Hört bitte mit dem Hype um Superfoods auf!

Ohne Gojibeeren, rohen Kakao, Avocados, Durian, Chia-Samen und massig Kokosöl ist kein veganes Leben möglich! Oder etwa doch?Chiasamen

Sagt mal, wie haben wir eigentlich gelebt, als wir uns noch von Wochenmärkten, Supermärkten, Reformhäusern und raren Bestellungen bei Online-Versandhandlungen versorgten? Es muss sehr trist gewesen sein, vielleicht habe ich darum das Gefühl an einen großen Mangel an Lebensqualität einfach so verdrängt.

Vor zehn Jahren hätte ich Gojibeeren vielleicht für eine pelzige Gang um einen frechen, Picknickkob leerenden Grizzly im Yellowstone Nationalpark gehalten. Immerhin gabs da zu Weihnachten zum 20er noch die obligatorische Tüte Studentenfutter. Mit Nüssen, Rosinen und Mandeln. Die Ernährungsbilanz der Knabberei war nicht schlecht.

Eiweiße, Fette, ein paar B Vitaminchen und Mineralien, ja damit kam man schon klar. Heute klingt es bisweilen eher ein wenig so, als wäre eine ausgewogene Ernährung ohne so genannte Superfoods kaum möglich oder wenigstens wesentlich einfacher zu gestalten.

Dabei können viele von uns aus eigener Erfahrung sprechen und bestätigen, dass es mit regionalem und saisonalem Obst, Gemüse, Kräutern, Nüssen und Sämereien und den paar Exoten, die schon unsere Eltern auf unsere Teller geladen haben, ganz gut klappt. Recht anstrengend ist auch, wenn einem Produkt wahre Wunderkräfte in diversen Bereichen zugeschrieben wird. Ein Beispiel dazu ist das Kokosöl.  Obwohl wissenschaftlich nicht erklärbar, wird das Öl als essentieller Zusatz zu Ernährung und Kosmetik gepriesen und gar als Sonnenschutz genannt.

Jemandem ohne wissenschaftliche Grundlage Kokosöl als Sonnenschutz zu empfehlen, ist in Zeiten, in denen die Gefahren von Verbrennungen und Hautkrebs jeden Sommer noch einmal mahnend von jedem Medium aufgenommen werden schon fahrlässig.

Nicht fahrlässig, aber irritierend ist, dass roher Kakao plötzlich Zugang in allerhand Produkte gefunden hat und die Rohkost von einer bisweilen recht umweltfreundlichen „Von der Hand in den Mund“-Praxis zur „27 Gramm Datteln, Kakao und Kokosöl zu nur 5,50€ in Plastik und noch Karton umverpackt“-Praxis wurde. Gut, dass können wir auch der generellen Veränderung der veganen Zusatzproduktpalette anlasten, aber im rohen Bereich fällt es stärker auf, da vorher bisweilen Schälen und in Häppchen schneiden teilweise das höchste der Gefühle war.

Also, brauchen wir Chiapudding oder tun es auch Leinsamen? Muss es die exotische Beere sein, oder reichen auch unsere getrockneten Trauben? Macht ein Riegel mit roher Schokolade glücklicher als einer mit erhitzter?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Überlebensnotwendig sind Superfoods für uns jedenfalls nicht. Gesund bleiben und sich ausgewogen Ernähren geht auch ohne Kokosöl und Acerola. Die Superfoods kosten uns nur gern recht viel und haben bisweilen auch eine lange, klimagasintensive Reise zu uns hinter sich.

P.S.: Wenn ich mich geirrt habe und bald an Acai-Mangel eingehe, schreibt eine Warnung auf meinen Grabstein.


– Text: Hella Martin

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