Netzfrauen: Der schlechteste „Journalismus“ im Netz

Vorsicht!!! Alnatura hat Bio-Eier für 2,99 Eur im Angebot!Fake-Post

Würdet Ihr nach so einer Nachricht Bio-Eier von Alnatura kaufen wollen? Und die Veganer enthalten sich bitte der Antwort. ;) Ich zumindest nicht, würde ich Eier essen. Klingt ja so, als wären die Alnatura-Bio-Eier stark mit Dioxin belastet. Die Angst ist aber unbegründet, ich habe die Meldung frei erfunden – gegen den Konsum der Eier sprechen genügend andere Punkte, aber was das Dioxin angeht sind diese etwas unpraktischen Eigelb-Transportboxen wohl über meine fingierten Zweifel erhaben.

Was wäre also passiert, wenn ich die Meldung oben einfach rausgegeben hätte? Vermutlich hätten recht bald ein paar Leser nachgefragt, woher ich denn wisse, dass die Bio-Eier bei Alnatura voller Dioxin sind. Und hätte ich dann im weiteren Verlauf gemerkt, dass es gar keinen konkreten Anhaltspunkt für meinen Verdacht gibt und Alnatura selbst in den Facebook-Kommentaren einen recht glaubhaften Beleg für meinen Irrtum hinterlassen hätte, dann hätte ich wohl früher oder später eingeräumt, einen Fehler gemacht zu haben. Das ist als Autor immer ein bisschen peinlich, lässt sich aber nicht vermeiden, Menschen machen nun mal Fehler.

Vollkommen absurd wäre es hingegen gewesen, wenn ich krampfhaft bei meiner Version geblieben wäre, allen Kritikern meiner Version vorgeworfen hätte, Trolle oder Anhänger von Alnatura zu sein, deren Kommentare gelöscht / sie geblockt hätte um dann alle meine Leser für dumm und undankbar zu erklären, weil ich das hier ja alles ohne Bezahlung mache. Und außerdem ja auch noch Kinder hätte. Und dann im Stundentakt damit gedroht hätte, meine Recherche in Zukunft einzustellen, wenn die Leute es denn wagten, mich zu kritisieren. Nur um dann genau so weiter zu machen wie bisher.

Schlimme Vorstellung, oder? Nun, genau dieses moderne Web 2.0-Märchen spielt sich gerade bei den Netzfrauen ab. Es ging dort nur nicht um Dioxin in Eiern sondern um Echtfell an einem Schlüsselanhänger, der Rest ist unangenehm identisch: Letzten Sonntag um 14:48 Uhr hieß es dort „Vorsicht!!! Tchibo hat Schlüsselanhänger in „Echtfell-Optik“ – für 5,95 € im Angebot.“ Es folgt ein Bild des Anhängers. Es geht weiter mit „Jahr für Jahr werden in China geschätzt 70 Millionen Tiere wegen ihres Fells getötet […] Viele Käufer ahnen nicht einmal, dass sie echten Pelz tragen.“

Vorab: Ich freue mich über jeden, der dieser in meinen Augen indiskutablen Modeerscheinung Echtfell Paroli bietet und darüber aufklärt, welche furchtbaren Qualen mit ihr verbunden sind. Ich halte nicht mal das Tragen von Kunst-Pelz für eine gute Idee, da viele Menschen den Unterschied nicht kennen und man damit das Tragen echter Fell-Kleidung leider legitimiert. Das sollte aber niemanden dazu ermutigen, einer einzelnen Firma ohne näheren Beleg einfach den Verkauf von Echt-Fell anzudichten.

Da das beanstandete Produkt auch auf der Hersteller-Seite recht konkret als aus 90% Polyacryl und 10% Polyester bestehend deklariert ist, ließ der Spott im Netz über die dann doch etwas voreilige Warnung nicht lange auf sich warten. Zugegeben, die Vergangenheit hat gezeigt, dass Produkte schon mal falsch deklariert werden und auch ein als Fake-Pelz ausgezeichneter Jackenkragen echtes Fell enthalten könnte. Könnte. Aber nicht muss. Wer sichergehen möchte, der kann das in ein paar simplen Tests nachprüfen. Eine Maßnahme, die man ins Auge fassen könnte, bevor man seine 160.000 Facebook-Follower vor einem Produkt warnt, das schon auf den Fotos nicht besonders nach Echtpelz aussieht.

