Wieso Diskussionen mit Veganern immer scheitern

Sie sind intolerant, kennen nicht den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen und unterliegen verinnerlichten Denkfehlern: Die häufigsten Gründe, warum Gespräche zwischen VeganerInnen und FleischesserInnen scheitern.

BlumenkindEs gibt leider immer wieder diese Momente, in denen man als VeganerIn mit OmnivorInnen an einem Tisch sitzen muss und wohl oder übel jemand über den Veganismus diskutieren will. Es zeigt sich dabei immer wieder, dass eine sachlich-argumentative Diskussion von den OmnivorInnen nicht gewünscht ist, daher ist der Versuch eine solche zu führen von veganer Seite bereits ein Denkfehler.

Im Folgenden wird dies anhand einiger Beispiele beleuchtet. Am Ende sollen ein paar Ideen zu einer besseren Möglichkeit mit Omnivoren umzugehen vorgestellt werden. Eine Übereinstimmung mit Sichtweisen von real existieren den Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt, dass diese zur Inspiration beitrugen mag aber in der Natur der Sache liegen.

  

Die Diskussion geht tatsächlich meist nicht von VeganerInnen, sondern von den OmnivorInnen aus

  

Spielregeln einer Diskussion werden dabei nicht eingehalten: Selbstverständlich hat die omnivor lebende Person im Rahmen der Meinungsfreiheit nur ihre Meinung gesagt. Und es wird angenommen, dass diese unwidersprochen im Raum stehen bleiben darf. Ein Widerspruch wird also als Angriff wahrgenommen, bei dem nicht nur der anderen Person durch ihren Widerspruch ein Angriff auf Meinungsfreiheit unterstellt wird. Offensichtlich wird dadurch gleichzeitig die Meinungsfreiheit der widersprechenden Person infrage gestellt.

Nebenbei wird der Unterschied zwischen Fakten und Meinungen, verwischt: Meinungen entstehen durch die Gewichtung von Fakten. Eine Meinung, die bloß aufgrund eines diffusen Unbehagen gegenüber dem Veganismus artikuliert wird und über Ebene des Vorurteils nicht hinaus kommt, soll genau so viel Gewicht haben wie eine Meinung, die auf Grundlage von Argumenten und durch Abwägung dieser entstanden ist.

Schon das ist ein Affront gegen jede Form der Diskussionskultur, in der das bessere Argument, nicht die persönliche Befindlichkeit zu gelten hat. Dazu passt auch der häufig gehörte Vorwurf, man würde andere mit der eigenen „Ideologie“ (sic!) nerven. Diese Totschlagaussage beendet dann auch das Gespräch aus dem sich OmnivorInnen beleidigt, aber als gefühlte moralische Sieger zurückziehen. Es wird so suggeriert als dürfe man Tatsachen nicht nennen, wenn diese für anderen unbequem sind.

Zur selben Zeit immunisiert man sich gegen Argumente, die die eigene Lebensweise infrage stellen, indem das bloße Nennen dieser Argumente als „fanatisch“, „missionarisch“ oder ähnliches diffamiert wird. Dies liegt allerdings nicht am VeganerInnen, sondern an OmnivorInnen selbst: Man merkt, dass man den Argumenten, wie Welthunger, Klimawandel und Tierethik mehr Gewicht einräumen müsste, um sich in der eigenen moralische Integrität nicht angegriffen zu fühlen.

  

Die Psychologie nennt dieses Phänomen kognitive Dissonanz

  

Diese bezeichnet einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass unterschiedliche Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten nicht miteinander vereinbar sind. Ein Ausweg wäre wären das eigene Handeln zu ändern (z.B. kein Fleisch mehr essen) oder das, was einem für die eigene moralische Integrität wichtig ist anders zu bewerten (Welthunger, Klimawandel und Tierethik für einen persönlich als unwichtig zu erklären). Es gibt aber auch sogenannte Scheinlösungen, die sich z.B. darin zeigen, dass der Widerspruch zwischen Verhalten und Einstellung heruntergespielt wird – oder die Erregung über den Widerspruch auf Andere zurückgeführt wird. Hierbei wird dem/der Anderen Überheblichkeit oder missionarischer Eifer unterstellt.

Meist enden solche Diskussionen im Streit. Doch gibt es meist dann eine Person, die sich dann als Stimme der Vernunft gebart. Dies zeigt sich erst einmal in der Behauptung es gäbe eines Konsens, der für alle zu gelten hat. Während bereits gegen allgemeinen Konsens der Diskussionkultur durch Omnivoren verstoßen wurde, stellt man einen neuen Konsens auf – und nötigt VeganerInnen sich an diesen zu halten. Dies soll im Folgenden an typischen Aussagen gezeigt werden.

