Des Deutschen gestörtes Verhältnis zu seiner Flagge

Es ist wieder so weit: ein Fußballfest hat begonnen. Zumindest für alle Fußballfans. Ob WM oder EM, das macht für den Fußballbegeisterten Menschen keinen Unterschied: beides ist eine tolle Zeit bestehend aus Spannung, Gemeinschaft, Feiern, Trauern und … Schwarz Rot Gold.Be DeutschUnd ich bin einer dieser Begeisterten. Auch mit Flagge, und zwar seit jeher. Ich kann mich noch an den Nachmittag erinnern, an dem mein alter Sandkastenkumpel Jörgi „Panther“ Keller und ich unsere erste Deutschlandfahne bastelten. Ja richtig: wir haben sie gebastelt! Aus weißem Tapetenrest, einem alten Schrubberstiel und viiiieeeel Wasserfarbe in Schwarz Rot Gol… Gelb. Das war am 07. Juli 1990, genau einen Tag vor dem Endspiel, in dem Deutschland Weltmeister wurde. Mein Kumpel Jörgi und ich waren überglücklich über das Erreichen des Finales und auch über unsere selbstgebastelte Fahne.

Das war 1990 und wir waren Kinder. Niemand kam auf die Idee, uns als „Patrioten“ oder „Nationalisten“ zu bezeichnen. Auch Begriffe wie „Partypatriotismus“ existierten zu der Zeit nicht. Zugegeben: die Fahnenbastelei hatte generell keinerlei politischen Hintergrund, ich mit meinen damals 12 Jahren hatte lediglich den Antrieb, auch eine Fahne schwenken zu können. So wie es die Fans im TV auch taten.

Seitdem ist viel passiert, seitdem ist viel Zeit vergangen. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2016 und wir können beobachten, dass ein kindlich naives Fahneschwenken – auch für mich – in dieser Art nicht mehr möglich ist. Obwohl: ich habe immer noch eine Deutschlandflagge. Ich habe auch ein Deutschlandtrikot und diverse andere Utensilien in Schwarz-Rot-Gold. Und: ja, ich nutze alles. Und ich stehe auch zu Schwarz Rot Gold. Einem Schwarz-Rot-Gold, das ich mir nicht vom rechten Rand rauben lassen möchte, sondern einem Schwarz-Rot-Gold, welches wir als demokratische Gesellschaft vor extremen Strömungen schützen müssen.

Woher kommt unsere Flagge?

Schwarz Rot Gold: diese Farben sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert [1].


Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 22 

(1) Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin. Die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes. Das Nähere wird durch Bundesgesetz geregelt.

(2) Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.

 

Es sind also die offiziellen Farben und somit zumindest schon mal nicht illegal (im Gegensatz zu anderen Bannern, die hin und wieder auftauchen). Schwarz-Rot-Gold als Fahne, wie wir sie heute kennen, wurde das erste Mal offiziell am 12. November 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung festgelegt. Wenn auch nicht von langer Dauer, doch so galt sie als Flagge mit antimonarchischem Charakter. Schwarz-Rot-Gold als Zeichen der Demokratiebewegung.

Ein zweites Mal offiziell wurde Schwarz-Rot-Gold erst wieder nach dem 1. Weltkrieg ernannt, zur Zeit des Dritten Reiches dann wieder abgesetzt. Erst am 8. Mai 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wurde Schwarz-Rot-Gold wieder die Nationalflagge.

Nun aber genug des trockenen Geschichtsausfluges.

Das Problem des Deutschen

Ich glaube, in kaum einem anderen Land dieser Welt haben die Menschen so große Probleme, ihre Nationalflagge zu zeigen. Mehr noch: ich glaube, in kaum einem anderen Land dieser Welt werden Menschen BEWERTET, wenn sie ihre Nationalflagge zeigen. Und an diese Stelle lege ich meinen Fokus: in Deutschland unterliegt man einer Einsortierung, wenn man Schwarz-Rot-Gold zeigt.

