Was nach der Flüchtlingswelle bleibt

Natürlich fliehen nach wie vor weltweit Millionen von Menschen vor Kriegen und Katastrophen aus ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft. Nur Deutschland macht nach einem kurzen Moment der Hilflosigkeit (nicht etwa der Menschlichkeit) die Grenzen dicht, rechtzeitig zur Eröffnung des Münchner Oktoberfestes. Jetzt werden die Züge und Bahnhöfe als Wirtschaftsfaktor benötigt, die fliehenden Syrer, Eriträer, Afghanen müssen eben in stacheldrahtumzäunten ungarischen Lagern ausharren oder auf griechischen Inselstränden verhungern. Ein Gastbeitrag von Fritz Effenberger.

Flüchtlinge auf BootDie Flüchtlingswelle wurde per Dekret der deutschen Bundesregierung für beendet erklärt, die Heimatvertriebenen und ihre Überlebenshelfer als Illegale und Schleuser kriminalisiert, der stumpf­braune rechte Rand unserer Republik mit aufmunternden Reden selbsternannt konservativer Politiker in die angebliche Mitte der Gesellschaft zurückgelockt. Aber hat die kurze Phase halboffener Grenzen und aufschäumender Hilfsbereitschaft weiter Teile der Bevölkerung auch nur irgendetwas verändert?

Nicht im deutschen Machtapparat, der in sich gefestigten Kaste aus Wirtschafts­dynastien und ihren zu Discountpreisen eingekauften politischen Vertretungen – jenen Menschen, die in ihrem Versuch, trotz der stahlbetonfesten Starrheit unserer Gesellschaft einen sozialen Aufstieg zu erreichen, eben jede Form der Korruption akzeptieren. Die Mitglieder des Herrenmenschenbürgertums (a.k.a. 1%) sehen keinen Anlass zur Veränderung ihrer Haltung, aber die Gesamtbevölkerung hat eine Chance bekommen, da uns diese Kälte und Unmenschlichkeit der selbsternannten Elite so deutlich wie selten vor Augen geführt wird. Zum Preis von vielen tausend Menschenleben. Was sich durch dieses Ereignis der greifbar gewordenen Flüchtlingswelle, der verstopften Züge und Bahnhöfe, der Fernsehbilder von verzweifelten Familien, ertrunkenen Kindern, dem Elend der Kriegsgebiete in direkter Nachbarschaft Europas verändert hat, ist die Selbstwahrnehmung der Bevölkerung, die sich nur noch fern an eigene Vertreibungsschicksale erinnert, für die eine Nachkriegszeit und ein Leben ohne Sicherheit kaum noch vorstellbar sind.

Für die Gesamtgesellschaft, also die 99%, sind die Flüchtlinge Realität geworden, und im selben Moment die kalte Machtorientierung der Herrschenden. Wollen wir (die 99%) wirklich Kinder vor unseren Staatsgrenzen verhungern lassen? Wollen wir die Stellvertreterkriege vor den Grenzen Europas und Kontrolle von Rohstoffen und Handelswegen wirklich ungehindert weiterbrennen lassen? Wollen wir den Verantwortlichen dieser Kriege und ihrer Folgen (ertrunkene Kinder, nieder­ge­brannte Länder, etc) wirklich noch mehr Macht in die Hand geben, indem wir zulassen, dass sie sich mit gegenseitigen Geheimverträgen wie TTIP, CETA, TISA, TPP immer noch mehr Macht nehmen, und uns der demokratischen Mitsprache­möglichkeit noch weiter berauben? Dadurch, dass die Flüchtlingswelle für ein oder zwei Wochen bis in die Fernsehbildschirme schwappte, ist die Distanz zwischen der Protestpopulation (Volksverpetzer-Leser und andere sogenannte Linksextremisten) und der ansonsten politisch unschlüssigen Gesamtbevölkerung zusammengeschrumpft.

Jetzt ist es möglich, gemeinsam den Gehorsam zu verweigern. Was ist, wenn bei der nächsten Wahl 90% der Deutschen Martin Sonneborn zum Kanzler wählen? Oder Katja Kipping? Oder Marina Weisband? Oder wen wir sonst wollen? Wir alle sind schon lange überzeugt, dass es eigentlich gar keine Regierung braucht, sondern nur Leute, die den Job übernehmen und keinen Quatsch damit machen. Das ist die historische Chance des September 2015. Eins dürfen wir nicht vergessen: Wir müssen was aus dieser Chance machen. Müssen. Der Preis für diese Chance, in Form von Tausenden Menschenleben ist bereits bezahlt.

Zaatri Flüchtlingscamp
Zaatri Flüchtlingscamp im Jordan für Syrer

Bild oben “Boatpeople”, unten “Za’atri camp for Syrian refugees in Jordan”, beide pd


-Text: Fritz Effenberger

Dieser Artikel erschien zuerst auf Fritz‘ Blog 11k2.

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