Selbstversuch: Veganerin isst eine Woche lang Fleisch

Hella Martin, jahrzehntelange Veganerin, ist der Mischkost skeptisch gegenüber, welche zur Zeit überall in den Medien gehyped wird. Dennoch fragt sie sich, was dran sein soll an den Gerüchten über den Geschmack von Tierprodukten, der so toll sein soll, dass man gar nicht mehr wissen will, wie sie produziert wurden. Sie wagt den Selbstversuch: Sie will eine Woche lang Fleisch, Milch, Käse und Eier essen.

Frau isst

Veganerin, Mitte 30, Traumjob. Beste Familie und der genialste Freundeskreis sind vorhanden. Seit etwas über 20 Jahren lebe ich vegetarisch und seit über 10 Jahren auch vegan. Immer wieder faszinieren mich journalistische Selbstversuche zum Veganismus. Einige sind wirklich interessiert und bemüht. Sie informieren sich bei den veganen Gesellschaften, lesen in veganen Foren mit und wenden sich mit ihren Fragen und Zweifeln an vegane Gruppen sozialer Netzwerke. Andere bemühen sich weniger um Infos, dafür aber umso mehr darum, ihre wortgewordene Lustlosigkeit zu veröffentlichen.

Ich beschließe also auch einmal den karnistischen Selbstversuch zu machen. 7 Tage möglichst konsequent unvegan leben. Am Anfang stellen sich bei mir ein paar Fragen und No Gos ein. Also z.B.; Will ich eine Fleischesserin sein, die erklärt eine ganz große Tierfreundin zu sein, Katzen zu streicheln und ganz selten mal Fleisch und wenn, dann nur Biofleisch zu essen? Will ich eine Fleischesserin sein, die ganz offen sagt, das ihr Tiere und alles andere völlig egal sind, so lang ein Produkt möglichst billig und schmackhaft zu haben ist? Ich tendiere zur ersteren. Tierfleisch in meiner Wohnung zu kochen, habe ich ausgeschlossen. Den Gestank will ich nicht im Wohnraum haben. Ein Vorteil an Pflanzenfleisch ist definitiv, dass Würzung und Konsistenz wie bei Tierfleisch sind, der Geruch jedoch nicht.

 

Tag eins, Montag:

  
Ich mache es heute mal wie die völlig unvorbereiteten Vegan-Tester und habe weder recherchiert, noch mich vorbereitet.
Dementsprechend finde ich in meinem Kühlschrank nichts unveganes. Zum Abschied von meinem veganen Leben habe ich am Abend zuvor eine Grillparty mit Freunden geschmissen. Couscous, Brot, Hummus, Steak, Schnitzel, Würstchen, Kräuterbutter, Oliven, Obstsalat, Gemüsesticks… alles noch da, alles vegan. Also muss ich wohl hungrig das Haus verlassen. Beim Bäcker halte ich und muss lange suchen. Die Brötchen sind vegan. Schließlich hilft mir die nette Verkäuferin und findet Schoko-Milch-Brötchen. Ich lasse mir eines mit Frischkäse bestreichen. Die Gurkenscheibe und Petersilie lehne ich ab. Der Verkäuferin werde ich wohl noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Im Büro muss ich Richtung WC rennen. Ich hoffe, dass mein Körper binnen 14 Tagen wieder Lactase produziert. Abgestillt sein war einfacher. Hilft jetzt aber nichts, das Experiment geht weiter.
Mittags geht’s wieder besser. Ich will mir Tierfleisch und typische Beilagen dazu holen. Schnell zuzubereiten soll es sein und wenn möglich kein Geflügel. Die Warnungen zu Salmonellen und den Sicherheitsvorkehrungen in der Küche halten mich ab.

Steak klingt da gut, erklären doch Fleischesser in sozialen Netzwerken alle fünf Minuten, dass sie jetzt erst einmal Steak essen gehen.
„Schweinelachs (85%), Marinade (11%) (pflanzliches Öl, Gewürze (u.a. Pfeffer), Speisesalz, pflanzliches Fett, Tomatenpulver, Säureregulator: Natriumdiacetat; Zucker, Gewürzextrakt (0,1& Pfeffer)), Glukosesirup, Speisesalz, Stabilisator: Natriumcarbonat; Antioxidationsmittel: Natriumascorbat.“

Bei der Zutatenliste gruselt es mich schon. Ist das der Chemiebaukasten meiner kleinen Nichte? Warum müssen Fleischesser eigentlich überall Pflanzen und Mineralien zwecks Würzung und Färbung dran tun?

