Warum du besser nicht krank werden solltest

Hier in Deutschland solltest du dich eigentlich auf die beste medizinische Versorgung verlassen können, wenn du einmal krank oder zum Pflegefall wirst. Eigentlich. Denn die Pflegesituation hierzulande ist fatal: Immer weniger Personal muss immer mehr Menschen in immer weniger Einrichtungen pflegen. Dennoch wird immer weiter gespart. Ich habe Frederik Hintermayr, Abgeordneter des Schwäbischen Bezirkstages und Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger zur Situation der Pflege in Deutschland befragt. Und es sieht verdammt schlecht für dich aus.

Frederik Hintermayr (rechts) auf einer Kundgebung für Pflegereformen
Frederik Hintermayr (rechts) auf einer Kundgebung der LINKE für Pflegereformen in Augsburg, mit Tim Lubecki (links oben)

  

Ist die Pflege wichtig?

 

Aber sowas von! Du kommst vermutlich eher selten mit ihnen in Berührung oder verdrängst deine Krankenhaus- oder Arztaufenthalte gerne, weil damit stets unangenehme Erfahrungen verbunden sind. Jedoch bedeutet dies nicht, dass diese Menschen nicht wichtig für dein Leben sind: Du kannst deswegen sorgenfrei durch’s Leben laufen, weil du dich darauf verlassen kannst, dass diese Menschen dort im Krankenhaus auf Station sind, wenn dir einmal was passiert. Solltest du chronisch krank werden, oder bettlägerig, dann sind diese Menschen da, damit du weiter ein menschenwürdiges Leben führen kannst. Natürlich willst du nicht krank werden, das will niemand. Aber wenn es dir passiert wirst du dir wünschen, dass dir bestmöglich geholfen wird.

„Ohne Pflegekraft geht eigentlich nichts,“ meint Bezirksrat Hintermayr, welcher seine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger demnächst abschließt. „Gesund wirst du nicht mehr werden, wenn du nur Ärzte hast.“ Sie kümmern sich um deine Grundbedürfnisse, sofern du das nicht selbst kannst, sind Assistenten bei der OP, Ansprechpartner für dich, „case manager“ oder leiten und im Notfall lebensrettende Maßnahmen ein. Denn bis ein Arzt kommt, kann es dauern.

 

„Blut, Scheiße, Kotze“

 

Sofern du kein Hypochonder bist, stehst du eigentlich nicht so sehr darauf, im Krankenhaus zu landen, klar. Auch hast du wahrscheinlich keinen Bock, selbst Krankenpfleger zu werden. Wegen dem Blut, der Scheiße und der Kotze und so weiter. Verständlich. Aber dann sollte man doch diejenigen, die diese wichtigen Berufe ausüben auch dementsprechend entlohnen? Sollte man eigentlich. Fast 1/3 aller Azubis bricht die Ausbildung ab, weil sie sehen, dass sie für diesen Knochenjob zu wenig Geld bekommen. Als Familienvater oder -mutter kannst du mit diesem Beruf deine Familie nicht ernähren, obwohl du Schichtarbeit leistest.  Harter Job, schlecht bezahlt: Immer weniger Menschen werden Pfleger. 2020 müsste jeder dritte Schulabgänger einen Pflegeberuf erlernen, damit wir den jetzigen Stand an Personal halten können. Und weißt du was? Wir haben jetzt bereits zu wenig. Ein Pfleger muss im Schnitt 10,3 Patienten versorgen. Das ist internationales Schlusslicht. In Norwegen nur 3,8. Selbst im „armen Griechenland“ sind es nur 9! Jedes Jahr gibt es immer weniger Pfleger, aber immer mehr Patienten. Im reichsten Bundesland Bayern sind die Zuschüsse für Krankenhausinvestitionen weiter gekürzt worden, in den letzten Jahren wurden 31 Krankenhäuser geschlossen.

