Wie bekämpft man Terror und radikale Ideologien?

Falko Pietsch hat in seinem Artikel „Ist dieser Terrorismus ein ‚Krieg‘?“ festgestellt, dass Luftschläge und militärische Interventionen den Terror nicht aufhalten. Doch wie sollte man dann reagieren?

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[Hier geht es zum ersten Teil dieses Artikels]

Wir haben es bei diesen Phänomenen mit ideologischen Denkstrukturen zu tun, mit „Memen“.
Beinahe jedes Individuum kann unabhängig von äußeren Merkmalen Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, Körpergröße oder Alter „Träger“ dieser Meme sein oder werden. Meme sind so verstreut und vielfältig wie biologische Keime und können – ähnlich wie diese – in unterschiedlichen Konzentrationen bei unterschiedlichen „biologischen Wirtsindividuen“ oder Gruppen von Individuen unterschiedliche Wirkung entfalten. Vielleicht ist es daher deutlich treffender und zielführender, ideologische Konstrukte wie den Jihad in medizinischen Termini zu fassen.

Es muss klar sein, dass biologisch-medizinische Metaphern oft als verfänglich erscheinen: Redeweisen vom „Gesunden Volkskörper“ oder „Schädlingen“ haben gemeinsam mit Perversionen der Darwin’schen Evolutionstheorie historisch für massivstes Leid gesorgt. Sie wurden als Rechtfertigung für die intendierte und vollzogene Ausrottung (euphemistisch: „Selektion“) von religiös, national oder rassisch definierten Menschengruppen ins Feld geführt.

In der Mem-Theorie wird aber eben nicht von geschlossenen Gruppen gesprochen, die sich etwa als „Volk“ gegen Infektionen wehren müssten – oder andererseits Menschengruppen, welche die Infektion verkörpern täten. Vielmehr kann das völkische Denken in sich selbst als ein bedenkliches Mem begriffen werden. Es geht um das Wechselspiel zwischen den Memen und einzelnen Individuen / Wirten und auch darum, ob die Wirte (oder Gemeinschaften von Wirten) unter einer gewissen memetischen weitergegebenen Denkweise leiden. Keiner kann im Namen der Mem-Theorie dazu aufrufen, Menschen zu töten, um die „Gesundheit“ einer Gesellschaft zu gewährleisten. Denn nicht die jeweiligen Individuen, sondern ihre Denkmuster werden als das eigentliche Problem begriffen.

Und so gehen wir ja größtenteils auch schon miteinander um. Statt z.B. Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, mit dem Tod zu bestrafen, haben wir es zum (leider oft nicht konsequent und erfolgreich umgesetzten) Vorsatz gemacht, sie zu resozialisieren – ihnen also neue Denk- und Handlungsweisen nahezubringen. Statt einem Kind ein nicht wünschenswertes Verhalten „auszuprügeln“, setzen wir auf gewaltfreie Interventionen, hinterfragen die Gründe für das Verhalten und geben dabei memetisch weiter, wie man Interessenkonflikte und Differenzen möglichst ohne Gewalt löst. Nicht das Individuum ist das Problem, sondern die verfestigten und weitergegebenen Denk- und Handlungsmuster.

Meme – selbst wenn man sie metaphorisch als Bakterien begreift – sind auch nicht per se schädlich oder gefährlich. Unsere biologischen Körper stehen in einem beständigen kooperativen, symbiotischen Verhältnis zu Abermillionen Bakterien, und die meisten davon sind etwa bei der Verdauung lebensnotwendig. Es mag befremdlich erscheinen, dass rund 90% der Zellen in und um unseren Körper bakteriell sind und etwa zwei Kilogramm unserer Körpermasse ausmachen. Aber diese Bakterien sind unverzichtbare und unersetzliche Symbionten unserer biologischen Existenz.

So ist auch unser Denken von abertausenden konkreten Memen – Denkmustern, Konzepten und semantischen Netzen – geprägt. Und die meisten davon sind unbedenklich oder förderlich. So ist es sinnvoll, dass wir memetisch und nachahmend überhaupt erst einmal Sprache erlernen. Es ist sinnvoll, dass wir z.B. einen mentalen Begriff, ein Mem, von „Frieden“ haben. Es ist auch sinnvoll, dass sich die Idee von Menschenrechten evolutiv entwickeln und verfeinern konnte, in diversen konkreten Memen vorliegt und in den meisten „Wirtsindividuen“ der westlichen Gesellschaften vorherrschend ist. Nicht umsonst wird in den letzten Tagen darauf hingewiesen, dass durch die Terroranschläge nicht nur die Menschen in Paris angegriffen wurden, sondern die „westlichen Werte“ – Grundrechte, Freiheit, Demokratie. Wir alle fühlen uns betroffen, weil die Meme, nach denen wir leben und leben wollen, durch andere Denkmuster bedroht werden: religiösen Fanatismus, willkürliche Gewalt, Menschenverachtung.

