Amoklauf in München: Solange man nichts weiß: Klappe halten!

Beim tragischen Amoklauf von München gab es zehn Tote – Aber auch jede Menge populistische Aasgeier. Bevor irgendwelche Tatsachen bekannt waren, kochte die Gerüchteküche über. Fakes wurden in Umlauf gebracht und oft war man sich einig, dass „zu erwarten gewesen war“, dass es „auch mal bei uns knallt.“ Jeder dachte sogleich an einen Islamisten, oder dass dies zumindest „wahrscheinlich“ sei. Das ist alles ausgemachter Schwachsinn.Polizei MünchenJetzt wissen wir mehr: Es war kein Terroranschlag, sondern ein offenbar geistig verwirrter jungendlicher Amokläufer. Als wir gestern Abend davon hörten, schoss jedem von uns ein Gedanke durch den Kopf: War das ein islamistischer Terroranschlag? Auch mir, natürlich. Doch ich habe mich sogleich über mich selbst geärgert. Einige meiner Freunde schrieben neben den richtigen und verständlichen Trauer- und Solidaritätsbekundungen, dass „zu erwarten gewesen war“, dass „der Terror auch mal zu uns kommt“.

Für die menschenverachtenden Populisten, die sich diebisch über die Toten in München freuten, da sie daraus politisch Kapital schlagen konnten, war es gleich nach den ersten Meldungen klar: „Danke für den Terror in Deutschland und Europa [Merkel]“ schrieb der AfD-Chef von Sachsen-Anhalt. Auch Jürgen Elsässer (über den ich mir hier eine Bemerkung spare) schrieb: Alle „verantwortungsbewussten Kräfte“ im Land seien nun aufgerufen, die Grenzen „sofortig“ zu schließen: „Kein Moslem darf mehr rein oder raus.“ Flüchtlingszentren müssen „abgeriegelt“, Moscheen geschlossen werden. „Wir sind im Krieg“, verstieg sich Elsässer, „und es geht um Landesverteidigung“. Doch auch Maximilian Krah, CDU-Mann aus Dresden proklamierte: „Die Willkommenskultur ist tödlich.“

Zu diesem Zeitpunkt war nichts über Täter, Opfer oder Motiv oder sonst was bekannt. Solche Menschen sind Aasgeier, die den Tod von Menschen für ihre Zwecke missbrauchen.

Doch auch viele gutmeinende Menschen meinten: Es sei leider doch „wahrscheinlich“, dass es sich um einen Islamisten handeln müsse, oder sogar um einen Flüchtling.

War es das?

Wir Deutschen müssen mal wirklich an unseren Realitätschecks arbeiten: In einem Klima von rechtspopulistischer Hetze und postfaktischer Stimmungsmache, die durch die immer filternden Medien ein verzerrtes Bild der Realität abbilden, muss man wirklich hart kämpfen, um einfach mal keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. An dieser Stelle möchte ich die außerordentlich professionelle und deeskalierende Arbeit der Polizei München loben, die äußerst unaufgeregt und gewissenhaft ihre Arbeit erledigt hat und auch die Social-Media-Kanäle gut genutzt hat, um auf die bis dato bekannten Tatsachen hinzuweisen und die Menschen aufzurufen, keine Bilder oder Videos von der Tat oder den polizeilichen Maßnahmen zu veröffentlichen.

Natürlich haben wir alle an Terror gedacht, an Charlie Hebdo, an die Anschläge in Paris letzten November, an Brüssel, an Nizza, an Würzburg. Es sieht aus wie ein Muster, oder? Doch wir dürfen keine Panik bekommen und erst Recht nicht den populistischen Rattenfängern hinterher laufen, die solche schrecklichen Ereignisse missbrauchen möchten. Bleiben wir auf dem Teppich. Inzwischen hat die Polizei München zwei Pressekonferenzen abgehalten und erzählt, was bisher fest steht, alles andere sind unbrauchbare Spekulationen. Und es war tatsächlich kein islamistischer Terrorist.

Die Nachrichten verzerren das Bild von der Welt, das wir haben.

