Entfremdet uns das Internet voneinander oder bringt es sozialen Wandel?

Hält das Internet das Versprechen, uns alle näher zusammen zu bringen oder führt Social Media nur dazu, dass wir uns in sozialen Nischen festsetzen, die lediglich unserer Selbstdarstellung dienen?

InternetVernichtet das Internet Wissen und sozialen Zusammenhalt?

Egal ob unter dem Schlagwort der „Digitalen Demenz“ oder der kritischen Betrachtung „sozialer Netzwerke“ – das Internet verunsichert weiterhin weite Teile der Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Irgendwie arbeitet heute beinahe jeder Mensch in den Industrienationen mit den Möglichkeiten und Tools des Internets. Gleichzeitig scheint ein kulturskeptisches Unbehagen darüber kaum abzunehmen.

Eine nüchterne Aufarbeitung der Auswirkungen, die das Internet auf die Gesellschaft hat und haben wird, kann sicher erst mit einiger (zeitlicher) Distanz gewonnen werden. Noch scheint das Internet vielen zu sehr „Neuland“ zu sein, um es in seinen Phänomenen und Konsequenzen sachlich zu erfassen.

Doch freilich kann man nicht warten, bis gesellschaftliche Prozesse sich „ausgespielt“ haben, sondern muss sie kritisch reflektierend begleiten. Bei Big Think kam dazu jüngst der Politikwissenschaftler, Unternehmer und Internet-Kritiker Andrew Keen zu Wort.

Keen bemängelt, das Internet schaffe keine neuen „soziale Netzwerke“ sondern bewirke vielmehr eine „Atomisierung“ der Gesellschaft, die eine „Entfremdung, Isolation und Fragmentierung“ der Menschen zur Folge habe und eine narzisstische Fixierung jedes Einzelnen auf sich selbst. Dazu erläutert Keen im Video zwei sicherlich unabweisliche Phänomene, die das Internet (u.a.) hervorgebracht hat: Die egozentrische Selfie-Obsession und die diskursiven Echo-Kammern.


Und wer hätte sich darüber noch nie aufgeregt?

So kann man doch in jeder touristisch begangenen Altstadt der Welt mittlerweile ein frustrierendes Mikado mit Selfie-Sticks spielen und möchte den Nutzer*innen dieser Teleskopstöckchen selbige bisweilen nachdrücklich rektal verabreichen. Ebenso vom Arschloch her gedacht wirken viele aussichtslose Diskussionen mit Menschen, die es sich in ihrer politischen oder esoterischen Filterbubble „intellektueller“ Selbstbestätigung bequem gemacht haben:

Dem gemeinen Vertreter von „Überfremdungs“-, Hohlerde-, Flat-Earth-, Ancient-Aliens- oder Kreationismus-Theorie ist mit Lexika und Studien kaum beizukommen, sollte man sich selbst genug im Zaume haben, jene nicht als Schlagwaffe gegen den Mit-Diskutanten zu missbrauchen. Ja, da kann man den Eindruck bekommen, das Internet tauge ausgerechnet Egomanen und intellekt-feindlichen Reaktionären als bedenkliches Werkzeug und führe zur Entfremdung einiger Individuen von der Gesellschaft und gar zum Verlust einst sicher etabliert geglaubter Wissensbestände

Gleichzeitig vertritt Keen den Standpunkt, dass das Internet keinen echten, bleibenden politischen oder gesellschaftlichen Wandel hervorgebracht habe. Zwar seien Bewegungen wie der „Arabische Frühling“ und „Occupy“ dadurch ermöglicht worden, sie seien aber nur „Explosionen“ und keine nachhaltig stabilen Programme.


Diese Form der Medienkritik ist nicht selten. Doch ist die stichhaltig? Sie geht davon aus, dass es einen vorherigen gesellschaftlichen Zustand gegeben haben müsse, in dem es weniger Ich-Fixierung, weniger krassen Subjektivismus und weniger soziale Filterbubbles gegeben habe. Wann soll das gewesen sein? Ein nachgerade paradiesischer Zustand des offenen Diskurses, in dem jede*r sein Selbst zurückgestellt und man einander vorurteilsfrei und wissbegierig zugehört habe. Das Internet habe dann eine Verfallsgeschichte angestoßen.

Das scheint einigermaßen naiv: Schon immer – und wahrscheinlich weitaus mehr als heute – determinierten sozialer Status, Schicht- und Religionszugehörigkeit, Berufsstand, Erziehung, politisches Lager und das je familiäre Zeitungsabonnement, welchem Wirklichkeitsbild man wohl zugetan sei. Und die Durchlässigkeit dieser bubbles war in der Vergangenheit höchstwahrscheinlich nicht größer als heute.