Auf der FB-Seite der Netzfrauen selbst gab es denn auch interessierte (aber freundliche) Rückfragen, ob das ganze jetzt bewusst falsch ausgezeichnet sei und ob es sich denn um echtes Fell handele. Ein User fragte zum Beispiel „Ist das nun Fell oder nicht? “Echtfell-Optik” bedeutet für mich:kein Fell.“ Die Antwort der Netzfrauen kam postwendend und recht pampig: „Es gibt Menschen.die bleiben DUMM – egal wie sie aussehen!!!!!!!“(sic).

Beschimpfung-1-_-blacked-outEs mag womöglich am unbefriedigend niedrigen Informationsgehalt dieser Antwort liegen, dass immer mehr User nachfragten, aus was der Bommel denn nun bestünde, was die Netzfrauen offenbar wütend machte, so dass sie eine halbe Stunde nach Veröffentlichung diese schroffe Ergänzung hinterher schoben:

 „Wir stellen immer wieder fest – dass es Menschen gibt – die unter Beratungsresistenz leiden – würden die, die Beiträge lesen – dann würden diese feststellen – dass Kunstpelz zu teuer ist – und deswegen echter Pelz aus China verwendet wird – Vielleicht sollten diese Menschen – sich gleich das Video anschauen, was wir posten werden“ (sic)

Nun werden aber auch die Kunstfasern Polyacryl und Polyester in großem Stil in China hergestellt. Zudem war überhaupt nicht klar, ob das Produkt überhaupt aus China stammte, was die obige Darstellung etwas hilflos in der Luft hängen ließ. Es äußerten sich außerdem immer mehr User dahingehend, dass sie das fragliche Produkt selbst überprüft hatten und zweifelsfrei bestätigen konnten, dass es sich nur um Kunstpelz handelte.

Der Beitrag wurde jedoch weiter eifrig in seinem unveränderten Zustand geteilt, bislang über 11.000 mal. Es fragten sich also immer mehr User, was an der Meldung nun überhaupt dran sei. Mutmaßlich auch, weil die Netzfrauen nicht mehr reagierten, den Eingangstext aber auch nicht mehr geändert hatten, dieser also nach wie vor den Eindruck vermittelte, die Bommel bestünden aus Echtpelz. Und wie üblich in solchen Fällen fragten viele Nutzer bei Mimikama nach, die den ganzen Verlauf recht transparent und nüchtern zusammenfassten und zu dem Schluss kamen, dass der Vorwurf der Netzfrauen fragwürdig und nicht haltbar sei. Das war am 14.12. um 10:52 Uhr.

Spätestens an der Stelle hätten wohl die meisten eingesehen, dass man sich verrannt hatte und eine Korrektur geboten wäre. Zusätzlich kommentierte Tchibo um 12:58 Uhr selbst bei den Netzfrauen, dass der Konzern 2013 dem „Fur Free Retailer Program“ beigetreten sei und mittlerweile Prüfinstitute damit beauftragte, die eigenen Produkte auf Pelz-Gehalt zu prüfen. Dementsprechend sei auch besagter Schlüsselanhänger frei von Echtpelz-Materialien.

Um 14:45 Uhr dann, fast genau 24 Stunden nach Veröffentlichung der „Vorsicht!!!“-Warnung, und nachdem mehrere Stellen unabhängig voneinander die Echtheit des nicht echten Kunst-Pelzes nachgewiesen hatten, kamen die Netzfrauen laut eigener Aussage auf die glorreiche Idee, sich mit Tchibo in Verbindung zu setzen, um es zu klären. Es müsse überprüft werden, woher das Kunstfell käme und ob es denn wirklich Kunstfell sei. Eine bemerkenswerte Maßnahme zu diesem Zeitpunkt, hatte Tchibo ja längst Kontakt aufgenommen und im Prinzip alles geklärt. Vielleicht rechne ich heute Abend auch noch mal meine Steuererklärung 2007 nach, das wäre ähnlich zielführend.

