Wenn wir gerade dank Böhmermann dabei sind: Können wir uns endlich kritisch mit Erdoğan beschäftigen?

Erdogan tritt in der Türkei die Menschenrechte mit Füßen. Wäre es nicht sinnvoller, darüber zu diskutieren, wieso unsere Regierungschefs diesen Despoten hofieren und unterstützen, anstatt ob ein Jan Böhmermann ihn beledigt hat oder nicht?

Könnten sich jetzt wenigstens ein paar Menschen, die irgendeine mediale Plattform besitzen, mal wieder einkriegen, und zwischen den sicherlich wichtigen Solidaritätsbekundungen für Böhmermann oder den sicherlich unwichtigen Gedichtsnachbesprechungen mal kurz inne halten, um sich zu besinnen, was hier eigentlich gerade abgeht?

Es ist egal, mit wem ich über das Thema diskutiere, jeder in meinem Umfeld ist sich einig, dass Erdogan Menschenrechte mit Füßen tritt, egal ob es sich um die von Kurden, Frauen, politischen Gegnern oder anderen seiner persönlichen Feindbilder handelt. Wieso ist trotzdem der Riesenaufhänger in diesen Tagen, ob man so jemanden als Ziegenficker titulieren darf oder nicht? Können wir uns nicht erstmal heftigst darüber echauffieren, dass dieser Mensch nicht genehme Pressezentren stürmen und Zivilisten auf offener Straße erschiessen lässt, bevor wir die Diskussion starten, wie wir ihn dafür nennen dürfen?

Es ist so zutiefst beschämend, was die deutsche Bundesregierung in diesen Tagen für ein Bild abgibt. Die Herren und Herrinnen könnten die ganze Böhmermann-Debatte beenden, indem sie einfach erklären, dass die Staatsanwaltschaft keinen Ermittlungsauftrag erhält. Ruckzuck wäre das Ganze vom Tisch, die Welt würde sehen, dass in Deutschland Satirefreiheit herrscht, und jeder wüsste, dass dieses Land nicht vor Diktatoren kuscht.

Da liegt aber das Problem, denn dieses Land unterstützt den türkischen Despoten in allen Belangen, obwohl auch jeder in Regierungskreisen weiß, was in der Türkei alles schief läuft. Deshalb ist dieses Land ja auch noch kein EU-Mitglied und bekommt nach jedem neuen Antrag als Hausaufgaben ständig ganze Verbesserungskataloge als Antwort in den Briefkasten. Das ist aber anscheinend noch lange nicht Grund genug, um auch eine klare Kante in der Diplomatie zu zeigen.

Da will es sich keiner mit dem Regime verscherzen, weil sonst der ganze Regierungsterror in Sachen Flüchtlinge zum Scheitern verurteilt wird. Diese Ärmsten der Armen treibt man lieber in die Hände eines erklärten Menschenfeinds, weil ansonsten Europa angeblich vor einem Riesenproblem steht, da dieser riesige Kontinent nach Aussagen der Hochpolitik es nicht verkraftet, ein paar Millionen Menschen mehr aufzunehmen.

Also tauscht man lieber Brüderküsse mit Erdogan aus, lässt die Mazedonier auf unbewaffnete Menschen schiessen und verkündet per eiskalten Innenminister, dass man diese Schreckensbilder nun eben ertragen muss. Hauptsache der Flüchtlingsstrom versiegt, denn an ihm wäre Deutschland zugrunde gegangen. Das gleiche Deutschland, das in der Hochzeit des Ansturms bis hinunter in die kleinste Kommune millionenschwere Gewinne eingefahren hat, und das immer nur mit seltsamen Statistiken um sich wirft, solange keine aktuellen Zahlen vorliegen. Werden die dann veröffentlicht, dann schwenkt man in der Taktik um und verkündet, nochmal Glück gehabt zu haben, und dass die neuen Milliarden echt unter Wunder laufen, aber sich jeder darüber bewusst sein muss, dass es ab jetzt echt bitter wird. Solange bis das nächste Geschäftsjahr dann wieder mit fettem, absolut unerklärlichen Ausnahme-Plus, das in der Rekordhöhe noch nie vorgekommen ist, schliesst.

Meiner Meinung nach wird es langsam mal Zeit für Schmähgedichte auf deutsche Spitzenpolitiker, denn was sich diese Menschen mittlerweile erlauben und mit wem sie Brüderschaft trinken, ist wirklich nicht mehr feierlich. Und das sind sehr wahrscheinlich die Typen, die uns noch Jahrzehnte regieren werden. Weil das Volk sich auf Nebenschauplätze ziehen lässt, sich nur noch in rechte besorgte und linke desinteressierte Bürger aufteilt, und weil spätestens zur EM sowieso alles vergessen und wieder gut wird.


– Text: Jens Grote, Bildnachweis: Kreml, CC BY-SA 3.0

   

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