Wieso Fans und Feminist*Innen „Star Wars: The Force Awakens“ mögen dürfen

Thomas Laschyk schreibt über Popkultur: Über seine nerdige Seite und über die überraschend progressive Natur des neuen Star Wars Films.

Star WarsViele von euch, die mich nicht persönlich kennen, wissen es vielleicht nicht, aber ich muss eines gestehen: Ich bin ein verdammt großer Star Wars Fan.

Bereits von klein auf habe ich diese Filme geliebt. Von meiner Mutter wurde ich mit Muttermilch groß gezogen, von meinem Vater mit der alten Trilogie. Als Kind habe ich fast alle Star Wars-Spiele gespielt, fast alle Bücher des Expanded Universe gelesen. Viele der Leser des Volksverpetzers, die mich bereits als dauerhaft kritischen (oder auch „nörgelnden“) Autor kennen, der seine Meinung und Analysen zur Flüchtlingskrise, Feminismus und Massentierhaltung kund tut, mag es vielleicht überraschen, wenn ich jetzt plötzlich über Popkultur schreibe. Und dann mit der Ansage, dass ich es nicht in Grund und Boden kritisieren will, wie Vanessa Magri es mit 50 Shades of Grey gemacht hat, sondern als Fan.

Doch denkt nicht, dass man, nur weil man etwas mag, dies nicht kritisch analysieren kann. Spätestens nach meinem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft musste ich anerkennen, dass Star Wars lediglich uralte Mythen kopiert, den binären Kampf Böse gegen Gut, den Bildungsroman und damit einfach ein Weltraummärchen darstellt, das stereotyper nicht sein könnte.

Ich habe lange damit gehadert, eine Kritik zum Film zu schreiben. Als Literaturwissenschaftler und als Fan hatte ich viel Mitteilungsbedürfnis, doch über Star Wars zu schreiben ist eigentlich nicht gesellschaftskritisch. Und das ist mein Anspruch für den Volksverpetzer. Doch dann wurde mir klar: Doch, Star Wars hat großen Einfluss auf unsere Gesellschaft. Und dazu sind mir ein paar richtig gute Dinge im Kino aufgefallen.

 

Star Wars: The Force Awakens ist ein echter Star Wars Film [Spoiler Warnung]

 

Inzwischen habe ich den Film mehrmals gesehen. Die Meinungen zur bereits siebten Installation dieser Weltraumsaga sind gespalten. Die eine Hälfte liebt ihn, die andere ist enttäuscht. Ich kann beides nachvollziehen. Denn die, die ihn lieben, lieben ihn aus den gleichen Gründen, aus welchen die anderen enttäuscht sind: J. J. Abrams und Disney, die das Franchise von Lucas übernommen haben konnten sich aus ökonomischer Sicht keinen Fehler erlauben, der Film durfte auf keinen Fall floppen. Also keine Experimente, das war von Anfang an klar. Natürlich hatten alle Fans hohe Erwartungen. Doch Disney musste einen schmalen Grad wandern: Der Film sollte neu sein und sich gleichzeitig wie ein echter Star Wars „anfühlen“ sollen.

Darum ist der neue Film einfach ein Mischmasch aus der alten Trilogie: Neben cleveren (und weniger cleveren) Hommagen an die alten Filme sind weite Teile des Plots einfach Kopien aus dem Vierten und Fünften Teil.  Dies kann man eben lieben oder hassen. Neben ärgerlichen Plotlücken (wie R2d2s Stromsparmodus und dass er grundlos beendet wird) und üblichen Plotlücken (wie äußerst lange 2 Minuten, bevor die neue Superwaffe abgefeuert wird) ist es dennoch ein echter Star Wars Film, der optisch richtig etwas hermacht. Und da es natürlich als der erste einer weiteren Trilogie angelegt ist, bin ich bereit, mit einem finalen Urteil über zB. ambivalente Charaktere wie Kylo Ren zu warten.

Doch einige, neue Elemente haben auch meine politischen und feministischen Ansichten äußerst zufrieden gestellt.

