Warum wir endlich etwas gegen die Ursachen der Flüchtlingskrise tun sollten

In seiner Kolumne „Die groteske Weltanschauung“ schreibt Jens Grote diesmal wieder über das zur Zeit allgegenwärtige Flüchtlingsthema. Die deutsche Willkommenskultur ist großartig, jedoch sollten wir dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen in die Flucht getrieben werden. Wie wir das machen sollten, erklärt er hier.

FlüchtlingeAuf der einen Seite bin ich total glücklich über jeden Zeitungsartikel und jeden Fernsehbericht, der sich mit der Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen befasst. Da rollt gerade eine ungeheuer motivierende Welle durch das ganze Land.

Sicher poppen dazwischen auch immer wieder Brandanschläge und Neo-Nazi-Demonstrationen auf, aber von ein paar ostdeutschen braunen Hochburgen abgesehen bilden die anständigen Menschen immer eine Mehrheit und setzen Signale, die wirklich Mut machen können. Und selbst in den rechtsradikalen Zentren bilden sich immer größere Gegenpositionen, die sich den Ruf ihrer Stadt von keinem Neo-Nazi ruinieren lassen und couragiert dagegen halten.

Trotzdem habe ich auf der andere Seite fast mehr Angst vor diesen Leuten und ihrer Langzeitreaktion, als vor den Rechtsradikalen, so paradox sich das jetzt auch anhört. Denn die rechten Kräfte bilden nach wie vor eine Minderheit, inzwischen wacht der Staat auch etwas auf und geht konsequenter gegen diese Verbrecher vor. Das ist also ein Problem, was man über kurz oder lang in den Griff bekommen wird. Deshalb wird mir auch mulmiger bei dem fiesen Stimmchen, das mich darüber aufklärt, dass die 800.000 Flüchtlinge die Schätzung für 2015 sind und alle Zeichen darauf stehen, dass dies nur der Anfang von einer Welle ist, die nicht abreißen wird.

Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, denn momentan nehme ich nur wahr, dass Neo-Nazis wegen Postings auf Facebook verstärkt angezeigt werden, Leute eine unglaubliche Spendenbereitschaft an den Tag legen und auch immer mehr Menschen Hilfe bei der Ankunft von Flüchtlingen leisten. Ich sehe allerdings nirgendwo, dass die Politik in irgendeiner Art und Weise gegen Fluchtursachen vorgeht. Im Gegenteil steht da alles nur auf Abwehr, sei es durch Grundgesetzänderungen, sei es durch Grenzzäune, sei es durch bewusste Hetze der sogenannten Volksparteien. Allen voran die CSU, bei der mir niemand ernsthaft erzählen kann, dass es sich dabei um keine rechte Partei handelt, die ein ganzes Bundesland regiert.

Momentan ist die Hilfsbereitschaft enorm hoch, ich mache mir aber ziemlich Sorgen darüber, wie das aussieht, wenn jedes Jahr mehr Menschen Asyl beantragen. Wer sich wirklich gruseln will, der sollte die Seite der UNO-Flüchtlingshilfe ansurfen. Ich zitiere diese Seite hier mal einfach: „Derzeit befinden sich weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die jemals von UNHCR verzeichnet wurde. Und sie wächst weiter. 2014 wurden 13,9 Millionen Menschen zur Flucht getrieben – viermal so viele wie noch 2010. Jeden Tag machten sich durchschnittlich 42.500 Menschen auf den Weg auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und einem neuen Leben.“

Bei diesen Zahlen haben wir noch nicht mal darüber gesprochen, was es für ein Armutszeugnis ist, dass die Industrieländer Staaten wie Pakistan und den Libanon auf Millionen Flüchtlingen praktisch sitzen lassen. Die 800.000 Menschen, bei denen Europa angeblich jetzt schon Unterbringungsprobleme bekommt, sind ein Witz gegen die Zahl, die dieser Kontinent aufnehmen müsste, wenn tatsächlich mal eine gerechte Verteilung anstehen würde.

Die Menschen fliehen aus ihrem Elend, hier werden sie auch mit immer offeneren Armen aufgenommen, aber das gilt leider nur für die Bevölkerung. Von der politischen Ebene kommt da nicht ein Lösungsvorschlag, der darüber hinaus geht, populistisch gegen das „Pack“ auf der Straße zu pöbeln. Was sich inzwischen sowieso als typisches politisches Säbelrasseln ohne jede Konsequenz offenbart hat. Aber selbst wenn das anders wäre, liefe es eher unter „Netter Versuch“, wenn jetzt mal ernsthaft gegen rechts durchgegriffen werden würde. Denn das würde keinen Menschen davon abhalten, seine Heimat zu verlassen.