Dazu noch ein paar fertige Kartoffeln mit Speckstücken, ein paar Erbsen und Möhren mit Butter, fertig. Naja, satt machts ja erst einmal. Was die Leute an Speck, aka „Mhhh, Bacon“ finden… keine Ahnung. Einen Nachteil zu veganer Ernährung bemerke ich sofort. Mir hängen irgendwelche seltsamen Fleischfasern zwischen den Zähnen. Ob das die berühmten Sehnen sind? Für den Feierabend hole ich mir noch schnell einen Müsliriegel mit Honig. Dass der Honig aus China kommt, muss ich da wohl in Kauf nehmen. Der weitere Einkauf ist auch nicht leicht. Jede Verpackung ist kompliziert zu deuten. Tierschutzsiegel, Qualitätssiegel, EWG-Nummer und so weiter. Ich entscheide mich dann unter anderem mal für Eier aus Bodenhaltung. Dazu soll es dann Rahmspinat geben. Auf der Verpackung der Eier sind „glückliche Hühner“ zu sehen. Ich weiß wie Bodenhaltung wirklich aussieht. Eine Handvoll Hühner in einer großen Halle mit Stroh? Das ist wohl nur der Fall, wenn der Rest der Hühner ausgestallt wurde, zum Schlachthof gefahren wurde und die übersehenen Hühner versuchen zu überleben. Eier braten stinkt. So viel Kala Namak kann man an Tofu gar nicht geben, damit sich ein ähnlicher Gestank entwickelt. Der Rahmspinat schmeckt auch nicht. Der Spinatgeschmack ist wie verwaschen, da helfen selbst Muskat und Pfeffer nicht mehr.

  

Tag zwei, Dienstag:

  
Die Nacht war furchtbar. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel Gas im Körper gehabt zu haben. Der Geruch im Bad ist auch beim duschen noch unerträglich. Ich frag mich, ob man sich daran gewöhnen kann. Die Brötchen mit Cystein schmecken wie normale vegane Brötchen. Glück gehabt. Das Nutella über der Butter darauf ist einfach nur fettig und süß und klebt am Gaumen. Für mich gilt es beim Experiment aber als Joker. Immerhin leiden und sterben dafür nicht nur die Tiere in der Milchindustrie. Evtl. werden bei der Produktion des Palmöls auch noch ein paar Orangs und andere Tiere getötet. Vielleicht kann ich dafür später einen simplen Obstsalat essen.

Für die Arbeit schmiere ich mir noch ein paar Brötchen mit Teewurst. „Schweinefleisch (96%), Rapsöl, Kochsalz, Gewürze, Gewürzextrakte, Glucosesirup, Antioxidationsmittel: Ascorbinsäure, Konservierungsstoff: Natriumnitrit, Rauch“
Lecker klingt das nicht. Aber Experiment ist Experiment. Schmeckt auch nicht so schlimm wie befürchtet. Der Glukosesirup gleicht das Salz etwas aus. Im Büro hole ich mir einen Kaffe und gebe laktosefreie Tiermilch hinein. Die ist leider nicht so unkompliziert hergestellt wie Pflanzenmilch. Denn dafür wird Pflanze durch Tier gejagt und dann die Laktose der Tiermilch aufgespalten, sodass sie für Menschen trinkbar wird. Zum ersten Mal habe ich mal nachgeschlagen, was die Informationen auf der Milchpackung bedeuten. Homogenisieren musste ich nachschlagen. Dieser Kaffe mit Tiermilch macht Mundgeruch. Schnell die Zähne putzen.

Abends mache ich es mir einfach und hole mir einen Döner. 3,50€ und ich muss die Küche nicht schmutzig machen. Sehnsüchtig schaue ich zu den Falafeln, reiße mich aber zusammen. Das Fleisch ist labbrig, aber gut gewürzt. Aber was esse ich da eigentlich, wenn ich das ganze Produkt für 3,50€ bekomme. Kann man da von guter Tierhaltung sprechen, wenn das Fleisch im Döner bei den 3,50€ mit drin ist? Ich habe mein Nutella-Schummeln aufgebraucht und mir doppelt Gemüse in den Döner packen lassen und einen frisch gepressten Saft dazu getrunken. Ich vermisse die bunte Vielfalt der veganen Küche. Und ich vermisse das Kochen mit den Kolleg_innen im Büro. Da ich ja in den nächsten Tagen Tierprodukte esse, muss ich mich allein versorgen.