Star Wars LogoFeministisch und ethnisch divers: Abgesehen von simplen Gut-Böse-Einteilungen ist der Film erstaunlich progressiv

 

Was bereits im Trailer auffällt: Neben Han Solo (, der wenig überraschend, aber dennoch traurigerweise stirbt) sind die beiden Protagonisten: Eine Frau und ein Mann mit dunkler Hautfarbe. Nach den vorangegangenen sechs Teilen äußerst erfrischend und auch im heutigen Hollywood alles andere als selbstverständlich. Und beiden fehlen sonst gerne stereotypisch zugeordnete Geschlechts- oder Rassenmerkmale. Es sind einfach beides normale Menschen. Und auch sonst ist die Besetzung sehr durchmischt: Captain Phasma und viele andere Stormtrooper sind weiblich, die Rebellen sind eine mannigfaltige Mischung aus Frauen, Nicht-Weißen, Aliens und Droiden. Und ab und zu ein weißer Mann. Hey, selbst die von allen geliebte BB-8 ist weiblich!

Star Wars: The Force Awakens besteht somit den Bechdel-Test ohne große Mühe. Wer ihn nicht kennt: Dies ist ein feministischer Test, der überprüft, ob ein Film oder ein Buch folgende Kriterien erfüllt:

1. Es kommen zwei (namentlich genannte) Frauen vor.

2. Diese unterhalten sich miteinander

3. Und reden dabei über etwas anderes als Männer

Klingt nicht so schwer? Erstaunlich wenige Filme bestehen diesen Test und uns fällt dies nicht einmal auf. Avatar, alle Herr der Ringe Filme, die alte Star Wars Trilogie: Keiner erfüllt diese Kriterien. Auch wird keine Frau irgendwie sexualisiert. Rey, obwohl natürlich attraktiv, trägt nicht unbedingt aufreizende Kleidung, Captain Phasma sieht man gar nie ohne Rüstung (Ich hoffe dennoch, dass sie in den nächsten Teilen noch mehr Auftritte haben wird!)

Natürlich lässt die Charakterentwicklung stellenweise zu Wünschen übrig, Rey und Finn Sorgen sich nach viel zu kurzer Zeit füreinander, Rey sieht Han nach nur einem Flug mit dem Falken als Vaterfigur und Poe und Finn sind nach einer gemeinsamen Flucht schon beste Freunde. Aber zum einen fällt das einem erst nach dem Film auf, da die Lücken in dieser Entwicklung von uns unbewusst gefüllt werden, und zum anderen ändert dies trotzdem nichts an den sympathischen, ethnisch und geschlechtlich diversen Charakteren.

Der Versuch, mit Finn und Phasma den Stormtroopern ein wenig mehr Individualität und Charakter zu geben, wird natürlich durch Finns zügig eintretende Skrupellosigkeit gegenüber den gesichtslosen Soldaten relativiert. Und auch das typische Konstruieren der binären Opposition von Gut und Böse, welches nur Feindbilderdenken verstärkt, wird lediglich durch Kylo Rens Zerrissenheit ein wenig durchbrochen. Doch für eine glaubwürdigere Darstellung fehlte zumindest im 7. Teil wohl die Zeit.

  

Sehenswert und ein gutes Zeichen für die Filmindustrie

  

Abschließend muss ich sagen, dass ich zufrieden bin. Als Fan und als gesellschaftskritischer Journalist. Klar, Filmfehler, Plotlöcher und zu offensichtliche Parallelen zu den alten Filmen lassen etwas zu wünschen übrig. Dennoch war es ein sehr unterhaltsamer Film, der das altbekannte Star-Wars-Gefühl wieder aufleben hat lassen und ja mit den nächsten beiden Filmen verspricht, sich weiter zu entwickeln und vielleicht einige Lücken zu füllen. Darüber hinaus stellt seine Besetzung einen Meilenstein in der Filmgeschichte dar. Als vielleicht meistgehypte Filmsaga und zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels bereits auf Platz 9 der erfolgreichsten Filme nach Einspielergebnis sendet der Film positive Signale nach Hollywood und in die ganze Welt und kann als neuer Maßstab gelten. Man freut sich auf mehr.


– Text: Thomas Laschyk

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