Flaggen runter! Warum die EM Nationalismus fördert

Die Studien beweisen: Es gibt keinen Patriotismus, der nicht bereits die Ausgrenzung in sich trägt. Das Fahnenschwingen kann als Einstiegsdroge zum Nationalismus funktionieren, wenn man sich der dahinterliegenden Mechanismen nicht bewusst ist. Solange sollte gelten: Flaggen runter!Flagge am AutoDer Kulturpsychologe Ernst Boesch definierte magisches Handeln als „Praktiken, die dazu dienen erwünschtes herbeizurufen und unerwünschtes abzuwenden.“ Eine wissenschaftlich gesicherte Wirksamkeit muss dabei nicht erwiesen sein, meist ist sie im Gegenteil irrational.

Als Beispiele für solche Praktiken werden gerne Riten fremder Völker verwendet, die das Ganze ach so anschaulich machen. Meist freut man sich noch über den Exotenfaktor solcher Riten und ist gleichzeitig in der Tatsache erleichtert, über so etwas erhaben zu sein. Dabei muss man nicht wirklich in fremde Kulturkreise gehen, um derartige Praktiken erleben zu müssen: Menschen, die ihren Computern oder Autos zureden, wenn diese nicht wollen, und diesen sogar einen Charakter zu schreiben, der verstimmt sein kann. Nüchtern betrachtet ist schon der Kneipenbesuch eine solche Handlung: Man trinkt Alkohol, den man billiger haben kann, hört Musik, die man sich nicht aussuchen kann, man sitzt mit Freunden in einem Raum mit Fremden – und doch wird angenommen, ein solcher Ort wäre gesellig. Letztendlich würde Boesch den Kneipenbesuch wohl als Ritual zur Festigung der Gemeinschaft von Freunden interpretieren.

Die Festigung der Gemeinschaft steht so auch bei der diesjährigen EM im Mittelpunkt. Dazu passen die Autokorsos, durch die es zum Zeitpunkt, als dieser Artikel entstand bereits vier Verletzte gab. Während die EM nun alle zu einem mystischen „Wir“ zusammenschweißt und man, wie bei den Saturnalien im alten Rom, sonst geltende Regeln – auch die des Straßenverkehrs – über Bord wirft. Tragisch wird es immer dann, wenn die Regeln der Physik den Sinn der sonst geltenden Regeln schlagartig wieder ins Gedächtnis rufen. Die irrationale Praxis geht dann sogar so weit, einen als Spaßbremse oder Spielverderber hinzustellen, wenn man auf genau jene mystisch-verklärende Handlung auf das, was sie objektiv gesehen ist, reduziert.

Die einzigartig deutsche Debatte um Patriotismus

Wie bei jeder Magie sind bestimmte Elemente notwendig, neben dem Autokorso ist das alle zwei Jahre stattfindende Aufhängen von Deutschlandfahnen. Als könne man den Wecker danach stellen entflammen dann auch Debatten über Patriotismus, Nationalismus und weiteres. Eine erstaunlich deutsche Debatte, denn aus anderen Ländern, bei denen das Beflaggen schon länger praktiziert wird, finden diese Diskussionen allerhöchstens als Randphänomen statt. In Deutschland schafft es die Diskussion dagegen durchgehend von überregionalen Zeitungen aufgegriffen zu werden.

Eine Ablehnung des Beflaggen ruft so auch immer wieder die heftigsten Reaktionen hervor. Selbst ein Ortsverband der grünen Jugend aus Berlin schafft es, bundesweit mit ihrer Ablehnung dieser Praxis Aufsehen zu erregen, selbst vor Morddrohungen gegenüber Mitgliedern schrecken die Flaggenanhänger nicht zurück.

Freunde des freudigen Fahnenschwingens gehen dabei nur selten auf die Argumente ein, die es gegen das Beflaggen gibt. Lieber wird reflexartig dem anderen unterstellt man würde einen in die Naziecke stellen wollen. Wer dies tut unterstellt jedoch seinem Kontrahenten ähnlich einfach gestrickt zu sein wie man selbst. Denn in der Realität schmeißen die Kritiker nicht mit diesen Vergleichen um sich und wenn dann nur in Form überspitzender Satire. Im Gegenteil bieten Fußballfans selber oft genug Steilvorlagen, die zu Recht zu kritisieren sind und von Fans gern als schwarzer Humor verteidigt werden.