Anyway, in den Kommentaren zu dieser Recherche-Ankündigung wurde natürlich fleißig der Link zu Mimikama geteilt, den die Netzfrauen bis dato wohl übersehen hatten. Es macht zumindest den Eindruck, als sei die oberste Netzfrau, Frau Doro Schreier, davon recht überrumpelt gewesen, postete sie 23 Minuten später einen furchtbar wütenden Text über die Undankbarkeit ihrer Leser und das Logo der von Mimikama betriebenen „Zuerst denken – dann klicken“-Initiative mit einem „Vorsicht! vor der Seite!“-Schriftzug (sic) quer darüber. Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Kommentar wirklich von Frau Schreier stammt,  jedoch passt das Schriftbild mit den vielen Bindestrichen, Frage- und Ausrufungszeichen recht gut zu ihrem Stil. In dem Text fordert sie eine Entschuldigung von Mimikama. Eine Entschuldigung dafür, dass Mimikama die Angelegenheit nüchtern recherchiert hat und den Job gemacht hat, der eigentlich Sache der Netzfrauen gewesen wäre. Ansonsten würde sie keine weiteren Recherchen zur Verfügung stellen. Ich greife jetzt etwas vor: Obwohl diese Drohung mehrere Male wiederholt wurde und eine Entschuldigung bislang ausblieb, „recherchieren“ die Netzfrauen eifrig weiter.

Einer der absurden Vorwürfe aus diesem Text besagt, sie (die Netzfrauen) würden „permanent angegriffen -ohne dass man sich mit uns in Verbindung setzt.“ (sic). Das als Reaktion auf einen Text, der sich damit befasst, wie wiederum die Netzfrauen Tchibo angegriffen haben, ohne sich vorab mit jenen in Verbindung gesetzt zu haben, entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Der Beitrag wird wiederum entsprechend von der Leserschaft kritisiert. Auf den kritischen Kommentar mit den meisten Likes entgegnen die Netzfrauen lediglich, der Kommentator beherrsche die deutsche Grammatik nicht richtig. Diese ohnehin sehr schwache Argumentation kommt noch schwächer daher, weil die Autorin all dieser Beiträge wiederholt den Genus von „Fell“ nicht zu kennen scheint und Dinge schreibt wie „”Es muss nun überprüft werden, woher dieser Kunstfell kommt“ und “wir haben Tchibo nur gefragt – ob der Kunstfell wirklich Kunstfell ist“.

Dieser-KunstfellWas nun das Echtfell angeht, tappen die Netzfrauen und ihre Leser augenscheinlich weiterhin im Dunkeln. Es wird immer noch schwammig darauf verwiesen, man stehe mit Tchibo in Kontakt und dass eine gewisse Drogerie Müller  2014 ebenfalls Echtfell verkauft hätte – Tchibo also definitiv Echtfell verkauft. Das ist isofern interessant, dass man sich auf Seiten der Netzfrauen bald darauf beschränkt, nur nachgefragt zu haben:

Wir-stehen-in-KontaktOb der Kontakt via Rauchzeichen oder Brieftauben erfolgt, wird nicht näher erläutert, aber der Kommunikationsweg scheint ja doch so seine Tücken zu haben, ist eine recht eindeutige Stellungnahme von Tchibo ja längst erfolgt. Anstatt also mit dem längst erlangten Wissen auf die vielen Nachfragen einzugehen, stellt man sich dumm und es folgt eine Kaskade immer neuer Facebook-Statusmeldungen, deren Ton stetig beleidigter und bornierter gerät:

15:28 Uhr: Die Netzfrauen fragen ironisch, ob man jetzt in Zukunft immer erst beim zu kritisierenden Unternehmen nachfragen sollte und lassen durchscheinen, dass das weit unter ihrer Würde liegt. Ich fühle mich spontan dazu hingerissen, mit „ja“ zu antworten. Ich dachte das sei schlicht journalistische Sorgfalt, immer auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen? Die Netzfrauen nennen das hingegen „Schwarmdummheit“.

15:55 Uhr: Die Netzfrauen rudern etwas zurück, man hätte ja eigentlich nur nachfragen wollen. Wieder wird “der Kunstfell” geschrieben. Man mokiert sich darüber, dass man jetzt wohl nicht mal mehr nachfragen dürfe. Als Bestrafung für alle Leser verkündet man, dass eigentlich ein toller Beitrag über Schummeleien der Lebensmittel-Industrie geplant war, aber das würde den dummen Verbraucher ja dann sicherlich auch nicht interessieren. Schade, es ging angeblich darum, dass in Hühnersuppe generell kein Stückchen Huhn sei. Das hätte mich ja schon interessiert ;)

Der abschließende Satz lautet: „Der Konzern, der Transglutaminase herstellt kommt aus Japan.“ Was das mit Echtfell-Bommeln bei Tchibo in Deutschland zu tun hat konnte bis dato niemand aufklären.

17:33 Uhr: Zitat von Bertrand Russell, dass die Klugen so voller Zweifel seien und Dummköpfe so selbstsicher sind. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Netzfrauen sich hier zu den Klugen zählen.