Ich habe es vorher schon geschrieben: wer Flagge zeigt ist „Patriot“, „Nationalist“ oder während Fußballereignissen „Partypatriot“. Alles Begriffe, die einer starken Bewertung unterliegen. Alles Begriffe, die in meinen Augen mehr interpretieren, als am Ende da ist. Und so gipfelte diese Art der Interpretationen vorläufig in einer Statusmeldung auf Facebook von der Seite der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz:

„Fußballfans Fahnen runter!“ lautet es. Die Logikkette ist so dermaßen wahnsinnig verkürzt, dass man diese Art von Logikverkürzung eigentlich nur von anderen politischen Stellen kennt: „Du schwenkst die Fahne -> Ergo bist du Patriot/Nationalist -> Ergo grenzt du andere aus!“

Nein, das ist in meinen Augen nicht allein zu einfach, sondern auch bedrohlich einfach. Und vor allem bedrängt es Menschen, es bedrängt auch mich, der mitnichten ausgrenzend handelt. Ich verstehe aber auch das, was die Damen und Herren ausdrücken wollen: Patriotismus und Nationalismus baut natürlich eine gewisse Grenze. Doch die Frage ist: ist die Nationalflagge, ja das Schwenken der Nationalflagge als Fußballfan bereits eine „Einstiegsdroge“ in den ausgrenzenden Nationalismus? Führt dieser Griff zur Fahne langfristig dazu, dass man fremdenfeindlich wird und am Ende eine Art moderner Nazi ist?

Dem möchte ich doch wohl entgegentreten, allein schon aus dem Grund, weil ich den Brüdern vom blaubraunen Rand NICHT die Farben der Demokratiebewegung überlassen möchte. Denn, ja, im Gegensatz zu meinem naiven Fahneschwenken im Jahre 1990, sehe ich in den Farben der Bundesrepublik Deutschland heute doch ein wenig mehr. Ich sehe Werte einer demokratischen Gesellschaft, in der die Würde des Menschen das höchste Gut ist und als unantastbar gilt.

Die Farben der Demokratiebewegung von 1848 stehen heute für eine Gesellschaft, die tatsächlich eine moderne Demokratie ist. Und diese Farben WILL ich nicht an Kräfte abgeben, welche die Demokratie einschränken wollen, welche die Rechte von Menschen nicht universell achten wollen. Die Farben der Nationalflagge daher als verlorenes Gut an undemokratische Kräfte zu titulieren, halte ich für den falschen Weg. Im Gegenteil: wir dürfen die Farben nicht dem Nationalismus zuordnen, sondern müssen die Farben der Demokratie, den MENSCHEN dieser Gesellschaft zuordnen und vor dem Missbrauch durch rechte Kräfte schützen.

Deutschland #benice

Daher halte ich es recht ähnlich wie Böhmermann, als er in seinem Video „BE DEUTSCH! [Achtung! Germans on the rise!]“ ausdrückte, dass „Deutsch“ und Schwarz-Rot-Gold nicht nationalistisch sind, sondern dass WIR ALLE diese Farben, diese Gesellschaft sind und dass Schwarz-Rot-Gold nicht zum Symbol des Bösen in Deutschland werden darf, sondern das Symbol des Guten in Deutschland sein muss.

Lasst den Menschen ihre Flagge

Der destruktive Fahnenhass ist Schwachsinn. Im Gegenteil: wir dürfen unsere Nationalfarben nicht an die Falschen abgeben. Auch ich trage mein Trikot, auch ich trage Schwarz-Rot-Gold. Dazu darf man stehen, dazu soll man stehen. Und zwar bewusst so stehen, dass wir unsere Werte und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte nicht verlieren. Verteidigen wir also unsere Werte des Friedens, der Toleranz, der Akzeptanz. Wir müssen Mensch bleiben, und das gerne auch mit Flagge. Schwarz-Rot-Gold und „deutsch“ darf nicht zu einer Titulierung antidemokratischer und misanthroper Verhältnisse verkommen, sondern muss genau diesen Menschen entrissen werden. Das sind nicht wir, das bin nicht ich.

Daher lautet meine Idee: jene Menschen, welche die demokratischen Strukturen unserer Gesellschaft in Frage stellen, welche ausgrenzendes Verhalten zeigen und politischen Hass tragen, sollten sich eine andere Flagge suchen. Ich überlasse Schwarz-Rot-Gold nicht diesen Menschen.

#Benice Deutschland.


– Text: Andre Wolf. Andre schreibt für ZDDK – Mimikama und deckt Internet-Fakes auf. Wenn ihr ihm und Mimikama noch nicht folgt, solltet ihr das jetzt tun!


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Hier die Antwort auf diesen Text: Flaggen runter! Warum die EM Nationalismus fördert

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