Eine dieser typische Aussagen ist, dass die Meinung der vegan lebenden Person eine Einzelmeinung sei. Und Einzelmeinungen würden keinen interessieren. Bezeichnend, dass es sich auch bei dieser Meinung um eine Einzelmeinung handelt und damit in sich widersprüchlich ist.

Ähnlich die Aussage, dass niemand Weltverbesserer mag. Auch eine Einzelmeinung, die nicht zählen dürfte. Was hier aber passiert ist, ist dass behauptet wird zwei Einzelmeinungen seien allgemeiner Konsens. Auf die abwertende Verwendung des Begriffs „Weltverbesserer“ wird hier eingegangen.

Eine übliche Phrase darf natürlich nicht fehlen. Die These, man dürfe anderen die andere Meinung nicht aufzwingen. Nicht nur, dass die Person es bereits zwei mal getan hat ohne es zu merken, indem man einen Konsens impliziert, der bei genauerer Überprüfung so nicht existiert. Auch die Behauptung, man dürfe anderen eine Meinung nicht aufzwingen ist zu Ende gedacht nichts anderes als ein Aufzwingen der eigenen Meinung. Der Fehlschluss, der das Nennen von Fakten noch keine Meinungsäußerung ist, wurde bereits behandelt.

Es geht jedoch weiter: Man muss nur auf den Teller dieser Person schauen, um zu wissen, dass sie selber Anderen seinen Willen bereits aufgezwungen hat, sicherlich nicht zum ersten mal. Eine ebenfalls beliebte Aussage wie „Leben und leben“ lassen erübrigt sich dadurch ebenfalls.

 

„Leben und leben lassen“

 

Dass man es mit dem „Leben und leben lassen“ und „Meinungen Anderen nicht aufzwingen“ nicht so genau nimmt zeigt sich dann auch in der Ignoranz gegenüber dem Klimawandel, der zu bis zu 50% auf den Fleischkonsum zurück zu führen ist. Jede Minute werden durch diesen 45.000 Tonnen an fruchtbarem Boden vernichtet. Betroffen sind vor allem Menschen in Afrika und Asien, die nun die Möglichkeit haben entweder zu verhungern oder sich auf den beschwerlichen Weg in noch fruchtbare Regionen machen, um sich dann mit der Flüchtlingspolitik bestimmter Regionen konfrontiert zu sehen. Eine postkoloniale Perspektive, welche die Behandlung des afrikanischen Kontinents und der dort lebenden Menschen durch die westliche Welt thematisiert, würde den Rahmen sprengen. Aber es zeigt sich: Leben und leben lassen gilt letztendlich nur für weiße Menschen in der westlichen Welt, nicht für andere Lebewesen, ob menschlich oder nicht.

Es darf natürlich auch nicht die Parole fehlen, dass man selber den Veganismus des anderen toleriere und man deswegen auch tolerant sein solle. So wird das Thema auf eine bloße Lebensstileinstellung reduziert, als würde jeder andere Musikrichtungen mögen und Geschmäcker eben verschieden sind. Das billigende Inkaufnehmen der Folgen des Fleischkonsums für jetzige und zukünftige Generationen und die Ignoranz für diese Problematik wird als genau so gleichwertig hingestellt, wie eine Sensibilität für diese Folgen und das darauf resultierende Verzichten.

Dieser Prozess wird in den Sozialwissenschaften als Verschleierungstaktik bezeichnet: Dabei wird über die eigentlich wichtigen Aspekte bildlich ein Schleier gelegt, wodurch sie unsichtbar werden. Zur selben Zeit stellt man sich als moralische Instanz dar: Es wird von Toleranz gesprochen, die allgemein zu gelten hat. Wiederum wird ausgeblendet, dass Toleranz nicht per se gut ist. Warum sonst sollte es staatliche Intoleranz z.B. gegenüber Straftaten gegen? Thomas Mann sagte sogar: „Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem bösen gilt.“

Natürlich ist das auch nur eine Strategie, denn die Erwähnung der Toleranz dient nur dazu, den anderen als intolerant zu markieren und seine Position abzuwerten – im Moment des Behauptens der Gleichwertigkeit von Meinungen wird genau das Gegenteil, nämlich deren Nicht-Gleichwertigkeit hergestellt.