17:39 Uhr: Menschen, die die Netzfrauen kritisieren, sind dumm. Weil die Netzfrauen ja nur fragen wollten, woher das Fell stammt. Generell sind die Verbraucher dumm. Ob man sich da selbst mit einbezieht, wird nicht näher erläutert.

18:03 Uhr: Die Netzfrauen bestätigen das Gefühl, das einem beim Lesen der Beiträge beschleicht: Kritische Stimmen werden gelöscht und geblockt. Die Netzfrauen nennen das euphemistisch, Leser mit Beratungsresistenz zu sperren und begründen das mit „Wem das Tierwohl nicht am Herzen liegt, für den wollen wir nicht schreiben.“ Und „Wir sind Mütter, die sich auf den Weg gemacht haben, auf Missstände aufmerksam zu machen.“

Offenbar gehen die Netzfrauen davon aus, dass man ruhig Unwahrheiten verbreiten und auf seiner Seite willkürlich sachliche Kritik löschen darf, solange einem Tierwohl am Herzen liegt und man ein Kind hat. Yeah, ich bin Vater von 3 Kindern und Veganer, was hält diese Online-Lizenz zum Schwurbeln dann erst für mich bereit?

Danach ist endlich Ruhe bis zum nächsten Morgen. In der eigentlichen Sache wurde in den Beiträgen und Kommentaren bislang lediglich wiederholt behauptet, man stehe in Kontakt zu Tchibo und warte auf eine Stellungnahme, gerne auch übermäßig blasiert wie hier:

Wir-warten-noch-auf-eine-StellungnahmeJetzt, endlich, weiß Tchibo, was Kunstfell ist. Ja, vielen Dank liebe Netzfrauen, was täten wir nur ohne Euch? Überaus verwunderlich daran ist jedoch, dass es diese Stellungnahme längst gab. Ja, die Netzfrauen standen tatsächlich mit Tchibo in Kontakt, und zwar irgendwann am Montag Morgen, wie hier nachzulesen ist. Darin heißt es „Über das Ergebnis haben wir die Netzfrauen informiert“ mit einem Link, in dem Tchibo die Netzfrauen nachweislich inkl. hochaufgelöstem Bild sehr eindeutig darüber informiert, dass es sich um Kunstpelz handelt. Der Tweet ist vom Montag morgen um 08:33 Uhr.

Dennoch erzählen die Netzfrauen den ganzen Tag über eifrig weiter, man müsse auf sagenumwobene Testergebnisse warten, eine Tierschutzorganisation sei unterwegs und der Konzern müsse die Lieferkette prüfen. Wie immer man es dreht und wendet, eine Partei sagt hier wissentlich die Unwahrheit, entweder Tchibo oder die Netzfrauen. Und die Beweislage für die Netzfrauen-Version ist nüchtern betrachtet ziemlich dünn.

Das alles ficht die Netzfrauen nicht an, man geriert sich auch am folgenden Morgen als missverstanden:

„Wie wir gestern feststellen mussten, hatte sich eine kollektive Empörung breitgemacht, wo keiner wirklich wusste, worum es ging. Die Anhänger Tchibos hielten uns den ganzen Tag auf trapp, während wir mit Tchibo und einer Tierorganisation uns im Gesprächen befanden.“

(sic, 07:03 Uhr)

Eine interessante Formulierung für ein einzelnes Gespräch vor 9 Uhr morgens. Ferner merkt man an, die Regierung selbst würde sich über die Kritik an den Netzfrauen freuen, könnten die deshalb mal eben TTIP durchwinken. Nun ja…

Die Netzfrauen beschweren sich weiterhin um 09:26 Uhr, dass nun auch die Huffington Post gegen sie berichte, und machen es sich in der Opferrolle gemütlich:

„Wir werden beschimpft, beklaut und in den Dreck gezogen- nur weil wir unsere Kinder schützen wollen.“

Keine Ahnung, warum man seine Kinder vor Fake-Pelz-Bommeln beschützen muss, aber vermutlich ist die Antwort auf diese Frage just in diesem Moment Gegenstand von Gesprächen zwischen den Netzfrauen, Tchibo, der UNO und der intergalaktischen Föderation. Pathetisch wie ein Michael Bay-Film postet man anschließend in weißer Schrift auf schwarzem Grund, dass dort ein Beitrag stehen könnte, wenn man sie (die Netzfrauen) denn ließe.

