Alternative Familienmodelle sind böse und verhindern die gesunde Entwicklung des Kindes. Sarkasmus off.

Anhand eines Artikels mit dem provozieren Titel „Co-Parenting: Wer spricht für die Kinder?“ versucht Rüdiger Lenz bei KenFM „alternative“ Familienmodelle anhand entwicklungspsychologischer Erkenntnisse zu frühkindlicher Bindung als schädigend für die Entwicklung des Kindes darzustellen. Und ignoriert dabei einfach die ganze Realität.

Rüdiger Lenz erhebt die Liebespartnerschaft heterosexueller Menschen zum einzigen funktionierenden und stabilen Familienmodell, in welchem Kinder gesunde Bindung aufbauen und sich gesund entwickeln können.

Entwicklungspsychologische Erkenntnisse belegen, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung feste Bezugspersonen brauchen, zu denen sie eine feste Bindung aufbauen können.

Im Sinne der entwicklungspsychologischen Erkenntnisse: Ja, Kinder brauchen Bezugspersonen, zu denen sie eine feste Bindung aufbauen können. Ja, wird diese Bindung gestört, ist das negativ für die Entwicklung des Kindes.

So lauten die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie. Wie Herrn Lenz in seinem Artikel diese Tatsachen interpretiert, ist nicht im Sinne der Entwicklungspsychologie.

Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie lauten nämlich nicht: Ein Kind kann nur eine Bindung zu den leiblichen Elternteilen aufbauen.

Somit argumentiert Herr Lenz in Bezug auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse nicht durchdacht.

Kernaussage des Artikels: Alternative Familienmodelle, die vom spießbürgerlichen Familienideal abweichen sind böse verhindern die gesunde Entwicklung des Kindes, weil sie die Bindungsprinzipien nicht einhalten.

Sogenannte „alternative“ Familienmodelle sind nichts Neues. Im von Herrn Lenz dargestellten spießbürgerlichen Familienideal gibt es nur sich ewig liebende Elternteile, bestehend aus Vater und Mutter, und die aus ihrer Liebe entstandenen Kinder. Andere Familienmitglieder wie Großeltern, Onkels, Tanten und (viel) ältere Geschwister, die meist auch erzieherische Aufgaben wahrnehmen ignoriert Herr Lenz. Wer über den Tellerrand dieser spießbürgerlichen Ideale (des Herrn Lenz) schaut, erkennt, dass in der Realität nur wenige Menschen diese Ideale erfüllen.

Als Beispiel seien hier – abgesehen von den anderen Familienmitgliedern – nur all die Paare genannt, die sich trennen/scheiden lassen und ihre Kinder, die fortan als Kofferkinder leben (müssen) oder den Kontakt zu einem Elternteil vollständig abbrechen.

Es können hier auch ehemalige Ammenmodelle angeführt werden; oder Mehrgenerationenhäuser, in welchen Kinder ebenfalls nicht nur von den leiblichen Eltern, sondern auch von den Großeltern, Tanten, Onkels und Geschwistern erzogen werden; oder noch bis in die heutige Zeit bestehende arrangierte Ehen, die genauso wenig wie Vernunftehen auf Liebe basieren.

All diese gesamtgesellschaftlich akzeptierten Modelle und noch viele andere ignoriert Herr Lenz einfach. Er stellt Menschen, die ehrlich zu sich selbst sind und sich eingestehen, dass sie nicht in das spießbürgerliche Ideal passen an den Pranger. Er wirft ihnen vor, nicht an das Wohl der Kinder zu denken, sondern nur an egoistische Ziele.

So behauptet er in Bezug auf Co-Parenting: „Zentral ist also der Kinderwunsch bei Erwachsenen – nicht etwa der Elternwunsch von Kindern“.

Und wo bleibt beim spießbürgerlichen Familienmodell mit leiblichen Eltern der hier so ausdrücklich betonte „Elternwunsch von Kindern“? Hatten die Eltern etwa Visionen von rastlosen Seelen, die unbedingt ihre Kinder werden wollten? Wahrscheinlich eher nicht. Wahrscheinlich hatten eher die Eltern einen so furchtbar egoistischen „Kinderwunsch“. Aber ich will hier nicht sarkastisch werden, also ganz ernst:

Wird bei den oben genannten gesamtgesellschaftlich akzeptierten Familienmodellen an die Kinder gedacht? Wird hier das Ideal der immerwährenden harmonischen Liebesehe mit nur (leiblichem) Vater und (leiblicher) Mutter als Bindungspersonen grundsätzlich verwirklicht?

Nein, wird es nicht.

Und wird das Kind vor seiner Geburt gefragt, ob es wirklich dieses Familienmodell bevorzugt? (Stichwort: Wochenend-Familie, Scheidung, ständiges Streiten, finanzielle Probleme…)

Nein, wird es auch nicht.