 

„Du brauchst du dich nicht wundern, wenn du am Ende entweder psychisch kaputt bist oder ein Arschloch.“

 

Du fragst dich jetzt, wie das die Pflegekräfte stemmen sollen? Sie werden immer schlechter bezahlt und müssen immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit versorgen. Du kannst dir vorstellen, was das bedeutet. Die Hälfte des Personals gab nach Umfragen zu, dass sie aufgrund des Zeitmangels Abstriche in der Qualität ihrer Arbeit machen müssen. Sie schieben ständig Überstunden, müssen müde und sogar krank zur Arbeit erscheinen (das sagen 77% aller Pflegekräfte!). Kein Wunder, wenn ¾ aller Pflegekräfte sagt, dass sie es nicht bis zur Rente durchhalten werden. Das ist nicht nur scheiße für die Pfleger, sondern auch für die Patienten: Fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen leiden deshalb unter Mangelernährung und Liegegeschwüren, es kam bereits zum Tod von Säuglingen in Bayreuth wegen Behandlungsfehlern aufgrund der Übermüdung der Pfleger. Hintermayr meint nur zu mir: „Wenn du 10 Jahre Abstriche in der Qualität machst, brauchst du dich nicht wundern, wenn du am Ende entweder psychisch kaputt bist oder ein Arschloch.“

 

„Wir geben mehr Geld für Panzer und Maschinengewehre aus als für Gesundheit!“

 

Nicht dass ich glauben würde, du hättest bereits vorher große Lust gehabt, bettlägerig zu werden, aber wenn du diesem katastrophalen Zustand liest, vergeht dir sicher erst Recht die Lust. Wie konnte es dazu kommen fragst du? Naja, wie bereits gesagt, die Leute beschäftigen sich nicht gerne mit dem Thema. Deshalb beschwert sich auch keiner, wenn mal wieder das Budget für Krankenhäuser gekürzt wird. Und es ist nicht so, als ob Geld fehlen würde: Der Wehretat der Bundesrepublik ist größer als der Gesundheitsetat. „Wir geben mehr Geld für Panzer und Maschinengewehre aus als für Gesundheit!“ meint Bezirksrat Hintermayr. „Und die Krankenkassen machen alle Gewinne, während am Patienten weiter gespart wird.“ Inzwischen ist jedes dritte Krankenhaus privatisiert! Und mach‘ dir keine Illusionen darüber, dass sie dort nur um deine Gesundheit besorgt sind. Die wollen halt Kohle mit deiner Behandlung machen. Deshalb schließen sie unrentable Stationen und investieren ihre Gewinne nicht in die Patienten, sondern schütten sie an ihre Aktionäre aus. Hey, Kapitalismus, klar. Aber Gesundheit ist doch keine Ware.

  

Pflege 2
Bettentour der Fraktion der LINKE im Bundestag: Sie fahren mit ihrer Krankenhausbetten-Aktion durch ganz Deutschland, um auf die Probleme der Pflege aufmerksam zu machen. Hier in Augsburg.

  

Manche Probleme kannst du als Politiker einfach nicht wegstreicheln

   

Kein Politiker, egal welcher Coleur wird dir hier die Problematik herunterspielen, das sind schließlich alles Fakten. Jeder Gesundheitsminister schlägt große Töne an, wenn er vom Personalmangel in der Pflege spricht. Aber manchmal kannst du deine Probleme nicht einfach wegstreicheln, sondern du musst ernsthafte Reformen durchbringen.

Also eines ist klar: Wir müssen die Pflegekräfte entlasten. Das heißt eine gesetzliche Personalmindestbemessung. Also eine maximale Anzahl an Patienten, die ein Pfleger betreuen darf, damit er seinen Job sauber machen kann. Dafür braucht man natürlich mehr Pfleger. Viel mehr. Ein erster, wichtiger Schritt wäre natürlich, sie besser zu bezahlen. Oder Fachkräfte aus dem Ausland zu holen – Ohne sie dabei schlechter zu bezahlen versteht sich. Auch ist es Unsinn, Krankenhäuser zu privatisieren, die dann nicht mehr primär daran interessiert sind, dich gesund zu machen.

  

Ja, vielleicht willst du dich nicht wirklich mit diesem Thema beschäftigen und wenn schon, was sollst du schon dagegen tun? Es wäre schonmal wichtig, dass den Leuten diese Problematik bewusst wird. Vielleicht teilst du diesen Artikel oder schreibst doch deinen lokalen, zuständigen Politiker an, am besten wenn gerade wieder eine Debatte darüber geführt wird. Das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, die immer älter und daher immer mehr auf Pflege angewiesen wird. Also schenk diesem Problem die Aufmerksamkeit, die es verdient. Eure Politiker werden diese Probleme weiter ignorieren, wenn ihr es auch tut.


– Text & Fotos: Thomas Laschyk

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