Wie jedes Gespräch mit einem „Besorgten Bürger“ abläuft

Falls man wirklich an einen geraten sollte, der nicht gleich eine Diskussion mit dem Schlagwort „Gutmensch“ zerstört, sollte man viel Geduld einpacken. Jens Grote hat den Sorgen der „Asylgegner“ gelauscht. Und macht sich jetzt selbst Sorgen. Um den geistigen Zustand unserer Nation.

Pegida Demonstrant

Lustig an der neuen rechten Mitte ist definitiv ihr Selbstverständnis, zumindest wenn man schwarzen Humor bevorzugt. Egal, welchen Anhänger man fragt, er wird für sich selber erstmal rechtes Gedankengut kategorisch ausschliessen, weil er irgendwann mal aufgeschnappt hat, dass so etwas gesellschaftlich eher verpönt ist.

Also redet er von der „angeblichen“ oder „sogenannten“ Rechten, deren Ideen er gut findet. Fragt man diese Leute, was das denn für eine politische Richtung ist, wenn sie nicht unter rechts eingeordnet werden kann, dann wird es richtig dämlich. Entweder verweist der Angesprochene auf irgendwelche linken Straftaten von anno tuck, obwohl die nun gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Gerne fällt da der Satz „Die RAF hat auch Leute umgebracht“, wahrscheinlich weil die RAF für diese Stromsparhirne das Synonym für links ist, ich weiß es nicht. Oder sie ordnen sich politisch neutral ein, was fast noch witziger ist, kann man doch nicht neutral bleiben, sobald man sich politisch in irgendeiner Form äußert, und vor allem nicht, indem man rechtsradikales Gedankengut nachplappert.

Eruiert man weiter, was diese politisch neutralen, alles nur nicht linken, besorgten Leute denn an den Thesen des rechten Rands so super finden, kommt die nächste Bematschteneinstellung zu Tage. Den Vogel hat definitiv gestern eine Tante abgeschossen, die tatsächlich in einem Kommentarbereich wissen wollte, ob man denn schon Nazi wäre, nur weil man aus Sorge die KZs wiedereröffnen möchte. Und diese Frage meinte sie anscheinend sogar rhetorisch, was sie natürlich auch ist, nur kommt Eva Bräunchen wohl nicht auf das korrekte „Selbstverständlich“ als Antwort, sondern auf das direkte Gegenteil.

Und die „Auf keinen Fall links, höchstens ein bisschen rechts, aber hauptsächlich geradeaus“-Sympathisanten, denen solche Aussagen zu weit gehen, wirken dadurch auch nicht eloquenter, denn die fordern eine massive Abschiebung zurück in Kriegsgebiete, möchten also nur die Vollstreckungsmethode des garantierten Todesurteils ändern, weil ihnen eine Vergasung als übertrieben, eine Sprengung oder ein Fangschuss auf offener Straße aber angemessen erscheint.

Was sie aber auch wieder vehement abstreiten, wenn man sie damit konfrontiert, dann wird schnell auf das Gebiet ausgewichen, dass nur Kriegsflüchtlinge aufgenommen werden sollte. Dass das sowieso bereits geschieht und unter vielen Asylanträgen als Absagegrund erscheint, ist ihnen aber auch wieder entgangen oder wurde bewusst ignoriert.

Darauf angesprochen wirken sie fast schon verzweifelt, rudern mit den Ärmchen und schnappen dann kurzatmig eine empörte „Aber momentan kommen einfach zu viele Flüchtlinge“-Nullsumme heraus. Keine Ahnung, was sie damit andeuten wollen, sollte es darauf hinauslaufen, dass auf der Erde zu viel Krieg geführt wird, dann bin ich sogar bei ihnen. Trotzdem ist das natürlich kein Grund, um Menschen in Not nach penibler Prüfung ihrer Situation eine Aufnahme zu verweigern.

Richtig amüsant wird es wieder, wenn man diese Leute fragt, woher sie überhaupt wissen, dass zu viele Flüchtlinge angereist sind. Das haben sie nämlich nicht herausgefunden, weil ihre Nachbarschaft überquillt, da gibt es eigentlich nur Probleme, wenn urdeutsche Randalierer schon im Vorfeld gegen Aufnahmeeinrichtungen demonstrieren. Die Problematik, dass das Land total überläuft, haben sie in den RTL2-Nachrichten durch einen CSU/CDU-Politiker aufgeschnappt, der das sehr genau von seinem Bonzenviertel aus, in das sich nie eine Aufnahmeeinrichtung verirren wird, verfolgt hat, und jetzt damit populistisch auf Stimmenfang geht.

Als letzten Anker im Verteidigungsschlussspurt wählen viele auch gerne das Hervorheben ihrer eigenen Situation. Nach dem Motto „Mir geht es echt dreckig, deshalb dürfen wir keine Menschen mehr aufnehmen, denen es noch dreckiger geht“. Und weil es einem eben dreckig geht, ist man auch nicht rechts, wenn man gegen Minderheiten hetzt. Das läuft in diesen Köpfen unter berechtigter Existenzkampf und sie ahnen noch nicht mal, dass sie sich dabei an den völlig falschen Gegner wenden, der darüberhinaus eigentlich ihr Verbündeter sein müsste.

Das alles führt dazu, dass sich in diesem Land nie etwas ändern wird. Denn selbst wenn es einen Rechtsruck bei der nächsten Wahl gibt, weil die ach so neutralen Teilnehmer einen „Alles, Hauptsache nicht links“-Kurs favorisiert haben, wird das nichts an Vermögensverhältnissen und Lebensstandards ändern. Unterdrückt werden diese Idioten nämlich nicht von Asylbewerbern, die selber nichts mehr haben, sondern von einer Elite, die laut Spiegel 1 % der Weltbevölkerung ausmacht, aber trotzdem mehr als die übrigen 99 % hat. Kann man sich gerne nochmal hier durchlesen, wenn es die Kopfschmerzen von den vielen, teilweise echt komplizierten Wörtern an dieser Stelle noch mitmachen.

Aber gegen diese Leute wird natürlich nicht mobil gemacht, die sind zwar tatsächlich verantwortlich für Sozialhilfekrümel, Hartz4-Menschenrechtsverstöße, Obdachlosig- und Perspektivenlosigkeit, aber die können sich im Gegensatz zu Flüchtlingen auch wehren. Also eignen sie sich nicht als Feindbild, denn gerade als besorgter Bürger drischt man prinzipiell nur auf absolut hilflose Sündenböcke, alles andere ist nicht so befriedigend. Denn man ist zwar kein Nazi, dafür aber ein feiges, orientierungsloses und hetzbereites Schaf, das jedem Führer hinterherläuft, solange der ihm nur das Blaue vom Himmel lügt und dabei hübsche Seifenblasen benutzt.


Diese Art von Texten gibt es jetzt übrigens auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


 

– Text: Jens Grote, Bild: blu-news.org

  

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