Bist du sicher durch (durchaus unabsichtliche) Manipulation durch die Medien? Wenn wir von so einem Ereignis wie gestern mit mehreren Toten hören, denken wir inzwischen unwillkürlich an Terror und damit automatisch an einen islamistischen Terroristen. Wir sind so durch die Berichterstattung der letzten 18 Monate geprägt, hinzu kommt die allseits präsente Rhetorik von AfD und Co, die sich allein durch ständige Wiederholung bei uns einprägt.

Doch allein schon auf der absolut unvollständigen und subjektiven Liste da oben sind nicht alle Anschläge vom IS begangen worden. Nur die zwei in Paris und Brüssel. Und zwei davon von der gleichen Terrorzelle. Wie viel Menschen sind in Deutschland bin letzter Zeit von islamistischem Terror getötet worden?

Niemand. In den letzten 5 Jahren erschoss die Berliner Polizei den irakischen Islamisten Rafik K., nachdem dieser auf der Straße eine Polizistin mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt hatte. Das war’s. Es gab noch ein paar vereitelte Angriffe von Salafisten, aber sonst gab es keine islamistischen Vorfälle in Deutschland in letzter press-899477_1920Zeit. Das soll natürlich nicht die Gefahr durch islamistischen Terror leugnen, aber wenn man die 10.500 Rechtsextreme, die der Verfassungsschutz zählt, die nach offiziellen Zahlen 179 Menschen umgebracht haben (vermutlich sind die Zahlen aber noch höher) den 1000 Islamisten gegenüberstellt, kann man sich schon fragen, warum wir nicht in gleichem Maße beim Amoklauf gestern an einen Terroranschlag mit rechtsextremen Hintergrund gedacht haben.

Letztes Jahr gab es 22.000 Unfalltote, fast jeden Tag geschieht ein Mord und es wurden 2015 fast 7000 Menschen vergewaltigt.  (Alles: http://de.statista.com/) In Deutschland werden jährlich 20-30 Menschen erschossen, davon 5-10 von der Polizei. (Quelle: IMK)

Fast täglich erreichen uns Nachrichten über getötete Zivilisten in den Kriegen aus aller Welt. Fast 100 unschuldige Menschen sind laut der Nachrichtenagentur Reuters in dieser Woche allein bei US-geführten Luftangriffen in Syrien ums Leben gekommen. Heute morgen erreicht uns eine weitere Nachricht: 61 Tote in einem Anschlag in Kabul. (Stand: 23.07. 16:00)

Warum zähle ich das alles auf? Das ist natürlich auch nicht die vollständige Wahrheit, sondern wieder andere Zahlen, eine andere Narrative, aber eine, die uns Kontext liefern soll. Wir sind heutzutage viel sicherer vor Terroranschlägen als noch vor 30 Jahren (Es ist wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken, als Opfer eines Terroranschlags zu werden), der islamistische Terror macht nur Bruchteile der Terroranschläge in Europa aus (Quelle: Europol), die Kriminalität ist in Deutschland 2015 laut BMI genauso hoch wie im Vorjahr (Zahlen hier). Also auch „trotz“ 800.000 Flüchtlinge gab es nicht mehr Kriminalität (Außer „ausländerrechtliche Verstöße, wie beispielsweise illegale Einreise“).

Es ist bereits absurd, dass ich in einem Artikel über einen Amoklauf in München über Flüchtlinge reden muss.

Warum muss ich das Thema überhaupt anschneiden? Der Täter war kein Flüchtling, sondern Deutscher, der schon seit Jahren in München lebte. Warum muss ich mich genötigt sehen, die Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr einzubauen? Weil Rechtspopulisten versuchen, alle Ereignisse in eine einfache Narrative zu quetschen, in der alles auf ein Problem und ein Feindbild heruntergebrochen werden kann. Und Flüchtlinge und Merkel sind die derzeitigen Sündenböcke. Doch – wie immer – so einfach ist das nicht.

Tatsächlich nahm die Kriminalität „ausländischer“ Straftäter in Deutschland in einem geringeren Maße zu, als zu erwarten gewesen wäre. (Quelle BKA)

Also worüber reden wir jetzt eigentlich?