  

In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

  

Während all die getätigten Aussagen in den Ohren von OmnivorInnen völlig schlüssig klingen, so fallen bei genauerer Betrachtung eklatante Widersprüche auf. Die Aussagen dienen natürlich nur dazu die eigene internalisierte Lebenspraxis zu verteidigen. Anstatt sich selbst zu reflektieren wertet man den anderen ab. Getreu nach Kurt Tucholsky: „In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

Das eigene kulinarische Interesse wird über das Leid und Leben anderer Menschen und Tiere gestellt. Man nimmt sich selbst so wichtig, dass man meint dazu das Recht zu haben. Sucht man eine Definition von Überheblichkeit, so findet man Folgende bei Wikipedia und dem Duden: „eine Haltung, die Wert und Rang oder Fähigkeiten der eigenen Person besonders hoch veranschlagt“ oder „sich selbst überschätzend, in selbstgefälliger, dünkelhafter Weise auf andere herabsehend.“

Die vorigen Beispiele lassen sich so als internalisierte Überheblichkeit beschreiben, die auf einer sozialen wie auf einer existenziellen Ebene abläuft: Auf der sozialen Ebene wird die Meinung der vegan Lebenden Person abgewertet. Schlimmer jedoch, dass man es bei vielen Menschen auch auf einer existenziellen Ebene tut: Man stellt sein kulinarisches Interesse nicht nur über diese, sondern leugnet sogar das in der UN Menschenrechtscharta verankerte Recht auf Leben (Artikel 3) und auf Nahrung (Artikel 25) der Menschen, die von den Folgen des Fleischkonsums betroffen sind. Wie bezeichnend, dass die Präambel erwähnt, dass „Die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben.“ Lassen wir das mal so stehen.

Es fällt nun auf, dass Omnivoren selber Verhaltensweisen an den Tag legen, die sie anderen unterstellen: Sie sind überheblich und zwängen deswegen anderen ihre Meinung auf. Wenn sie jedoch genau darauf aufmerksam gemacht werden unterstellen sie genau das VeganerInnen.

Nun zeigt sich, dass eine vegan lebende Person in einem Gespräch nicht sachlich argumentieren und gleichzeitig all diese ablaufende Prozesse reflektieren kann. Fast jede/r VeganerIn ist schon einmal in diese Fallen getappt – bei solchen Gesprächen kann man nur verlieren. Umso wichtiger, dass diese erkannt werden und man aus diesen lernt. Was kann man also aus solchen Gesprächen lernen?

Veganismus ist kein Zustand, sondern ein Prozess, in dem man selber versucht möglichst wenig Leid an seiner Mitwelt zu erzeugen und andere davon zu überzeugen, dass dies der einzige Weg ist, damit alle Lebensformen auf diesem Planeten eine Zukunft haben. Während dieses Prozesses werden Fehler gemacht, im eigenen Handeln, aber genau so im Umgang mit anderen. OmnivorInnen haben das noch nicht reflektiert, was für VeganerInnen bereits zum eigenen Selbstverständnis gehört. Es erscheint plausibel, dass OmnivorInnen sich daher in ihrer eigenen unreflektierten Lebenspraxis persönlich angegriffen fühlen. Wie kann man jedoch dies tun während all die oben erwähnten Mechanismen ablaufen?

vegan-bingoIronie scheint hier ein Ausweg. Es gibt bereits vegane Bullshit Bingos im Netz. Sich diese ausdrucken oder selber zu erstellen und lächelnd bei Anfang der Diskussion herausholen, diese anderen zeigen und damit die Unsinnigkeit der omnivoren Standpunkte offen zu legen kann helfen. Oder sich die omnivoren Aussagen ad Absurdum führen und zu Ende denken. Anstatt sich wie im Sport als gegnerische Mannschaft wahrzunehmen nimmt man die Rolle die Schiedsrichters ein, der die Nicht- und Pseudo-Argumente beleuchtet und diskursanalytisch auseinandernimmt. Getreu dem Motto: Ich gehe nicht auf deine Aussage ein, sondern sage dir, was deine Aussage über dich aussagt. Ich hoffe dieser Artikel kann Ausgangspunkt sein, diese Strategien anzuwenden und dadurch in Gesprächen erfolgreicher zu sein. Wenn dadurch die Fehler umschifft werden können, die der Autor selber schon in Diskussionen gemacht hat, dann hat dieser Artikel bereits schon seinen Zweck erfüllt.

Quellen:

Aronson, Eliot, u.A.: Sozialpsychologie, Pearson Studium (2014), Halbergmoos.

http://www.duden.de/rechtschreibung/ueberheblich

http://green.wiwo.de/fruchtbare-erde-45-000-tonnen-gehen-pro-minute-verloren/

http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf


– Text: Matthias Werner

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