Ist dieser Terrorismus ein „Krieg“?

Nach den jüngsten Anschlägen in Paris zeigt sich Europa einig. In zahlreichen Kondolenzmitteilungen und Statements signalisierten Staats- und Regierungschefs Europas, Parteivorsitzende, EU-Spitzenpersonal sowie USA, Russland, Vereinte Nationen und Nato-Führung eine gemeinsame Betroffenheit und Solidarität.

KampfjetSo wichtig dies ist – denn als Angriff gegen „den Westen“ als Gemeinschaft waren die Anschläge auch intendiert -, so zeigt es doch auch Doppelmoralitäten auf. Denn viele Kommentare in Presse und sozialen Netzwerken erinnern: Vergleichbar verheerende Anschläge im Irak, in der Türkei, im Libanon, in Ägypten, Tunesien, Syrien, Afghanistan, aber auch in Kenia und Nigeria, lösen weitaus weniger Medienecho, Anteilnahme und Bestürzung aus. Sind denn nun alle Menschenleben gleich viel wert? Der Unterschied in der Betroffenheit erklärt sich aus der Distanz zum jeweiligen Geschehen. Es ist verständlich, dass ein geografisch näher liegender Anschlag gegen Mitglieder der „eigenen“ Gruppe (in diesem Fall: Menschen in Europa) stärkere Regungen von Mitgefühl und lautere Rufe nach Reaktionen erzeugt – aber rational ist das nicht. Eigentlich sollten wir sogar umgekehrt wichten: Während Anschläge in Europa vergleichsweise selten geschehen, sind sie in anderen Staaten an der Tagesordnung, können seltener verhindert oder aufgeklärt werden und hinterlassen in ohnehin schon destabilisierten Regionen einen größeren Impact der Verunsicherung und weiteren Radikalisierung.
Wenngleich also unsere Bewertung globaler Terrorakte einige Biases aufzeigt – hier spiegelt die betroffene Reaktion der Politik allerdings auch „nur“ die selektive und verzerrte Wahrnehmung und gefühlte Bedrohung der Bevölkerung. Denn es ist völlig unklar, ob das Risiko künftiger Anschläge in europäischen Ländern durch die fassungslos machenden Ereignisse in Paris tatsächlich gestiegen wäre.

Die ostentative Geschlossenheitsrhetorik von Staaten und suprastaatlichen Organisationen verwässert überdies den Blick darauf, was denn jetzt die „klaren, gemeinsamen Antworten“ sein sollen, die man zu geben gedenkt.

Beim G20-Gipfel in Antalya bestätigte sich das. Weiterhin herrscht z.B. im Umgang mit dem Konflikt in Syrien keine Einigkeit darüber, wen man denn nun guten Gewissens unterstützen, und wen man bombardieren solle. Russland hält Assad nach wie vor und jetzt erst recht für das kleinere Übel, viele europäische Staaten wollen ebenfalls gezielt und ausschließlich den IS angreifen, die Prioritäten der Türkei und der USA scheinen unklarer. Siehe hier für mehr.

Und es wird von „Krieg“ gesprochen.
François Hollande nennt den Terror „Krieg“. Bundespräsident Gauck bezeichnet die Anschläge als „Kriegsakte“. Und Jorge Bergoglio (Papst Franziskus) sieht den Terror als „Teil des Dritten Weltkrieges“, den er schon seit längerem wahrnimmt.
Wohlgemerkt: Es wird hier nicht vor kommenden Kriegen gewarnt – sondern von einem Krieg gesprochen, in dem man sich schon befinde.

Das erinnert sehr an 2001 und den „War on Terror“, der nach den Anschlägen auf das World Trade Center seitens der USA ausgerufen wurde. In Reaktion griff eine „Koalition der Willigen“ damals Afghanistan mit Luftschlägen und Bodentruppen an und etablierte eine Besetzung, die bis heute de facto nicht beendet ist. Und 14 Jahre später ist zu konstatieren, dass Terroristen weder dort noch anderswo an Einfluss und Zulauf verloren haben; dass die klassischen Interventionen, die man mit dem Begriff „Krieg“ verbindet – Bombardements, Invasion, Besetzung -, nicht die erhoffte Wirkung hatten. Oftmals scheinen solcherlei Interventionen sogar den gegenteiligen Effekt zu haben und es den Terrorgruppierungen zu erleichtern, neue Verzweifelte zu radikalisieren und rekrutieren.

Andererseits ist es auch wohlfeil und wahrscheinlich zu naiv, darauf zu verweisen, dass man in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens lieber die „gemäßigten“ Diktaturen und Regimes hätte an der Macht lassen sollen. Ob das wirklich das „kleinere Übel“ gewesen wäre, lässt sich im Rückblick nur sehr schwer einschätzen.

