Tierversuche – Notwendig oder sinnlose Quälerei?

Tierversuche sollen die Schädlichkeit von Medikamenten und anderen Stoffen testen, sowie Heilungen für verschiedenste Erkrankungen am Menschen finden. Der Nutzen für den Menschen legitimiere die ethisch natürlich fragwürdige Behandlung der Tiere. Doch nutzen sie uns denn? Oder schaden sie uns vielleicht sogar?
Tote Maus2.789.463 Versuchstiere wurden im Jahr 2014 laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in deutschen Laboren verwendet (Quelle). In dieser Zahl sind eine halbe Millionen Fischlarven nicht enthalten, sowie Tiere, welche in der Gentechnik „produziert“ werden, jedoch nicht den erwünschten Gendefekt aufweisen und Tiere, die bei Zucht, Haltung oder dem Transport sterben oder als Überschuss getötet werden. Vor allem verwendet werden Mäuse (68 %) und Ratten (13 %), aber auch zum Beispiel 4.636 Hunde und 2.842 Affen. Verwendete wirbellose Tiere wie Schnecken, Insekten und Krebse werden überhaupt nicht gezählt.

Die so genannte Grundlagenforschung verwendet 43 % der Tiere bzw. 870.358 Individuen. Wie viele Tiere im Bereich der Giftigkeitsprüfung verwendet wurden, kann man im Bericht nicht ablesen. 2013 waren es jedoch 154.011 Individuen. Für gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche wurden ebenfalls 2013 333.698 Tiere verwendet (11%).

  

Grundlagenforschung

  

Die mit Abstand meisten Tiere werden in der Grundlagenforschung getötet. Tierversuche für die Grundlagenforschung sind laut Tierschutzgesetz nur erlaubt, „wenn die angestrebten Ergebnisse vermuten lassen, dass sie für wesentliche Bedürfnisse von Mensch oder Tier von hervorragender Bedeutung sein werden“ (TierSchG §7). Diese Forschung kann auch als zweckfreie Forschung bezeichnet werden, da kein konkretes Forschungsziel angestrebt wird. Sie versucht, neue Richtungen in der Forschung einzuschlagen. Die Frage, die Tierschützer hier stellen ist Folgende: Wie kann man über die ethische Vertretbarkeit eines Versuchs urteilen, wenn der Nutzen weder klar noch gewiss ist?

Und es tatsächlich so, dass auch jahrzehntelange Grundlagenforschung in „kein[em] einzige[n] […] therapeutische[m] Verfahren für die Menschheit” mündete, so Roman Kolar, Biologe und Mitglied einer Tierversuchskommission (a), welcher untersuchte, ob Ergebnisse aus der Grundlagenforschung 15 Jahre nach ihrer Beendigung klinisch verwertbare Ergebnisse für den Menschen erbracht haben. Die ethische Rechtfertigung für die Grundlagenforschung erübrigt sich eigentlich dadurch. Dennoch wird die Anzahl der Tierversuche in diesem Bereich mit jedem Jahr größer, da die Forscher die ausbleibenden Ergebnisse nicht als Hinweis darauf interpretieren, andere wissenschaftliche Wege als den Tierversuch einzuschlagen, sondern weiterzuforschen.

    

Medikamententests und Unbedenklichkeitsprüfungen

   

Doch wie sieht es mit dem Testen der Verträglichkeit und Nebenwirkungen von zB. Medikamenten aus? Bevor ein eventuell gefährlicher Stoff an einem Menschen getestet wird, könnte man die Folgen bei einem nichtmenschlichen Tier beobachten. Schließlich könne man bestimmte Dinge nur am Gesamtorganismus feststellen. Jedoch ist die Ausbeute an aussagekräftigen Daten fatal: Etwa 92% (Mehrere Studien sprechen auch von 95%) der im Tierversuch für sicher und wirksam befundenen Arzneien fallen in klinischen Test am Menschen durch (Quellen). Sie wirken gar nicht, anders oder sind sogar schädlich.

Zusätzlich werden zwischen 20% und 50% aller Medikamente, die es auf den Markt schaffen wieder zurückgerufen oder mit Warnhinweisen versehen. Diese hohe Zahl ist erschreckend, denn sie bedeutet, dass Tierversuche keinerlei Aussagekraft über Schädlichkeit und Verträglichkeit von Arzneimitteln treffen kann. Denn bei einer Erfolgsquote von weniger als 8% (oder 5%) ist das Ergebnis wohl eher dem Zufall zuzusprechen, denn den Versuchen. Erklärbar ist diese hohe Durchfallquote mit den physiologischen Unterschieden zwischen den verschiedensten Versuchtstieren und dem Menschen.