Wenn NS-Vergleiche auftauchen, dann als Satire. Satire soll sichtbar machen. Sie soll zeigen, dass die gruppendynamischen Prozesse im Fußball wie in der NS-Zeit sehr ähnlich sind: Es wird ein „Wir“ erzeugt, das eine pluralistische Gesellschaft eint und Heterogenität unsichtbar macht. Wer bei diesem Wir-Denken nicht mitmacht wird ausgegrenzt. Beim Fußball ist man wiederum die Spaßbremse, wenn einen die Spiele nicht interessieren oder einen der Alkoholkonsum, das Gegröhle und ähnliches anwidert.

Alle anderen eint für etwa vier Wochen die Deutschlandfahne. Unter dieser wirkt eine Gruppe von elf Personen Anfang bis Mitte zwanzig, die für ihre Tätigkeit Millionen verdienen und mit dem zuschauenden, kollektiven Wir wahrscheinlich im Alltag nur wenig zu tun hat. Als Ritual dieser Einswerdung dienen neunzig Minuten, in denen diese Millionäre auf einem Spielfeld einem Ball hinterherlaufen, in denen Zuschauer das eigene Bekenntnis durch Gesänge, Gegröhle und Erregung zur Schau stellen – wohlgemerkt: Auch Ekstase gehört zum magischen Ritual.

Ist Schwarz-Rot-Gold eine Flagge für die Demokratie?

Dass genau solche Prozesse aber ins Verderben führen, darauf soll letztendlich hingewiesen werden. Klar ist: Eine EM wird jedoch keinen neuen Weltkrieg nach sich ziehen und auch nicht in der Vernichtung von Millionen von Menschen enden. Dennoch schreien die Parallelen nach Vergleichen. Warum sie sie dennoch unterlassen werden sollten, das gebietet nicht nur der Anstand, sondern auch die Tatsache, dass solche Vergleiche nicht die EM dämonisieren, sondern langfristig zu einer Trivialisierung der NS-Zeit führen, selbst in Form von Satire.

All jene, die ihr Auto beflaggen können sich zudem damit beruhigen, dass echte Neonazis lieber vor der Reichskriegsflagge in Lille posieren. Und die Deutschlandfahne ja immer ein Symbol der deutschen Demokratiebewegung war. Wenn es nur so einfach wäre…

Historisch ist genau die These aber fraglich: Lützows Soldaten trugen diese Farben im Kampf gegen Napoleon, die Farben wurden so zur Farbe der Abgrenzung von Frankreich. Später trugen in der Tat Burschenschaften diese Farben, für einige Zeit standen sie für die Einheit Deutschlands wie auch für Freiheitsrechte und politische Mitbestimmung.

In der Weimarer Zeit kippten die Burschenschaften jedoch nach rechts und viele von ihnen wurden demokratiefeindlich, die Farben trugen sie weiterhin. Heute passiert es auch mal, dass Burschenschaften fordern, dass nur deutsche Mitglieder werden können, wobei Deutschsein nicht an einem Pass oder einer Einstellung, sondern anhand der Geburt ermittelt werden soll. Und spätestens seit Björn Höckes unfreiwillig komischen Auftritt bei Günther Jauch sollte jedem bewusst sein, dass die Bedeutung der Fahne Auslegungssache ist. Auch Pegida-Demonstrationen zeigen dies deutlich.

Es gibt keine Form des Patriotismus, der nicht ausgrenzt

Die Deutschlandfahne ist eine Projektionsfläche für alles und nichts. Die Fahne eint, was eigentlich nicht zusammenpasst, sie wirkt so homogenisierend, ob nun einfacher Fußballfan oder Neofaschist, sie alle können im kollektiven Wir gemeinsam zu den EM-Spielen feiern, während das Individuum in den Hintergrund tritt und man sich fahnenschwenkend vielleicht mit Leuten umgeben sieht, mit denen man sonst nichts zu tun haben möchte.

