Sich über Pokémon Go aufzuregen ist dämlich

Es treiben sich zur Zeit viele Leute herum, die einen regelrechten Hass gegen das beliebte Pokémon Go entwickelt haben. Es sei sinnlos und Zeitverschwendung. Lasst den Spielern doch den Spaß.Pokémon GoEs ist immer wieder faszinierend, worüber sich Menschen streiten können. Eigentlich dachte ich, es gibt genug Themen, die man dringend ausdiskutieren müsste, aber weit gefehlt. Welthunger, Tierausbeutung, Kriege, Folter, soziale Ungerechtigkeit, Rassismus – die Liste ist ellenlang und gespickt mit Problemen, die man dringend publik machen und gegen die man aufstehen sollte, trotzdem tut das nur ein verschwindender Bruchteil der Menschheit und der Rest befördert sich durch gelangweiltes Desinteresse selber ein Stück weiter Richtung Abgrund.

Kommt dann aber ein kostenloses Handyspiel auf den Markt und hat Erfolg bei vielen Konsumenten, dann hat dazu plötzlich jeder eine Meinung, die Hälfte der westlichen Gesellschaft steht gegen den „Wahnsinn“ auf, es bilden sich Fronten und binnen Tagen ist jeder darüber aufgeklärt, dass dieses Spiel existiert und warum es super ist bzw. wieso man es unbedingt noch heute verbieten sollte.

Ich selber werde einen Teufel tun und mich demnächst mit einem mobilen Telefon bewaffnet auf die Jagd nach Pixeln machen. Dazu fehlt mir erstens ein Handy und zweitens die Lust auf diese Art von Zeitverschwendung. Ich werde aber auch garantiert keine Minute an das hämische Beleidigen von Leuten verschwenden, die dieses Hobby für sich entdeckt und jetzt ihren Spaß damit haben.

Wieso kann man diesen Menschen nicht einfach ihre Freude lassen? Warum muss man sie dringend verletzend angehen und ihnen möglichst grob vor den Kopf stoßen? Ich begreife das wirklich nicht. Wem tut es weh, wenn jemand auf sein Handy starrt und den Blick gar nicht mehr davon abwendet? Wirklich niemandem, das kann ich so rigoros beantworten, da sich noch nicht mal etwas durch dieses Spiel verändert hat. Denn die Leute starren schon seit Jahren auf ihr Handy und nehmen ihre Umwelt kaum mehr wahr. Nur checken manche aktuell keine SMS, entgangene Anrufe oder irgendwelche Apps, sie zocken eben ein Spiel.

Ein Spiel, das natürlich absolut sinnbefreit ist. Genauso sinnbefreit wie Fußballkonsum, das Verfolgen einer Fernsehserie, der Sonntagabendkrimi, ein Kirchgang, ein Kinobesuch oder irgendein anderes Hobby. Wenn mir ein Kritiker des Pokémonhypes freiwillig erzählt, was er in seiner Freizeit macht, dann werde ich da verbindlich mit etwas konfrontiert, das mir absolut nutzlos erscheint und als pure Zeitverschwendung besetzt ist. Aber eben nur für mich, mein Gegenüber entspannt sich dabei und ist glücklich.

Kann man dieses Glück und diese Entspannung den Menschen nicht einfach mal lassen, auch wenn man selber nicht begreift, wie so etwas bei Tätigkeit XY aufkommen kann? Anstatt Zeter und Mordio zu schreien, sollte man sich einfach mit seinen persönlichen Hobbies Marke „Extra sinnbefreit“ beschäftigen und daraus neue Kraft tanken. Oder sich wie eingangs erwähnt auf die echten Probleme konzentrieren, dort Täter öffentlich bloßstellen und mit allen Mitteln Verbesserungen anstreben. Davon hat man sicher mehr als vom Niederschreien von Menschen, die sich aus einer recht ekelhaft eingeschränkten Ego-Perspektive betrachtet falsch entspannen und deshalb dringend lächerlich gemacht werden müssen.

PS: Ich gehe auf keinen Kommentar ein, der sich damit beschäftigt, wie sehr „Pokémon Go“ durch die extra laschen Nutzungsbedingungen die Entwicklung zum gläsernen Menschen fördert. Die Kritik ist zwar richtig, wirkt aber sehr albern, wenn sie auf einer Plattform wie Facebook formuliert wird.


– Text: Jens Grote


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