Wie viel Ronaldo-Bashing geht in Ordnung?

Die Europameisterschaft in Frankreich ist bis dato kein großes Symbol der Einigkeit Europas: Hooligans verschiedener Länder bekämpfen sich bis aufs Blut, Deutsche monieren die Abstammung ihrer Nationalspieler und gleichzeitig gibt es eine Debatte darüber ob man zur EM die eigene Nationalflagge schwenken darf oder nicht.RonaldoAnstatt ein gemeinsames Sportfest zu sein, fühlt sich die EM wie ein trennendes Element an. Und nach dem Spiel zwischen Portugal und Österreich, welches im Übrigen für viele Fans überraschend 0:0 ausgegangen ist, zeichnet sich ein weiteres spaltendes Phänomen in den sozialen Netzwerken ab: die Ronaldo-Häme.

Christiano Ronaldo, Portugals schillerndster Nationalspieler, hatte am letzten Samstag den Sieg Portugals auf dem Fuß – und donnerte ihn gegen den Pfosten: erst war es ein verschossener Elfmeter und danach ein Abseitstor, was Ronaldo an diesem Abend zur tragischen Figur des Spiels machte. Er, der Mann, der als übertrieben eitel gilt, dessen Frisur bei jedem Wetter halten sollte. Der Mann, dem man nachsagt, er habe den Trikottausch mit dem isländischen Spieler Gunnarsson abgelehnt, sieht sich nun einer großen Spottwelle in den sozialen Netzwerken ausgesetzt.

Zugegeben, als Wahlösterreicher habe ich es mir am Samstagabend auch nicht verkneifen können, ein kleines Gif auf Facebook zu posten, welches quasi meine virtuelle lange Nase darstelle. Der Post entstand irgendwie aus einer Mischung zwischen Underdog-Freude, Schadenfreude und innerer Zufriedenheit, dass ausgerechnet der Superstar den möglichen Siegtreffer an den Pfosten gesemmelt hat.

                        Und, Ronaldo, wie war es gegen Österreich?

Ich musste recht schnell erkennen: ich war nicht der einzige, der sich über Ronaldo lustig machte. Interessant auch: es waren nicht allein Österreicher, deren Nationalmannschaft ja aktiv am Spiel beteiligt war, sondern eine große Menge an deutschen Facebookfreunden, die mit allerlei verschiedenen Memes und Gifs ihre Häme zum Ausdruck brachten.

Ja, auf Facebook ist die Ronaldo-Schadenfreude ausgebrochen, an der auch ich teilgenommen habe, zumindest auf meinem Privatprofil. Einzelne Facebookseiten haben dagegen keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie sich an Ronaldos schweren 90 Minuten vom letzten Samstag erfreuen (die 90 Minuten gegen Island sind da noch gar nicht mit einberechnet!).

Nun gut, man kann jetzt sagen, dass es sich bei der einen Variante des Bildes um ein Posting eines Privatprofils auf Facebook handelt, bei dem anderen Bildchen eine Veröffentlichung durch eine Seite, die sich selbst mit den Worten (sic) „Jede Menge Blödsinn und allseitsbeliebte Niveauentgleisungen!! Wir sind das Orginal!!“ beschreibt. Kann man machen, denn beide tragen in ihren Veröffentlichungen jetzt keine wirkliche volkserzieherische Verantwortung.

Aber auch an anderen Stellen konnte man „viel Spaß mit Ronaldo“ sehen, der „Fußballmimimi“ hat am vergangenen Wochenende auch in den Medien nochmal die volle Packung bekommen. So sprach Oliver Kahn von einem „Marketing-Fritzen“, an anderer Stelle wurde Ronaldo „der arroganteste Fatzke der Welt“ genannt. Nun ja, er hat selbst einen gewissen Anteil daran, dass diese Darstellung seiner Person so entstanden ist. Doch wohin führt diese Ronaldo-Häme? Ist es nur ein reiner Spaß mit der Schadenfreude, welcher in den sozialen Netzwerken tobt? Bis dahin habe ich es immer für einen solchen gehalten, doch habe ich mich augenscheinlich getäuscht. Denn die Häme, welche Ronaldo zuteil wird, wird in einem gewissen Rahmen auch auf die portugiesischen Mitbürger in Deutschland reflektiert.

