Die wahren Opfer der Flüchtlingskrise: Deutsche Urlauber

Jens Grote sah neulich eine Sondersendung dazu und war erschüttert über die wahren, grausamen Ausmaße der Flüchtlingskrise, die bisher verschwiegen wurden. Wer wirklich darunter zu leiden hat, sind nicht irgendwelche Fliehenden. Nein nein, es ist, wie wir es schon immer vermutet haben. Es ist der Deutsche. Genauer: Der Deutsche Urlauber.UrlaubMeine Güte, wer hätte gedacht, dass die „Flüchtlingskrise“ den deutschen Planeten nochmal so hart treffen kann? Was musste der Durchschnittsmichel nicht schon alles ertragen, wenn er nicht auf Anhieb die Sportseiten der Tageszeitung aufschlagen konnte, oder sich nach dem RTL-Spätfilm die Fernbedienung so unglücklich in der Sofaritze verkantet hat, dass er die ersten 5 Minuten vom Nachtjournal über sich ergehen lassen musste?

Irgendwie hat er diesen Terror aber doch irgendwie verkraftet, sei es durch schnelles Weggucken und blindes Weiterblättern, sei es durch laute „LALALA“-Ablenkungsgesänge, bis endlich der Umschaltvorgang eingeleitet werden konnte. Allerdings ist damit jetzt Schluss, denn nun wurde der Urgermane an seiner empfindlichsten Stelle getroffen: Seinen Jahresurlaub in möglichst fernen Ländern.

Wie ernst die Lage ist, wurde mir erst bewusst, nachdem ich gerade eine Sondersendung zum Thema konsumieren durfte. Da wurden echte Helden vorgestellt, denen es egal ist, ob sie bei der Liegestuhlreservierung schneller in die Luft fliegen könnten als ihr schwarz-rot-goldenes Handtuch zu platzieren und die sich deshalb von Terrorwarnungen nicht den Urlaubsspaß vermiesen lassen. Aber auch unglaublich bemitleidenswerte Mitbürger wurden thematisiert, die ihren Urlaub in der Türkei, im Irak oder in Mordor absagen mussten, und die deshalb aus ihrem Wehklagen gar nicht mehr herauskamen, da sie alternativ dazu gezwungen wurden, sich woanders ihren Hautkrebs abzuholen und Pseudo-Sehenswürdigkeiten zu begaffen.

Einig waren sich beide Parteien darin, dass der Spaß definitiv da aufhört, wo deutsche Urlauber entweder zu Umdisponierungen gezwungen werden oder ihre tollkühne Hartnäckigkeit dadurch untergraben wird, dass Punkte auf der Sightseeing-Tour ersatzlos gestrichen werden, da sie Stunden vorher in die Luft geflogen sind. Womöglich haben alle Verantwortlichen dieser Krise nun auch übertrieben und der ganze Spuk wird jetzt schnell beendet.

Denn Bootsunglücke, angespülte Leichen, Grenzschießereien und modernen Menschenhandel kann man dem Wählerklientel noch gut verkaufen, ohne irgendwelche Unmutsäußerungen befürchten zu müssen. Immerhin befinden wir uns in einer Bundesligasaison, die EM steht vor der Tür, und die ARD startet sicher demnächst die neue heitere Quizshow vor Acht, vielleicht sogar mit Prominenten. Das ist alles viel interessanter als Elend von Menschen außerhalb der Familie und Nachbarschaft, da gibt es ergo nicht mal Abstriche im hervorragenden Geschmack der Fernsehschnittchen.

Aber wenn der Teutone sein Geld nicht mehr ausgeben kann, das er hauptsächlich nur deswegen verdient, um es einmal im Jahr für überteuerte Fernreisen aus dem Fenster zu werfen, dann ist der Punkt erreicht, an dem er auf die Barrikaden muss. Oder um es mit einem O-Ton aus der Reportage zu sagen „Mir wird dieses ganze Elend langsam zu viel, gerade wenn ich noch nicht mal mehr sicher in den Urlaub fliegen kann“.

Immerhin dürfte damit endlich geklärt sein, wer eigentlich unter dieser Krise am meisten leidet: Der Türkei-Urlauber, der jetzt aus Sicherheitsgründen nach Sylt fahren muss. Und dort hinterher auch noch in eine Regenfront gerät, um die Katastrophe gen biblische Ausmaße explodieren zu lassen. Manche Menschen haben echt ein heftiges Päckchen zu tragen …


– Text: Jens Grote

 

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