Wer z.B. im ausgehenden 19. Jahrhundert in Mitteleuropa in einem Industrie-Vorort in eine sozialdemokratische Familie geboren wurde, hatte eine recht vorhersagbare Schul- und Bildungsbiografie mit kanonisiertem Lesestoff in Form von Büchern & Zeitschriften, Gruppen und Vereinszugehörigkeit.

Für Minderheiten mit atypischen Charakteristika, progressiven Gesellschaftsentwürfen, speziellen intellektuellen Interessen, nicht-heteronormativer Sexualität etc. gab es in dieser Zeit kaum geeignete Räume der Akzeptanz, Repräsentanz und Entwicklung. Von der gesellschaftlichen Mitsprache der Frauen und Nicht-Weißen gar nicht zu reden! Gleichzeitig blühte ein feingliedriges, vielfarbiges Vereins- und Partei-Wesen – wie man unschwer z.B. an der parteipolitischen Zersplitterung bis in die Weimarer Republik ablesen kann, als noch keine 5%-Hürde galt:

„Die Aufteilung nach Interessengruppen und Sozialmilieus wie Arbeiterbewegung oder Katholiken wurde als Partikularismus gescholten. Im Reichstag, dem Parlament, waren zeitweise bis zu 17 und selten weniger als 11 verschiedene Parteien vertreten. In 14 Jahren gab es 20 Kabinettswechsel.“

Auch damals herrschte ein reges Wechselspiel zwischen progressiven und reaktionären Kräften. Und auch damals konnten (progressive) politische Bewegungen oftmals nur temporal und lokal eingegrenzte „Explosionen“ bewirken: etwa sozialistische Revolutionsversuche oder konträr die ersten faschistischen Putschversuche.

Dieses Beispiel lässt sich problemlos in anderen Jahrhunderten und in anderen geografischen Regionen nachvollziehen. In Kenntnis der realhistorischen Gegebenheiten muss es enorm schwer fallen, irgendeine Epoche, irgendeine Gesellschaft zu benennen, in der zeitgenössisch moderne Wissensbestände breiten Schichten zugänglich waren, progressive Kräfte sich Gehör und Einfluss verschaffen konnten, gleichzeitig der soziale Zusammenhalt und Austausch groß war – bei gleichberechtigter Partizipation eines größtmöglichen Teils der Bevölkerung.

Schaut man in die Geschichte aller Kontinente, so findet man jeweils enorme Defizite bezüglich mehrerer dieser idealisierten Wunschzustände. Steven Pinker und Michael Shermer gehen in ihren Analysen von Gegenwart und Geschichte sogar noch weiter. Sie resümieren: Wahrscheinlich war die Welt nie besser, gerechter, sozialer, friedfertiger und liberaler als heute.

Warum erscheint es dann gerade Medienkritikern so, als würde das Internet einen „Kulturverfall“ bewirken oder immerhin beschleunigen? Auch frühere Generationen begegneten neuen Medien immer mit Skepsis: Zahlreich waren z.B. die konservativen Warnungen gegenüber dem „Wahn“ der „neuen Zeitungen“ im 17. Jahrhundert, die eine Asozialisierung und Verderbung der Gesellschaft durch die wöchentlich oder gar täglich erscheinenden Zeitungs- und Flugblättchen befürchteten. Das Medium sei sprachlich und inhaltlich defizitär (gegenüber den Kompendien und Korrespondenzen der akademischen und religiösen Eliten) und führe zu einer geistigen Miss Bildung der Gesellschaft [Vgl.: Elger Blühm, Rolf Engelsing: Die Zeitung. Deutsche Urteile von den Anfängen bis zur Gegenwart. Schünemann, 1967]

Auch als es im 18. Jh. möglich wurde, schnell und billig Groschenromane und Zeitschriften in großer Auflage zu drucken und zu verbreiten, war nun ein „Bücherwahn“ das Schreckgespenst der konservativen Intellektuellen. Das viele Lesen sei „unnatürlich“, bewirke Weltflucht und Vereinzelung und entfremde gerade die Frauen [sic!] von ihrer angestammten Rolle und verführe sie, die häuslichen Pflichten zu vernachlässigen.

Und schon im 16. Jahrhundert hatten besonders die Kirchen ein großes Problem mit dem aufkommenden Buchdruck und der Tatsache, dass ja nun die Bibel allen in Volkssprache zugänglich werde, was zu abscheulichen Konsequenzen führen könne: „Wer wird einfältigen und ungelehrten Menschen und dem weiblichen Geschlecht, in deren Händen die Bände der Heiligen Schrift gelangen, zugestehen, dass sie daraus einen richtigen Sinn lesen?“

Heute hingegen neigen große Teile der Gesellschaft eher zu einer Romantisierung des gedruckten Wortes und halten den Konsum analoger Medien per se für einen Ausweis von Bildung und Hochkultur.

