Wie ich den Brexit in London erlebt habe

Belinda Borck lebt seit 3 Jahren in London. Verständnislos musste sie zusehen, wie die Briten für einen Austritt ihres Landes aus der EU gestimmt haben. Zurück bleibt: Fassungslosigkeit.Brexit 1Seit inzwischen knapp drei Jahren wohne ich in England. In London, um genau zu sein. Das scheint wichtig zu sein, wie wir gesehen haben. London hat wenig mit dem Rest des Landes zu tun und vieles wird in der Hauptstadt ganz anders gesehen und gemacht als andernorts. Das ist auch einer der Gründe, warum ich am Donnerstag auf dem falschen Fuß erwischt wurde.

Wahrscheinlich sollte ich diesen Europaerfahrungsbericht im letzten September beginnen. Ich saß in einem Seminar zum Thema Nationen. Zur Einleitung sollten wir alle unsere nationale Identität „benennen“ – einfach um in das Thema reinzukommen, ohne irgendeine Begründung. Reihum kamen die Antworten „Britisch“, „Englisch“, „Schottisch“ und dann eine Antwort „Englisch-europäisch“. Ein paar Köpfe drehten sich und einige Augen verdrehten sich auch. Meine Antwort „German-European“ kümmerte keinen besonders. Klar sagt die Deutsche: Sie fühlt sich europäisch – ist sie ja auch. Oft genug wurde ich, aufgrund meines Akzents, in den letzten drei Jahren gefragt: „Woher aus Europa kommst du?“ Bis vor Kurzem habe ich lachend geantwortet: „Aus Deutschland, aber aus Europa sind wir doch beide!“ Das Lachen ist mir vergangen.

„Der Geräuschpegel ist hoch und immer mal wieder wird Nigel Farage ausgebuht, wenn er auf der großen Leinwand erscheint.“

Donnerstag, 23. Juni, 10 Uhr abends. Der Pub ‚The Lexington‘ im nordöstlichen London ist gefüllt mit hoffnungsvollen jungen Menschen. Am Eingang wird kurz die Tasche kontrolliert und dann geht es ab durch die Tür, an der ein Zettel klebt mit dem man akzeptiert, dass alle Bildrechte abgegeben werden. Viele Kameras und Reporter zwängen sich zwischen den eng stehenden Tischen und Stühlen durch und stellen meist nur eine Frage “Geht das heute gut?“ Alle Anwesenden sind „Remainer“. Der allgemeine Konsens ist zuversichtlich – „Das klappt, aber es wird knapp!“

Das erste Ergebnis kommt um ungefähr halb 12 – Gibraltar. Die Stimmung ist gut. Die meisten sind schon beim zweiten Pint und eine Begeisterungswelle schwappt durch den vollgepackten Raum. Mit knapp 96% geht „Remain“ in Führung. Der Geräuschpegel ist hoch und immer mal wieder wird Nigel Farage ausgebuht, wenn er auf der großen Leinwand erscheint. Er teilt mit, er glaube, dass „Remain“ das Endergebnis sein werde, er aber seinen Kampf gegen die EU nicht aufgeben wolle.

Nach und nach kommen die ersten Auszählungen rein. Jedes Mal, wenn „Remain“ gewinnt, strecken mein englischer Freund George und ich uns die Zunge entgegen und lachen – das ist unser Europagruß. „Remain“ liegt vorn, aber Newcastles Ergebnis ist knapper als erwartet. Muss man sich Sorgen machen? Ich habe ein schlechtes Bauchgefühl, aber so richtig glauben tue ich es nicht. Aus den 382 abstimmenden Regionen sind erst grob 30 ausgewertet, also ist noch lange nichts entschieden.

Ab ungefähr 2 Uhr morgens schlägt die allgemeine Laune um. Die ersten werden müde und gehen nach Hause. Wenn hier ein Sieg folgt, dann ist der noch knapper als erwartet. Es ist ein enges Kopf-an-Kopf Rennen. Mehr und mehr Ergebnisse werden bekannt gegeben, während verschiedene Politiker und Experten spekulieren und diskutieren. Die Prozentanzahl und damit die Führung ändert sich ständig. Warte, wer liegt eigentlich vorne?

In den letzten zwanzig Minuten haben wir uns die Zunge nur selten entgegengestreckt. „Leave“ hat auf einmal einen stärkeren Vorsprung. Die Prozentzahl steigt auf 50.8%, das ist viel für diese Zitterpartie. Zwar ist es immer noch laut, aber es wird leiser um unsere Gruppe herum. George dreht sich um und sagt „I‘m sorry.“ Ich winke ab. Ich bin der Meinung, er brauche sich nicht entschuldigen.

Eine halbe Stunde später sagen wir alle nicht mehr viel und fahren betrübt mit dem Nachtbus nach Hause. Die Sonne geht auf, aber sie geht auch unter in dem Imperium, in dem die Sonne niemals untergeht.“

Tagsüber, an diesem so genannten „Independence Day“, dreht sich jedes Gespräch um den Brexit. Es herrscht Fassungslosigkeit und Unverständnis auf Londons Straßen. Meine Stimmung schlägt total um. Ich bin vor allem frustriert. Wie kann mehr als die Hälfte dieses Landes wirklich glauben, dass sie ohne die EU besser dran ist? Cornwall etwa hat mit einer 53%-Mehrheit gegen die EU gestimmt und möchte jetzt die Summe an Subventionen, die sie bis jetzt aus Brüssel erhalten haben, von der englischen Regierung bekommen. Das klingt doch nach einer soliden und realistischen Lösung.

Nur 34% der 18 bis 25-Jährigen sind Wählen gegangen. Wer sich nicht um seine Zukunft kümmert, der darf auch nicht mit dem Finger auf die älteren Generationen, die trotz Dauerregen ins Wahllokal gegangen sind und „Leave“ gewählt haben, zeigen. Ihr geht nicht wählen und wollt Euch beschweren? Die Frage „What is the EU?“ war NACH dem Referendum eine oft gestellte Fragen an Google. Das kann doch nicht Euer Ernst sein.

Brexiteer-Führer Nigel Farage hat noch in der Nacht ein Versprechen über die finanzielle Unterstützung des Gesundheitssystems korrigiert. Das sei in der Form leider doch nicht möglich. Dem Froschauge habt Ihr bis jetzt geglaubt und seid nun wirklich überrascht? Fehlende Sonne führt doch nicht automatisch zu hirnverbrannten Aktionen. Oder doch? Vielleicht war aber gerade der Mangel an Vitamin D in UK der Grund für eine derart dämliche Entscheidung der Mehrheit?


– Text: Belinda Borck


Wir danken unseren Sponsoren auf patreon.com: Martin Weigelt und Tobias Reich. Willst du unsere Arbeit auch unterstützen? Besuche unsere Seite auf Patreon!


4.50 avg. rating (88% score) - 8 votes