Wie hilft jetzt die Mem-Theorie beim Begreifen des Terrors und welche Aussagen über eine sinnvolle Reaktion auf die Anschläge können daraus abgeleitet werden?

Einem gesunden Organismus wird eine Erkältung üblicherweise nicht gefährlich. Und trotz kaum vermeidbarer Ansteckung sind die befallenen Gruppen meist resilient genug, um nicht nennenswert dezimiert zu werden, ehe eine Immunisierung gegen den Erreger eintritt. Wenn mir also morgen jemand das Mem vom Jihad schmackhaft machen und mich als Gotteskrieger anwerben wöllte, würde ich ihn auslachen. Denn ich bin Träger vieler in mir und gesellschaftlich etablierter Meme, die unvereinbar sind mit der Forderung, andere Menschen aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit umzubringen. Mein Denken ist hinreichend widerstandsfähig, um eine „Ansteckung“ zu vermeiden. Andere Meme können mein Denken vielleicht vor größere Herausforderungen stellen. So wäre ich zu einem bestimmten Zeitpunkt meines Lebens sicherlich anfällig für marxistische Klassenkampf-Rhetoriken gewesen, habe entsprechende Meme auch mit mir herumgetragen, ohne dass sie jemals als „Erkältung“ zum Ausbruch gekommen werden. Später wurde mein Denken von der kritisch-rationalen Philosophie letzlich gegen marxistisch-teleologische Welterklärungen „immun“. Aber vergessen habe ich sie nicht: noch immer weiß ich, was es mit kommunistisch-revolutionären Theorien auf sich hat – wie sich auch unser Körper nach dem einmaligen Befall mit einem Bakterienstamm im Immunsystem die adäquate Gegenreaktion abspeichert.

Ein angeschlagener, kranker Körper hingegen wird sich gegen die vielen unwillkürlichen Infektionen, die auf ihn einprasseln, deutlich schlechter wehren können. Was bei dem einem nur Schnupfen und eine fiebrige Nacht als Abwehrreaktion auslöst, kann für den anderen den Beginn eines schwer aufhaltbaren Siechtums bedeuten.

Ideologische Meme funktionieren ganz ähnlich: Wer in Wohlstand und existenzieller Sicherheit lebt, wird kaum dafür anfällig sein, sein Selbstwertgefühl und seinen Lebenssinn z.B. an die Staats- oder Religionszugehörigkeit zu koppeln, in die er zufällig hineingeboren wurde. Und selbst unter jenen Individuen, die dies tun, sind es anteilsmäßig wenige, die das in krankhafter Weise praktizieren und dann fanatisch und gewaltbereit als Patrioten oder eben „Gotteskrieger“ auftreten. So sind nationalistische und religiös-fundamentalistische Meme darauf angewiesen, dass Individuen, die sie befallen, bereits unter einem gewissen schwächenden Leidensdruck stehen – und sie bieten sich als Kompensation dafür an. Vielleicht kann man gewaltsame Ideologien als ein überhöhtes Fieber begreifen, mit dem der Körper nicht nur eine Infektion loswerden will, sondern sich selbst und andere zusätzlich schädigt.

Wenn man diese Parallele zwischen Genetik und Memetik, zwischen Biologie und Geistesinhalten akzeptiert, dann kann man anders und womöglich zielführender über Terror sprechen: Über Prävention, Impfen, Behandeln, Quarantäne, Sedieren, Therapieren etc. Vielleicht stimmt auch die Metapher, dass der Islamismus ein (Krebs-)“Geschwür“ des Islam sei – solange man die außerreligiösen Ursachen dabei nicht vergisst, die es ohne Zweifel auch gibt. Auch Krebs entsteht multikausal. Wie dann eine angemessene „Chemotherapie“ gegen Islamismus aussehen könnte, muss diskutiert werden. Und auch, wie man die absehbaren leidvollen Begleiterscheinungen einer solchen Therapie zu verhindern oder wenigstens zu minimieren gedenkt. Aber wahrscheinlich gilt für manche Meme ähnliches wie für körperliche Erkrankungen: Dass die Therapie ein schmerzhafter und langwieriger Prozess ist. Besonders für jene Individuen und Gruppen, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung befinden.

