Wir fressen unseren Kindern die Zukunft weg

Jens Grote regt sich über ein ganz besonderes menschliches Verhalten auf: Dass wir Kinder in die Welt setzen und gleichzeitig diese Welt systematisch vernichten. Mit Messer und Gabel.

Frau mit HundBeim Thema Nachwuchs kann das Tierreich wirklich grausam sein. Dort gibt es Arten, bei denen die Brut vor der eigenen Sippe gerettet werden muss, da es in manchen Raubtierherden in Sachen Kinderrecht noch düsterer aussieht als in den eigentlich diesbezüglich nicht mehr zu toppenden Gruselentwürfen der schwarz-roten Regierungskoalition. Teilweise landen die Racker sogar auf dem Speisezettel der ursprünglichen Eltern, nur weil zum Beispiel unter Polarbären das Reglement für Schwangerschaftsabbrüche noch aus der letzten Eiszeit stammt und deshalb solche Eingriffe in diesem Kulturkreis auch mehrere Monate nach der Geburt als absolut unbedenklich durchgewunken werden. Wieder andere Vertreter sehen trächtige Mittiere als willkommenen Lieferservice, der freundlicherweise das zukünftige Abendbrot direkt via Niederkunft auf ihre Menükarte wirft.

Die größte Horror-Faszination strahlt auf diesem Gebiet aber mal wieder das menschliche Säugetier aus. Der Homo Sapiens neigt von Natur aus dazu, den eigenen Lebensraum zu begrenzen und sogar nachhaltig zu zerstören, das Ganze aus absolut nichtigen Gründen wie Genuss, Bequemlichkeit oder Eitelkeiten. Diese Grundeinstellung hindert das Wesen aber nicht mal ansatzweise daran, neue Familienmitglieder zu zeugen und so zu einer Existenz in dieser abnippelnden Welt zu verurteilen. Sicher könnte man dieses Verhalten noch mit dem nicht kontrollierbaren Trieb auf Arterhaltung verteidigen, der halt hart mit jeglicher Form von Logik kollidiert. Das ist durchaus nachvollziehbar und bietet für mich deshalb wenig Grund für verständnislose Stirnrunzler.

Was die ganze Chose aber mehr als bizarr macht, ist das normale menschliche Verhalten nach der Geburt des eigenen Stammhalters. Dann bricht zwar automatisch eine gewisse oberflächliche Liebe zum eigenen Wonneproppen aus, die ist aber in den meisten Fällen stark begrenzt. Die absoluten Tabu-Grenzen stellen da die Gebiete, bei denen Mama und Papa auf irgendeine Form von persönlichen Genuss verzichten müssten, um damit ihrem Sprößling eine lebenswerte Zukunft zumindest theoretisch zu ermöglichen.

Jetzt will ich gar nicht negieren, dass Erziehungsberechtigte nach einer Niederkunft auf den einen oder anderen Discothekenbesuch verzichten, sie freiwillig das Schlafbedürfnis als Luxusgut auf Jahre komplett abschreiben und noch weitere Unannehmlichkeiten zu Gunsten ihres Sperma-Eizellen-Cocktails in ihrem Leben etablieren. Das ändert aber nichts daran, dass sie trotzdem absolut bewusst ihrem ach so geliebten Kind die Zukunft bei jeder Mahlzeit im wahrsten Sinne des Wortes wegfressen und sich auch auf so manchem Feld jenseits der Ernährung stur weigern, einen Lebenswandel zu führen, der ihre Lendenfrucht zumindest zu einem Hauch von Hoffnung auf eine angenehme Existenzperspektive berechtigt.

Aus ökologischer Sicht betrachtet ist praktisch jede Erziehung eine absolute Katastrophe. Das höchste der Gefühle ist da überwiegend das Anlegen eines Bankkontos, damit sich Dörte-Elisa zur Volljährigkeit eine Gasmaske oder sogar einen eigenen Bunker leisten kann und deshalb nicht mehr auf atembare Luft aus der Natur angewiesen ist, die zu diesem Zeitpunkt möglicherweise nicht mehr selbstverständlich sein wird.

Ein gegenwärtiger Verzicht auf einen persönlichen Umweltmissbrauch, damit das eigene Kind mal eine bessere Welt erleben darf, ist bei den meisten Eltern gedanklich nicht mal ansatzweise besetzt. Im Gegenteil treiben sie lieber das perverse Spiel noch auf die Spitze, indem sie ihren Schutzbefohlenen in Dauerschleife die eigenen kaputten Werte vermitteln, damit hinterher ja keine Beschwerden kommen. Denn nur wenn der Knirps oder die Knirpsine lange genug im widerlichen Netz aus ignoranter Umweltarschtreterei aufwächst, in diese menschliche Tradition fest etabliert wird und sich deshalb an der Vernichtung der Welt möglichst effektiv beteiligt, hält er oder sie später verschämt die Fresse, wenn irgendwann das große Aufwachen ansteht. Wenn es überhaupt dazu kommt, in den meisten Fällen ist diese Gehirnlobotomie so effektiv, dass jeglicher Gedanke an die Falschheit der anerzogenen Gruselwerte gar nicht erst aufkommt.

