Hühnchen oder Seitan – die neue Gretchenfrage für Atheisten?

Viele Denker, die zur Bewegung des „New Atheism“ gezählt werden, haben sich in den letzten Jahren zu Fragen der ethischen Entwicklung der Menschheit geäußert, zur erstrebenswerten Reduktion von Gewalt und Leid – und dazu, was unser Essen mit all dem zu tun hat.

KükenUnter jenen Vertretern der Skeptiker-Bewegung finden sich so prominente Beispiele wie Sam Harris, Steven Pinker, Richard Dawkins, Lawrence M. Krauss, Michael Shermer und Peter Singer. (Hier unser Artikel über die Neuen Atheisten: Gotteswahn, War on Christmas und neue Herausforderungen eines zeitgenössischen Humanismus)

Während Peter Singer freilich seit Jahrzehnten mit seinem Engagement für die ethische Berücksichtung nicht-menschlicher Tiere auffällt, gilt das für andere selbsterklärte Rationalisten erst seit jüngerem. So kommt beispielsweise Steven Pinker („The better angels of our nature“) und Michael Shermer („The Moral Arc – How Science makes us better people“) zwar das große Verdienst zu, umfangreiche und anschauliche Darstellungen der Menschheitgeschichte verfasst zu haben, die aufzeigen, dass Ausmaß und Akzeptanz von Gewalt und Leid über die Jahrhunderte hinweg massiv abgenommen haben. Beide leiten daraus ab, dass wir trotz oft gegenläufiger Wahrnehmungen in der wohl friedfertigsten Epoche der Menschheitsgeschichte leben dürften und ermutigen zu einem sachlichen Optimismus.
Hierbei berücksichtigen Shermer und Pinker allerdings nur jene Gewalt, die Menschen widerfährt. Das Leiden nicht-menschlicher Individuen spielt in den o.g. Texten der beiden Autoren eine krass untergeordnete Rolle.

   

Das Leid als ethischer Maßstab

    

Diese strikt anthropozentrische Perspektive scheint bei vielen Rationalisten nun im Wandel befindlich. So twitterte etwa Shermer kürzlich sinngemäß: „Autsch. Habe gestern abend Earthlings geschaut bei der Recherche über unseren moralischen Fortschritt. Wenn es um Tiere geht, fühlt es sich wie ein moralischer Rückschritt an.“

Im Februar äußerte er bei BigThink, er halte Tierrechte für die „nächste Welle moralischen Fortschritts“ im Rahmen einer sich abzeichnenden Entwicklung, Diskriminierungen von Individuen sukzessive zu beseitigen. Schließlich wüssten wir angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten hundert Jahre sehr wohl, dass Tiere leiden können.
Außerdem hätten wir viele „barbarische Praktiken“ und Traditionen längst verurteilt, Hahnen- und Hundekämpfe weitestgehend verboten, die Haltung von Delfinen und Walen werde zunehmend als Qual für diese Tiere erkannt und Stierkämpfe seien massiv umstritten.

„Wir sollten die moralische Sphäre so ausweiten, dass sie – als einen Anfang – wenigstens auch Meeressäuger und alle Primaten umfasst“, fordert Shermer. Er selbst sei zwar kein Vegetarier und einen strikten Veganismus halte er für „religiös“ und „schuld-affin“. Doch immerhin spricht er sich für die Abschaffung der industriellen Tierausbeutung und einen starken „Reduktionismus“ aus. Es dürfe nicht nur „fleischfreie Montage“ geben: „Wie wäre es mit Fleisch-Montagen und den Rest der Woche gar kein Fleisch?“ Statt schwer umsetzbare Utopien zu verfolgen, sollten wir schrittweise vorgehen. Das „Heute“ etwas besser machen als das „Gestern“; und das „Morgen“ etwas besser als das „Heute“.
Auch fordert Shermer massive Verbesserungen bei der Haltung nicht-menschlicher Individuen und begrüßt die Entwicklung leidfrei erzeugten Laborfleischs.

Dabei beruft er sich u.a. auf Jeremy Bentham, den Urvater des Utilitarismus. Dieser hatte im 18. Jahrhundert bereits einen Prioritätenwandel in der Ethik angemahnt: „Die Frage ist nicht: Können Tiere denken oder reden? Die Frage sollte sein: Können sie leiden?“

   

Was tun, wenn man keine vernünftigen Argumente für den status quo hat?

   

Auch die Zentralfigur des „Neuen Atheistmus“, Richard Dawkins, sieht im Fleischkonsum ein moralisches Problem. Im Gespräch mit Peter Singer bekennt er: „Ich glaube, sie haben einen guten Punkt, wenn sie sagen, dass jeder, der Fleisch isst, in der Verantwortung steht, darüber ernsthaft nachzudenken. Ich finde kein gutes Gegenargument. Ich sehe uns in einer ähnlichen Position wie vor zweihundert Jahren, als wir über [die Abschaffung der] Sklaverei diskutierten. Ich würde es gern sehen, […] wenn es zur sozialen Norm würde, kein Fleisch zu essen.“

Hier zeigt sich eine Stärke der „New Atheists“: ihre Orientierung an Rationalität und dem Gewicht des besseren Argumentes. Das heißt auch: tradierte Überzeugungen und Praktiken, für die man keine vernünftigen Gründe (mehr) vorbringen kann, zu hinterfragen und ggf. aufzugeben. Heißt es aus dem Munde von Atheisten doch oft: „Lieber müssen alte Ideen sterben, als dass Individuen für Ideen sterben müssen.“
Mit welchem vernünftigen Grund sollte sich diese Methode ausschließlich auf menschliche Individuen und Fragen des religiösen Glaubens beschränken? Warum sollte das Werkzeug der Rationalität nicht gleichermaßen auf andere Lebensbereiche und Standpunkte angewendet werden – auch (und gerade!) wenn das zu Schlussfolgerungen führt, die das eigene bisherige Handeln in Frage stellen?

Menschen Glauben an Götter, weil Menschen schon immer an Götter glaubten.
Menschen essen Fleisch, weil Menschen schon immer Fleisch gegessen haben.

Diese beiden Sätze sind wahrscheinlich zutreffend. Als rationale Argumente können beide nicht gelten. Es sind naturalistische Fehlschlüsse. Etwas zu tun, nur weil mensch es immer schon tat? Kann das als ethische Begründung taugen? Was ist dann mit Kannibalismus, Blutfehden, Prügelstrafe, Zwangsheirat und Sklaverei?
Hinzu kommt ein Status-Quo-Bias: Hierbei wird etwas für „richtig“ gehalten, nur weil es halt zufälliger Weise eine gegenwärtige soziale Norm darstellt, der die meisten Mitmenschen folgen; auch hier kann eingewendet werden, dass wir nie von Sklaverei, Patriarchat und häuslicher Gewalt weggekommen wären, wenn wir ein solches Denkmuster für rational akzeptabel hielten. Unter dem Einfluss des Status-Quo-Bias werden die Risiken und möglichen (persönlichen) Verluste überbewertet, die bei Veränderungen drohen könnten – hingegen werden die positiven Potenziale oft massiv unterschätzt

  

Hier geht es weiter: Wer nicht an Gott glaubt, sollte aus den gleichen Gründen auch vegan werden


– Text: Falko Pietsch

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