  

Tag drei, Mittwoch:

  
Ich habe schlecht geschlafen und mich wieder umgedreht, statt um sechs aufzustehen. Acht Uhr musste reichen. Das leichte Sodbrennen hab ich einfach ignoriert, sodass ich halbwegs einschlafen konnte. Aber ich fühle mich so müde. Normalerweise stehe ich voller Elan auf. Frühstück nervt. Der typische Fleischesser isst wirklich überwiegend Wurst, Käse, Honig, Schokoaufstrich oder Marmelade aufs Brot. Von süßem Frühstück habe ich genug, Marmelade mit Gelatine als Geliermittel habe ich ohnehin nicht gefunden, vermisse aber die große Palette an Aufstrichen, die ich mir zum Frühstück zaubere. Was würde ich für ein knuspriges Brot auch nur mit dem einfachsten Hummus geben. Immerhin zwei Tage sind geschafft.

Also, her mit dem Cystein-Brötchen und drauf mit dem Käse. In diesem Käse soll schon so gut wie keine Laktose mehr enthalten sein. Toll. Aber dafür riecht er nach verschwitzen Füßen. Ich lege zur Ablenkung ein paar Gewürzgürkchen darauf. Ich habe extra beim Einkauf darauf geachtet welche eines Unternehmens zu kaufen, welches evtl. noch den Essig mit Gelatine klärt.

Mittags gehe ich mit den Kolleginnen Essen. Ich bitte darum, den Tofu in meinem Gericht durch Tierfleisch zu ersetzen. Unser üblicher Kellner schaut mich an, als wäre ich ein Geist, sodass ich ihn rasch über mein Experiment aufkläre. Das Schweinefleisch als Tofuersatz ist ehrlich gesagt kein toller Tofuersatz. Es ist gewürzt wie der Tofu, ist aber längst nicht so zart. Mit der dreifachen Kalorienmenge im Vergleich zu Tofu aber auch kein leichter Snack. Ich mache mir Gedanken zu Mangelerscheinungen. Bisher deckte ich meinen Bedarf, außer B12, welches in meiner Zahncreme enthalten ist, immer mit Pflanzen und Salz. Wenn ich jetzt schon so viele Kalorien beim Mittagessen verbrauche, kann ich ja weniger Essen und muss schwer drauf achten, alle Nährstoffe zu erwischen. Ich lockere aus Angst um meine Gesundheit die Regeln etwas und erlaube mir auch Obst, Gemüse und Nüsse, die nicht mit Tierprodukten versetzt sind. Nektarinen, ich komme. Herrlich, dieser süße Saft, der beim reinbeissen aus den Früchten quillt.

Abends mache ich mir eine Thunfischpizza. Ha, der Abzug funktioniert. Allerdings wissen jetzt all meine Nachbarn, was ich esse. Ein schlechtes Gewissen habe ich schon. Ich weiß, wie elendig Fische sterben. Spätestens seit „We feed the world“, weiß jeder, wie qualvoll Fische in Netzen zerquetscht werden oder ersticken. Lecker war’s, aber der Nachgeschmack war schal.

  

Tag vier, Donnerstag:

  
Die bleierne Müdigkeit will mich im Bett halten, der fettige, ranzige Geruch auf meiner Haut treibt mich Richtung Dusche. Also auf. Nicht nur der Körpergeruch verändert sich. Auch das Hautbild ist unschön. Unvegane Kosmetik habe ich nicht versucht zu finden. Ich verwende einfach meine vegane weiter. Mit reichlich Camouflage schaffe ich auszusehen, als hätte ich die Pubertät hinter mir. Zum Frühstück lege ich etwas missmutig den geräucherten Schinken aufs Butterrot. Die fiesen Fettränder haben mich schon als Kind gestört. Jetzt sieht mein Teller aus wie früher. Glibberiges weißes Zeug klebt am Tellerrand und droht das Brot zu kontaminieren. Guter Geschmack, aber zäh und von wer weiß woher und unter wer weiß welchen Bedingungen hergestellt.

Mittags gibt’s unvegane Ravioli. Fertig. So gekauft. Nur zum warm machen. Was direkt auffällt: Geschmack gleich null, Gemüseanteil gleich null und Bonuspunkte für die Sauce auch gleich null. Offensichtlich sind Paniermehl und Aromen doch nicht so cool wie Kräuter und Gemüse. Hift nichts. Augen zu und durch.
„Tomatensauce [Wasser, Tomatenmark (37 %)*, modifizierte Stärke, Jodsalz, Zucker, gräuchertes Speckfett (Speck, Rauch), Sonnenblumenöl, Gewürze, Weinessig mit Estragonauszügen (Weinessig, Aroma), SELLERIE, Kräuter, Hefeextrakt, Aroma], Ravioli (28,7 %) [HARTWEIZENGRIEß, Wasser, Paniermehl (WEIZENMEHL, Hefe, Jodsalz), Schweinefleisch, WEIZENKLEBER, Sonnenblumenöl, Speck, WEIZENMEHL, WEIZENGRIEß, Gewürze, Jodsalz, Hefeextrakt, Palmfett, HÜHNEREI-EIWEIßPULVER, EIGELBPULVER, Kräuter, MILCHZUCKER, Aroma (mit GERSTE), Zucker]. * Anteil in Tomatensauce [Spuren: MILCH, SENF, SOJA]“

