Gotteswahn, War on Christmas und neue Herausforderungen eines zeitgenössischen Humanismus

Die „Neuen Atheisten“ wie Richard Dawkins und Sam Harris haben Atheismus aus einer philosophischen Ecke in eine naturwissenschaftliche geholt. Kann der neue Atheismus Vernunft in eine Debatte z.B. um „Islamisierung“ bringen?

Was ist am Atheismus so neu?
  
Gegen Ende der 1990er Jahre verschaffte sich eine junge Bewegung im englischsprachigen Raum – und darüber hinaus – mehr und mehr Gehör: Die sogenannten „Neuen Atheisten“. Freilich gab es auch zuvor in Nordamerika und England bereits eine signifikante Zahl von säkularen, nicht-religiösen, agnostischen und atheistischen Menschen. Der eigentlich neue Impuls war, dass dieser Atheismus nicht mehr primär von Philosophen vertreten wurde; vielmehr artikulierten nun vermehrt namhafte Naturwissenschaftler etwas, das in ihrem Forschungsalltag längst eine Selbstverständlichkeit darstellte: Die Annahme, dass das Universum (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) durch „profane“, diesseitige Prozesse und Kräfte erklärbar sein dürfte und dass es keine empirischen Belege dafür gibt, dass übernatürliche Mächte oder magische Prinzipien im Kosmos eine wirksame Rolle spielen. Hingegen sage das „magische Denken“ mehr über die subjektive Weltwahrnehmung des Menschen aus als über die „Welt an sich“.
Dieser wissenschaftliche Konsens wurde nun von Physikern, Biologen, Anthropologen, Astronomen, Psychologen, Historikern und Wissenschaftstheoretikern einfach akzentuierter geäußert. (Leider ist die männliche Form hier keinem generischen Maskulinum geschuldet – es sind zu weit über 90% männliche Wissenschaftler, die an der öffentlichen Debatte über dieses Thema teilhaben,)

Die säkulare Perspektive der Forschenden ist gewissermaßen trivial. Schließlich würde niemand von der Wissenschaft erwarten, dass sie den Versuch unternähme, das Wirken von Kobolden zu untersuchen, eine Dental-Ökonomie der Zahnfeen zu skizzieren oder die Strahlkraft Gottes in Lux und Candela zu berechnen.
Andererseits wurde das explizite „Bekenntnis“ zu einem wissenschaftlichen Materialismus – zumindest in den USA – in der öffentlichen Debatte oft als Affront wahrgenommen. Auch Entertainer wie Bill Maher, Tim Minchin, George Carlin, Stephen Fry und Ricky Gervais haben für ihren unverhohlenen Unglauben einige Shitstorms einstecken müssen. Das Schlagwort des „militanten Atheismus“ wurde medial aufgegriffen. Richard Dawkins und Christopher Hitchens galten vielen religiösen Gruppen als gefährliche „Radikale“, die das soziale Gefüge ganzer Gesellschaften zu zerreißen drohten.
  
Mehr als nur „Ungläubige“
  
De facto ist nichts dergleichen passiert. Eher haben die „Neuen Atheisten“ gerade in den jungen Generationen eine Begeisterung für Wissenschaft und Rationalität anstoßen und bestärken können. Hunderte atheistische Blogs, Youtube-Channels, Radio-Sendungen und Gruppen in sozialen Netzwerken sind entstanden. Auch in Erdteilen, wo es für Einzelne sozial und juristisch gefährlich werden kann, sich zum Unglauben zu bekennen, haben sich virtuelle säkulare Communities entwickelt. Und: Sie tauschen sich bei weitem nicht nur über die metaphysische Gotteshypothese aus; sie stellen auf’s Neue die alten philosophischen Fragen: Woher kommt denn nun die Welt? Wie entstand der Mensch? Gibt es im Weltall noch anderes Leben? Welchen Werten wollen und sollten wir folgen? Woher kommt unser Bewusstsein? Wie sollten wir handeln? Wie trifft man in einer komplexen Welt richtige, verantwortbare Entscheidungen? Wie geht sauberes Denken? Was kann eine wissenschaftliche Herangehensweise im Alltag leisten, wenn religiös-moralische Vorstellungen an Tragkraft verlieren?

Der Atheismus wurde in vielen dieser Gruppen zu einer Art Minimalkonsens. Warum sollte man sich nur über sein Nicht-Glauben an spezifische Gottesvorstellungen definieren? Es gibt weitaus mehr weitverbreitete irrationale Annahmen über die Welt als nur die Vermutung eines allmächtigen Schöpfers. Esoterik, Astrologie, Homöopathie, Verschwörungstheorien, politische Ideologien und dutzende Spielarten willkürlicher, tradierter Diskriminierung. Heute sehen sich viele junge Menschen, die von Büchern und Denkern des „New Atheism“ beeinflusst wurden, daher allgemeiner als „Skeptiker“ und „Rationalisten“.
  
Was kommt nach dem Sturm?

Mittlerweile hat sich auch die Entrüstung in Nordamerika einigermaßen gelegt. Zwar sorgen sich rechtskonservative christliche Gruppen jährlich erneut um den atheistisch-multikulturellen „War on Christmas“ – der zuverlässig jedes Jahr ausbleibt – und weiterhin würden die meisten US-Bürger*innen niemanden zur Präsidentin wählen, der offen atheistisch ist. Aber im Großen und Ganzen könnte man meinen, hätten nun die meisten „westlichen“ Gesellschaften erkannt und akzeptiert, dass Atheismus heutzutage nicht mehr eine abnormale und beängstigende Rarität aus dem philosophischen Elfenbeinturm darstellt, sondern dass Säkulare (oder „Nones“) einen wachsenden und harmlosen Teil der Bevölkerung darstellen. Nur wenige Hardcore-Evangelikale halten Atheisten weiter für heimliche Satans-Huldiger, die zum Frühstück kleine Kinder verspeisen.