Warum aber „Krieg“? Ist diese Bezeichnung treffend?

Man kann die Rhetorik sicherlich verstehen: Terrorgruppen begreifen ihre Aktivitäten schließlich als Jihad – als „Heiligen Krieg“. Aber muss man deren Sichtweise und Selbstverständnis annehmen und bestärken? Wertet man den Terror nicht auch auf, wenn man die wenigen tausend Terrorbereiten weltweit als „Kriegspartei“ bezeichnet? Und macht man es nicht zu leicht, dass eben jene Assoziationen aufkommen, die von Rechtspopulisten geschürt und genährt werden – dass „die Muslime“ die feindliche Kriegspartei seien? Oder einzelne Länder? Schließlich ist der Begriff „Krieg“ in den meisten Köpfen nach wie vor mit bewaffneten Kämpfen um Länder und Territorien verbunden.

Und reagieren die „westlichen Staaten“ nicht auch so, dass dieser Eindruck verstärkt wird?
Die Tagesschau zeigt folgendes auf ihrer Startseite, um die militärische Reaktion Frankreichs auf die Anschläge in Paris zu illustrieren:

Screenshot tagesschau.de
Screenshot tagesschau.de

Das zeigt zum einen den Willen zur Vergeltung. Denn die Anschläge haben nicht nur Trauer und Mitgefühl ausgelöst, sondern auch Zorn, Wut und Rachebedürfnisse; Empfindungen, die kanalisiert werden wollen. Dieser Reflex ist so menschlich wie er unvernünftig ist. „Auge um Auge“ ist alttestamentarische, bronzezeitliche Moral, die weniger der Lösung als der Perpetuierung von Konflikten dient.
Dieses politisch-militärische Handeln suggeriert außerdem: Wenn wir in Syrien bombardieren, geht der Terror weg.
Das erinnert nicht wenig an die Dramaturgie eines Western-Streifens. Die Kavallerie kommt. Und heroisch und blitzend und dramatisch steht ein Kampfjet da und verspricht, den Konflikt jetzt ein für alle mal zu Ende zu bringen und alle Feinde zu vernichten oder wenigstens in die Flucht zu schlagen. Es suggeriert, dass man einfach nur die F-15 oder die Dassault Mirage satteln und entschlossen durchgreifen müsse, um das Problem zu beseitigen. Weil „Schlachten“ und „Kriege“ in unseren Assoziationsräumen ja über Kraft, Masse, Dominanz und technische Überlegenheit entschieden werden.

Terror aber eben nicht. Terroristen zehren von der zur Schau gestellten (militärischen) Dominanz „des Westens“. Von Sympathisanten und der durch Bombardements oft genug betroffenen Zivilbevölkerung werden sie als „Underdogs“ wahrgenommen, als die „gerechten Kämpfer“ gegen den übermächtigen, bösen Westen. Das Töten von Feinden durch Selbstmord war schon im Zweiten Weltkrieg Zeichen dafür, dass man trotz zahlenmäßiger und technischer Unterlegenheit nicht bereit sei, zu kapitulieren, sondern nur umso entschlossener Kämpfen werde.

Terroristen brauchen selten hochgerüstete Technik – ihnen reichen selbstgebastelte Sprengsätze und Kalaschnikows vom Schwarzmarkt als Waffen; Wegwerf-Handys mit SIM-Cards, wie sie bei jedem Discounter an der Kasse erhältlich sind, taugen zur anonymisierten Kommunikation. So können Terroristen mit den technischen Gimmicks von vorgestern arbeiten und hohen Impact erzielen.

Sie brauchen auch keine zahlenmäßige Überlegenheit. Vermutlich reichten in Paris acht Täter und einige Strippenzieher im Hintergrund, um mindestens 129 Opfer, etwa 350 Verletzte, sowie Unsicherheit in einer Millionen-Metropole und Verwirrung und Angst bei hunderten Millionen Menschen der „westlichen Welt“ zu verursachen. So eine Effizienzquote hat nicht mal ein Drohnen-Programm.

Rekrutierungsnetzwerke und Geldquellen für den Terror sind dezentral verstreut. Für Al-Qaida, den IS und Al-Shabab kämpfen radikalisierte Fanatiker aus der ganzen Welt. Westliche Staaten haben einige dieser Gruppierungen einst selbst finanziert, trainiert und militärisch ausgestattet, um in Bürgerkriegen die jeweils eigenen Interessen durchzusetzen. Aber auch gegenwärtig hilft „der Westen“ bei der Terror-Finanzierung weiter mit: Durch die Zahlung von Lösegeldern zur Befreiung vergleichsweise weniger Geiseln haben Al-Qaida und IS in den letzten Jahren schätzungsweise 125 Millionen Dollar verdienen können. Ressourcen, die dazu verwendet wurden und werden, um in Zukunft ungleich mehr Individuen schädigen und die eigenen Strukturen weiter ausbauen zu können.
Käme ein solches Verhalten, das den Feind strategisch stärkt, in einem „Krieg“ in Frage?

