Backpulver gegen Krebs? So könnt ihr seriöse Gesundheitsseiten von gefährlichem Unsinn unterscheiden

Viele unseriöse Seiten raten zu Hausmitteln gegen sogar lebensgefährliche Krankheiten oder bieten alternative Medikamente praktischerweise direkt im hauseigenen Onlineshop an. Doch was sind vertrauenswürdige Tipps und was gefährliches Geschwurbel?

VitamineInternet sei Dank haben wir in Mitteleuropa den besten Informationszugang, den wir je hatten. Nicht nur der Zugang zum Netz und den Abruf von Informationen ist einfacher und bezahlbarer geworden, als zu der Zeit, als man noch die Online-Zeit mit Telefon-Anrufen timen musste und immer wieder ausloggen und in einen günstigeren Tarif einloggen musste. Auch die Möglichkeiten, selbst Webseiten zu erstellen und mit (erfundenen oder ins Weltbild passend gebogenen) Bildern, Texten und Videos zu füllen haben sich vereinfacht.

Bisweilen sind diese zur Überzeugung passend gemachten Seiten nicht nur lustig, lächerlich oder z.B. in Bezug auf die Außenwirkung einfach nur peinlich, sondern sogar gefährlich.
Am gefährlichsten sind Seiten mit Desinformationen dann, wenn sie:

  • Informationen bereitstellen, die sich eine Empfängergruppe zur Untermauerung ihrer Theorien wünscht
  • eine bunte Mischung aus tatsächlichen Fakten und Übertreibung, Fehlinformation und bequemen Theorien bringt
  • seriös wirkt, indem Verlinkungen gesetzt werden, (vermeintliche) Fachbegriffe verwendet werden usw.

Wieso das gefährlich sein soll? Bringt doch erst einmal einen gesunden Menschen nicht um, Zitrone, Kurkuma und Backpulver oder den ein oder anderen Smoothie zu konsumieren.

Richtig, da steckt auch gesund im Satz. Wer gesund ist, kann sich ja Leckereien wie „Goldene Milch“ mit Kurkuma gönnen. Wird sie jedoch als Heilmittel bei Krebs verwendet, wie z.B. „Bewusst-vegan-froh“ vorschlägt, kann das evtl. auch ins Auge, bzw. ins Grab gehen. Im verlinkten Artikel wird, statt zu den im Abriss erwähnten tausenden Studien und Forschern, zu einer ebenso unwissenschaftlichen Seite uns – Überraschung! – Produkten bei Amazon verlinkt. Folgt man den Links von Bewusst-Vegan-Froh (sowas und hier die einzig seriöse Seite), findet man sehr vorsichtige Einschätzungen zum Wundermittel Kurkuma. So wird erklärt, dass die Wirkung in Bezug auf einige Krankheiten noch nicht ausreichend erforscht sei (z.B. Uveitis), noch verschlimmernde Auswirkungen hat (z.B. Magengeschwüre), leichte Verbesserungen zu erkennen seien (z.B. Verdauung).
Während die pflanzliche Hausapotheke bei kleineren Wehwehchen und unterstützend zu einer Therapie wirklich gute Dienste leisten kann, kann eine reine Hinwendung zu vermeintlich „natürlichen“ oder alternativen Heilmethoden die letzte Chance auf Rettung oder Heilung zerstören. In diesem Fall starb ein kleiner Junge, weil die Eltern eine Smoothie-Kur mit Olivenölextrakten und Echinacea-Präparaten dem Arztbesuch vorzogen.
Um weitere Tote oder Verstümmelte (z.B. hier, oder hier) zu verhindern, sollte eine gewisse Medienkompetenz aufgebaut werden.

Grundsätzlich gilt:

  • Nur weil es auf einer Website geschrieben wird, in einem Youtube-Video gesagt wird (Oh Gott) oder jemand im Forum völlig überzeugt von etwas ist, muss es nicht stimmen. Trotz fescher Dokumentation wachsen Spaghetti nicht auf den Bäumen (Ja, wirklich nicht) und ein Youtube-Kanal belegt zunächst einmal nur eine gewisse Kompetenz im Anlegen eines Youtube-Accounts.
  • Quellen prüfen ist notwendig. Wird eine Theorie nur auf diversen Blogs mit einer gewissen Intention (Ausrotten der Pharmaindustrie, der Chemtrails und der Reptiloiden!!111) geteilt, ist eine Recherche nach fundierteren Quellen nützlich. Finden sich schließlich Studien, lohnt ein Blick hinein. Sind sie tatsächlich so positiv, wie die Blog-Einträge behaupten?
  • Ist etwas zu schön um wahr zu sein, dann ist es wohl oft auch nicht wahr. Dass der nigerianische Milliardär uns wohl keine 7. Mio. US-Dollar überweist und die Penisverlängerungscreme eher Wunschdenken ist, wissen die meisten von uns. Wären Backpulver, Zitronen und Kurkuma tatsächlich Krebsheilmittel und sogar geeignet zur Prophylaxe, wären die meisten von uns quasi unsterblich und kugelrund, weil Zitronenkuchen täglich konsumiert werden würde. „Nimm doch noch ein Stück, zur Krebsprophylaxe!“
  • Prüfen, ob eine Seite Interesse daran hat, z.B. hat eine Darmsanierung (z.B. Zentrum der Gesundheit: Hui, ein Artikel… und nebenan viele tolle Produkte!), Chlorbleiche (Achtung! Wirklich gefährlich!!) oder andere Produkte zu verkaufen. Natürlich verdient auch die konventionelle Arzneimittelindustrie reichlich Geld und führt nicht wenige Tierversuche durch. Jedoch kann dies nicht der Grund dafür sein, knapp 18€ für 400g Bentonit auszugeben.

So gewappnet lässt es sich etwas leichter und vielleicht auch gesünder durchs virtuelle Leben klicken. Ein weiterer positiver Effekt, wenn Veganer nicht die abstrusesten Theorien verbreiten und allem, was nach tollem, veganem Allheilmittel klingt, ihr „Like“ schenken ist, dass vegane Menschen auch als vernunftbegabte Menschen angesehen werden.
Und das ist wirklich sehr angenehm in einer Welt, in der Menschen ihre gewählten Politiker mit Morddrohungen überziehen, Flugzeuge nicht mehr als Transportmittel, sondern als Vergiftungsgeräte ansehen und wir immer noch über „Nein heißt Nein“ und Ehe für alle diskutieren.


– Text: Hella Martin

 

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