In den USA leben und dabei ein schwarzer Mann sein

Seit dem 5. Juli 2016 kochen in den USA die Gemüter wieder hoch. Christin Zenker wird in einer Reihe von Artikeln zeigen, dass Rassismus und Polizeigewalt auch in Deutschland zum Alltag von schwarzen Männern gehören. Im ersten Teil spricht sie über ihre langsame Erkenntnis, was es bedeutet, schwarz zu sein in einem Land, in dem die Grunddevise des Lebens noch immer der American Dream ist – eine Vorstellung, die für bestimmte Menschengruppen nur mehr eine Illusion ist. Christin schreibt uns aus St. Louis, wo vor fast zwei Jahren am 9. August 2014 im benachbarten Ferguson der 18-jährige Mike Brown jr. von Polizist Darren Wilson erschossen wurde. Darren Wilson wurde im November desselben Jahres von der Schuld am Mord frei gesprochen. Es folgten lange Nächte für Aktivisten und Zivilrechtler. Was übrig bleibt, sind Menschen und Familien, die sich jeden Tag darum fürchten, ob sie es lebend wieder nach Hause schaffen.Black Lives MatterEtwa viereinhalb Stunden wurde Mike Browns Körper mit dem Gesicht nach unten in der prallen Mittagssonne liegen gelassen. Der 9. August des Jahres 2014 war ein Samstag. Der Canfield Drive, in dem der Mord geschah, ist eine kleine Familiensiedlung nördlich von St. Louis. Kinder spielen dort auf den Wiesen. Anwohner halten sich auf ihren Balkons auf. Den Forderungen der Nachbarn, die Polizei solle Browns Körper bedecken oder abtransportieren, um die Kinder und Nachbarn vor der Grausamkeit dieser Tat zu schützen, wurde an diesem Tag im August nicht nachgekommen. Die Unbarmherzigkeit der Polizei erboste die fast ausschließlich schwarze Nachbarschaft. Der Tod von Familienmitgliedern und Freunden ist für die schwarze Bevölkerung in den USA eine Normalität. Der Mangel an Respekt für einen Toten brachte an diesem Tag die Gemüter zum Überkochen. Am selben Abend löste das Vorgehen der Polizei in Ferguson eine Woge von Protesten aus, die in ihrem Ausmaß mit der Civil Rights-Bewegung in den 60ern verglichen wurde. Die Bewegung #BlackLivesMatter, die um den Tod von Trayvon Martin in 2012 in LA entstand und deren Name auf Patrisse Cullors zurückgeht, setzte sich 2014 lautstark ein, um endlich für mehr Gerechtigkeit und Frieden im Leben schwarzer Amerikaner zu kämpfen.

„Was du fühlst, nennt man White Guilt.“

Am 10. August 2014 saß ich am frühen Nachmittag in meiner alten WG in der Stadtmitte von Augsburg und wartete seit Tagen auf eine Nachricht von einem Freund aus St. Louis. Ich werde ihn folgend Corey nennen. Er ist oft schwer zu erreichen und ich schwankte zwischen Sorge und Wut, als er mir schrieb, ob ich gehört hätte, was passiert sei. “To be a black brother in this country means to be 3/5 of a man. We’re out in the wild like prey.” – „Schwarz zu sein in diesem Land bedeutet, 3/5 eines Menschen zu sein. Wir sind hier Freiwild.“ Er hat es anders, sehr viel wütender und deutlicher ausgedrückt. Wut und Aggression überhaupt sind Emotionen, die ich sehr gut von ihm kenne, wenn wir über Politisches sprechen. Meistens unterhalten wir uns über seinen Lebenstalltag. Ich kannte den Rassismus und die plumpe Aggression der Neo-Nazis in Zschopau, im Osten. Dort war ich aufgewachsen. Ich hatte immer ältere Freundinnen und eine lange Zeit war eine von ihnen mit einer „Glatze“ zusammen und dann mussten wir immer aufpassen, weil der gern Mädchen zusammenschlug, “offbochte”, wie wir sagten. Die Aggression und Angst vor bestimmten Menschen war mir nicht fremd, zumindest glaube ich das. Aber was das für Corey bedeutete, war mir unklar. Ich konnte seine Gefühle oft nicht lesen und ich konnte ihm auch nicht helfen, ihn von seinen Aggressionen zu befreien oder ihm irgendwie anders Erleichterung zu verschaffen. Ich fühlte in diesem Sommer und lange danach oft eine sehr tiefe Schuld. Ein Mitstudent in den USA sagte zu mir in einem Gespräch: „Was du fühlst, nennt man White Guilt.“

Die Formel, dass ein schwarzer Mann 3/5 einer Person ausmacht liegt an einem Gesetz zur Besteuerung von Arbeitskraft. Das 13. Amendement der amerikanischen Verfassung, welches 1783 als Kompromiss zwischen den Süd- und Nordstaaten der USA beschlossen wurde, regelt diese Rechnung. In dieser Formel zeigt sich ein Beispiel für die Doppelmoral in der Behandlung von der schwarzen und weißen Bevölkerung.

