Weshalb ich mich schämen muss, eine Feministin zu sein

Ich muss etwas gestehen: Ich bin eine Feministin. Doch das ist nicht mein Geständnis. Mein Geständnis ist: Ich schäme mich inzwischen dafür. Nicht weil ich Frauen hasse oder weil ich unemanzipiert bin. Sondern weil ich in den letzten Wochen erfahren musste, wie sich selbsternannte Feministinnen absolut sexistisch und diskriminierend verhielten. Nicht gegenüber Frauen, aber gegenüber Männern. Implizit auch gegenüber all jenen Menschen, die sich nicht in binäre Geschlechterbilder pressen lassen.Frau vor gelbem Hintergrund

Alles begann mit dieser Illustration:

sexismEin Guide für Dudes und Jerks. Weshalb dies problematisch ist? Jemanden ansprechen bedeutet nicht gleich das Übertreten einer persönlichen Grenze. In der Facebook-Gruppe, in der dieses Bild gepostet wurde, sah man dies jedoch anders. Alle Damen waren sich einig: Männer versuchen Frauen ständig anzusprechen und bedrängen sie damit. Als einzige Frau, die hierzu eine Gegenposition einnahm, kam ich bei dieser Debatte natürlich nicht sehr gut weg. Wieso bin ich nun der Meinung, diese Frauen hätten Unrecht? Ganz einfach. Männer in unserem sozio-kulturellen Kontext sprechen Frauen sicherlich aus vielen Gründen an. Das Frau-ansprechen-und-mit-ihr-ausgehen-Szenario wird uns ständig in Fernsehen und Film als erstrebenswert und romantisch präsentiert. Darüber hinaus hoffen wir alle auf die große Liebe, die wir auf dem Weg in den Supermarkt oder in einem Café zufällig treffen. Letztlich leben wir alle in einer offenen Gesellschaft, die versucht, sich sexuell zu befreien.

Es gibt also keinen Grund, eine Person, für die man sich interessiert, nicht anzusprechen. Weswegen Männer in unserem sozio-kulturellen Kontext Frauen jedoch sicherlich nicht ansprechen, ist, um Dominanz über sie auszuüben. In der oben erwähnten FB-Gruppe wurde dies anders gesehen. Nach einigen Gegenargumenten wurde ich also still und zog mich aus der Diskussion zurück. Denn mir wurde klar, mit diesen Frauen lässt sich nicht diskutieren. In ihren Köpfen existiert ein Feindbild und dies ist der Mann. Dabei verkennen sie jedoch das echte Problem. Dieses Problem nennt sich Sexismus. Die Frau wird sich nie aus ihrer Position erheben können, solange sie selbst sexistisch ist. Und wenn eine Frau behauptet, es gäbe keinen Sexismus gegenüber Männern und dass sich Männer am Feminismusdiskurs nicht beteiligten dürfen, nur weil sie ein Mann sind, dann muss ich leider feststellen: Frauen, ihr seid keine Feministinnen.

Wer immer noch glaubt, Männer denken immer nur an das Eine und sprächen Frauen stets nur an, um sie zu objektifizieren (und ja, es gibt einige pick-up artists, die dies tun), hat etwas Grundlegendes über Feminismus nicht verstanden. Feminismus bedeutet nicht, Männer zu hassen. Feminismus bedeutet, Rollenklischees zu überwinden. Wer Männern bestimmte Verhaltensweisen zuschreibt und sie aufgrund ihres Geschlechtes vom Diskurs ausschließt, der ist diskriminierend. Dies durfte ich selbst erleben, als ich es wagte, es als völlig unproblematisch zu sehen, beim einvernehmlichen sexuellen Akt und auf Verlangen der Frau, dieser Frau Sperma ins Gesicht zu spritzen. Als ein guter Freund mir beipflichtete, wurde dieser von den anwesenden Damen in Stücke gerissen. Laut ihnen sei dies die klassische Meinung eines Mannes, der nichts von Sexismus verstünde. Als Mann sei es ihm darüber hinaus überhaupt nicht erlaubt, sich dazu zu äußern.

