Können wir bitte nicht nur Flüchtlingen Feuerwerkskörper untersagen?

Die Bezirksregierung in Arnsberg hat pünktlich zum Verkaufsstart der Silvestermunition ein Verbot verhängt, das es Flüchtlingen in NRW untersagt, vor und in ihren Unterkünften Dinge in die Luft zu sprengen. Wer sich über die letzte Formulierung wundert, den bitte ich um etwas Geduld, ich komme erklärungstechnisch noch darauf zurück.

Feuerwerk

Zuerst möchte ich die Gründe dieses Verbots näher beleuchten, da habe ich nämlich ein paar Verständnisprobleme. Zum einen machen sich die Verantwortlichen Sorgen um die Brandgefahr. Warum existiert diese für Beamte nur in und vor Flüchtlingsheimen? Sicher, so eine „Leichtbauhalle“ brennt sicher wie Zunder, gerade wenn sie notdürftig und überhastet nur mit Brettern, Nägeln und viel Liebe hochgezogen wurde. Aber das gilt doch wohl auch für jede urdeutsche Zimmereinrichtung, die unerwünschten Besuch von einer Rakete bekommt. Wieso gibt es also nicht ein rigoroses Sprengstoffverbot, bundesweit und 365 Tage ohne jede Ausnahme?

Zum anderen möchte man den Menschen, die aus einem Kriegsgebiet geflüchtet sind und entsprechend traumatisiert wurden, jede Art von Explosion ersparen. Das ist eine sehr schöne und absolut nachvollziehbare Idee, aber was nützt die denn, wenn nur Flüchtlinge selbst nichts in die Luft jagen dürfen, ihre Nachbarn und überhaupt die gesamte Restbevölkerung aber die komplette Weltkriegshistorie akustisch nachstellen dürfen? Und das vor allem nicht nur zu Neujahr um Mitternacht für eine Viertelstunde, sondern vereinzelt direkt nach dem Verkaufsstart und auch noch wochenlang nach Silvester, massiv und ohne Unterbrechung circa 6 Stunden ins neue Jahr hinein?

Ich als Haustierbesitzer bin mit diesen Zeiten sehr vertraut, weil gerade meine Katzen jeden Böller mit einem Herzinfarkt quittieren, und mein Hund die ganze Sache inzwischen cooler sieht, sich aber trotzdem weigert, zur Hochzeit der Neujahrsterroristen das Haus zu verlassen. Erstens hört er jede Explosion noch sehr viel lauter als ein gewöhnliches Menschenohr, aber zweitens nimmt er auch den Geruch nach Pulver, Patronen und Zerstörung sehr viel intensiver wahr.

Persönlich verstehe ich ja noch nicht mal, warum erwachsene Menschen von dieser Knallerei nicht freiwillig ablassen können. An dieser Stelle komme ich auch auf meine Eingangsformulierung zurück, die habe ich gewählt, weil auch die Freiwillige Feuerwehr in ihrer Pressemitteilung von Sprengstoff spricht. Das ist also keine böswillige Formulierung von mir dauernörgelnden Supernerd, sondern einfach ein Fakt.

Was gibt es für Verteidigungen dieser seltsamen Leidenschaft? Macht man es für die Kinder? Weil die so gerne Sachen brennen sehen, voll auf Raketenbeschuss abfahren und/oder einfach Spaß haben, wenn irgendwo etwas explodiert? Oder weil sie einfach so früh wie möglich mit Sprengstoff vertraut gemacht werden sollen? Meine Güte, das klingt für mich eher nach einem Fall für das Jugendamt, wenn Klein-Harry leuchtende Augen bekommt, sobald etwas möglichst laut in die Luft fliegt, und die Eltern das stolz und wohlwollend unterstützen. Auf die Frage „Papa, darf ich das anzünden?“ lautet 364 Tage im Jahr die Antwort „Nein, spinnst du?!?“, was ist so schwer daran, diese Reaktion aka Erziehung auch an Silvester konsequent zu zelebrieren?

Und Erwachsene, die es einfach gemütlich finden, wenn es laut knallt und die Luft mit Pulvergeruch geschwängert ist, haben sowieso ein Problem. Deshalb geben diese Leute es ja auch nicht zu, dass sie sich auf Silvester freuen und schieben alles ihren Kindern in die Schuhe. Lustigerweise sind das meistens auch noch Kandidaten, die jeden Monat über akute Geldprobleme und das teure Leben ansich klagen, sich aber nicht davon abhalten lassen, feierlich das Neujahr zu begrüßen, indem sie eben dieses ach so knappe Geld über den Strohmann Silvesterknaller begeistert verbrennen.

Ich selber feiere Neujahr nicht, ich glaube noch nicht mal daran, dass ich durch irgendwelche Rituale entscheidend den Kurs für 2016 beeinflussen kann. Trotzdem will ich da eigentlich niemandem hineinreden. Aber es kann doch nicht so schwer sein, sich den Abend über die Birne zuzudröhnen, bei allen 20 Wiederholungen von „Dinner for one“ wegen dem hoffentlich erreichten Alkoholpegel vor Lachen wegzubrechen, um Mitternacht alle erreichbaren menschlichen Wesen in den Arm zu nehmen, um ihnen ein gutes neues Jahr zu wünschen, und sich danach friedlich mit dem Restalkohol endgültig ins Koma und den 3-Tage-Kater zu saufen. Das müsste dann doch auch an Traditionen aus dem Neandertal reichen.

Warum müssen noch unbedingt Dinge gesprengt werden, obwohl Tausende Flüchtlinge und Millionen Wild- und Haustiere darunter leiden und ein Sauerländer durch den Krach garantiert wieder aus der gegen 23 Uhr angetretenen Nachtruhe gerissen wird? Versucht es doch wenigstens mal mit Zivilisation, liebe Knaller aus Leidenschaft, beim aufrechten Gang hat es doch auch zumindest überwiegend geklappt.


Diese Art von Texten gibt es jetzt übrigens auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


– Text: Jens Grote

 

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