Oder würde es bei möglicher Scheidung der Eltern nicht doch lieber eine intakte Co-Parenting Familie wählen?

Ja, wahrscheinlich schon.

Und weiter bei Herrn Lenz: „. . . niemand fragt das Kind. Niemand bedenkt dabei die Ergebnisse aus der Bindungsforschung. Niemand bindet bei dieser Idee des Co-Parenting die Biologie der Familie mit ein. Kinder brauchen feste Bindungen zu festen Bezugspersonen . . . Feste Bindungen. Und nicht sporadische Kaffeekranzbekanntschaften.“

Herr Lenz hat hier in der Entwicklungspsychologie wohl nicht aufgepasst. Denn feste Bindungen kann das Kind nicht nur zu den biologischen Eltern als Bezugspersonen aufbauen. Abgesehen von blutsverwandten Personen können z.B. auch Kita-Erzieher_innen bei einem Kind aus biologischer Familie als feste Bezugspersonen fungieren.

Zudem ist eine Co-Parenting Familie ist keine „Kaffeekranzbekanntschaft“, sondern ein durchdachtes und bewusst gebildetes Familienkollektiv, bei welchem alle Rollen im Voraus fest stehen.

Kinder können nur zu starken Erwachsenen werden, wenn ihnen zumindest ein Elternteil oder eine Bezugsperson von Geburt an begleitet und diesen Menschen ganz genau kennt.“

Auf die Gefahr hin, dass ich schon wieder sarkastisch werde muss ich trotzdem fragen, wo genau das jetzt fehlt. Kann Herr Lenz das bitte nochmal ganz genau erklären? Familie mit aktiver und passiver Mutter und aktivem Vater lässt sich doch gleichstellen mit einer Familie, die aus aktiver Mutter, aktivem Vater und z.B. Schwester des Vaters als Tante besteht? Und wo fehlt da jetzt die Begleitung von Geburt an? Hab ich da was verpasst?

Und wenn die Begleitung von Geburt an fehlen sollte, fällt mir da das Thema Adoption ein. Auch adoptierte Kinder haben keine Bezugsperson, die von Geburt an da waren. Ist also Adoption falsch? Und wenn ja, was soll dann mit den Kindern passieren, die Vollwaisen sind oder nicht von ihren leiblichen Eltern gewollt werden?

Kinder erlernen ihr eigenes Verhalten aus dem Bindungsverhältnis der Eltern. Ist dies lapidar oder konfliktträchtig, so nimmt das Kind das als Norm für sich auf und erlernt Selbiges.“

Ja, kann man so unterschreiben. Schön, dass Herr Lenz das erkennt, aber was genau hat das jetzt mit Co-Parenting zu tun? Und in welcher Hinsicht macht das jetzt Co-Parenting-Eltern zu schlechten Eltern? Ich hab wohl was verpasst. (Sorry, ich werde schon wieder sarkastisch. Ist aber leider unumgänglich.)

Bei bewusster Entscheidung für ein Familienmodell, bei dem alle (erwachsenen) Beteiligten ihren Platz an der Seite des Kindes gewählt haben – und diesen Platz nicht plötzlich aus einer emotionalen Schwäche heraus verlassen – kann ein Kind gesunde Bindung aufbauen und sich gesund entwickeln. Dieses Familienmodell kann sowohl die spießbürgerliche Familie, als auch Co-Parenting sein. Genauso wie jedes Familienmodell zerbrechen kann, das spießbürgerliche genauso wie das alternative. Und in jedem Fall leidet dann das Kind darunter.

Fazit im Sinne der Entwicklungspsychologie: Wenn das Kind hat eine feste Bezugsperson (oder auch mehrere Bezugspersonen) hat, kann es sich gesund entwickeln. Diese Bezugspersonen müssen jedoch nicht zwangsläufig die biologischen Eltern sein.


Der Autor Rüdiger Lenz nahm auf unseren Artikel Stellung (hier auf Facebook), hier folgt die Richtigstellung und Reaktion unserer Autorin:

Es ist schön, dass mein Artikel dazu beigetragen hat, einige Ungereimtheiten aus dem Artikel von Herrn Lenz zu klären. Denn Herr Lenz hat geantwortet und stellt seine Sichtweise dar.
Sehr schön finde ich, dass er einiges richtigstellt, was in seinem Artikel aber leider nicht so ausgeführt wurde. Warum der Artikel des Ursprungs aber dennoch eine andere Sichtweise propagiert, als die von Herrn Lenz intendierte, erkläre ich im Folgenden.
Schön finde ich, dass Herr Lenz und ich wohl doch auf demselben Stand sind, was die Bindungspsychologie anbelangt. Dennoch hat er mich noch nicht davon überzeugt, inwiefern sich Co-Parenting Modelle grundsätzlich negativ auf die Bindungen und die Entwicklung der Kinder auswirken. Dass es durchaus negative Aspekte des Co-Parenting gibt, wie er es z.B. sehr schön mit dem finanziellen Ziel der Vermittler_innen dargestellt hat, bezweifle ich nicht. Genauso sehe ich, dass in jedem Familienmodell, ob alternativ oder nicht, einiges schief gehen kann.