Nicht notwendig leiden die Träger von bedenklichen Memen selbst am meisten unter der Infektion. Oft sind es andere Individuen, die unter den Folgen „krankhafter“ Denkweisen zu leiden haben. Hier sind der biologischen Metapher gewisse Grenzen gesetzt. Beim Jihadismus mit „Märtyrertod“ reißt der Wirt jedenfalls nicht nur sich selbst, sondern eine Vielzahl von Unbeteiligten mit in den Tod und verursacht Leid in Familien und ganzen Gesellschaften.

Aber das Erschießen von Erkrankten kann bestenfalls in extremen Fällen als Notwehr gerechtfertigt werden und scheint auf Dauer wenig aussichtsreich, wenn die Keime weiterhin weltweit verstreut sind und unter gewissen Bedingungen in spezifischen Milieus immer neu ausbrechen können.
MekkaIn Sachen Prävention sei hier daran erinnert, dass z.B. religiöse Ideologien dort am wenigsten Fuß fassen bzw. gar zurückgedrängt werden, wo Wohlstand, Bildung und gesellschaftliche Fairness am ausgeprägtesten sind. In säkularen Gesellschaften sind also die meisten Menschen immun gegen religiös-fundamentalistische Meme. „Anders herum könnte man aber auch sagen, dass Religiosität weiterhin ein spiritueller Rettungsanker für alle jene ist, die in relativer oder absoluter Armut leben. Der Kampf gegen die weltweite Armut und für Bildungsgerechtigkeit sollte daher eines der Kernanliegen der humanistischen Bewegung weltweit sein.“

Es muss als wahrscheinlich gelten, dass die Bekämpfung des Terrors mit effektiver Entwicklungshilfe und Säkularisierung am ehesten zu erreichen wäre.

Wir sollten die Kriegserklärungen von Terror-Netzwerken nicht als solche akzeptieren. Wir sollten nicht in der Illusion agieren, hier finde ein Krieg statt, der auf jene Art gewonnen werden könnte wie jene Kriege, die die Geschichte kennt.

Den ideologischen Memen, die uns und Menschen weltweit Schaden und Leid zufügen, sollten wir jene Meme entgegensetzen, die für ein friedliches, kooperatives und faires Miteinander sorgen können.

Wir werden nicht gut damit fahren, Hass mit Hass zu beantworten. Vielmehr sollten wir jedem Denken, das auf Schmerz und Kränkung mit Gewalt antwortet, konsequent die Grundlage – oder, wie es umgangssprachlich schon so treffend heißt: den Nährboden – entziehen.
Dies geschieht am besten durch bedürfnisgerechte Handlungen der Politik und Zivilgesellschaft.

Statt also jetzt ausgerechnet Geflüchtete für den Terror verantwortlich zu machen, vor dem sie selbst geflohen sind, sollten wir uns darum kümmern, wie sie in Europa und andernorts in Camps versorgt werden und eine Chance bekommen, ein neues Leben aufzubauen.
Statt mitleidlos zu behaupten, unsere wohlgenährten Staaten könnten diese Hilfe nicht leisten, sollten wir acht geben, wenn salafistische Gruppierungen bereits zur Missionierung von Menschen in Not ansetzen und deren Verzweiflung und geschwächte Resilienz nutzen, um ihre radikalen Denkweisen weiterzugeben.
Statt argwöhnisch auf alle Muslime zu schielen, sollten wir jene mehr einbinden und stärken, die wünschenswerte Meme – Friedfertigkeit, Akzeptanz von Grundrechten, Humanismus – vertreten und in ihre Peer Groups tragen.

Wer sich um seine Liebsten sorgt, möge ihnen das (öfter) sagen, sie umarmen und sie nicht mit Ängsten allein lassen, die sie anfällig machen könnten für nationalistische und rassistische Radikalisierungen. Wir sollten Mitgefühl und Rationalität vorleben und praktizieren – und zwar allen Menschen, die hier ankommen, sei es durch Geburt oder durch Flucht.

Angst, Hass, Panik und Hysterie sind die beabsichtigten Effekte von Terror.
Es mag für manche schwer sein, diesen Reflexen zu widerstehen. Doch so viel Vernunft und Besonnenheit sollten – nein: müssen! – wir uns abringen.
Es wäre schön, einmal zu erleben, dass unsinnige Gewalt nicht mit unsinniger Gegengewalt beantwortet wird.


– Text: Falko Pietsch

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