MedikamenteAls Begründung für die Sinnhaftigkeit der Versuche wird die Ähnlichkeit der Metabolismen aufgeführt. Doch jene scheint es einfach nicht zu geben. Beispiele: Kortison führt bei Mäusen zu Missbildungen, beim Menschen jedoch nicht. Bei Thalidomid, dem berühmten Contergan, ist es umgekehrt. Penicillin ist hoch giftig für Meerschweinchen und Hamster. Wäre es noch bei einigen weiteren getesteten Spezies toxisch gewesen, wäre es vielleicht nie zu einem Versuch am Menschen gekommen.

Dies bedeutet also, dass wohl viele Wirkstoffe beim Menschen wirksam sein könnten, aber aufgrund der vom Menschen unterschiedlichen Reaktion des Tieres durchfallen. Und diese Unterschiede zwischen dem breiten Spektrum an Versuchstieren und dem Menschen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, wie Dr. Robert Sharpe in seinem Buch „The Cruel Deception“ (b) bereits vor fast 30 Jahren festgestellt hat. Auf Unbedenklichkeitsprüfungen trifft dies in gleicher Weise zu. Mäuse bekommen durch Tabakrauch keinen Lungenkrebs – So konnte die Tabakindustrie jahrelang einen Zusammenhang leugnen, der inzwischen beim Menschen gut belegt ist.

Die Prüfung der Unbedenklichkeit und Wirksamkeit von Wirkstoffen in Tierversuchen ist somit nicht nur unnötig, sondern auch höchst unwissenschaftlich.

  

Krankheitsheilung

  

Ein weiteres Feld, in dem am Tier geforscht wird ist der Versuch, bei Tieren für den Menschen typische Krankheiten zu erzeugen, um dann verschiedenste Wege auszuprobieren, diese zu heilen und damit mögliche Lösungsansätze für die Heilung beim Menschen zu erlangen. Diese werden auf sog. „Tiermodellen“ nachgeahmt. Dies sind speziell für diese Versuchsanordnungen gezüchtete oder gentechnisch veränderte Tiere.

Der Versuch, Krankheiten wie Krebs, AIDS, Parkinson, Diabetes oder Schlaganfall zu heilen stellt sich jedoch ebenfalls als ähnlich erfolglos heraus wie die Medikamententests. Einige Krankheiten treten ausschließlich beim Menschen auf, wie beispielsweise AIDS, welches Tiere (auch Schimpansen, unsere nächsten Verwandten) nicht bekommen, auch wenn sie mit dem HI-Virus infiziert werden. Bei anderen Krankheiten werden lediglich die gleichen Symptome von Krankheiten bei den Tieren hervorgerufen. In der Schlaganfallforschung zB. wird bei den Tieren durch Unterbrechung von Blutgefäßen im Gehirn ein Schlaganfall hervorgerufen, um diesen dann behandeln zu können. Jedoch war bis jetzt keines der Medikamente, welche für aussichtsreich gehalten wurden, bei Menschen erfolgreich. (c)

Dies liegt natürlich vor allem daran, dass hier einem Fehlschluss aufgesessen wird: Der künstlich herbeigeführte Schlaganfall hat gänzlich andere Ursachen als der beim Menschen auftretende. Bei Krebs ist dies ebenfalls der Fall. So kam der Herausgeber der Krebsforschungs-Zeitschrift „Clinical Oncology“ zu dem Schluss, dass kein einziger Tierversuch die Behandlung und Heilungsaussichten ernsthaft beeinflusst hätte und lediglich die Studien am menschlichen Patienten relevante Ergebnisse bringen würden. (d) Und diese Erkenntnis stammt bereits aus dem Jahr 1980.

Auch diese Forschung steckt mit Tierversuchen in einer Sackgasse und bindet nur Wissenschaftler und Forschungsgelder, die an anderer Stelle vielleicht tatsächlich verwertbare Entdeckungen machen könnten.