Abends habe ich keine Lust etwas zu essen zu kochen. Ich schummel also etwas. Gemüsesticks und unvegane Chips. Ich hoffe einfach, dass das Joghurt- und Molkepulver mich nicht die halbe Nacht im Bad verbringen lässt und genieße das herrlich künstliche Aroma von Sourcream & Onion-Chips.
„Kartoffelpüreepulver, pflanzliches Öl, pflanzliches Fett, Maismehl, Weizenstärke, Maltodextrin, Emulgator: E471; Salz, Reismehl, Dextrose, Zwiebelpulver, Geschmacksverstärker: Mononatriumglutamat, Dinatriumguanylat und Dinatriuminosinat; Molkenpulver, Sauerrahmpulver, pflanzliches Öl (gehärtet), Zucker, Joghurtpulver, Milcheiweiß, Lactose, Aroma, Säuerungsmittel: Citronensäure, Milchsäure und Äpfelsäure; Knoblauchextrakt.“

  

Tag fünf, Freitag:

  
Ich will nicht aufstehen. Die Sonne kann auch mal direkt wegbleiben. Aufstehen nervt und meine glanzlosen Haare kann man nur verstecken.
Ein schnelles Frühstück, aka Schokoriegel muss reichen. Danach geht’s ab zum Einkauf. Unvegane Säfte, ein Kartoffelsalat mit Ei in der Mayo fürs Mittagessen, dazu Würstchen und noch einiges für die nächsten Tage. Das ständige Verpackung lesen nervt. Als Veganerin weiß ich, welche Nudeln eifrei sind, welches Obst und Gemüse Saison hat und wie ich Gerichte gut kombiniere. Als (zeitweise) Fleischesserin muss ich alles wieder umlernen. Pasta mit Ei zu finden, ist nicht leicht. Schließlich finde ich eine Tüte Spätzle. Na toll, meine Antilieblings-Nudeln. Welche Sorten und Darreichungsformen an Tierfleisch gehören wozu. Wie lang darf ich Hackfleisch verwenden, bevor es für die Gesundheit zu gefährlich wird usw. Ist mir eigentlich alles zu anstrengend.

Ich finde etliche Sorten Kartoffelsalat mit Ei. Leider trägt keine eine Aussage darüber, aus welcher Haltungsform die Eier stammen. Kaufe ich gerade Käfigeier, während alle anderen um mich herum erklären ja nur Eier von Oma Ernas Hof zu kaufen, wo die Hühner frei herumlaufen und im hohen Alter totgestreichelt werden?

Ab in den sich füllenden Wagen mit einem Kartoffelsalat. Ich nehm einfach den nächstbesten:

„Zutaten: 62% Kartoffeln, Salatmayonaise, (Rapsöl, Trinkwasser, EIGELB, Zucker, Maisstärke, SENF [Trinkwasser, SENFSAAT, Brantweinessig, Speisesalz, Gewürze], Branntweinessig, Glucosesirup, Verdickungsmittel: Guarkernmehl, Xanthan, Johannisbrotkernmehl; Speisesalz), 4% Räucherspeck (Schweinefleisch, Speisesalz, Rauch), Zucker, Zwiebeln, Speisesalz, Säerungsmittel: Essigsäure; Trinkwasser, Branntweinessig, Gewürze, SELLERIE“

und dazu gibt’s dann die Kindheitserinnerung schlechthin: Fleischwurst

„67% Fleisch (Schweinefleisch, Rindfleisch), Trinkwasser, Speck, jodiertes Nitritpökelsalz (Speisesalz, Kaliumjodat, Konservierungsstoff: E250), Gewürze (enthält SELLERIE), Würze, Dextrose, Glukosesirup, Aromen, Antioxidationsmittel: E300/E301, Stabilisatoren: E331/E450/E451, Rauch. Kann Spuren von SENF enthalten! Wursthülle nicht essbar.“

Schmeckt wie früher. Doof nur, dass ich heute die Zutatenliste lesen kann und will. Dem Kartoffelsalat folgt mittags noch ein Teller Obst. Abends gibt es eine Erbsensuppe mit einem weiteren Stück der Fleischwurst.

