Der eigentliche Skandal beim #Verafake ist doch, dass es Zuschauer gibt, die solche Sendungen ansehen

Ich finde es großartig, wie Jan Böhmermann die Praktiken von RTL aufgedeckt und was er damit für eine Diskussion ausgelöst hat. Wer diesen Beitrag noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt nachholen (Hier!). Allerdings stört mich schon etwas die Tatsache, dass in der öffentlichen Rekapitulation die Gruppe der Verantwortlichen doch etwas verschoben dargestellt wird.Jan BöhmermannSicher ist RTL als ausführender Sender zu verurteilen. Diese Leute führen Menschen vor, die sich nicht wehren können, stellen sie vor einem Millionenpublikum bloß, speisen sie dafür mit Almosen ab und setzen voll auf die primitivsten Instinkte, die eine Gesellschaft aufzubieten hat. Keine Frage, das ist sehr ekelhaft und kann nicht genug angeprangert werden.

Aber das Hauptproblem ist doch nicht die Sendeanstalt, die eine Nachfrage befriedigt, sondern eher der menschliche Bodensatz vor den Empfangsgeräten, der dieses Angebot zum Quotenhit macht. Gäbe es da draußen kein unglaublich großes Klientel, das danach lechzt, dass sich andere Menschen blamieren, möglichst nachhaltig verletzt werden und/oder ihre Würde im Idealfall für immer verlieren, dann würde es auch diese Sendungen nicht geben.

Diese Formate sind so beliebt, dass sie dutzendweise zur besten Sendezeit auf das Publikum losgelassen werden. Denn die hier thematisierte Sendung ist ja nur ein Klon von vielen. „Germanys next Topmodel“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Big Brother“, das Dschungelcamp und zig andere Glotzfäkalien befriedigen exakt die gleiche Konsumentenschicht.

Für diese Zielgruppe gibt es nichts Schöneres, als zum Feierabend anderen beim nachhaltigen Versagen zuzugucken und vielleicht sogar gierig ein paar echte Tränen und ungespielte Verzweifelung mitzunehmen, um sich so von der eigenen Kleingeistigkeit und Perspektivenlosigkeit abzulenken. Man ist zwar ein kleines Rädchen im großen System, dessen Ausfall nicht bemerkt werden würde, aber das ist nur noch halb so schlimm, wenn man eine Parade begaffen kann, die noch größere Loser beinhaltet. Für den genußvollen Fernsehspaß gilt es da nur zu beachten, nicht allzu lange darüber nachzudenken, wie gut man selber in das Sendeschema passen würde. Und diese Leute beherrschen nicht viel, aber diesen Kniff haben sie unglaublich gut drauf.

Wobei diese Gaffer aber noch nicht mal den größten Teil der Fans stellen. Da gibt es auch noch die ach so kritischen Leute, die zwar die Verstöße gegen die Menschenwürde erkennen, die das Ganze eigentlich lieber ohne Beleidigungen sehen würden, und die oft verschämt zusammenzucken, wenn neue Leidgrenzen genüßlich überschritten werden, die das aber tolerieren, weil sie andere Aspekte gerne mitnehmen. Man findet Bohlen doof, mag aber die Leistungen bei den Mottoshows, man hält Klum für einen talentfreien Oberfeldwebel, gönnt aber manchen Teilnehmerinnen den Sieg, man hasst die Tier- und Menschenquälerei im Camp, lacht aber gerne über die witzig-gescripteten Sprüche der Moderatoren.

Eigentlich stößt mich diese Gruppe noch eine Spur mehr ab. Denn im Gegensatz zu den schmerzfreien Patienten mit dem IQ-Wert der Zimmertemperatur ahnen diese Leute selbst, dass ihr Fernsehvergnügen getrübt ist. Weshalb sie es auch ungefragt in Dauerschleife verteidigen. Trotzdem sind sie der eigentliche Grund, dass es diese Formate gibt. Denn wenn jeder, der zur Reflektion fähig ist, die Flimmerkiste solange auslassen würde, bis diese Programmteile so angeboten werden, dass man sie nicht mehr verteidigen muss und einfach genießen kann, dann würde vielleicht auch etwas passieren.

Solange diese Sendungen aber Spitzenwerte abräumen, macht man sich nur ziemlich lächerlich, wenn man für 5 Minuten seine medienkritische Seite von der Leine lässt und den Böhmermann-Beitrag teilt, nur um danach der Welt mitzuteilen, wie sehr man sich auf die neue Staffel „Running Man“ freut. Wegen der tollen Action. Auch wenn man die Toten eher doof findet. Man ist eben tolerant.

Und dummerweise ist das nicht mal ansatzweise übertrieben, denn in Japan paddeln Verlierer schon mit Krokodilen um die Wette, und in Holland spielen Kandidaten um Organe. Und da sehe ich erstens die Grenze zum King-Klassiker schon sehr verschwimmen, und zweitens nicht ein Anzeichen dafür, dass diese Formate im deutschen Fernsehen kein Publikum finden würden.


– Text: Jens Grote, Bildnachweis: Jonas Rogowski, CC BY-SA 3.0

 

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