Mein Leben als Protestwähler – Ein 24-Stunden-Selbstversuch

Jens Grote hat in „Die groteske Weltanschauung“ einen Selbstversuch gewagt und sich gefragt, wie die Welt als Protestwähler aussieht. So hat er seinen Tag erlebt.Beleidigt9 Uhr: Mein Wecker klingelt. Da mich dieses Ding aber schon immer genervt hat, ignoriere ich es völlig und unterstütze lieber das Kopfkissen, indem ich mich gegen den Lärm unter ihm vergrabe.

11 Uhr: Unglaublich, wie lange die Batterien des Weckers durchgehalten haben. Trotzdem bin ich etwas stolz, das erste Zeichen gesetzt und diesen Kampf für mich entschieden zu haben, dafür nehme ich die bohrenden Kopfschmerzen, die das zweistündige Getüte ausgelöst hat, gerne in Kauf. Außerdem kann ich da ja auch Abhilfe schaffen, indem ich eine Tablette einnehme. Dem arroganten Aspirin, das mich kulinarisch noch nie ansprechen konnte, verpasse ich dabei den nächsten Denkzettel und löse stattdessen ein Geschirrspültab in einem Glas Wasser auf. Beim Herunterspülen werde ich sofort mit einer neuen Geschmackskomponente belohnt und in meinem überfälligen Protest bestätigt.

11.30 Uhr: Ich habe mich zum dritten Mal übergeben und die Kopfschmerzen sind auch noch da. Ich bin wohl Opfer einer Verschwörung. Trotzdem muss ich jetzt mal langsam los, denn ich will noch einkaufen. Da meine Haustür aber seit Jahren unten nicht richtig schließt und so für unangenehmen Durchzug sorgt, benutze ich das Fenster im ersten Stock, um das Haus zu verlassen. Das wird der Tür hoffentlich eine Lehre sein.

12.30 Uhr: Endlich habe ich den Supermarkt erreicht. Unglaublich, wie sehr ein verstauchter Fuß auf die Geschwindigkeit geht. Das verdammte Fenster, aus dem ich abgestürzt bin, kann sich bei meiner Rückkehr warm anziehen. Aber jetzt ist erstmal Nahrungsbeschaffung angesagt. Um dem wirklich widerlichen Grünkohl vom letzten Mal zu verdeutlichen, dass er bei mir in Sachen Bäh echt an der falschen Stelle war, kaufe ich diesmal eine andere Marke. Eigentlich mag ich gar keinen Grünkohl, aber da muss ich jetzt durch, anders erziele ich keinen Lerneffekt bei dem renitenten Gemüse.

13.30 Uhr: Ich bin wieder zuhause. Mein Knöchel pocht, meine Kopfschmerzen werden langsam unerträglich und ich muss mich eigentlich auch schon wieder übergeben. Ich will auch gar nicht daran denken, dass ich schon wieder Grünkohl essen muss. Trotzdem muss ich die Schmerzen kurz ignorieren, da ich mich diesmal vom Nachbarhaus abseilen will, immerhin habe ich noch eine Rechnung mit dem Fenster offen und die Alternativen sind anders leider nicht zu erreichen.

16 Uhr: Der Notarzt konnte meine Blutungen letztendlich doch erfolgreich stoppen und auch der Glaser hat ein optisch sogar sehr schönes Provisorium in das Fensterloch einsetzen können, durch das ich ungebremst gerasselt bin. Schon jetzt schwöre ich allen versammelten Hausöffnungen, dass ich morgen früh zu Sprengungen übergehen werde, um ihnen meinen Protest gegen diese unfassbare Behandlung adäquat zu vermitteln. Jetzt ist aber erstmal Kochen angesagt. Dabei zeige ich es dem arroganten Herd, der schon mehrere meiner Rezepte hat anbrennen lassen, indem ich den Grünkohl aus der Packung hole, kurz auftauen lasse und dann lutschend zu mir nehme.

18 Uhr: Grünkohl und ich werden wohl niemals Freunde werden. Das Zeug hat noch widerlicher geschmeckt als der Vorgänger und inzwischen komme ich vom Klo gar nicht mehr runter. Bei meiner letzten Trockenwürgattacke sind auch meine Schnittstellen vom Fenstersturz wieder aufgebrochen, schöne Scheiße. Trotzdem ziehe ich mich nun zum Fernsehabend zurück. Dort will ich meinen Protest darüber ausdrücken, dass meiner Meinung nach viel zu wenig Mystery- und Sci-Fi-Serien im deutschen Fernsehen laufen. Deshalb gucke ich den kompletten Abend QVC. Das haben sich die Programmmacher selber zuzuschreiben. Die doch aufkommende Langeweile überspiele ich mit der Gewissheit, dass durch meinen beispiellosen Racheakt wahrscheinlich schon nächste Woche völlig neue Traumprogramme verfügbar sein werden, außerdem pendele ich noch immer viertelstündlich zur Toilette.

22 Uhr: Endlich schlafen, dieser Tag hat mich doch etwas erschöpft zurückgelassen. Als letzte Rebellion lege ich mich allerdings nicht ins Bett, da ich stehend vor meinem Bücherregal die Nacht verbringen werde. Natürlich in Sichtweite des Bettes, damit dieses Möbel sich mal Gedanken macht, ob es abends tatsächlich immer zu kalt und morgens regelmäßig zu warm sein muss. Vielleicht nehme ich doch lieber noch etwas Katzenstreu ein, schon allein um den Schlaftabletten zu zeigen, dass ich nicht mal ansatzweise auf ihre Marotten angewiesen bin.


– Text: Jens Grote

  

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