Arrest Darren Wilson For MurderMike Brown war der erste Mord eines 18-jährigen jungen Mannes, den ich durch die Medien und in Bezug auf die Reaktionen meiner amerikanischen und schwarzen Bekannten und Freunde miterlebt habe. Oft habe ich den Worten, die ich hörte und den Erklärungen, die ich bekam, nicht glauben können. Sie waren schlichtweg so weit außerhalb meiner Reichweite, als dass ich sie für wahr halten konnte. Corey hat Monate nach unserem Kennenlernen zu mir gesagt, dass er sich gedacht hatte: “She is competely deprogrammed!” – Sie ist vollkommen deprogrammiert. Ich war eine deutsche Austauschschülerin. Ich war weiß. Ich hatte absolut keine Ahnung davon, was Jim Crow für ihn bedeutete, als er es so nebenbei in seinen Redefluss einbaute. Ich kannte den Begriff nicht.

Im Jahr 2015 wurden 1208 Menschen in den USA durch Polizeihand ermordet.1 Diese Zahl beinhaltet Menschen aller Gender und Ethnien. Das macht 3.1 Tote pro Tag. Die Statistiken in Bezug auf die Morde von schwarzen Männern zeigen, dass die Gefahr vor allem junge schwarze Männer zwischen 15 und 34 Jahren trifft. In den Stunden und Tagen nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli ereigneten sich zwei tragische Morde an schwarzen Männern in ihren 30ern. Am 5. Juli wurde Alton Sterling vor einem Convenience Shop in Baton Rouge im Staat Louisiana nach einem Anruf, dass ein Mann in rot mit einer Waffe vor dem Laden stünde, durch zwei Polizisten festgehalten und durch einen der Officers aus geringster Entfernung erschossen. In den USA ist es Police Officers erlaubt zu schießen, wenn immanente Gefahr für den Polizisten vorliegt oder sich der Verdächtige selbstermächtigt entfernt und dadurch eine Gefahr darstellt. „He feared for his life.“ – Er fürchtete um sein Leben. Dieser Satz hat in den USA inzwischen ein Ausmaß an Sarkasmus angenommen, der durch das Handeln der Getöteten nicht gerechtfertigt ist. Seit Mike Brown ist der Einsatz von Kameras am Körper der Polizisten angestiegen. Merkwürdigerweise scheinen in vielen Fällen die Kameras gerade dann ihren Dienst zu versagen, wenn ein Mord geschieht. Soziale Netzwerke und Menschen, die den Mut haben, diese Morde aufzunehmen, leisten eine wichtige Aufklärungsarbeit. Sie führen den Rassismus, die Gewalt, die Furcht vor schwarzen Menschen und die Eskalation binnen weniger Sekunden vor Augen. Gegensätzliche Zeugenaussagen sowie das Unterlassen einer Anklage der Polizisten schafft eine offensichtliche Doppelmoral für den Mord an schwarzen Menschen durch die Polizei.

Macht das die USA zu einem Polizeistaat? Ja, das tut es.

Hierbei ist festzuhalten: Außer Gefahr ist nur, wer still hält, wer ruhig ist oder wer sich in das System eingliedert. Es wird alles dafür getan, das Interesse daran zu mindern, den Status Quo zu ändern. Dieser Status Quo eines systematischen Rassismus ist das Erbe eines Landes, welches sein Kapital und seine Vormachtstellung durch kostenfreie Arbeit und die Vertreibung von Menschen von deren Land zu Stande gebracht hat. Um diese kostenlose Arbeitskraft zu legitimieren, hat man ein ganzes System von Vorstellungen und Diskursen geschaffen, die den schwarzen Menschen enthumanisieren, die seinen Körper radikalisieren und sexualisieren. Jama Pediatrics beispielweise hat im November 2015 eine Studie veröffentlicht, die bestätigt, dass schwarze Kinder wesentlich seltener die richtige Schmerzmittelbehandlung bekommen als weiße Kinder.2 Der Hintergrund: Viele weiße Mediziner und Medizinstudenten glauben, dass Schwarze weniger Schmerz fühlen. Die Studie wurde an Menschen von 21 Jahren und jünger durchgeführt, die wegen einer Blinddarmentzündung behandelt werden mussten.

2016 sind bisher in den USA bisher 634 Menschen durch Polizisten ermordet worden (Stand: 18. Juli 2016). Wie viele davon schwarz? Mindestens 163 Getötete sind African-Americans. Facebook gibt durch seine Funktion, Videos live online zu stellen oder durch Benutzer durch einen Klick zu teilen, die Möglichkeit, wichtige Arbeit in der Aufklärung um Tathergänge zu leisten. Die schwarze Bevölkerung in den USA kämpft seit Jahrzehnten, ja seit Beginn der Sklaverei, darum, dass der Blick für den Lebensalltag der Schwarzen klarer wird und dass sich die Gesetzeslagen ändern. Die Medien in den USA versuchen durch persönliche Geschichten, die alltäglichen Lebenssituationen sowie die ständige Angst zu fassen, mit der schwarze Familien unumgänglich leben müssen. Der vierzehnjährige Gregory Carr Jr. zum Beispiel berichtet der Reporterin Kelly Moffitt von St. Louis Public Radio,3 dass er zwar fast 15 Jahre alt ist, aber Angst hat, bald Auto fahren zu dürfen. Gregory hat Angst davor, in seiner Nachbarschaft zu joggen. Er hat Angst in seinem eigenen Vorgarten Sport zu machen, weil er sich davor fürchtet, von einem Polizisten gestoppt und überprüft zu werden. Wie er das findet? Es macht ihn wütend, einfach wütend. Mike Brown war 18 Jahre alt, als er mit einem Freund von der Tankstelle nach Hause gehen und die Straße überqueren wollte. Er wurde durch den 28-jähringen Darren Wilson zwölf Mal angeschossen, wobei der letzte Schuss vermutlich der tödliche war.