Die Geister, die ich rief

Auf meinem Facebookpost zu Ronaldo, der zugegebenermaßen aus Schadenfreude entstand, antwortete nun ein Freund aus Kindertagen. Er war sauer, und das letztendlich auch zurecht, denn die ganzen Ronaldoscherze betreffen ihn und seine Familie in der Realität.

„Vamos Portugal! Jetzt erst recht. Es ist mir egal ob Portugal verliert oder gewinnt. Es ist mir egal ob Ronaldo nun schwul, arrogant, dumm oder asozial ist. Kein Spaß. Ich bin Portugiese. Ich bin auch Deutscher. Und für den Moment bin ich vor allem eins: enttäuscht! Enttäuscht ob der vielen Anfeindungen! […]“

Sein Kommentar war noch viel länger, er schrieb darüber, dass diese Ronaldoscherze in gewisser Weise auch gegen Portugiesen generell ausgelegt werden und dass speziell die Medien gerne spitz gegen Ronaldo vorgehen und damit eine Art „Portugiesenhass“ schüren.

Einen „Portugiesenhass“ sehe ich weder in dem eigenen geposteten Gif, noch aus den begleitenden Worten. Zudem habe ich habe diesen Post nicht aus der Warte des „Deutschen“ verfasst, sondern als Fan der Österreichischen Mannschaft, sprich: das Land in dem ich lebe.

Dennoch gab mir mein alter Freund zu denken, denn er erwähnte auch, dass nachts das Haus seiner Eltern mit Schmährufen, Hupkonzerten und Klingelstreichen „bombardiert“ werde, obwohl seine Eltern mit Fußball nichts am Hut haben. Ebenso teilte er mir mit, dass er, so wie viele andere Deutschportugiesen, einem Spießrutenlauf ausgesetzt sind, nur weil Ronaldo Portugiese ist.

Das ärgert mich natürlich ein wenig, denn hier zeigt sich mal wieder, dass ein paar unverbesserliche Chaoten ihre hirnlosen Spiele spielen. Angestachelt von Medien, von Gifs und Funny-Facebookseiten, aber auch einer Fehlreflexion des Verhalten eines Mannes auf eine ganze Bevölkerung. Nein, fair ist das nicht, allein weil ich weiß, dass es gegenüber der Familie meines Freundes ungerecht ist, die seit dem ich sie kenne in Deutschland wohnt.

Weichen versöhnlich setzen

Nein, ich habe mein Gif nicht gelöscht. So weit in ich dann doch nicht gegangen. Aber in gewisser Weise hat mich die Botschaft meines Freundes nachdenklich gemacht. Schadenfreude und kleine Frötzeleien wird es immer geben, aber man muss auch zu differenzieren wissen: aufgrund der Darstellung einer Person oder einer kleinen Gruppe von Personen sollte man nicht auf ein ganzes Volk schließen. Das gilt beim Fußball, wie auch in anderen Bereichen des Lebens. Auch Medien sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein: auch wenn Ronaldo sich nicht immer optimal nach außen darstellt, so bewirkt das Ronaldo-Bashing aber auch ein negativ reflektiertes Bild auf die in Deutschland lebenden Portugiesen.

Diese EM – sollte sie nicht eigentlich ein gemeinsames Sportfest sein? Sollten wir nicht Spiele zusammen feiern? Letzten Donnerstag, beim Spiel zwischen Deutschland und Polen, saß ich in Wien beim Public Viewing mit Deutschen und Polen an einem Tisch. Wir hatten viel Spaß (die Polen am Ende etwas mehr). Es geht. Ohne Probleme, man muss es nur wollen.


– Text: André Wolf, Bildnachweis: Dagur Brynjólfsson. (CC BY-SA 2.0)

Andre schreibt für ZDDK – Mimikama und deckt Internet-Fakes auf. Wenn ihr ihm und Mimikama noch nicht folgt, solltet ihr das jetzt tun!


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Unsere Diskussion zur EM: Ist das Deutschlandflaggenschwenken bereits nationalistisch oder der Ausdruck der demokratischen Prinzipien Deutschlands?

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