Das Gruseligste an der AfD sind definitv ihre Wähler

Für mich ist das Gruseligste an der AfD definitiv ihr Wählerklientel. Eigentlich meint man ja, dass diese Partei ausschließlich Zustimmung von Leuten erhält, die schwerreich sind, deshalb nicht an Sozialsystemen interessiert sein müssen, und gleichzeitig mal so richtig ihren Menschenhass ausleben wollen. Aber weit gefehlt. Gerade habe ich zum wiederholten Mal eine Diskussion verlassen, in der mich eine Hartz4-Empfängerin über die Vorzüge der Faschisten in Kenntnis setzen wollte.Bild: RimbobSchwammkopfDas ist echt so unglaublich. Die AfD will das Arbeitslosengeld privatisieren, das ist noch nicht mal mehr ein Geheimnis für den googleaffinen Wähler. Übersetzt heißt das, dass alle Typen, die sich jetzt schon über ihren niedrigen Hartz4-Satz aufregen, im Fall einer AfD-Machtergreifung mal so richtig Grund zum Heulen und Zähneklappern hätten. Diese Partei setzt da nämlich zu 100 % auf eigene private Absicherung oder Unterstützung durch die Familie. Im Ernstfall müsste also jeder besorgte Bürger bei Arbeitslosigkeit in seiner Stadt, seinem Bezirk, seinem Viertel, seiner Gegend, seiner Straße, seinem Zuhause, seinem Block schnorren gehen, und so etwas ist in der Realität nur halb so romantisch wie im Sido-Song. Von Staatsseite käme da überhaupt nichts mehr, und überhaupt nichts ist noch viel besch… eidener als viel zu wenig, das kann ich definitiv versichern.

Als ich meine Gesprächspartnerin damit konfrontiert habe, fand sie das auch nur so mittelgut, aber gleichzeitig krähte sie heraus, dass die AfD nunmal die einzige Partei sei, die etwas gegen die Flüchtlinge tun würde. Flüchtlinge, die momentan gar nicht mehr kommen, da die Große Koalition sogar einen schmutzigen Pakt mit dem Türkenhitler durchgezogen hat, also durchaus auch etwas „dagegen getan“ hat. Natürlich nachwievor völlig überzogen und unnötig, das konnte ich sehr schön herausstreichen, indem ich die Tante gefragt habe, was genau ihr die Flüchtlinge denn bisher weggenommen hätten.

So etwas beantworten diese Knallchargen grundsätzlich mit irgendwelchen diffusen Steuergeldern, bei denen sie davon ausgehen, dass sie komplett auf ihrem Konto landen würden, wenn man sie nur nicht mehr in die Flüchtlingshilfe stecken würde. Es gibt zwar nicht ein Wort darüber, weder im AfD- noch in einem anderen Parteienprogramm, dass eine große Umschichtung in dieser Richtung geplant wäre. Aber so etwas muss man besorgten Bürgern auch gar nicht in Aussicht stellen, die wollen nur ihren Menschenhass pflegen und gehen deshalb einfach mal von solchen automatischen Umverteilungen zu ihren Gunsten aus, damit ihre verkackte Menschenhetze zumindest für sie Sinn macht und einen rosaroten Zuckergussanstrich Marke Erstrebenswert bekommt.

Das Ganze findet auch noch in einem Land statt, das Milliarden für die Rüstungsindustrie locker macht, das unnütz ganze Flughäfen zum Verrotten in die Landschaft stellt, das ständig Banken retten muss, das für den Brexit gehörig in die Tasche greift, und das in Dauerschleife irgendwo Geld verbrennt, weil hier halt niemand auf den Cent gucken muss und sich die Hochpolitik deshalb praktisch alles leisten darf.

Es gibt unzählige Gebiete, wo Deutschland den Gürtel enger schnallen könnte, ohne dass es überhaupt jemand mitbekommt, und aus denen man Geld abschöpfen könnte, das sowohl für eine anständige Flüchtlingspolitik als auch für menschenrechtsunbedenkliche Sozialsysteme reichen würde. Aber da kommt noch nicht mal eine Forderung vom besorgten Dumpfbackenbürger. Der braucht nur einen griffigen Sündenbock, der unbedingt noch schwächer als er selber sein muss. Ist der gefunden, dann läuft Otto Normalblödmann sogar Rattenfängern nach, die ihn selber ebenfalls um das letzte bisschen Geld und Würde bringen wollen. Hauptsache irgendjemandem geht es dabei noch schlechter. Widerlicher geht es echt nicht mehr.

Wovor ich wirklich Angst habe, ist eine rechte Partei, die tatsächlich nationalsozialistisch handelt. Die also nicht abkassieren und die Eliten stärken will, sondern die sich dafür einsetzt, das gute Leben an die Nationalität zu hängen. Dann könnte es wirklich eng werden, denn mit ihr könnten braune Wähler tatsächlich quer durch alle Bevölkerungsschichten ihr Kreuz erklären. Zum Glück existiert so ein Spuk aber noch nicht, und alle AfD-, NPD- und andere Protest- und Hitler-Gedächtniswähler jenseits eines sechsstelligen Jahresgehalts kommen deshalb regelmäßig in Erklärungsnotstand, wenn man sie fragt, warum sie ihre eigenen Henker supporten. Beunruhigend bleibt trotzdem, dass ihnen das völlig egal zu sein scheint.


– Text: Jens Grote, Bildnachweis: RimbobSchwammkopf


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