Jetzt, am Tag nach dem Amoklauf wissen wir mehr. Und auf Grundlage der Dinge, die wir wissen, können wir reagieren. Trauer ist angebracht, Mitgefühl, auch Wut über diese Tat. Und wir würden gerne unsere Wut auf irgendetwas richten und ein schönes Feindbild wäre da einfach. Das ist ganz normal. Wenn diese Tat zu einem großen, bösen Plan einer bösen Organisation (wie dem IS) gehören würde, dem wir die Schuld geben könnten, dann wäre das einfacher. Uns fällt es schwer, zu akzeptieren, dass manche Dinge einfach geschehen, ohne Plan, und ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können. Wir wünschten uns, es wären Dinge, vor denen wir uns mit noch mehr Kameras, noch mehr Kontrollen und noch weniger Privatsphäre schützen könnten. Doch nach dem der erste Schock überwunden ist, müssen wir behutsam vorgehen.

Eine Studie vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit aus Bonn zeigt, dass Terroranschläge global in den letzten 15 Jahren tatsächlich wieder zugenommen haben. Aber Amoklaufdas trifft nur zu einem sehr geringen Maße auf Westeuropa zu und hängt auch damit zusammen, dass (Bürger)kriege gleichzeitig zurückgehen – Die Art des Kampfes wird quasi eine andere. Und die Studie suggeriert, dass die extensive und sensationslüsterne Berichterstattung der westlichen Medien, die sich im harten Kampf um Einschaltquoten und Klicks selbstverständlich auf solche Ereignisse stürzt, dazu beitragen könnte, dass Menschen dazu inspiriert werden, weitere Terroranschläge zu verüben. Trittbrettfahrer und Nachahmer, aus den unterschiedlichsten Motiven und Hintergründen. Deswegen müssen wir mit der Weiterverbreitung solcher Dinge vorsichtig sein – Erst Recht, wenn sie (noch) nicht bestätigt sind!

Gerade die Stimmungsmache und das Schüren von Angst, das Rechtspopulisten betreiben, spielt dem IS letztendlich in die Hände. (Mehr dazu, wie die AfD mit dem IS zusammenarbeitet)

Ja, es sterben täglich 42 Menschen weltweit an Anschlägen. Gleichzeitig verhungern aber auch 7123 Kinder jeden Tag. Doch letzteres ist uns nicht so bewusst, weil es nicht alle paar Tage in den Medien ist. Wir befinden uns in einem gefährlichen Kreislauf aus Angst und selektiver Berichterstattung. Die Medien bekommen satt Klicks und Einschaltquoten, wenn man Vorfälle von Flüchtlingen oder islamistische Terroranschläge berichtet. Auch unsere zwei erfolgreichsten Artikel aller Zeiten beschäftigten sich mit Flüchtlingen (Hier) und Terroranschlägen (Hier). Und weil das Thema in den Medien omnipräsent ist, verstärkt sich unser Bild und wir überschätzen die tatsächlichen Umstände und Gefahren. Ja, wir Menschen werden am ehesten Dinge teilen und uns über Dinge austauschen, die uns aufregen und wütend machen (Und ob sie wahr sind oder nicht ist dabei nicht relevant).
Deswegen denken wir jetzt bei jedem Ereignis gleich an islamistische Terroristen. Leider.

Die Tat gestern in München war schrecklich, keine Frage. Wieso der Täter dazu getrieben wurde, diese Tat zu verüben, das werden die andauernden Ermittlungen vielleicht noch zeigen. Eine menschliche Katastrophe ist es allemal. doch wir dürfen bei alldem nicht den Kopf verlieren und dürfen nicht den Verlockungen des Rassismus nachgeben, der eine Ethnie (oder die völlig unhomogene Gruppe der „Ausländer) als irgendwie bedrohlicher oder krimineller porträtiert, denn das ist immer falsch.

Und deswegen sollte auch in Zukunft für uns alle, aber auch für die Medien die Devise lauten: Solange noch nichts feststeht, sind Spekulationen mindestens sinnlos und auf jeden Fall gefährlich für den Frieden im Land. Jedes Gerücht, dass ihr ohne handfeste Informationen in die Welt setzt, macht diese zu einem schlechteren Ort. Und genau das können wir zu solchen Zeiten wirklich nicht gebrauchen.


– Text: Thomas Laschyk

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