Eine vegane Option in der Schulkantine ist keine Extrawurst!

In Berlin entschied kürzlich ein Verwaltungsgericht, dass Schulen nicht rechtlich verpflichtet seien, die gesamte Vielfalt verschiedener Ernährungen von Eltern und Kindern zu berücksichtigen. Geklagt hatte der Vater einer Schülerin, die sich aus ethischen Gründen vegan ernährt.GroßkücheAus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass ich meinem Sohn bisher täglich persönlich das Mittagessen in die Schule bringe, da es dem dortigen Anbieter schon schwer fällt, täglich ein vegetarisches Menü anzubieten. Auf Nachfrage kann man sein Kind als „Spezialfall“ eintragen lassen, muss dann aber damit klarkommen, dass Fisch auch als vegetarisch deklariert wird -schließlich ist Fisch ja christlich-traditionell gesehen eine Pflanze- und des Öfteren Ei mit Ei auf Ei mit Ei überbacken im Wochenmenü zu finden ist.

Das Bezeichnende an der ganzen Sache ist, dass die anderen Kinder immer neidisch auf meinen Sohn und dessen Essen sind, während die meisten der Erwachsenen darauf mit Augenbrauenzucken, rümpfenden Nasenrücken oder Kommentaren wie „das soll jetzt also gesünder sein, aha“ reagieren.

(Allerdings gab es auch interessierte Nachfragen und Erkenntnisse à la „Milchreis kann man auch mit Hafermilch zubereiten, damit hätte ich nicht gerechnet“. Ich erfülle also somit auch einen Bildungsauftrag.)

Etwas näher betrachtet, bringt diese ganze Problematik aber doch recht abstruse Züge mit sich- schließlich geht es hier nicht darum, dass man den Menschen in ihrem privaten Umfeld etwas vorschreiben möchte- wer Tierprodukte für sich zuhause als unersetzlich ansieht, kann das ja trotzdem seiner Familie den Rest des Tages über anbieten- es geht hier um EINE Speise am Tag in unseren öffentlichen Kantinen für Heranwachsende.

Ich dachte ja, dass wir im Jahre 2016 leben- wenn es aber um die Wurst geht in Deutschland, dann schlägt es wieder Mittelalter. Man könnte ein veganes Angebot in Schul- (und sonstigen) Kantinen auch als Fortschritt und Lösungsvorschlag für mehrere Probleme betrachten, statt als Hemmnis oder Einschränkung.

Wenn man veganes Essen an den Schulen anbieten würde, dann wären schonmal alle Religionen und Ernährungsweisen abgedeckt- es sei denn natürlich man muss gesundheitsbedingt zusätzlich glutenfrei oder eine Spezialnahrung o.ä. zu sich nehmen.

Wer lässt uns denn auf diese wahnwitzige, umweltschädigende und unethische Ernährung plädieren und insistieren? Die Industrie? Unsere Bequemlichkeit? Was leben wir unseren Kindern damit vor- außer einem respektlosen Umgang mit Lebewesen, der Natur und den Folgegenerationen?

Es gibt keine Aufschreie, wenn in unseren Kantinen ein Wochenplan mit folgenden Angeboten auf unsere Kinder wartet: Geflügelbratwurst, Fischnuggets, Kasseler, Hähnchenpfanne, Königsberger Klopse, Hackfleischrolle, Rahmgeschnetzeltes, Gyrospfanne, Schweineroulade und Rinderbraten.

(Original Wochenplan!)

Weshalb deklarieren wir das eine automatisch als „gesund“ und kindgerecht (weil normal?), während bei näherer Betrachtung wir unseren Kindern genau das Gegenteil davon zumuten?

Durch diese Entscheidung des Verwaltungsgerichts wird im Endeffekt unterstellt, dass unsere Kinder dadurch, dass sie ein veganes Essen am Tag zu sich nehmen an Mangelerscheinungen zugrundegehen- während oben genannter Wochenplan unseren Nachwuchs ausreichend fördert. Erstens kann man sich, wenn man sich nicht wirklich damit auseinandersetzt, IMMER einseitig und somit ungesund ernähren- egal ob nun herkömmlich omnivor, paleo, fettreduziert oder eben vegan-

und zweitens wird hier eine Lebensweise, bei welcher es sich primär nicht um eine Gesundheitsentscheidung handelt, sondern um eine aus ethischen Gründen gewählte- als gefährlich und nicht zu befürworten eingestuft. (Während in aktuellen Schulbüchern noch immer Bilder vom heilen Bauernhof mit Kuh und Kälbchen, lachenden Schweinen und liebevoll-streichelnden Bauernhänden unter der Rubrik „unsere Ernährung“ zu sehen sind)

Was setzen wir damit also für ein Zeichen? Haben Schulen keine Vorbildfunktion? Gibt es nicht gemeinsame, ethische Grundsätze? Da würden Tierprodukte doch einfach schonmal komplett wegfallen. Was wollen wir unseren Kindern beibringen? Dass uns deren Zukunft am Arsch vorbeigeht? Dass wir doppelmoralisch leben? Dass Tiere töten, obwohl wir es nicht müssten, okay ist? (Und nochmal:) Es geht hier um EINE Mahlzeit am Tag. Wobei würde man omnivor Essende benachteiligen, wenn sie zwischen 11:30 und 14 Uhr keine tierischen Produkte zu sich nehmen? (Da fehlt doch jegliche rechtliche Grundlage.)

Um es mit Hagen Rether zu sagen:

„Ich hab das Gefühl, je mehr Informationen wir haben, desto träger und zynischer und läppischer und indolenter werden wir.

‚Ja Herr Rether, wenn’s kein Fleisch mehr gibt, dann ess ich halt Veganer!‘

Der Witz funktioniert eine Sekunde – und danach wird’s bitter.

Was hinterlassen wir unseren Kindern in 30, 40 Jahren?

Hier habt ihr nen Wüstenplanet und einen lustigen Veganerwitz – Guckt, was Ihr draus macht, Ihr Arschgeigen! Wir sind dann mal weg…“


Edit: Hier der Text des betreffenden Vaters, der einige Dinge klarstellt, die falsch in der Öffentlichkeit dargestellt wurden!


– Text: Kirstin Kroneberger

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