Schön auch, dass Herr Lenz am Ende seines Kommentars noch schreibt, dass viele Co-Parenting-Eltern gute Eltern sein werden. Schade finde ich jedoch, dass er anstatt die Bindungspsychologie anzuführen, nicht das Problem der Pädophilie im Aspekt des „offenen Marktes“ für Kinderadoptionen in Bezug auf Co-Parenting aufgegriffen hat. So, wie er es zu Beginn seines Kommentars tut.
Ich muss Herrn Lenz Recht geben, er schreibt nicht über alle alternativen Familienmodelle, sondern nur über Co-Parenting. Dennoch ist Co-Parenting als alternatives Familienmodell zu bezeichnen. Ich stelle hiermit richtig: Er versucht nicht alle alternativen Familienmodelle als entwicklungspsychologisch schädlich darzustellen, sondern lediglich das Modell des Co-Parenting.
Mich freut, dass Herr Lenz in seinem Kommentar ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass er nicht nur das Modell des heterosexuellen Elternpaares als einzig funktionierendes Modell betrachtet. Leider verleitet der Satz „Niemand bindet bei dieser Idee des Co-Parenting die Biologie der Familie mit ein“ zu dieser Annahme, auch wenn später kurz Pflegeeltern und gleichgeschlechtliche Paare erwähnt werden.
Schade aber, dass Herr Lenz der Meinung ist, er habe alternative Familienmodelle nicht als schädigend für die gesunde Entwicklung des Kindes dargestellt, weil sie Bindungsprinzipien nicht einhalten. Denn Co-Parenting als alternatives Familienmodell stellt er leider so dar. Und zwar indem er einen sehr großen Teil seines Artikels – der sich auf Co-Parenting bezieht – darauf verwendet, Bindungspsychologie im Kindesalter zu erklären. Damit ruft er die Assoziation hervor, dass es in diesem alternativen Familienmodell nicht zu Bindungen kommen kann.
Des Weiteren kritisiert er meinen Vergleich von passiven Elternteilen des Co-Parenting mit Familienmitgliedern wie Großeltern, Tanten, Onkels, etc. Obwohl diese passiven Elternteile im Co-Parenting nicht so genannt werden, funktionieren sie dennoch so, wie Großeltern, Tanten etc. Da sie zwar nicht immer da sind, aber feste Bestandteile der Familie ausmachen, zu welchen das Kind Vertrauen aufbaut. Dies diente meinerseits lediglich zur Unterstützung meines Arguments, dass Familie nie nur aus zwei Elternteilen und Kindern bestand. Was er in seinem Artikel aber durchaus so darstellt.
Er bestreitet zudem, dass er erwachsene Menschen, die Co-Parenting-Familien gründen wollen, als egoistisch bezeichnet. In seinem Artikel wird Co-Parenting von ihm aber als „Missbrauch der Erwachsenen . . . aus egoistischen Interessen . . .“, sowie als Unterordnung der Kinder unter die Bedürfnisse der Erwachsenen kritisiert.
Dass Herr Lenz es ebenfalls so sieht, dass Kita-Erzieher_innen als feste Bezugspersonen für Kinder fungieren können, verwirrt mich aber in der Hinsicht, dass er dann passive Elternteile des Co-Parenting als nicht bindungsfähig mit dem Kind betrachtet. Denn um es in seinen Worten zu sagen, auch eine Kita-Erzieherin geht nach der Betreuung ohne das Kind in ihre eigene Wohnung und heile Welt zurück.
Bezüglich der Kaffeekranzbekanntschaften weist Herr Lenz daraufhin, dass es sich hier um eine Bezugnahme auf eine Aussage der Gründerin von Familyship bezieht, in welcher das Aktivitätsspektrum des Co-Parenting vom „. . . Bei-Bedarf-mal-zum-Kaffee-Treffen bis zum Zusammenwohnen . . .“ reicht. Was daran allerdings so schlimm ist, wenn der Onkel einmal in der Woche zum Kaffee vorbeikommt, verstehe ich nicht. Co-Parenting an sich als Kaffeekranzbekanntschaft darzustellen halte ich für übertrieben. Denn auch im Co-Parenting gibt es mindestens eine feste Bezugsperson, die für das Kind da ist. Co-Parenting besteht nicht nur aus Onkels und Tanten.


– Text: Nadine Weckerle, Bildnachweis: Stephanie Heynes (Author contact: Plywak)

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