So geht das Ganze bis Mittwoch morgen weiter, in dieser Zeit schwankt die Berichterstattung zwischen tiefer Enttäuschung über den mangelnden Rückhalt der Fans, maßloser Freude über den Rückhalt der Fans, Empörung über die Bösartigkeit von Mimikama, Selbstbeweihräucherung darüber, wie selbstlos man die eigene Zeit für dieses Projekt zur Verfügung stelle und immer wieder die unerträglich irrelevante Information, dass die Autoren Mütter oder gar Großmütter seien. Ferner wird mit großem Brimborium verkündet, dass im Beiersdorf-Aufsichtsrat (Die Tchibo-Holding ist da Mehrheitseigner) eine Nestlé-Angestellte sitzt. Wow. Auch nach gefühlten 25 Beiträgen und 100 Kommentaren seitens der Netzfrauen herrscht in der Sache (Un?)echt-Pelz aber immer noch Stillschweigen, an einer Aufklärung sind die Netzfrauen offenbar schlicht nicht interessiert. Es sei denn, man findet Gefallen an der Argumentationskette: Nestlé ist böse à Unternehmen mit Anteilen an Firmen mit Nestlé-Mitarbeitern sind böse à Solche Firmen verkaufen bestimmt keinen Kunstpelz à Die Bommeln von Tchibo sind aus echtem Pelz.

Am Ende versucht man irgendwie, die Kurve zu kriegen. Am 16.12. um 06:52 Uhr schreiben die Netzfrauen: „Vielen lieben Dank auch an alle, die mitgemacht haben, die Trolle zu entlarven. Wir haben nun eine Liste erstellt und wissen aus welchem Loch diese gekrochen kamen. […] Wir sollten es geschafft haben, dass “falsch deklariertes” Kunstfell nun in aller Munde ist.“

Übersetzt bedeutet das: Wir haben ohne Not unfassbar tief ins Klo gefasst, uns selbst einen fulminanten Shitstorm angezüchtet und diesen über zwei Tage am Leben erhalten, weil wir vorschnell und ohne Recherche einfach mal einen rausgehauen haben. Aber keine Sorge, die kritischen User (Trolle) wurden von uns blockiert und ihre Kommentare gelöscht. Wir sind nämlich Mütter, wer uns kritisiert ist ein Tchibo-Anhänger und frisst kleine Kinder. Wir sollten es geschafft haben, Echtfell-Gegner als leichtgläubige Idioten dastehen zu lassen und haben damit der ohnehin oft als naiv verschrienen Tierrechts-Szene einen hübschen Bärendienst erwiesen.

Der Vorwurf an mich wird nun wahrscheinlich sein, warum ich denn so viel Energie aufwände, um den Guten Steine in den Weg zu legen und dass dieser eine kleine Fehler all diesen Zirkus nicht wert sei. Ich nehme meine Reaktion schon mal vorweg: Es geht nicht um den einen Fehler, es geht um den Umgang damit. Ich habe in meinem Blog auch schon mal Blödsinn behauptet, z.B. bin ich mal auf eine allzu sensationelle Werbebroschüre eines angeblichen Herstellers von Elektro-Autos reingefallen und habe das vor lauter Euphorie geteilt.

Das ist für sich genommen tatsächlich nicht dieser vielen Rede wert, Menschen machen nun mal Fehler. Aber dann sollte man auch die Größe haben, sie zuzugeben, wovon die Netzfrauen aber leider meilenweit entfernt sind. Auch in den Kommentaren wird wiederholt explizit erklärt „Wir haben keinen Fehler gemacht!“. Hinzu kommt das hochgradig ungerechte und unseriöse Gebaren, kritischen Nutzern das Wort zu verbieten, indem man ihre sachlichen Beiträge löscht und sie teilweise komplett von der Seite sperrt.

Das ist leider nichts gänzlich Neues bei Facebook, auch andere Seiten (Fake-Anonymous-Seite, verschiedene sektiererisch agierenden veganen Seiten oder christlichen Fundamentalisten) haben ein an die Stasi erinnerndes Zensurverständnis. Da kann die Seite noch so tolle Inhalte bringen, wenn sachliche Gegenrede nicht erlaubt ist, dann schrillen bei mir alle Alarmglocken auf(insbesondere, wenn die Seite an sich selbst den Anspruch richtet, eine „Bildungswebsite“ zu sein). Begründen tun die Netzfrauen das damit, nicht für Leute schreiben zu wollen, die ihre Arbeit nicht honorierten oder dass Menschen anderer Ansicht einfach alles Trolle seien – ein merkwürdiges Verständnis von Aufklärung.

