Über Flüchtlinge schimpfen, aber Millionären beim Kicken zujubeln

Jens Grotes Nachbar ist euphorischer Fußballfan – und AfD-Wähler. Wie man sich über vermeintliche Soziale Ungerechtigkeit aufregen kann und gleichzeitig Millionären beim Kicken eines Balles zuschauen kann, erschließt sich ihm in „Die groteske Weltanschauung“ nicht.FußballfanEin Nachbar aus der Querstraße wählt die AfD und er steht auch PEGIDA sehr offen gegenüber. Das weiß ich, weil ich ihn öfters treffe, da unsere Hunde leider sehr gut befreundet sind, und er mir zu diesen Gelegenheiten seine Beweggründe immer sehr holprig erläutert. Er macht seine Begeisterung daran fest, dass einfach zu viele Ausländer nach Deutschland drängen, obwohl das soziale Steuer seiner Meinung nur herumgerissen werden kann, wenn man sich endlich mal um die einheimischen Armen kümmert. Dementsprechend hat er auch eine ganz frische Hasskappe auf, seit er erfahren hat, dass die Kommunen 9 Milliarden Euro für die Integration von Flüchtlingen fordern.

Als er mir gerade immerhin sehr blumig und durch seine Rhetorik eines circa 6jährigen ziemlich lustig diese angebliche Ungeheuerlichkeit vermittelt hat, kam im gleichen Gespräch auch seine Freude über die aktuelle EM als Thema auf. Er outete sich als Riesenfan, der sein Auto, seine Wohnung und sogar seinen Arbeitsplatz (ja, besitzt er alles, auch als Ärmster der Armen, dem alles weggenommen wird) in schwarz-rot-gold dekoriert hat und der „daraus Kraft bezieht“ (Zitat!), wenn „seine“ Mannschaft ein gutes Turnier spielt.

„Egal, wo man da hinguckt, man sieht Millionäre. Auf dem Platz, hinter den Kulissen, auf den Expertenpositionen, auf den Ersatzbänken.“

Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns wahrscheinlich doch endgültig, zumindest für länger verkracht haben. Aber mir geht das auch einfach nicht in den Kopf. Zwar muss ich hier ein paar Anhänger dieser Kolumne mit dem Outing verprellen, dass ich auch Spaß an dieser EM habe, aber trotzdem vernebelt mir das nicht mal ansatzweise die Erkenntnis, was das für ein Turnier ist, wer dort spielt und wer es veranstaltet. Egal, wo man da hinguckt, man sieht Millionäre. Auf dem Platz, hinter den Kulissen, auf den Expertenpositionen, auf den Ersatzbänken.

Wie kommt man auf den Gedanken, dass einem ein Flüchtling, der vor einem Krieg oder Hunger flieht und nur noch ein Handy und die Klamotten am Leib besitzt, etwas wegnimmt? Der Gedanke allein ist schon absurd genug, aber wenn man zusätzlich noch seine Freizeit damit verbringt, Millionäre anzubeten, reicher zu machen und ihnen das ach so kleine und hinten und vorne nicht reichende Gehalt hinterherzuwerfen, dann wird es wirklich lächerlich.

Der Flüchtling allgemein könnte uns vor Altersarmut retten, einfach indem er einen Job findet und dann in die Sozialkasse einzahlt. (Hier mehr zum Thema) Eine Sozialkasse, die auf dem letzten Loch pfeift, weil (o. k., unter anderem) nicht ein Fußballmillionär dort einzahlt, einfach weil diese Leistungen für das Pack in der Unter- und Mittelschicht gedacht sind. Und trotzdem mobilisiert man gegen diesen Flüchtling und hebt den Millionär mit leuchtenden Augen auf ein Podest?

„Das Restvolk pöbelt lieber gegen die wirklich Ärmsten der Armen und jagt sie im kranken persönlichen Idealfall noch heute zurück in ihr Elend, und vergoldet parallel weiter der einheimischen und internationalen Luxuselite den goldenen Hintern aus Mondgestein.“

Ein Grundeinkommen in Deutschland könnte ohne weiteres gestemmt werden, indem man eine Vermögenssteuer einführt. Arbeit könnte sich allgemein wieder lohnen, wenn man sie fair besteuern würde. Davon kann man aber nur träumen, denn wir leben hier in einem Land, in dem Arbeit höher besteuert wird als Kapital. Ist das der Grund, warum man als Unter- oder Mittelschicht die Millionäre anfeuert, wenn sie ihre dekadenten Hobbys öffentlich ausleben und sogar im Fernsehen gegen Zwangsgebühren übertragen lassen?

Pauschalisierte Feindbilder haben immer einen herben Beigeschmack. Trotzdem kann ich auf Anhieb erklären, warum man im Zweifelsfall mobil gegen Millionäre machen, diese Menschen massiv unter Druck setzen, und das sogar im Zusammenspiel mit Flüchtlingen organisieren sollte. Einfach weil diese Leute tatsächlich zu viel haben, fast den gesamten Kuchen besitzen und mit Zähnen und Klauen verteidigen, und mittlerweile nicht mal mehr Krümel abgeben wollen.

Damit stehe ich aber hier wohl allein auf weiter Flur. Das Restvolk pöbelt lieber gegen die wirklich Ärmsten der Armen und jagt sie im kranken persönlichen Idealfall noch heute zurück in ihr Elend, und vergoldet parallel weiter der einheimischen und internationalen Luxuselite den goldenen Hintern aus Mondgestein. Und wundert sich trotzdem noch darüber, dass die Umsetzung seiner Forderungen nichts bringt, egal wie mächtig es rechte Parteien macht und völlig wurscht, wieviele besorgte Bürger montags durch Dresden wanken.

Letzteres natürlich nur, wenn nicht „Die Mannschaft“ spielt. Denn die braucht ihre volle Unterstützung, nicht so sehr moralisch, aber dringend finanziell per Länderaccessoire, Eintrittskarte oder Konsum irgendeines Nahrungsmittel mit der richtigen Werbefresse vorne drauf. Und wehe, ein Mensch mit der falschen Hautfarbe staubt dann die letzte Cornflakes-Packung aus dem Regal ab, die laut Thomas Müller die beste von allen ist. Das ist dann typisch dafür, dass die Typen uns alles wegnehmen und bis zum nächsten Deutschlandspiel ist unbändige Wut angesagt. Eigentlich tun mir diese Menschen leid …


– Text: Jens Grote

Zum Thema:

Warum die EM Nationalismus fördert VS

Deutschlandfahnen als Ausdruck einer Demokratiebewegung


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