So ein Unfug, Udo – Warum Sojamilch nicht „künstlich“ ist

Der verschiedentlich als Experte für Ernährung hofierte Lebensmittelchemiker und Sachbuchautor Udo Pollmer zeigt sich ja bisweilen sehr phantasievoll und auffallend sojaphob. Mit seinem aktuellen Pamphlet beim Deutschlandfunk übertrifft er sich in dieser Hinsicht erneut selbst.

MilchZum Inhalt:

  • Er stellt Sojadrink mit aller Gewalt als „künstlich“ hin, nennt es plakativ „geschmackloses Kunstprodukt“. Das ist Unsinn, die Ausgangsstoffe sind durchweg natürlich. Es sind weit weniger Verarbeitungsschritte nötig von der Bohne zum Getränk, als das bei Milch der Fall ist, die er wiederum völlig natürlich findet. Deal: Entweder ist beides gleichermaßen natürlich (weil eben aus natürlichen Rohstoffen) oder beides gleichermaßen unnatürlich (weil eben nur durch intensive Verarbeitung zu dem geworden, was wir im Supermarkt kaufen). Überdies ist natürlich/unnatürlich auch keine wirklich zielführende Einteilung, sie sagt nämlich schlichtweg nichts aus.
  • Die Behauptungen bezüglich der Inhaltsstoffe sind recht abenteuerlich. Ja, es gibt einige spezielle Sojadrinks mit derartigen Zusätzen, damit man sie z. B. besser aufschäumen oder aufschlagen kann, aber bei den normalen Sojadrinks aus dem Supermarkt sucht man vergeblich, was er da behauptet. Die aufgeführten Zusatzstoffe wären deklarierungspflichtig. Bei all unseren Testkäufen war lediglich Wasser, Sojabohnen und die kalziumhaltige Meeresalge Lithothamnium calcareum enthalten.
  • „Giftige Eiweiße“ (Lektine) sind in allen Hülsenfrüchten enthalten, in geringerem Umfang auch in Getreide, Tomaten und Kartoffeln. Deshalb kochen wir Bohnen, Linsen, Kichererbsen usw. vor dem Verzehr, weil die Lektine und andere von Natur aus enthaltene Giftstoffe in diesen Pflanzen hitzelabil sind und auf diese Weise unschädlich gemacht werden. Roh wären die meisten Hülsenfrüchte nicht genießbar. Das ist bei Sojabohnen nicht anders und keine große Überraschung. Vor der Weiterverarbeitung werden auch Sojabohnen gekocht und diese Stoffe inaktiviert. Müsste Herr Pollmer als Lebensmittelchemiker eigentlich wissen.
  • 85 % Wasser! Na sowas!!! Kuhmilch hingegen, ebenfalls eine Dispersion kolloider Partikel in Wasser, hat einen Wassergehalt von… *Trommelwirbel*… 87–89 %. (Quelle: Bundeslebensmittelschlüssel)
  • Sein Hinweis auf „Gensoja“ ergibt überhaupt keinen Sinn. In Deutschland erhältliche Sojamilch hat überhaupt nichts mit „Gensoja“ zu tun. Das darf hier weder angebaut, noch ohne Deklaration verkauft werden und bei Bio-Lebensmitteln ist es grundsätzlich verboten. Selbst wenn man will, hat man de facto keine Chance, hier irgendwie an gv-Sojamilch zu kommen. Das importierte gv-Soja landet hier ausschließlich in den Futtertrögen, von Milchkühen etwa.
  • „Leichtbenzin“ (er meint hier wahrscheinlich n-Hexan) wird in der konventionellen Landwirtschaft als Lösungsmittel bei der Ölextraktion eingesetzt. Für Sojamilch und auch für Tofu verwendet man die kompletten Sojabohnen, ohne dass da vorher das Öl extrahiert wird. Im Ökolandbau ist n-Hexan als Verarbeitungsstoff zudem gar nicht zugelassen. Sein Leichtbenzin in der Sojamilch ist hier also die nächste Blendgranate. Hat mit Sojamilch nicht die Bohne zu tun.
  • Soso, ohne die PR des „US-Agro-Soja-Business“ gäbe es Tofu bei uns nicht, denn die habe damit bewusst einen neuen Markt erschlossen, dafür gesorgt, dass Menschen überhaupt Tofu essen würden, um fortan auch den Menschen Soja verkaufen zu können. Sehr sinnvoll. Bedingt durch die sog. Veredelungsverluste in der Tierproduktion und immer kürzere Mastzeiten steckt man heute für jedes kg Rindfleisch ein Vielfaches an Soja-Kraftfutter in so ein Rind. Womit verdiene ich als Sojafirma da wohl mehr? Sicher nicht, wenn ich den Leuten sage: „Hey, probiert doch mal Tofu statt Fleisch!“ Ich könnte weit mehr Soja absetzen, wenn ich weiter den Fleischkonsum bewerben würde.
  • Seine nähere Einlassung dazu mutet schon fast wahnhaft verschwörungstheoretisch an: Große böse US-Firmen, die die Geschichtsbücher und Lexika umschreiben, nur damit sie auf diese Weise angeblich noch mehr von ihrem giftigen Sojazeug an die Menschen absetzen können – was wie im vorherigen Punkt dargelegt ja gerade gar nicht der Fall wäre.

Schmecken tut Sojamilch so pur allerdings wirklich nicht jedem aus dem Stand, da hat Herr Pollmer absolut recht. 50/50 hingegen z. B. mit Haferdrink gemischt: Wonne!

Wird er natürlich nicht ausprobieren. Er glaubt ja… hmm… ob er das wirklich glaubt? Na sagen wir: Er tut ja so, als wäre Soja voll ungesund. Nun gehen unsere Steuergelder zum Glück nicht nur über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an Herrn Pollmer, sondern auch an wissenschaftlich seriöse Verbraucherschutzbehörden, wie etwa an das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das regelmäßig die wissenschaftliche Sachlage solche Dinge betreffend prüft und etwaige Risiken beurteilt. Zu Soja schreiben sie zusammenfassend:

„… war in Bevölkerungsstudien der Verzehr von Sojaprodukten mit verschiedenen gesundheitlichen Vorteilen verbunden. Insofern wird eine Ernährung, die Sojaprodukte, Getreide, Gemüse und Obst reichlich enthält, empfohlen.“ Lediglich von „der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, die sekundäre Pflanzenstoffe in konzentrierter Form enthalten, wird seitens der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Ernährung abgeraten.“

Weiterhin betont das BfR, dass „übliche sojahaltige Lebensmittel allgemein günstige Wirkungen auf die Gesundheit haben können, weil sie oft höhere Anteile an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen und daneben einen geringeren Anteil an gesättigten Fettsäuren aufweisen“, sowie dass „hormonabhängige Krebserkrankungen wie Brust- und Prostatakrebs unter der asiatischen Bevölkerung, bei der Soja einen höheren Stellenwert in der Ernährung hat, weitaus seltener auftreten als in westlichen Ländern.“ (ebd.)

Tja Udo, niemand zwingt dich, Sojamilch zu trinken oder dich allgemein gesünder zu ernähren. Aber ein bisschen mehr Sachlichkeit, ein bisschen mehr Fakten und ein bisschen weniger was zusammenspinnen, ein bisschen weniger was vom Gipskrieg erzählen. Dein Studium mag eine Weile zurückliegen, aber man hat dir sicher damals beigebracht, wie man wissenschaftlich arbeitet. Versuchs doch mal.


– Text: Jörg Schwinghauer

5.00 avg. rating (92% score) - 2 votes
13 Comments