Hört auf, Xavier Naidoo in Schutz zu nehmen!

Xavier Naidoo wurde als deutscher Repräsentant beim ESC zurück gezogen. Immer mehr Prominente verteidigen Naidoo und entschuldigen seine homophoben und antisemtischen Aussagen. Doch nur weil Mittermeier oder Rea Garvey kein Problem damit haben, macht das Naidoos Aussagen nicht weniger zu Hasspropaganda.

Naidoo 2011Ich liebe Oi-Musik, ich pilgere regelmäßig zu Konzerten diesbezüglicher Krachkapellen und ich sauge sogar aus so manchen Texten eine unglaubliche Motivation für mein Leben ab. Da diese Smashhits aber zum großen Teil von Skinheads aufgeführt werden, bin ich auch ständig mit dummen Leuten konfrontiert, die aus einer Haarfrisur verbindliche politische Richtungen ableiten wollen.

Deshalb kenne ich mich sehr gut mit diesbezüglicher Hetze und falschen Anschuldigungen aus, immer vorgebracht von Kleingeistern, die sich keine 5 Minuten mit dem Thema beschäftigt haben und einfach nur ein Opfer durch ihr Dorf jagen wollen. Exakt diese Erfahrung treibt mich aber auch weiter dazu, Xavier Naidoo kritisch zu sehen und ihm trotz gerade in Massen eintrudelnder Rückendeckung von Kollegen weiter die Dinge zu unterstellen, die zurzeit regelmäßig durch die Presse und andere Medien geistern.

Wenn irgendeiner unpolitischen Oi-Band unterstellt wird, das sie rechts ist, dann wird diese Band ein sehr öffentliches Gegenstatement bringen. Sie wird nach Textstellen fragen, die der Kritiker entweder nicht benennen kann oder entsprechende Textstellen werden erläutert und in das Licht gerückt, in dem sie ursprünglich geschrieben wurden. Da würde niemand still halten und lächelnd den Shitstorm über sich ergehen lassen. Gerade nicht, wenn die zitierten Texte auch aus Hitlers „Mein Kampf“ stammen könnten.

Mich interessiert es Null, dass Rea Garvey sich nicht vorstellen kann, dass Naidoo ein Rassist ist. Ich halte es für bedenklich, wenn Grönemeyer Textstellen wie „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“, in denen zusätzlich nach einem starken Führer geschrieen wird, als Meinungsfreiheit durchdrücken will. Ich finde es fast schon witzig, wenn Mittermeier nur 5 bedenkliche Zitate vorliegen hat und deshalb aufgrund der puren Anzahl keinen Grund zur Besorgnis sieht, frei nach dem Motto „Hasspropaganda zählt erst ab 6 Beiträgen“.

Warum äußert sich Naidoo nicht selber zu diesen Vorwürfen? Wieso sollte ich ihn damit durchkommen lassen, dass er über den Baron Totschild singt und mit dem Schmock Begriffe benutzt, die ganz klar antisemitisch sind und worüber es nicht mal eine Diskussion gibt? Nur weil Künstlerkollegen mit ihm schon öfters ein Bierchen getrunken haben und dabei echt Spaß hatten?

Ich bin der Allerletzte, der Menschen gegen ihren Willen in Ecken drängen will, aber ich bin garantiert auch der Allerallerallerletzte, der akut homophobe, gewaltverherrlichende und antisemitische Texte als harmlos durchwinkt, nur weil Ernie und Bert mit dem Künstler befreundet sind und den echt nett finden.

Zumal ich glaube, dass sich Naidoo nicht meldet, einfach weil es da keine Interpretationsmöglichkeiten gibt. Übrigens zählt auch nicht, dass die Ausfälle uralt und verjährt sind. Das Interview im Musikexpress ist zugeben von 19annotuck, allerdings ist die CD mit dem Mösen-Austicker von 2009, und dass Deutschland keine eigene Verfassung besitzt und von den USA besetzt ist, also praktisch eine Kolonie darstellt, hat Herr Naidoo erst im letzten Jahr festgestellt. In dem Zeitraum fand auch sein umjubelter Auftritt vor den Reichsbürgern statt. Ich habe ebenfalls damit Probleme, wenn man von so einem Publikum abgefeiert wird, einfach weil jeder linke Redner dort verbindlich von der Bühne geprügelt wird. So eine völkerverbindende Jahrhundertrede wird Xavier also auch da nicht abgeliefert haben, denn sonst hätte der zuhörende Stall nicht so ekstatisch gegrunzt.

Übrigens muss sich niemand die Mühe machen und diesen Beitrag mit dem Posten einer Textstelle entkräften, in der Naidoo von Liebe singt. Denn ich habe sowieso nicht verstanden, was das mit dem Thema zu tun hat, ebenfalls ist mir schleierhaft, welcher Vorwurf dadurch entkräftet werden soll. Es gibt da keine Verrechnungsmöglichkeit ala „Ein schmalziges Liebeslied ohne politische Botschaft egalisiert zwei Aufrufe zur Lynchjustiz und Folterung“. Zumindest nicht in meinem Gemüt. Und nein, ich halte solche Hasstiraden auch nicht für Meinungsfreiheit und bunte Vielfalt.


Diese Art von Texten gibt es jetzt übrigens auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


– Text: Jens Grote

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