Lustig finde ich es bei dem Thema immer, wenn gerade junge Eltern mich aufgrund meines Veganismus und meinem angeblich lächerlichen Hang zur Weltverbesserei als Fanatiker kritisieren oder mich in einer Diskussion sogar wegen meiner Einstellung kränken wollen. Es ist zwar richtig, dass ich die Auswirkungen des menschlichen Suizidversuchs auch immer stärker mitbekomme, aber trotzdem bin ich nun wirklich nicht der Hauptleidtragende. Die Auswirkungen eines unveganen Lebenswandel bekommen als erstes die Tiere als direkte Opfer ab, danach kommen dann die heute noch minderjährigen Menschazubis, die in ihren persönlichen 40er Jahren ohne Arktiseis und Regenwald auskommen müssen, nur weil Mutti und Vati zu gierig waren, um im Luxusrausch ihre fettigen Fingerchen nicht nach diesen Weltlungen auszustrecken und deshalb tüchtig mitgeholfen haben, sie rückstandslos zu vernichten.

Viele dieser Leute halten sich auch noch für ungeheuer eloquent, wenn sie in Unterhaltungen ihren wackeligen Verteidigungswall aus Argumentationsbausteinen um sich herum errichten, die sie meistens sogar irgendwo fremd aufgeschnappt haben, um sie dann mehr oder weniger gekonnt zu zitieren. Dabei sind diese Leute mit dem eigentlich recht offensichtlichen Fakt völlig überfordert, dass sie ihre pseudo-intelligenten Spitzen eigentlich gar nicht gegen mich abfeuern, sondern gegen ihre eigenen Kinder.

Wenn man das bedenkt, wird die ganze Sache wirklich ziemlich amüsant, jedenfalls für Leute wie mich, die guten Zynismus und pechschwarzen Humor zu schätzen wissen. „Ach Horst-Marcel, deine Zukunft war einfach zu lecker, außerdem haben sich doch alle Leute am möglichst schnellen Wegfressen beteiligt. Meinst du wirklich, dass wir auf ein fantastisches Geschmackserlebnis verzichten würden, nur damit du in einer Welt, die wir persönlich eh nicht mehr erleben werden, nicht mit Umweltkatastrophen kämpfen musst? Wie naiv von dir…“ Also ich kann darüber wirklich lachen, bei Horst-Marcel aus dem Beispiel bin ich mir da nicht so sicher.

Wie verteidigt man sich wohl, wenn Horst dann richtig sauer werden sollte? Zieht man sich in dem Fall schnell auf das Gebiet der Ahnungslosigkeit zurück, indem man angibt, dass die Folgeschäden der Viehhaltung zwar allgemein bekannt waren, allerdings nie Thema in den persönlich favorisierten RTL 2-Nachrichten? Wow, was für eine prickelnde Lösung: Mein Kind verachtet mich nicht mehr, weil ich so ein rückgratloses und egoistisches Riesenarschloch bin, stattdessen hält es mich jetzt für einen absoluten Dorftrottel. Ob so ein raffiniert eingefädelter Komplett-Turn tatsächlich mehr als kurzfristiges Erleichterungspotential in sich birgt? Ich bin da irgendwie skeptisch…

Natürlich muss ich als Veganer ebenfalls für so manche Umweltsünde einstehen, das ist überhaupt keine Frage, das will ich auch gar nicht bestreiten. Trotzdem ist es genauso eine Tatsache, dass der Fußabdruck, den ich hier auf Erden hinterlassen werde, nicht die Godzillagröße der omnivoren Bevölkerung haben wird und ich alle diesbezüglichen Vergleiche mit diesem Lager gewinnen werde. Unter dem Strich kümmere ich mich also auf lange Sicht betrachtet intensiver um eine menschenwürdige Zukunft für die Nachkommen dieser Leute als ihre wahren Erzeuger, obwohl mir die Befindlichkeit dieser Nervensägen fast komplett am Arsch vorbei geht.

Aber wahrscheinlich gehe ich mit diesem Desinteresse auch nur offener um und omnivore Eltern zeigen ihren Kiddies nur im stillen Kämmerlein in Sachen Zukunftsperspektive den Stinkefinger, indem sie ihre total leckere Tierleiche verschlingen. Wenn das so ist, dann bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob in diesem Szenario ein Kehlenbiss direkt nach der Geburt nicht doch die erstrebenswertere und vor allem schmerzlosere Lösung für die Kinder dieser Tiere gewesen wäre. Was ist grausamer: ein schneller Tod direkt nach der Geburt durch Elternhand oder ein langsames Krepieren auf Zeit in einer Umwelt, die von den eigenen Erziehungsberechtigten konsequent auf lebensfeindlich getrimmt wurde? Ich denke, bestialisch sind auf jeden Fall beide Auswahlmöglichkeiten.


Diese Art von Texten gibt es jetzt übrigens auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


– Text: Jens Grote

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