Einiges von den historischen medienkritischen Vorwürfen findet sich jetzt in der Diskussion um das Internet wieder. Und genau genommen ist es keine Medienkritik, sondern eine (teils sicher berechtigte) Angst vor einer weitgehenden Liberalisierung. Wenn jeder am medialen Diskurs als Rezipient und Produzent teilhaben kann, steigt freilich auch die Menge willkürlicher, subjektiver Inhalte und Einlassungen und es liegt im Wesen des Liberalismus, dass möglichst keine – oder nur stark eingeschränkte – Zensur stattfinden soll.

Wichtiger scheint die Frage: Steigt nicht nur die Menge sondern auch der *Anteil* von Bullshit, mit dem sich die Individuen in der digital vernetzten Gesellschaft beschallen? Hatten am Kiosk Boulevard-Presse und inhaltsarme Magazinchen nicht immer größeren Absatz als die Qualitätszeitungen ihrer jeweiligen Zeit? Hörte jemals eine Mehrheit der Bevölkerung Deutschlandradio oder vergleichbare Bildungsinstitutionen statt irgendein beliebiges „Hitradio“? Gibt es nicht auch im Medium Fernsehen den Konflikt zwischen arte und 3Sat einerseits – Sat1 und RTL2 andererseits? Und hieß es nicht vor 30 Jahren schon salomonisch über jene etablierten Medien: „So ist es halt: Das Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“ Jeder kann sich also neue (und alte!) Medien zu Nutze machen, um seine Ansichten und Standpunkte kund zu tun, seien sie noch so narzisstisch, trivial, falsch, „frevlerisch“ oder ordnungsgefährdend.

Dieses Potenzial kann freilich von reaktionären Kräften genauso genutzt werden wie von progressiven Strömungen. Wir brauchen aber diese Freiheitlichkeit, um den status quo und „Hoheitswissen“ in Frage zu stellen, neue wissenschaftliche und gesellschaftliche Ideen und Konzepte zu erarbeiten und verbreiten, überkommene Traditionen, Rechtsnormen oder Moralvorstellungen weiterentwickeln zu können. Dass dabei eben nicht nur kurzfristige progressive „Explosionen“ entstehen, sondern wahrscheinlich auch ein dauerhafter, positiv einzuschätzender Wandel von statten gehen kann, zeigen mehrere Phänomene:

So bietet das Internet nie dagewesene Möglichkeiten für gesellschaftliche Minderheiten, sich zu vernetzen, Gemeinschaften zu bilden und sich letztlich auch Gehör zu verschaffen. Beispielsweise hat die LGBTIQ-Community in den letzten 20 Jahren einen Schub an Akzeptanz erfahren, der sich mittlerweile selbst in tendenziell konservativen Gesellschaften in liberaleren Gesetzgebungen niederschlägt. Es ist höchst fraglich, ob dies ohne das Internet (in diesem Tempo) denkbar gewesen wäre.

Auch technik-affine Sub-Kulturen wie Gamer-, Comic- und Rationalist-Community, denen man einst einen Hang zur sozialen Isolation nachsagte, bilden durch das Internet Gemeinschaften, die sich auch physisch bei Festivals, Konferenzen und Conventions zusammenfinden. Künstler*innen haben Zugang zu mehr Inspiration und Austausch als je zuvor, können gemeinsame Projekte auch über große Distanzen entwickeln.

Scheinbar unüberbrückbare Kulturdifferenzen schwinden durch den Kontakt von Individuen in der digitalen Sphäre mit ihren eigenen sozialen Codes. Das „Fremde“ wird vertrauter, weil es sich global bekannter Ausdrucksformen bedienen und doch gewisse Eigenheiten beibehalten kann. Nicht zuletzt können auch einstmals unterschätzte Minderheitsthemen wie Ökologie und Ernährung durch das Internet viel breiteren Gesellschaftsschichten zugänglich gemacht werden. Eine dringend nötige Reform unseres Umgangs mit den Ressourcen unseres Planeten rückt dadurch in weitaus greifbarere Nähe, als es noch vor 20 Jahren denkbar schien. Andrew Keen scheint auch zu übersehen, dass politische Organisationen, die direkt dem Internet entspringen, bestand haben können. So ist die 2006 in Schweden gegründete Piratenpartei immerhin in Skandinavien eine etablierte Kraft geworden und könnte bei den nächsten Wahlen in Island eine erstaunliche Mehrheit von 38% aller Stimmen erhalten.

Man könnte vorerst wohl schließen: Neuland ist, was Du draus machst.


– Text: Falko Pietsch

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