+++Eilmeldung+++ Zu viele Deutsche müssen noch Lesen lernen

Lesen, verstehen und im besten Falle das Gelesene weitergeben. Oder die empfangenen Informationen zumindest für sich verwenden können, das wäre für jede Art von Text ideal. Das ist es auch, was sich jeder Autor wünscht. Lesen, verstehen, weitergeben.LesenAn diesem klassischen Lese- und Verstehverhalten haben jedoch die sozialen Netzwerke und ganz speziell Facebook viel verändert: nahm man sich in vergangenen Tagen speziell für Printmedien noch die Zeit, Texte komplett zu lesen und am Ende über den Inhalt zu entscheiden, so hat gerade die Vorschaufunktion auf Facebook dafür gesorgt, dass viele Inhalte dramatisiert, manipulativ dargestellt oder einfach in ihrer wahren Aussage kastriert werden.

 

Artikelvorschau

  

Jeder Autor, der seinen Text oder Artikel auf Facebook verlinkt sehen will und verbreitet haben möchte, kämpft mit dem Dilemma, die eigenen Inhalte Facebook-konform für die Facebookvorschau so zu optimieren, dass der Leser auch dazu geneigt ist, diese Vorschau anzuklicken und den Inhalt im Ganzen zu lesen. Jeder, der jemals einen Artikel aus Onlinemedien auf Facebook verlinkt hat, kennt Vorschaubilder wie dieses:

FacebookvorschauDie Artikelvorschau besteht zum größten Teil aus einer grafischen Komponente, einer Überschrift (mit bis zu 100 Zeichen) und einem kleiner dargestellten Untertitel. Mehr Möglichkeiten hat man nicht, um den potentiellen Lesern den eigenen Inhalt schmackhaft machen zu können.

Aus dem Dilemma, mit allein dieser arg begrenzten Vorschauebene einen interessanten Appetithappen zu bauen, hat sich eine textuelle Parallelwelt entwickelt. Denn in den letzten Jahren hat sich gezeigt: wer in der Artikelvorschau eine saftige Auslage präsentiert, hat am Ende mehr Leser auf der Seite und auch eine wesentlich höhere Interaktion unter dem verlinkten Artikel. Und genau aus diesem Dilemma heraus haben sich neuartige Zweige der Präsentation geformt, aber auch ein neuartiges Leserverhalten.

  

Clickbaiting

  

Clickbaiting ist der (reißerische) Klickköder, mit dessen Hilfe bei Lesern die Neugier auf einen Internetinhalt aufgebaut werden soll und diese auf den Klickköder klicken, um zu dem Inhalt zu gelangen. Die meisten Menschen sehen Clickbaiting als etwas Negatives an, ich persönlich sehe Clickbaiting als eine besondere Kunstform an, die nicht jeder beherrscht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Clickbait aufzubauen, doch am Ende zielen sie alle darauf, den Leser emotional ergreifen zu können. Es wird ein Bedürfnis, besser sogar noch ein Verlangen bei den Lesern erweckt, dass man ja spezielle diese Artikelvorschau anklicken will und den Inhalt anschauen möchte. Je größer das Verlangen ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man gerade diese Artikelvorschau anklickt.

Nicht jeder ist guter Clickbaiter. Versuche es mal aus Spaß selbst: Wer dabei nicht durchschaut wird, ist ein guter Clickbaiter! Clickbaiting kann also von der Grundlage her jeder Betreiben, doch es gehört auch ein gewisses Gespür dazu, genau den Sehnsuchtsnerv des Lesers zu treffen. Clickbaiting muss nicht unbedingt negativ sein. Im Grunde betreibt jeder auf Facebook Clickbaiting, nur manche reizen die Form des Clickbaitings einfach aus und hinterlassen eine enttäuschte Leserschaft.

Ich habe es schon öfter betont: am Ende ist es die Contentspanne des Clickbaitings, welche über den Enttäuschungsgrad des Lesers entscheidet.

ClickbaitingSteckt also hinter einer Clickbaitingvorschau ein Inhalt, welcher der Qualität seiner Ansage würdig ist, ist das Clickbaiting durchaus legitim. Der Enttäuschungsgrad hält sich in diesem Falle recht niedrig. Doch wer nun ankündigt, dass „Grund Nummer 7 dich überwältigt und zu ewiger Jugend verhilft“ und dann am Ende ein Glas Milch abbildet, sollte sich im Klaren sein, dass man den Leser enttäuschen könnte.