Gehen wir doch mal die drei Hauptursachen für Flucht durch und fangen mit den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen an. Diese Leute werden erst zuhause bleiben, wenn sie dort eine Zukunft besitzen und das unglaubliche Luxusgefälle zu Europa und Amerika abgebaut wird. Das erreicht man aber nicht dadurch, indem man sein Facebook-Profilbild auf „Refugees welcome“ ändert, da müssen die Weichen im Lager der westlichen Made im Speck ganz klar auf Verzicht gestellt werden. Und wenn das geschieht, würde ich mein Geld nicht mehr darauf wetten, dass so etwas auf eine große Welle des Verständnis und der Unterstützung treffen würde.

Die Menschen hier in Deutschland verlassen schon empört den Fernsehsessel, wenn sie an einem Tag in der Woche kein Fleisch essen sollen. Interessierte können da mal gerne bei den Grünen nachfragen, wie solche Vorstöße hierzulande aufgenommen werden. Wie soll man diesen Leuten erklären, dass Afrika ab sofort nicht mehr dafür missbraucht wird, um die Rinderherden und die Monokulturen aus Futtermitteln bereitzustellen, sondern ab sofort ihre Weide- und Anbauflächen selber benutzt, damit dort niemand mehr an Hunger sterben muss und eine eigenständige Wirtschaft etabliert werden kann?

Ich als Freak habe auch leidvolle Erfahrungen mit dem Thema „Fair Trade“ gemacht. Egal ob auf der Arbeit oder im Familienkreis, ich war und bin überall von durch die Bank netten Menschen umgeben, die aber trotz aller sonstigen Nettigkeit mich für einen Spinner hielten. Eben weil ich für Kaffee 2 Euro mehr auf die Theke gelegt habe, nur um Arbeitern ein faires Arbeitsgebiet zu garantieren. Wieso man das tun sollte, haben diese Menschen noch nie verstanden, schon gar nicht, wenn die Ausbeutervariante sogar im Angebot war. Wie will man diesen Typen die globale Umverteilung näher bringen? Sobald die hören, dass sie auf lange Sicht auf Dinge verzichten müssen, weil die der Dritten Welt nicht mehr geraubt werden dürfen, endet ihr Verständnis. Mit ein bisschen Glück fragen diese Damen und Herren noch, ob sie stattdessen Weihnachten nicht eine Decke oder noch besser einen Gutschein spenden können. An ihrem überbordenden Lebensstandard darf aber nicht gedreht werden, denn das wäre echt unverschämt.
 
Bei der zweiten Fluchtursache Krieg sieht es nicht viel besser aus. Die Top 7 der größten Herkunftsländer von Flüchtlingen lautet wie folgt:
1. Syrien – 3,88 Millionen
2. Afghanistan – 2,59 Millionen
3. Somalia – 1,11 Millionen
4. Sudan – 648.900
5. Südsudan – 616.200
6. Demokratische Republik Kongo – 516.800
7. Myanmar – 479.000

 
Dem geneigten Leser wird dabei vielleicht auffallen, dass das alles Länder sind, die von Deutschland, Amerika, Russland und anderen Industrieländern mühsam aufgerüstet wurden. Und selbst aktuelle Konflikte finden da ausschließlich mit westlichen Waffen statt, sei es durch eine Besetzung wie im Fall von Afghanistan, sei es durch eine Militarisierung der Nachbarländer wie im Fall der afrikanischen Kandidaten.

Ganz ekelhaft wird es im Fall von Syrien. Zwischen 2002 und 2013 gab unsere Regierung grünes Licht für Waffenexporte im Wert von über 13 Millionen Euro, hauptsächlich in Form von Fahrzeugen und Panzern sowie chemischen Stoffen und Kleinwaffen. Seitdem das Wirtschaftsministerium unter der Führung von Sigmar Gabriel steht, hat sich die Zahl der Waffenexporte verdoppelt. Und jeder, der davon ausgeht, dass sich das 2016 bestimmt ändert, ist naiv oder steht unter Drogen.