Natürlich versucht der Fußballfan sich von alledem abzugrenzen. Man möchte selbstverständlich mit Neurechten nichts zu tun haben, es gebe auch einen „gesunden Patriotismus“, der die Liebe zum eigenen zeigt und nicht ausgrenzt. Feine Sache, würde nur nicht die Universität Marburg mit einer Studie hineingrätschen, die seit 2006 immer wieder dieselbe These bei jeder Meisterschaft bestätigt sieht: Es gibt keine tolerante Form der Identifikation.

Es geht jedoch weiter: Neben des Einflusses solcher Großereignisse auf Fremdenfeindlichkeit wurde zusätzlich untersucht. Es wurde hierbei der gern betonte Unterschied zwischen Patriotismus als Liebe zum eigenen und Nationalismus als Hass auf das Andere untersucht. Es zeigte sich: Personen, die nach diesen Ereignissen befragt wurden, waren nationalistischer und weniger patriotisch eingestellt. Die Veränderungen waren zwar gering, dennoch zeigt sich, dass der Mythos vom völkerverständigenden Wettbewerb so nicht haltbar ist. Wie soll auch Völkerverständigung funktionieren, wenn die Mehrzahl der Passangehören eines Landes unter sich feiern und nicht grenzenübergreifend gefeiert wird? Wer die Medien verfolgt, hat bereits gesehen, dass die EM schon zu Beginn eher das Gegenteil eines friedlichen Miteinanders war.

Bezeichnend dazu auch folgendes Zitat aus der Studie: „Kampagnen, die darauf abzielen, nationalistische oder patriotische Einstellungen zu schüren, bergen die Gefahr, die Abwertung von anderen Gruppen zu fördern.“ Wenn eine Mannschaft verliert, damit eine andere siegen kann, ist Natur eines jeden Sports, wenn sie aber als Repräsentanten eines Landes antreten sieht die Sache eben anders aus.

Wir müssten uns dieser Dinge bewusst sein, bevor wir in das kollektive Fahnenschwingen einstimmen

Man muss weitere Dinge, wie ein mangelhaftes Dopingkontrollsystem, die Korruptionsskandale der FIFA und vieles andere nicht erwähnen, um ohnehin das Ganze als die ganze Veranstaltung als eine einzige Farce zu sehen, die mit Fußball im eigentlichen Sinne nur noch wenig zu tun hat. Auch die zwangsheteronormativität oder Abwertung von Frauen ist an sich schon widerwärtig genug. Oder die Gewaltexzesse, die dann wohl auch nur Einzelfälle sind und nichts mit Fußball zu tun haben. Was bleibt ist das Problem, dass Meisterschaften zu einer Ablehnung des Anderen führt. Man muss dabei nicht soweit gehen, wie Adorno, der im Fußball eine Vorstufe des Faschismus sah und sagte: „Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“ Nein, man muss sich einfach der Mechanismen bewusst werden. Man muss sich im Klaren darüber sein, was die EM mit einem macht und sich nicht reflexhaft in die Wehleidigkeit flüchten.

Es wäre ja alles viel einfacher, wenn die Menschen sich den negativen Folgen bewusst wären, diese reflektieren würden und erst dann ihre Fahnen aufhängen würden. Gerade in einem Land, das sich trotz aller berechtigter Kritik an der Vergangenheitsbewältigung mit seiner Vergangenheit auseinander gesetzt hat, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Japan oder Österreich, wo bis heute Kriegsverbrecher verehrt, sollte das eigentlich möglich sein: Ein reflektierter Umgang mit der eigenen Symbolik.

Im Gegenteil ist man erstaunt, wie verkrampft der ach so unverkrampfte Umgang mit der eigenen Symbolik dann doch ist und wie schnell Emotionen hochkochen und all die, die sich an ihre Flaggen klammern so einfach vorführen lassen. Gäbe es kein Problem, so könne man doch Aktionen wie die der grünen Jugend belächeln. Bis dahin scheint es aber noch ein weiter Weg zu sein und so lange sollte man sich freuen, dass so viele über das von grüner Jugend und anderen vorgehaltene Stöckchen alle zwei Jahre so brav herüberspringen. Und bis dahin sollte man auch weiterhin das Ganze als ein einziges magisches Ritual entzaubern und fordern: Flaggen runter!


– Text: Matthias Werner

Und hier die Gegenseite: Des Deutschen gestörtes Verhältnis zu seiner Flagge

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