Aber alles noch harmlos, denn das Clickbaiting ist nichts gegenüber seinem Pendant, der

  

Überschriftenscheißerei!

  

Ich nenne es Überschriftenscheißerei, an anderer Stelle wird es „Clickbait-Puff“ gennant, letztendlich ist es das Resultat aus übersteigertem Clickbaiting, sowie aber auch nachlässigem Lesertum. Hier spielen sich zwei Fatale den Ball gegenseitig zu: die Überschriftenscheißerei bedient das Verlangen der Leser, möglichst alle Informationen bereits aus der Vorschaudarstellung auf Facebook zu Empfangen. Kurz, prägnant und aussagekräftig.

Die Antwort darauf sind Überschriften, welche so kurz und ausdrucksstark sind, dass sie schon nicht mehr korrekt sind und es im Grunde zwingend notwendig ist, den dazu gehörigen Artikel zu lesen. Bei dieser Methode der Artikelgestaltung diktiert bereits die Vorschau auf den Artikel die eigene Meinung, die jeweiligen Überschriften sind irreführend oder polarisierend konstruiert. Zudem werden in den jeweils verlinkten Texten die Dramatik der Artikelvorschau zumeist komplett revidiert oder so weit relativiert, dass der Inhalt im Grunde harmlos ist. Dass jedoch interessiert die Leserschaft dann nicht mehr, denn diese versorgt sich selbst mit den Informationen aus den Überschriften.

Wenn dieses Thema auf den Tisch kommt, zitiere ich immer wieder gerne meinen Freund Thomas Laschyk, der diese provokante These aufstellte:

Du willst einen journalistischen Artikel schreiben? Suche dir zwei Sachen aus, auf ein Drittes musst zu verzichten:

Nicht zu lang

Leicht verständlich

Inhaltlich korrekt

  

Was hat das nun mit Falschmeldungen zu tun?

 

Sehr viel, da in diesem Kontext Falschmeldungen aufgrund von Falschauffassungen entstehen. Wer seine Informationen aus bewusst polarisierenden Überschriften und Textvorschauen bezieht, muss damit rechnen, ein falsches Bild einer Situation zu bekommen und gibt dieses falsche Bild eventuell auch weiter.

Auf der Jagd nach Klicks & Shares nehmen weite Teile der Medienlandschaft es bewusst in Kauf, dass Menschen sich aufgrund übersteigerter Überschriften und Vorschauen desinformieren lassen. Hauptsache es gibt ein Like, ein Comment oder ein Share unter dem Artikel. Die Interaktion als Indikator für den Erfolg. Inhaltliche Qualität? Irrelevant dabei. Ein Spiel mit dem Feuer.

  

Wollen wir uns jedoch desinformieren lassen?

  

An dieser Stelle sind die Leser gefragt, jeder einzelne, wir alle. Wir müssen zum Einen wieder lesen lernen. Nicht nur 100 Zeichen, sondern alles. Wir müssen lernen, dass eine Information und ein Inhalt nicht allein aus einer dahingeworfenen Überschrift besteht, sondern dass Zusammenhänge gründlich dargestellt werden müssen. Dazu gehört auch Hinterfragen, Überdenken und vielleicht auch ein zweites Mal lesen oder sogar noch eine zweite Quelle hinzuziehen.

Ebenso müssen wir lernen, zwischen einfachem Clickbait, übertriebener Darstellung und dahingeschissenen Überschriften zu unterscheiden und am Ende auch in Form von Nichtbeachtung deutlich zeigen, dass wir uns nicht von Überschriften und Vorschauelementen verschaukeln lassen wollen.

Und nein, diese Information ist keine +++Eilmeldung+++, die darf man auch in Ruhe auf sich wirken lassen.


– Text: Andre Wolf

Andre Wolf ist Mitarbeiter bei „ZDDK/Mimikama“ (www.zuerstdenken.com). Nach mehreren Semestern Theologiestudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation ist nun die Analyse von Internetinhalten, speziell der sozialen Medien Wolfs Fachgebiet.

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