  

Negative Folgen der Tierversuche für den Menschen

  

Der kritische Blick auf die Ergebnisse der Forschung am Tier zerstört nicht nur die Rechtfertigungsbasis der Versuche, sondern offenbart eine gefährliche Fehlentwicklung der Wissenschaft. Die Implikation der Tierversuche, dass zB. Tabakrauchen nicht im Zusammenhang mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko steht, verzögerte notwendige Reaktionen der Politik um Jahre und kostete somit vielen Menschen das Leben. Die karzinogene Wirkung von Asbest wurde ebenfalls jahrzehntelang angezweifelt, da man diese nicht bei den Tieren nachweisen konnte, an welchen man getestet hatte. Während gleichzeitig jahrelang Menschen an Asbestose erkrankten und starben. So ähnlich ist es in vielen anderen Fällen (Siehe hier). Jährlich sterben EU-weit 200.000 Patienten an den Nebenwirkungen von im Tierversuchen für sicher befundenen Medikamenten und sind damit die fünfthäufigste Todesursache in den USA und in Europa.

  

Sackgasse der Forschung

  

Organisationen wie Ärzte gegen Tierversuche e.V. lehnen diese irrsinnige Beschränkung auf Tierversuche als wissenschaftliche ArztUntersuchungsmethode ab und fordern, dass nach Jahrzehnten der fruchtlosen Erforschung am Tier alternative, erfolgsversprechende Methoden angewandt werden. Sie zählen dabei epidemiologische Studien an Bevölkerungsgruppen, klinische Untersuchungen an kranken Menschen, Untersuchungen an Verstorbenen, Beobachtungen an menschlichen Freiwilligen sowie Tests mit menschlichen Zellen und Geweben im Reagenzglas, sowie technisch ausgefeilte Computermodelle oder Mikrochips, die Computer- und In-Vitro-Methoden miteinander kombinieren als Alternativen auf.

Jedoch werden diese anderen Wege nicht im nötigen Maße gefördert und weiterentwickelt. Zur Zeit sind Versuchsanordnungen, die zB. menschliches Gewebe benötigen, viel umständlicher und teuerer als der Tierversuch. Das Festhalten am Tierversuch ist vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen unsinnig und wird vor allem aus traditionellen und wirtschaftlichen Gründen fortgeführt. Ein Wissenschaftler erhält mehr Forschungsgelder, je mehr Publikationen er veröffentlicht hat, für welche er Tierversuche durchführen musste. Diese Forschungsgelder werden in neue Tierversuche gesteckt, um neue Publikationen zu ermöglichen, die gerade in der Grundlagenforschung zu keinem Erkenntnisgewinn führen, sondern stets nur in dem Vermerk enden, dass weitere Versuche notwendig seien.

Dieses System ist etabliert und funktioniert und alle Beteiligten haben ein Interesse daran, dass dies so bleibt, da an der Züchtung, dem Futter, dem Transport und der Vermarktung von Versuchstieren ein großer Wirtschaftszweig hängt. Deshalb werden andere Verfahren ins Abseits gedrängt und ihre Ergebnisse nicht so leicht anerkannt und ernst genommen. Die Pharmaindustrie nutzt die Versuche als Alibi. Wenn ein Medikament unvorhergesehene Nebenwirkungen aufweist, kann man stets auf die Tierversuche verweisen, bei welchen diese nicht auftraten. „Irgendeine Tierart und Versuchsanordnung wird schon die gewünschten Ergebnisse liefern“, so Dr. med. vet. Corina Gericke von Ärzte gegen Tierversuche.

  

Die Faktenlage spricht für eine Ablehnung der Tierversuche

  

In diesem Artikel wurde lediglich auf die wissenschaftliche Sinnhaftigkeit der Tierversuche eingegangen, welche nunmal in Anbetracht der (mangelnden) Ergebnisse eindeutig nicht gegeben ist. Von einem tierrechtlichen Standpunkt aus kann man selbstverständlich die grausame und unethische Behandlung der Tiere an sich bereits verurteilen und daraus eine Ablehnung dieser Praktik ableiten. Doch auch ohne diesen Aspekt und ohne auf die schwer verdauliche Realität hinter den Studien zu blicken, fehlt dieser Form der Forschung jegliche wissenschaftliche Grundlage der Rechtfertigung und muss durch moderne, alternative Methoden ersetzt werden.


– Text: Thomas Laschyk

  

Quellen:

(a) ZDF, Frontal21 vom 19.05.2009, Tierversuche: Opfer der Forschung

(b) R.Sharpe, The Cruel Deception, Thorsons, 1988 (und Zitate dort).

(c) D.O.Weibers et al., Stroke, 1990: 21, 1-3

(d) D.F.N.Harrison, Clinical Oncology, 1980: 6, 1-2

Für Mehr Info: Ärzte gegen Tierversuche

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