Die Brexit-Ernüchterung: Wir sind noch keine Europäer

Die öffentliche Meinung ist: Die Jugend will Europa, ist aber zu faul, Wählen zu gehen. Sie sind die Generation der Erasmus-Studenten und Expats. Doch diese Narrative ist auch nicht ganz richtig, meint Annette Greca.Eu-Fahne zerrissenMeine frühesten Erinnerungen an Europa sind Bilder des Wartens: Kilometerlange Autolawinen, die sich vor dem Zollhäuschen am Brennerpass gen Italien wälzen.

Wenn ich heute den Landweg nach Italien nehme, erinnern nur noch verfallende Gebäude daran, dass hier noch vor wenigen Jahren Uniformierte standen, die mit kritischen Blicken Pässe und Kofferräume inspizierten. Und über die – für mein kindliches Ich vollkommen unverständliche – Macht verfügten zu entscheiden, wer diese doch so unsichtbare Grenze ungehindert überschreiten durfte und wer nicht.

Heute sind die Grenzen weicher geworden – keiner hält mich mehr auf, wenn ich nach Süden fahren will und dass ich eine Grenze passiere, erfahre ich nur noch von Blechschildern, die mich über den Territorialanspruch informieren. An den Straßenrändern verfallen die Grenzhäuschen.

Grenzhäuschen – diese Beton gewordenen Zeugen und ihr Verfall könnten eine treffende Parabel abgeben für den langsamen Abbau der Mauern in den Köpfen: Mit jedem Staubkorn, das aus dem bereits brüchigen Fundament bröckelt, löst sich auch die Vorstellung auf, dass es diese menschgemachten Territorialansprüche sein könnten, die uns trennen – als wohnten südlich des Inns ganz andere Menschen als nördlich davon.

Und doch erstarken in ganz Europa die rechten Parteien. Die, die nationale Identitäten betonen und für ein Europa der Vaterländer werben. Der Paukenschlag aber traf uns alle vor wenigen Tagen: „Europa wollen wir nicht mehr“ sagten etwas mehr als die Hälfte der Briten.

Ich dagegen gehöre zu einer Generation, für die diese Grenzen irgendwie durchlässig geworden sind und langsam verschwimmen.

Meine Freunde studieren in Hamburg, arbeiten in Indonesien oder promovieren in den USA. Kommt das Gespräch auf ein weit entferntes Land, eine bizarr anmutende Sitte, eine ungewöhnliche Sprache – irgendjemand am Tisch kennt jemanden, der schon vor Ort war oder sogar noch ist, jemanden der einen speziellen chinesischen Dialekt spricht, mit dem Fahrrad durch Peru gefahren ist oder in Südafrika arbeitet. Die Welt ist für uns kleiner geworden.

Ich würde gerne sagen: Genau das ist meine Generation. Doch das ist nicht richtig.

Wenn ich von meiner Generation spreche, dann meine ich meine Peers: Diejenigen, die selbstverständlich das Gymnasium abgeschlossen haben, die sich auf der Welt zurechtfinden, weil sie mindestens passables Englisch sprechen, die genügend Geld haben, um sich zumindest eine Rucksacktour durch entlegene Teile der Welt leisten zu können und die von ihrem Umfeld mit dem ausgestattet wurden, was man benötigt, um sich aufzumachen: Mut, Zuspruch, Selbstvertrauen, Neugier, Bildung.

Wir vergessen oder verdrängen gerne die, die weniger privilegiert sind, deren 20er nicht daraus bestehen sich darüber klar zu werden, ob ihr Studienfach sie eigentlich auf die Art Karriere vorbereitet, die sie sich als erfüllend vorstellen und deren Radius begrenzter ist. Die nicht unsere Möglichkeiten hatten. Wir machen uns gerne lustig über den Ballermannurlauber, der mit weißen Socken aus seiner Bettenburgenkammer schlurft, um vor Ort Schnitzel mit Pommes zu essen und mit Bierglanz in den Augen Jürgen Milskis Hits mitzugröhlen. Wir sehen in ihm das, was wir nicht sein wollen, wenn wir mit unserem Rucksack durch Kambodscha wandern und uns so wunderbar kosmopolitisch fühlen.

Aber dieses Europa ist eben nicht nur das Europa der Erasmus-Studenten und Expats. Die europäische Idee ist eine verbindende, die alle integrieren soll. Sollte.

Diejenigen aber, denen es aus verschiedenen Gründen egal ist, ob sie vor Antritt ihres Jahresurlaubs in Spanien zwölf Minuten länger an der Passkontrolle warten, deren perspektivische Möglichkeiten nie andere waren, als in der Region ihrer Kindheit zu bleiben und dort sesshaft zu werden, für diejenigen erschließt sich der europäische Geist nicht einfach von selbst.