Frauen ins Gesicht zu spritzen ist also immer sexistisch, weil der Akt des ins-Gesicht-Spritzen symbolisch aufgeladen werden kann. Dies ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch gefährlich. Denn es verlagert den Diskurs auf eine freudianisch angehauchte Symbolisationsebene, deren Repräsentation wenig realistisch ist. Es geht um gesellschaftliche Denkmuster, Rollenverhalten und Klischees, nicht darum, was man einvernehmlich macht, während man erregt ist. Sexismus erfolgt dort, wo es geschlechtsbezogene Zuschreibungen gibt, die bestimmte Geschlechter definieren sollen. Es erfolgt dort, wo es heißt, Männer müssten mit Autos und Frauen müssten mit Puppen spielen. Es erfolgt dort, wo eine Frau zu Bescheidenheit und Prüderie erzogen wird, mit dem Argument, dass es sich für Frauen halt so gehört. Sexismus erfolgt dort, wo sich Männer ihr Sorgerecht hart erkämpfen müssen, weil man immer noch der Meinung ist, dass sich nur Mütter wirklich gut um ihre Kinder kümmern könnten.

Der deutschen Frau stehen heutzutage rechtlich alle Türen offen. Trotzdem verdient sie oftmals weniger Geld und besetzt selten die Toppositionen. Woran liegt das? Am Mann, der sie aus reiner Boshaftigkeit unterdrückt? Oder vielleicht doch nicht nur am Mann, sondern genauso an der Frau, die in der Regel nicht so hart verhandelt wie der Mann, weil sie von der Gesellschaft dazu erzogen wurde, möglichst selten anzuecken? Frauen, die nach mehr Lohn und höheren Positionen verlangen, aber sich trotzdem in ihre Rolle fügen und anerzogenes Rollenverhalten perpetuieren, machen sich mitschuldig. Wenn eine Frau immer noch glaubt, Männer wären aufgrund ihres biologischen Geschlechts besser im Verhandeln als Frauen und sich Frauen besser um Kindererziehung kümmern können und sollten, ist sexistisch und schadet sich selbst.

Dies bedeutet nicht, dass eine Frau nicht Hausfrau und Mutter werden soll. Doch es bedeutet, dass eine Frau dies nicht werden soll, wenn sie es nur tut, weil es sich so gehört. Jede Frau, die ihre Rolle kritisch hinterfragt und sich letztlich dafür entscheidet Hausfrau, Mutter oder Prostituierte zu werden, ist emanzipiert. Ich habe bereits erwähnt, ich bin eine Feministin. Ich glaube daran, dass Ungleichheiten existieren, die Frauen benachteiligen. Ich glaube jedoch nicht daran, dass es hilft, sich als Frau in die Opferrolle zu begeben und Männer grundsätzlich zu Tätern zu machen. Wir alle sind gleichermaßen daran beteiligt, dass sich deutsche Frauen nicht trauen, bei Gehaltsfragen stärker zu verhandeln oder außerhalb des sozialen Sektors zu arbeiten. Wir alle sind gleichermaßen daran beteiligt, dass Frauen glauben, sie müssten sich in Karrieresachen zurücknehmen und die Kindererziehung alleine stemmen.

Denn immer noch ist das Bild der Hausfrau und Mutter weit verbreitet und als normal angesehen, während ein Hausmann dafür eher belächelt wird – und zwar nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen. Wir fordern von Männern, dass sie groß, stark und super männlich sind. Wir kritisieren, dass Playboy und Hollywood ein stereotypes Bild der Frau präsentieren und gleichzeitig hängt ein Magic Mike Poster an unserer Wand – oder wir himmeln einen Christian Grey an, der ein hypermaskuliner, creepy stalker ist. Solange wir also stereotype Männer begehren, werden wir selbst nie etwas anderes als ein Klischee sein können. Es ist anfangs sicherlich nicht leicht, aus diesen Denkmustern heraus zu kommen, doch es ist möglich. Wir müssen bei uns selbst beginnen und aufhören, die Schuld auf andere zu schieben. Die Pseudofeministinnen, die immer nur laut schreien und auf ihr Feindbild Mann oder Hausfrau zielen, werden nie etwas anderes erhalten als Ablehnung. Etwas, was die Feminismusbewegung sicherlich nicht gebrauchen kann. Wir brauchen Unterstützung. Nicht nur von den Frauen, sondern auch von allen anderen Geschlechtern. Lasst sie uns ins Boot holen. Wir haben hier genügend Platz.


– Text: Vanessa Magri

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