Politikwissenschaftler wie Herfried Münkler verwenden den Kriegsbegriff dennoch und haben dabei sicherlich einige Argumente auf ihrer Seite. Sie sagen auch, dass es sich dabei um eine „neue Art“ von Krieg handelt: „Wenn moderne Staaten Krieg führen, dann tun sie das ja eher mit der Luftwaffe oder mit Drohnen.“ (Hier)

Wenn man „Krieg“ allein über die Art der Konfliktführung definiert – dass er also mit Waffengewalt zwischen verfeindeten Kollektiven betrieben wird – dann mag das einigermaßen stimmen. Dass bei Bombardements durch Jets und Drohnen ggf. und viel zu oft auch das unterschiedslose Töten „der anderen“ in Kauf genommen wird, muss nicht als Gegenargument gelten. Denn sogenannte „Kollateralschäden“ – also Tote in der Zivilbevölkerung – waren immer schon Begleiterscheinungen von Krieg und nur allzu häufig für mehr Leid verantwortlich als die Kampfhandlungen unter den beteiligten Armeen. Man denke nur daran, dass im Zweiten Weltkrieg auf sowjetischer Seite zwischen acht und elf Millionen Soldaten gefallen sind – und gleichzeitig 15 bis 25 Millionen Zivilisten starben.

Wenn man „Krieg“ aber über seine Konsequenzen definiert, muss man beim „War on Terror“ hellhörig werden. Ein „herkömmlicher“ Krieg verläuft mit der Tötung gegnerischer Kämpfer, führt zu deren zahlenmäßiger Reduktion und endet dann in der Kapitulation oder Auslöschung der feindlichen Partei. Im günstigsten Fall kommt es zu einem Waffenstillstand, Friedensverhandlungen und territorialen Kompromissen. Etwa der Abspaltung eines Staatsteils (bei Bürgerkriegen) oder einer neuen Grenzziehung (bei multilateralen Kriegen).

Wie soll das beim „Krieg gegen den Terror“ aber geschehen? Welches Kollektiv soll da bitte wie „ausgelöscht“ werden? Und ist nicht allein die Tatsache, dass nach 14 Jahren „War on Terror“ die geschätzte Zahl der Anhänger von Terror-Netzwerken eher gewachsen ist, eine Widerlegung der Vermutung, man könne das feindliche Kollektiv durch Kampfhandlungen minimieren?
Wessen Vernichtung oder Kapitulation könnte als „Sieg“ in diesem Krieg gewertet werden?

Der Jihad ist ein immaterielles gedankliches Konstrukt, das sich selbst dann fortsetzen würde und wieder aufgegriffen werden könnte, wenn – was ohnehin als unwahrscheinlich gelten muss – die gegenwärtigen Mitglieder Al-Qaida, Al-Nusra, Boko Haram, Al-Shabab und IS gänzlich getötet worden wären.

Es muss folglich als naiv gelten, über Terrornetzwerke und den Kampf gegen sie als „Krieg“ zu sprechen. Erst recht, wenn die Assoziationen von Bevölkerung, Medien und Politik sowie die staatlichen Reaktionsmechanismen und Handlungsschemata noch immer so aussehen, als führe man einen Konflikt der mit Luftschlägen, Drohnen und militärischer Übermacht zu gewinnen sei.

Es ist kein Krieg, wenn einige zehntausend radikale Fundamentalisten aus aller Welt und weltweit Mord begehen und Verunsicherung anstiften. Es gibt kein Land, das man bombardieren oder annektieren könnte, um diesen Terror zu beenden. Es gibt nur ganz bedingt eine klare Zielgruppe, die man angreifen könnte: Ausbildungszentren und territorial verfestigte militärische, quasi-staatliche Strukturen wie den IS. Die Orte und demographischen Gruppen der Rekrutierung hingegen sind kaum scharf zu ermitteln respektive abzustellen. Man kann das Internet nicht abschalten.
(Genauso wenig kann man übrigens ausufernden Rechtspopulismus, gewaltbereiten Rechtsradikalismus und andere Formen gruppenspezifischer Menschenfeindlichkeit wegbombardieren.)

Dieser Artikel ist ein Zweiteiler. Hier kannst du den zweiten Teil „Wie bekämpft man Terror und radikale Ideologien?“ lesen.


– Text: Falko Pietsch

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