In Gesprächen mit Deutschen in Bezug auf die Morde in den USA wird für mich oftmals klar, dass es kaum Wissen um die unfassbare Häufigkeit der Tode von Schwarzen gibt.

Menschen, deren Realität nicht Leben und dabei schwarz Sein bedeutet, fehlt die Erfahrung mit der Normalität der Tode im eigenen Umkreis. Es ist für viele schlichtweg nicht einsehbar oder irgend nachvollziehbar. Es herrscht zudem der gängige Gedanke, dass es in Deutschland keine Notwendigkeit für den Begriff der Rasse (mehr) gibt. Dass man das mit 1945 hinter sich gelassen habe. Und wichtig ist in Bezug auf die Gewalt und den Rassismus in Deutschland auch: Die historische Situation in Deutschland ist eine andere. Rassismus aber bleibt die Grundlage, auf der sich Gewalt gegen Minderheiten ausbreitet. Die 270 Seiten star­ke aber den­noch un­voll­stän­dige Chro­nik ras­sis­ti­scher Ver­samm­lun­gen und Über­grif­fe in Deutsch­land 2015 zählt über 1000 An­grif­fe auf Flücht­lings­heime, davon mehr als 150 Brand­an­schlä­ge und nahe­zu 300 Flücht­lings­feind­liche Kund­ge­bun­gen. Zwischen dem 3. Oktober 1990 und 2003 gab es 156 Todesfälle durch rechte Gewalt in Deutschland. Das Leben von schwarzen Minderheiten in Deutschland ist geprägt durch konstante Herabwürdigung durch eine Klassifizierung der Völker, die den modernen, weißen Europäer zum Maßstab haben.4

Im nächsten Artikel werde ich darauf eingehen, dass die deutschen Fälle der Polizeigewalt an schwarzen Menschen zeigen, dass die Polizei nach den Todesfällen Wege begeht, um den Staat und den Status Quo zu schützen. Ich werde die Geschichten von Oury Jalloh und Christy Schwundeck näher anschauen und mit den Morden von Philando Castile und Alton Sterling in Bezug setzen. Ein Land ist nur so gut wie seine schwächsten Glieder. Wir müssen auf die Geschichten derjenigen hören, die die wenigsten Privilegien haben. Sie sind am besten dafür geeignet, uns zu einer besseren Gesellschaft zu führen.


Es gibt Polizeigewalt in Deutschland. Sie ist nicht so ausgeprägt und verankert durch den Glauben an das 2. Amendement, wie in den USA. Aber sie existiert. Folgend einige durch Polizeihand ermordete Schwarze in Deutschland. Sagen wir ihre Namen. Gedenken wir dieser Menschen.

#OuryJalloh (7. Januar 2005 in Dessau) Oury wurde 35 Jahre alt.

#ChristySchwundeck (19. Mai 2011 in Frankfurt/Main) Christy wurde 39 Jahre alt.

#AchidiJohn (12. Dezember 2001 in Hamburg) Achidi wurde 19 Jahre alt.

#Laye-AlamaCondé (7. Januar 2005 in Bremen) Laye-Alama wurde 35 Jahre alt.

#JajaDiabi (19. Februar 2016 in Hamburg) Jaja wurde 21 Jahre alt.

#Mareame N’Deye (14. Juli 2001 in Aschaffenburg) Mareame wurde 26 Jahre alt.


– Text & Bild: Christin Zenker


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Black lives matter 2

1 Siehe  hierzu die Webseite killedbypolice.net. Der afro-amerikanische Schriftsteller, Journalist und Zivilrechtler Shaun King arbeitet mit diesen Zahlen. Er schreibt seit Oktober 2015 für die New York Daily News.

2 Monica K. Goyal et al. “Racial Disparities in Pain Management of Children With Appendicitis in Emergency Departments” Jama Pediatrics.169.11 (November 2015).

4 Das Buch Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte (1986) ist inzwischen ein Klassiker der Literatur für afro-deutsche Studien. Die Herausgeberinnen Katharina Oguntoye, May Opitz und Dagmar Schultz weisen auf die Wichtigkeit des deutschen Kolonialismus hin, sowie auf die theoretischen Grundlagen, die bei Carl von Linné, Winckelmann oder Hegel zu finden sind.

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