Das ist kein Rechtsruck, das waren die Nichtwähler!

Die rechten Bauernfänger mussten nur ihr Klientel wie gewohnt aktivieren und dort nicht mal an der Truppenstärke schrauben, einfach weil linke und unpolitische Wähler immer mehr mit dem Ankreuzen überfordert sind, ihren Arsch nicht vom Sofa bekommen oder es für eine schlaue Idee halten, den politischen Sektor rechtsradikalen Kräften zu überlassen. Jens Grote in „Die groteske Weltanschauung“

WahlDa auf meiner Freundesliste gerade das große Heulen und Zähneklappern aufgrund der zweistelligen braunen Ergebnisse bei diversen Kommunalwahlen über die Startseite rauscht, möchte ich dann doch mal kurz den Finger in eine eigentlich sehr offensichtliche Wunde legen. Vorweg gleich das Positive: An diesen Wahlen kann ich keinen Rechtsruck festmachen, zumindest keinen erdrutschartigen.

Stark aufgekommen ist die AfD lediglich in Sachsen, das war aber auch schon vorher klar und spielt politisch keine Rolle. Dort herrscht eben PEGIDA, und durch dieses Bundesland kristallisiert sich immer mehr die Erkenntnis heraus, dass damals die Mauer vorschnell eingerissen wurde, da man sehr viel besser gefahren wäre, wenn man sie lediglich als antifaschistischen Schutzwall örtlich versetzt hätte.

Bei den Wahlen in der „zivilisierten Welt“ sind die rechten Triumphe nicht dadurch zustande gekommen, dass verstärkt braun gewählt wurde, sondern weil verstärkt gar nicht gewählt wurde. Wer wundert sich über diese Ergebnisse, wenn sich in manchen Bezirken nur noch knappe 30 % der Wahlberechtigten zur Urne schleppen konnten? Die rechten Bauernfänger mussten nur ihr Klientel wie gewohnt aktivieren und dort nicht mal an der Truppenstärke schrauben, einfach weil linke und unpolitische Wähler immer mehr mit dem Ankreuzen überfordert sind, ihren Arsch nicht vom Sofa bekommen oder es für eine schlaue Idee halten, den politischen Sektor rechtsradikalen Kräften zu überlassen.

Ich kann gar nicht mehr aufzählen, wie oft mir diese Leute jetzt schon erklärt haben, dass sie darauf spekulieren, dass irgendwann niemand mehr wählt und so das politische System einstürzt. Sie haben keine Ahnung, was danach kommen soll und sie nehmen in Kauf, dass im jahrtausendelangen Zeitfenster dieser Aktion die Kräfte in Amt und Würden bleiben, über die sie sich in Dauerschleife beschweren, das geht bei ihnen trotzdem nicht als Denkfehler durch.

Sie wählen auch nicht die Linke, obwohl das die einzige Partei ist, die über ein Programm verfügt, das Gegenpositionen zum Einheitskurs aller etablierten Parteien besetzt, egal ob es da um Auslandskriegseinsätze, Amerikakritik, Vermögenssteuer oder andere Krisenherde geht. Da lassen sie sich lieber von den Altparteien einreden, dass so etwas nicht finanzierbar ist und deshalb heiße Luft bleiben muss.

Einerseits wollen Nicht-Wähler das Land unbedingt zum Einsturz bringen, auf der anderen Seite aber auf keinen Fall Kräfte an die Macht hebeln, die den Haushaltsüberschuss mit gerechten Löhnen und menschenwürdigen Sozialleistungen verprassen würden. Sie sind sehr daran interessiert, dass die Demokratie irgendwann hart aufschlägt, wenn niemand mehr wählen geht, aber gleichzeitig wollen sie auf keinen Fall Superreiche mit einem Spitzensteuersatz verschrecken. Also katalogisieren sie die einzig wählbare Alternative auch unter Einheitsbrei, obwohl diese Partei noch nie das Gegenteil auf Bundesebene beweisen durfte. Und sie halten Kräfte an der Macht, die schon traditionell seit Jahrzehnten den Karren an die Wand fahren, damit Neuvorstellungen diesen Karren nicht an die Wand fahren.

Aber darüber habe ich mich schon so oft aufgeregt, dass will ich hier gar nicht mehr hochkochen. Mir war nur danach, den nicht stattgefundenen Rechtsruck korrekt einzuordnen. Der ist nämlich nur so extrem ausgefallen, weil die Demokratiefeinde in diesem Land nicht nur von rechts kommen, sondern sich voll auf ihre Verstärkung von der linken und neutralen Seite verlassen können, solange diese Leute nur ihren Part beitragen, indem sie gelangweilt zuhause bleiben. Und das sorgt dann für die braune Gesamtsuppe, die jetzt alle auszulöffeln haben. Guten Appetit!


– Text: Jens Grote

  

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