen, völkischen und israelfeindlichen Thesen [Hier, hier, hier und hier] und das wieder einmal nicht, weil ich mich kritisch mit diesen Themen befasst hatte, sondern nur aus dem Grund, dass Elsässer und ich ein gleiches Ziel folgten, welches dasselbe wie bei der Alternativ-„Medizin“ war (also gegen die imaginäre NWO bzw Elite zu kämpfen).

Dies ist ein perfektes Beispiel, das die Gefährlichkeit von Verschwörungsthesen aufzeigt. Aus einem normalen, naiven Jungen wird durch einen Zweifel (9/11) und manipulativer Rhetorik ein menschenverachtendes Arschloch. Es hätte so weit gehen können, dass ich mich der rechtsradikalen Szene zugewandt hätte, was glücklicherweise nicht passiert ist. (Jedoch muss ich noch erwähnen, dass es fast dazu kam, denn für eine Weile war es so weit, dass ich die Existenz des KZs Buchenwald bezweifelte, nachdem ich mir ein 1-2-minütiges YouTube-Video angesehen hatte. Ich glaube, wenn ich den Neonazipropagandafilm „The Greatest Story Never Told“ angesehen hätte, wäre es soweit gekommen.)

Wie ich aus dem Sumpf der Verschwörungen entkam

Als sich Jebsen und Elsässer getrennte Wege gingen, beschränkte ich meine Anhängerschaft auf Jebsen. Somit verschwanden auch automatisch mein Sexismus, Cis-Heterosexismus und meine Fremdenfeindlichkeit. Mein Antiamerikanismus, Antizionismus und meine Verschwörungsideologie (mitsamt 9/11-Zweifel) blieben jedoch, wenn auch in abgeschwächter Form. Jebsen war ja auch einer von denen, die die Querfront seinerzeit in Deutschland bildeten. Da er sich mit den linken Pedram Shahyar (der sich auch schon verschwörungsideologisch geäußert hat [Ca 1:45:20 und auch hier]) und Diether Dehm zusammenschloss, hielt ich ihn, sowie mich selbst, für politisch links. Im Nachhinein stehe ich dieser Einschätzung höchst skeptisch gegenüber. Ich störte mich an den Antifaschist*innen, die Ken Jebsen Antisemitismus vorwarfen, denn ich konnte diesen immer noch nicht erkennen. Ich begriff auch immer noch nicht, was Verschwörungsthesen mit Rechtsextremismus zu tun hatten.

Danach war ich eine Weile (vielleicht ein paar Wochen bis Monate) politisch nicht mehr interessiert. Als ich mir wieder mal ein KenFM-Video zum Terroranschlag auf Charlie Hebdo ansah, konnte ich mich einfach nicht mehr mit dieser ständigen „Lügenpresse“-Haltung von Jebsen anfreunden. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich auch mit Atheismus und Skeptizismus. Somit begann ich zu begreifen, dass die meisten Verschwörungsthesen schwachsinnig sind. Da ich nun weniger voreingenommen war, beschäftigte ich mich mit der Kritik an Ken Jebsen. Schließlich konnte ich verstehen, inwieweit Jebsens Thesen antisemitisch sind.

Auf rationaler Ebene konnte ich meinen strukturellen Antisemitismus komplett verabschieden, jedoch habe ich manchmal noch immer irrationale, strukturell antisemitische Ängste. So sehe ich zum Beispiel manchmal „den Teufel“ in Queen Elizabeth II, Lord Jacob de Rothschild und David Rockefeller. Jedoch ist mir bewusst, dass dies absoluter Unsinn ist.

Und so wurde aus einem „systemmanipulierten Schlafschaf“ ein Verschwörungsideologe und wieder ein „systemmanipuliertes Schlafschaf“. Darüber bin ich verdammt glücklich, denn es hätte alles ganz anders enden können, und nun ist mein Wahn zu Ende und fängt mein Denken an.


– Text: Anonym

3.70 avg. rating (74% score) - 23 votes
2 Comments