Auf dem europäischen Kontinent war das Echo des „New Atheism“ ohnehin weniger gravierend. In den meisten Gesellschaften Europas bezeichnen sich schon länger 20-50% der Bevölkerung als „nicht-religiös“, in den skandinavischen Ländern stellen Ungläubige die absolute Mehrheit.

Die Diskussion um Trennung von Staat und Kirche, angestaubte und überkommene Kirchenprivilegien und religiös begründete Diskriminierungen ist damit auch hierzulande freilich nicht vom Tisch. Auf institutioneller Ebene müssen säkulare Humanist*innen nach wie vor oft um Anerkennung und Gleichberechtigung kämpfen.

Humanismus, Säkularität und der Clash of Cultures

Dieses Ringen findet in den letzten Jahren verstärkt im Rahmen einer breiteren (Multi-)Kulturdebatte statt. Haben unsere Werte religiöse Ursprünge? Sind wir nun ein „christlich-jüdisches“ Land? Gehört der Islam zu Deutschland? Heißt es „Weihnachts-“ oder „Winter“-Markt? Drohen uns eher muslimische Überfremdung oder atheistischer Kulturverfall? Sollten wir Moscheen vom Verfassungsschutz beobachten lassen? Und wenn ja: Warum nicht auch einige evangelikale Freikirchen, katholische Schwulenhasser im Bischofsrang und selbsternannte reaktionäre „Lebensschützer“?

Die wohl schwierigste Auseinandersetzung führen säkulare Menschen und Verbände aktuell mit Vertreter*innen des Islam. Einige Zeit schien es, als würde der „Clash of Cultures“ ausschließlich zwischen „Orient“ und „Okzident“, zwischen Christentum und Islam ausgetragen. Mittlerweile hat sich parallel ein humanistisches Narrativ etabliert, das keinesfalls regional begrenzt ist. Auch wenn es Gottesstaatsfanatikern und vielen Kirchenvertreter*innen nicht gefallen mag: Weitreichende weltanschauliche und religiöse Freiheit bei gleichzeitiger Wahrung von Werten, Grundrechten und Gesetzen ist wohl am wahrscheinlichsten in einem konsequent säkularen Staat zu haben, der sich nicht a priori in irgendeiner Form als „religiös“ begreift oder einzelne Religionsgemeinschaften bevorzugt – sondern eine strikte Neutralität und Gleichbehandlung übt.

Sowohl unter christlichen als auch atheistischen Verbänden wurde lange bezweifelt, ob es angesichts des erstarkenden politischen Islam überhaupt moderate muslimische Kräfte gäbe, mit denen sich über ein kooperatives Zusammenleben in Europa konstruktiv reden lasse. Es half der Debatte nicht gerade, dass regelmäßig ausgerechnet Vertreter radikaler Spielformen des Islam als Strohmänner durch die Talk-Shows gezerrt wurden. Dies bewirkte hauptsächlich, dass in der öffentlichen Wahrnehmung oft wenig zwischen Islam und Islamismus unterschieden wurde und Salafisten manchem Pegidisten als repräsentativer Avatar muslimischer Communities gelten. Letztlich kommt der Eindruck einer gefühlten „Islamisierung“ auch daher, dass der Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung in praktisch allen westlichen Staaten massiv überschätzt wird.

Gegenwärtig sind mehr und mehr Stimmen eines humanistisch geprägten „Euro-Islam“ zu vernehmen, etwa Mouhanad Khorchide, Ahmad Mansour, Abdel-Hakim Ourghi. Auch neue Verbände wie das „Muslimische Forum Deutschland“ wollen als ernstzunehmende Sprachrohre muslimischer Communities wahrgenommen werden – und damit als begrüßenswerte Alternativen zu den konservativen Plattformen, die oft unter starkem Einfluss des politischen Islam nach türkischem oder saudischen Vorbild stehen und von dort unterstützt werden (etwa ditib).

Die Stimme(n) der Vernunft

Säkulare Kräfte können zu diesem Diskurs mehrfach beitragen.
Zum einen sollten sie freilich darauf achten, dass aus dem bislang vornehmlich „interreligiösen“ Dialog einer wird, der nicht-religiöse Menschen ebenfalls berücksichtigt. Das heißt auch, dass die Antwort auf eine vermeintliche „Islamisierung“ keinesfalls eine staatlich geförderte „Re-Christianisierung“ von Politik und Gesellschaft sein darf.

Darüber hinaus sollten Humanist*innen Skepsis und Rationalität auch auf ihre eigenen Überzeugungen (abseits der Nicht-Religiosität) konsequent anwenden und somit den Stil der Debatten mitgestalten. Welche Bedürfnisse welcher Gruppen sind zu berücksichtigen? Wie ist abzuwägen und zu priorisieren? Welche subjektiven Wahrnehmungen sind stichhaltig? Welche Argumentationsweisen sind logisch stichhaltig und überzeugend?

Es spricht vieles dafür, dass die nicht mehr so „neuen Atheisten“ sich selbst und der Gesellschaft am ehesten einen Gefallen tun, wenn sie sich auch über die Gottesfrage hinaus als Rationalisten verstehen und entsprechend in öffentlichen Debatten auftreten. Mit Leidenschaft vernünftig.

Diese Aufgabe könnte ihnen auch in bislang unerwarteten Bereichen zufallen.

[Fortsetzung: Hühnchen oder Seitan? Die neue Gretchenfrage für Atheisten?]


 

– Text: Falko Pietsch


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