Was Europa für sie bedeutet, ist die Institution EU mit all ihren Absurditäten von Demokratiedefizit bis Gurkennorm. Man würde sich die Sache etwas zu einfach machen, wenn man die EU-Verdrossenheit, die sich in steigenden Wahlerfolgen von FPÖ bis Front National ergießt und nun im Brexit gipfelt, lediglich der Zeitungsschreibe über eine wildgewordene Technokratie zuschreiben würde. Europa kommt bei einem großen Teil der Bevölkerung schlicht nicht an.

Es ist müßig hier die Schuldfrage zu stellen. Gerne schreiben andere davon, dass es die Unzufriedenheit mit der Arbeit der EU sei. Doch ist dieses europamüde Klientel wirklich vertraut mit dem was in Brüssel beschlossen wird, welche Kompetenzen dort liegen und wer an Entscheidungen beteiligt ist? Und sollte es uns nicht alarmieren, dass weite Teile der Arbeit der EU für die Bevölkerung Europas vollkommen undurchsichtig scheinen? Ist es nicht vielleicht eher so, dass diese Idee eines starken, vereinenden Europas auch gerade von denen konterkariert wird, die in die Kritik geratene Ministerpräsidenten nach Brüssel abschieben, um ihnen einen gut dotierten Posten als Ausgleich zum Karriereknick zu verschaffen? Bräuchte dieses Europa nicht einen anderen Politikertypus? Einen begeisterten Europäer, für den der Gang nach Brüssel nicht das Ende sondern den Anfang seiner politischen Karriere bedeutet? Wäre dies nicht eher ein Signal für ein Bekenntnis zu Europa?

„Wir haben kein europäisches Staatsvolk“ – was von Kritikern der europäischen Union oft als strukturelles Demokratiedefizit herangezogen wird, ist auf einer anderen Ebene viel wahrer: Die wenigsten von uns begreifen sich tatsächlich als Europäer. Identitäten lassen sich nicht durch Staatsverträge überstülpen wie Mäntel. Identitäten sind wie eine Haut, in der wir wachsen, die mit uns mitwächst und die uns nach außen abschirmt, uns aber auch zusammenhält. Das ändert man nicht von heute auf morgen.

Wer in einem von Segregation geprägten Nationalgefühl groß wurde, der wird nicht auf einmal vom Briten zum Europäer. Auch unseren Staatsmännern geht es ähnlich: Erst kürzlich besuchte Gauck in seiner Funktion als deutsches Staatsoberhaupt Rumänien. Es blieb auf dieser Ebene: Der Deutsche bei den Rumänen. Dabei sind wir doch alle Europäer? Europa fühlt sich hier an wie ein Lippenbekenntnis vor Fremden, denen man allzu gerne wieder den Rücken zuwendet.

Wir sind noch keine Europäer.

Manchmal sage ich das trotzig: „Ich bin Weltbürgerin. Ich bin Europäerin.“ Was ich damit eigentlich sage: „Mich schränkt meine deutsche Identität ein.“ Tatsächlich weiß ich nicht was das ist: eine kosmopolitische, eine europäische Identität. Ich habe eine Idee, aber sie ist mir noch nicht zur Haut geworden, eher zu einem eng sitzenden Mantel, der mir an manchen Stellen nicht passen mag und unter dem manchmal allzu deutlich mein Deutschsein durchschimmert. Aber wir sind es, die für dieses Europa stehen: Die jungen Kosmopoliten in deren Köpfen die Grenzhäuschen langsam zerfallen. Und auch wenn sie noch da sind, sie bröckeln – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger.

Es ist an uns die anderen mitzunehmen. Trotz der EU, trotz der Fragen, die gestellt werden müssen. Wir müssen bereit sein zu akzeptieren, dass dieses Europa, dieses gigantische Projekt, sich noch immer im Aufbau befindet. Wir müssen anfangen diejenigen ernstzunehmen, denen sich Europa nicht von selbst erklärt und unsere paneuropäische Realität muss auch für diejenigen zugänglich werden, die nicht im gleichen Maße privilegiert sind. Und wir müssen auch verstehen, dass es an uns ist Europa mitzugestalten. Als Idee, als Identität, als Institutionengefüge.


– Text: Annette Greca


Wir danken unseren Sponsoren auf patreon.com: Martin Weigelt und Tobias Reich. Willst du unsere Arbeit auch unterstützen? Besuche unsere Seite auf Patreon!


5.00 avg. rating (96% score) - 5 votes