  

Tag sechs, Samstag:

   
Wooochenende. Endlich. Ich verschlafe das Frühstück und mixe mir stattdessen einen stattlichen Smoothie… mit Honig natürlich. Dann beschließe ich etwas von der unveganen Schokolade zu probieren. Woha, pappsüß und künstlich. Da lob ich mir doch die biovegane Fairtrade Zartbitterschokolade. Die macht glücklich. Die hier stattdessen nur… ach, lassen wir das.
„Magermilchjoghurt-Erdbeer-Creme 49,5 % (Zucker, Palmöl*, Traubenzucker, Magermilchjoghurtpulver, Emulgator Lecithine (Soja), Aroma), Vollmilchschokolade 35 % (Zucker, Vollmilchpulver, Kakaobutter, Kakaomasse, Emulgator Lecithine (Soja), Vanillin), Halbbitterschokolade 10 % (Zucker, Kakaomasse, Kakaobutter, Emulgator Lecithine (Soja), Vanillin), Erdbeergranulat 5,5 % (Zucker, Erdbeerpulver, Palmöl).“

Mittags bin ich bei Freunden eingeladen. Experiment hin oder her. Natürlich haben sie nichts unveganes aufgetischt. Ich darf also zusehen, wie Gazpacho, Paella und selbstgemachtes Bananeneis von den Tellern in Mägen wandern. Ich gehe vor die Tür und esse meine vorbereiteten Schnitzel- und Eibrote. Schnell die Zähne putzen, dann kann ich wenigstens noch die Gesellschaft genießen. Ach ja, und ein Bier. Dass die meisten Biere vegan sind, hält auch den überzeugtesten Unveganer nicht vom Konsum ab. Später habe ich noch etwas geschummelt. Salzstangen und Fritzcola sind vegan. Und da ich auch nur ein Mensch, oder besser ein Gewohnheitstier bin, habe ich auch die vegane Zitronentorte nicht abgelehnt. Hasst mich ruhig, die war zu lecker.

  

Tag sieben, Sonntag:

  
Der Tag mit Freunden hat mich richtig aufgebaut. Das Experiment zehrt an den Nerven. Ich mag mich selbst nicht mehr riechen, finden den Inhalt meines Kühlschranks nicht befriedigend und werde dauernd gefragt, warum zur Hölle ich dieses Experiment durchziehe. Am schlimmsten ist heute der Kühlschrankinhalt. Ich würde gern nett frühstücken, kann mich aber nicht überwinden Käse oder Wurst, geschweige den Butter aufs Brot zu legen/schmieren. Dann lieber gar nichts essen.

Huuunger. Gut, ich muss mich überwinden. Der Rest Fleischwurst wartet auf seine Verarbeitung. Ich lasse ihn in einem Berg Gemüse in einer Wurst-Gemüse-Pfanne verschwinden (ok, es war mehr eine Gemüse-Wurstfitzelpfanne, aber wir wollen ja mal nicht so sein). Zum Nachtisch gibt es veganen Joghurt mit Obst. Der Joghurt ist noch aus der Zeit vor dem Experiment und droht abzulaufen. Ich verbuche ihn unter „Ach, manchmal probieren Fleischesser ja auch etwas veganes“. Mittags geht’s zum großen veganen Brunch. Ich beschließe den nicht wegen des Experiments sausen zu lassen. Ich verspeise ein paar Würstchen vorab und beschließe, dass das gilt.„84% Schweinefleisch, Wasser, jodiertes Speisesalz, Senfsaat, Glukosesirup, Stabilisatoren (Natriumcitrat, Natriumascorbat), natürliches Aroma, Konservierungsstoff Natriumnitrit, Buchenholzrauch“
Stabilisatoren und Aromen sind schon ne super Erfindung. Beim Brunch schlemme ich hemmungslos. Bergfest. Bald ist das Experiment rum.

   

Tag acht, Montag:

   

Der Brunch, die Recherchen zum Essen, die vielen ungewollten Produkte, all das hat mir gezeigt: Ich will nicht unvegan leben. Ich will mich körperlich wohl fühlen. Ich will Vitamine und Mineralien, statt Salz, Fett und Aromen. Ich will mich riechen können und morgens wieder wach werden. Ich will nicht beim Einkauf an Tiertransporte und Schlachthöfe denken. Ich beende das Experiment. Die unveganen Produktreste landen im Müll. Ich bin wieder frei.


– Text: Hella Martin

  

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„Es sind doch nur Tiere?“

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