Das Waffengeschäft ist in jedem Industrieland eine feste Größe. Darauf verzichtet keine Regierung freiwillig, zumindest nicht hierzulande die aktuelle GroKo, die auch jetzt schon für die nächsten 50 Jahre das Regierungsticket praktisch gelöst hat und nur noch über die jeweilige Zusammensetzung nachgrübeln muss. Im Zweifelsfall werden immer Arbeitsplätze und wirtschaftlicher Reichtum ins Spiel gebracht, also wird die Welt weiter aufgerüstet, also geraten diese Waffen praktisch im Stundentakt in die falschen Hände, also werden die Flüchtlingsströme aus diesen Ländern nicht abreißen, sondern sich im Gegenteil verstärken.

Womit wir bei der dritten Fluchtursache sind, die sich fast noch hoffnungsloser präsentiert. Das ist nämlich einfach der Klimawandel. Der lässt Meeresspiegel steigen und macht so Küstenregionen unbewohnbar, durch ihn kommt es in manchen Regionen zu immer stärkeren Ernteausfällen, er sorgt für verstärkte Steppen- und Wüstenbildung, woanders erzeugt er immer stärkere Umweltkatastrophen, die auch immer nur Trümmer hinterlassen.

Mit der Warnung vor diesem Klimawandel bin ich praktisch aufgewachsen. Erst hieß es, wenn wir das Steuer bis zum Jahr 2000 nicht herumreißen, ist der Point of no Return erreicht. Im Jahr 2000 wurde die Prognose auf 2010 verschoben. 2010 wurden sicherheitshalber gar keine Angaben mehr gemacht, und der aktuelle Klimagipfel hat ergeben, dass bis zum Jahr 2050 aber mal sowas von am Emissionsausstoß gewerkelt wird, und jeder, der es bis dahin nicht schafft, ist doof und darf nicht mehr bei zukünftigen Gipfeln mitmachen.

Anders ausgedrückt habe wir diesen Point of no Return längst überschritten, fachmännisch kommentiert von beruhigenden Politikern und Bürgern, die sich „nicht verrückt machen lassen“. Unter anderem auch deshalb, weil ja mit ein bisschen Glück sowieso ihre Kinder die Suppe auslöffeln müssen. Als Fakt bleibt jedenfalls, dass gegen die Fluchtursache auch nichts getan wird, zumindest nichts in den nächsten 50 Jahren, es sei denn, Superman oder Jesus lassen sich überraschend nochmal hier auf Erden blicken. Sollte das nicht der Fall sein, werden weiterhin Menschen durch klimatische Einflüsse ihrer Heimat beraubt, und natürlich werden sich deshalb auch diese Menschen weiter auf in Richtung Fremde machen.

Ich packe gerade eine Happy Box, und ich bin mir absolut sicher, dass diese Dinge ein paar Menschen glücklich machen werden. (Übrigens eine sehr tolle Aktion, auf die ich gerne nochmal hinweise http://www.deinehappybox.de/heidenau/) Aber trotzdem mache ich mir keine Illusionen darüber, dass so etwas ein wichtiger Tropfen ist, der allerdings auf einen glühend heißen Stein trifft. Und das solange, bis die Politik sich dem Flüchtlingsthema tatsächlich mal stellt, die globale Umverteilung angeht und alle Bürger über die absolute Notwendigkeit aufklärt.

Sollte das utopisch sein, dann gilt das leider auch für einen positiven Ausgang der kompletten Debatte in der realistischen Umsetzung. Und dabei sollte sich niemand allzu sicher sein, auf einer sicheren Seite zu stehen. Denn Menschen in Not werden sich auf Dauer nicht durch Mauern und schon gar nicht durch Gesetze aufhalten lassen. Das würde ich in ihrer Lage auch nicht. Im Gegenteil würde ich Hass auf Menschen entwickeln, die mich aussperren und im Elend zurück lassen, während sie Europas nächsten Superstar suchen, pappsatt Essen wegwerfen und sich als absolute persönliche Ungerechtigkeitsspitze über eine höhere GEZ-Gebühr aufregen.


Diese Art von Texten gibt es jetzt übrigens auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/


– Text: Jens Grote

 

 

Weitere Texte aus der Kolumne “Die groteske Weltanschauung”:

Nazi-Terror: „Das Pack“ findet man nicht nur auf der Straße

Aus der Kirche austreten? Aber klar doch!

Rechtsrocker Frei.Wild: Der Soundtrack für Vollidioten

„Ein Staat, der mit seinem Volk nicht mehr auf einer Seite steht, gehört abgesetzt.“

Impfgegner: Immun gegen jede Logik

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So befreit man Tiere!

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Das Land, wo Milch, Honig und Hartz4 fliessen

Öffentlich-Rechtliches Fernsehen: Gebt der Meute, was sie nicht braucht

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