Generell sehen die Netzfrauen überhaupt nicht ein, dass irgendwer sie überhaupt kritisieren darf. Da sie all ihre Recherche ja kostenlos anbieten und darüber hinaus auch noch Mütter sind, empfinden sie es als bodenlose Frechheit, wenn irgendwer es wagt, Blödsinn Blödsinn zu nennen. Dementsprechend ist die Kritik der Netzfrauen an Konzernen wie Tchibo immer Ausdruck der gerechten Sache, ein Kampf zwischen David gegen Goliath, der edlen Beschützer von Witwen und Waisen gegen skrupellose Machtmenschen. Kritik an den Netzfrauen hingegen ist immer Hetze, nicht gerechtfertigt oder gleich hochgradig Shitstormesk. Insbesondere die Berichterstattung von Mimikama scheint die Netzfrau(en) zu erschüttern: Deren Macher hätten nicht mal gefragt und eine Hetze gegen sie gestartet. Dass die tatsächliche Ursache für die Einmischung von Mimikama in der eigenen Intransparenz begründet liegt und diese lediglich auf Nachfrage verunsicherter User hin aktiv wurden, das scheint ein zu komplizierter Gedanke zu sein.

Warum das kostenlose Anbieten von Inhalten die Betreiber einer Seite nun automatisch von jeglicher Kritik freisprechen sollte, darauf geht man dort nicht näher ein. Man sonnt sich gerne in den zurückliegenden Erfolgen und leitet aus diesen ab, dass man über jede Kritik erhaben sei und die Regeln für die anderen, den Pöbel, wohl nicht für die Netzfrauen gelten. Ich muss andauernd an Alexander von Eich denken, wenn ich mich durch die Beiträge lese, immer wieder durchtränkt vom Mantra, dass es sich hier immerhin um Mütter handele. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass kinderlose Menschen weniger leisten oder anders gemessen werden sollten? Mir ist das offen gestanden vollkommen egal, wie viele Nachkommen ein Autor schon gezeugt hat. Wenn er unerträglichen Schwachsinn von sich gibt dann nenne ich das Kind beim Namen ohne das vorher mit seinem Familienstammbaum abzugleichen. Ich biete meine Inhalte hier übrigens auch kostenlos an, das entbindet mich nicht von einer moralischen Pflicht, fair zu den hier mit lesenden und diskutierenden zu sein.

Diese ganzen Nebelkerzen mal bei Seite gedacht ist die Sache doch eigentlich denkbar simpel. Der Kunstpelz von Tchibo ist tatsächlich nur Kunstpelz. Die Netzfrauen haben sich weit aus dem Fenster gelehnt mit einer nachweislich falschen Behauptung, die auch weiterhin falsch sein wird, selbst wenn Doro Schreier noch diesen Monat Vierlinge gebären sollte und kostenlos all ihre Artikel ausgedruckt in der Fußgängerzone verteilte. Selbst wenn im Beiersdorf-Aufsichtsrat morgen weitere Angestellte von Nestlé, Heckler & Koch und Exxon unterkämen, der Pelz am Bommel wäre immer noch nicht echt. Wie gut kann Recherche generell sein, wenn man so etwas entweder nicht begreift oder noch viel schlimmer aktiv vertuscht?

Man kann nur hoffen, dass die anderen Artikel der Netzfrauen nicht mit dem gleichen Mangel an Sorgfalt recherchiert wurden – es bleibt jedoch der fade Beigeschmack, dass ggf. kritische Stimmen dazu womöglich gar nicht mehr lesbar sind, weil sie der selbstherrlichen Zensur der Seiten-Betreiberin zum Opfer fielen. Viele der Netzfrauen-Follower loben diese, weil man dort endlich mal die Wahrheit lesen könne.

Dazu halte ich fest, dass auch 4 Tage nach Veröffentlichung der Meldung und einer mittlerweile recht eindeutigen Beweislage nach wie vor die Version zu lesen ist, dass man vor dem Tchibo-Schlüsselanhänger wegen Echtpelz-Verdacht Vorsicht walten lassen sollte. Dem Produkt einer Firma, die sich nach derzeitiger Sachlage weit mehr als andere Unternehmen gegen die Verwendung von Echtpelz aussprechen.

Während des Schreibens dieses Artikels wurde die Facebook-Warnung der Netzfrauen weitere 500 mal geteilt.


– Text & Recherche: Jan Hegenberg. Mehr seiner Texte findet ihr auf „Der Graslutscher“, den Beitrag eben falls hier.

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