Schwer verpetzt: Jetzt kann ich auch stolz auf Deutschland sein

Zehntausende Kriegsflüchtlinge kommen derzeit nach Deutschland und Österreich aus Ungarn. Die beiden Regierungen haben sich darauf verständigt, ihnen allen Asyl zu gewähren.

Flüchtlingspakete
Spenden für Flüchtlinge, Frankfurter Hauptbahnhof (c) Jan Hegenberg

Die rechte Regierung Ungarns, die ernsthaft das Land buchstäblich abriegeln will, um den Flüchtlingsstrom zu bremsen ist froh darüber, die tausenden Flüchtlinge, die tagelang auf dem Keleti-Bahnhof in Budapest ausharrten, loszuwerden. Dass Deutschland und Österreich sich bereit erklärten, die Flüchtlinge allesamt aufzunehmen, obwohl diese sich in Ungarn nicht registrieren ließen, ist großartig. Doch wobei mir wirklich vor Freude und Stolz die Tränen kamen, waren die vielen Berichte von Menschen, die diesen Flüchtlingen geholfen haben. Die österreichischen Polizisten, die die unzähligen, erschöpften Flüchtlinge in strömendem über die Grenze gebracht haben. Oder die Bewohner der Grenzstadt Nickelsdorf, die diese Flüchtlinge mit Heißgetränken empfangen haben. Oder die vielen Freiwilligen, die in München, Frankfurt, Hamburg, Dortmund, Salzburg oder Wien die Flüchtenden mit Umarmungen, Geschenken wie Schokolade oder Getränken, organisatorischer Hilfe, „Refugees Welcome“-Schildern oder sogar Applaus willkommen geheißen haben. Das ist Menschlichkeit. Das ist wunderschön. Dieses Bild des kleinen Jungen, der die Mütze eines Münchner Polizisten trägt. Ich möchte, dass das das prägende Bild dieser größten Flüchtingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg bleibt. Die unzähligen Spenden an Flüchtlinge, die hilfsbereiten Menschen. Nicht die brennenden Flüchtlingsheime oder die Toten im Mittelmeer. Die vergangenen Wochen haben mich fast verzweifeln lassen, doch diese Bilder an diesem Wochenende geben mir wieder Hoffnung. Sie zeigen die schöne Seite Deutschlands, die menschliche, die gütige. Mich erfüllt es wenig mit stolz, wenn die Herren der Fußballnationalmannschaft Weltmeister werden (von welchen viele übrigens einen Migrationshintergrund haben!). Wenn Zeitungen aus England, aus Spanien schreiben: „Deutschland gibt mit der Solidarität, die es den Flüchtlingen entgegenbringt, ein Vorbild ab, dem die anderen Staaten in Europa folgen sollten.“ (El Mundo, Madrid) Dann erfüllt es mich mit Stolz auf mein Land. Denn dann haben die Menschen hier etwas vollbracht, auf das man stolz sein kann.

Natürlich gebe ich mich keinen Illusionen hin, dass sich jetzt zwangsläufig die deutsche Politik – die an den Flüchtingsströmen direkt und indirekt mit Verantwortung trägt – oder ganz Europa verändert. Ein Europa, dessen ursprüngliche Idee es war, die Grenzen auf dem Kontinent zu überwinden. (Was alles gemacht werden sollte hat mein Kollege hier geschrieben) Jedoch gibt es zwischen den ganzen tragischen Geschichten, die diese Flüchtlingskrise begleiten endlich auch einmal schöne Geschichten.

Spenden Frankfurt
Lebensmittel und Hygieneartikel für Flüchtlinge (c) Jan Hegenberg

– Text: Thomas Laschyk. Bilder: Jan Hegenberg

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