Aus der Kirche austreten? Aber klar doch!

Jens Grotartig, unser notorischer Vielschreiber und Zynismus-Meister verfasste diesen exklusiven Artikel für uns. Er ist nämlich aus der Kirche ausgetreten. Seine Pfarrerin informiert ihn über die Nachteile. Denkt sie.

Kirche

Ich bin soeben offiziell von allen guten Geistern verlassen worden. Denn heute hat mir meine Pfarrerin den Kirchenaustritt bestätigt, den ich letzte Woche sowohl tollkühn als auch endlich durchgezogen habe. In der Anlage ihrer Depesche hat mir die Prokuristin Gottes auch gleich mal eine Aufstellung zukommen lassen, was für Rechte ich durch diesen womöglich doch überhasteten Entschluss auf ewig abgegeben habe. Ich stehe zwar noch immer sehr überzeugt hinter meiner Entscheidung, aber trotzdem gebe ich diese Informationen natürlich gerne an die geneigte Leserschaft weiter. Vielleicht grübelt ja der eine oder andere auch über eine diesbezügliche Trennung und ist dankbar, schon im Vorfeld über die bevorstehende Kettenreaktion aufgeklärt zu werden.

Der erste Punkt ist, dass ich nicht mehr am Abendmahl teilnehmen darf. Ich halte es für einen fairen Zug, die Liste mit einem Vorteil für den Ex-Gläubigen zu beginnen. Denn dass es sich bei dieser Freigabe nur um ein Abschiedsgeschenk handeln kann, liegt auf der Hand. Wie sehr habe ich diese Zeremonie schon als Kind gehasst. Egal ob der Kelch durch die Reihen gegangen ist oder ob man in der moderneren Version in Gruppen nach vorne gerufen wurde, es lief immer auf das Selbe hinaus. Notorische Hinterbänkler wie ich, die sich prinzipiell an allen öffentlichen Orten spontan zur letzten Sitzreihe hin orientieren, hatten immer die Arschkarte, da für sie nur ein Konglomerat übrig blieb, dass sich nur noch aus 3 % Saft und 97 % Sabber der Restgemeinde zusammensetze.

Das Herunterwürgen dieses Destillats hatte dann tatsächlich immer viel mit Nächstenliebe, aber noch mehr mit Selbstüberwindung zu tun. Ich habe auch nie das Konzept verstanden, dass sich eine über den Speichel übertragbare Viruserkrankung viel besser ertragen lässt, wenn man sie mit der Restgemeinde teilt. Meine Skepsis gegenüber diesem merkwürdigen Prinzip überwog also schon immer deutlich, das Steuer konnte auch keine Oblate in den Geschmacksrichtungen „Pappkarton“ oder „Jesus letzte Socke“ herumreißen.

Der nächste Punkt dreht sich um die Verweigerung der Taufe meiner Kinder. Die sind noch nicht mal vorhanden und so Gott will (bzw. seit letzter Woche nur noch meine ebenfalls momentan rein spekulative Partnerin oder ich selbst) wird dieser Status auch ein fixer Bestandteil meines Lebens bleiben. Aber im Ernstfall mache ich mir auch keine Sorgen darüber, dass meine Kinder nicht glaubhaft den Namen als Eigentum bestätigen können, den ich für sie ausgewählt habe. Sicher würde es da zu Irritationen kommen, da sich diese Rufhilfe als Querschnitt von Taufergebnissen der Protagonisten aus mehr oder weniger bekannten Sci-Fi-Serien präsentieren würde, da mache ich mir nichts vor. Aber trotzdem dürfte sich die Diskussion wohl eher darum drehen, ob „Aeryn Sun“ oder „Captain Jean Luc Picard“ tatsächlich in diesen Gefilden als Name anerkannt sind, nicht ob man irgendwo einen Liter Wasser über die Rübe gegossen bekam und so das Ganze erfolgreich legitimieren konnte.

Was folgt ist der Hinweis darauf, dass ich mich auch nicht mehr christlich trauen lassen kann. Achtung, thematisch flacher Sparbrüller: Dazu werde ich mich aber sowieso nicht trauen. Über das Warum habe ich in meinem Buch gleich über mehrere Seiten philosopiert, deshalb möchte ich hier nur eine Stelle frei zitieren, nicht zuletzt auch aus Werbegründen für dieses fantastische Werk meines Lieblingsautoren, und danach nicht weiter darauf eingehen:

„Liebesbeweise trage ich in einem Takt vor, der durch eine ziemliche Ausgabegeschwindigkeit besticht. So zeige ich meiner Frau, dass sie zumindest momentan meinen Universumsmittelpunkt bildet. Dafür brauche ich definitiv keine Zeremonie, schon gar nicht in einer Version, die bereits eine Tradition gebildet hat und dementsprechend im 0815-Schema daherkommt. Für mich ist das sogar eine ziemlich gruselige Vorstellung, denn wenn es etwas gibt, das vor meinem Glück auf dem „Wir müssen draußen bleiben“-Türschild abgebildet ist, dann sind das gerade die Kirche und der Staat.“

Nun sind wir beim Punkt angelangt, der mir meine christliche Beerdigung verweigert. Da habe ich allerdings das Gerücht gehört, dass man nach dem eigenen Tod erschreckend wenig von seiner irdischen Resteentsorgung mitbekommt, weil man sich direkt nach dem Abnippeln nur noch mit der Folgekarriere als Poltergeist beschäftigt, um möglichst schnell höhere Karrierestufen wie „Schlossgespenst“ zu erreichen. Sprich mir kann es wahrscheinlich ziemlich egal sein, ob ich nach meinem letzten Schnaufer irgendwo als christliches Würmerfutter verbuddelt werde oder direkt in einem heidnischen Ritual zu „Chappi“ weiterverarbeitet werde. Das eignet sich also auch nicht so dolle als spontane Umorientierungshilfe inklusive reuiger Wiederkehr in den kirchlichen Hafen.

Ich darf auch kein Taufpate mehr sein, was bei mir auch eher als Vorteil durchgeht. Immerhin benötige ich bei meinen möglicherweise gebärfreudigen Schwestern dann zukünftig keine Ausreden mehr, warum ich mir beim Ertränkungsversuch ihrer Nachkommen nicht neben dem Becken die Beine in den Bauch stehen möchte. „Ich darf nicht, so leid es mir tut“ kommt da als Entschuldigung viel besser als eine an den Haaren herbeigezogene Allergie vor geweihtem Wasser. Gerade wenn man das persönliche Entsetzen ob dieser Tatsache so gekonnt geheuchelt transportieren kann wie ich.

Zukünftig wird es mir auch verwehrt bleiben, das Presbyterium zu wählen oder gar dort hinein gewählt zu werden. Keine Ahnung, wie ich diesen Schock verkraften soll, aber vielleicht heilt die Zeit ja auch diese Wunde. Ich werde nicht nachfragen, denn ich ahne bereits, dass durch diesen Austritt auch mein Masterplan hinfällig ist, irgendwann in meiner eigenen Kathedrale lustzuwandeln und beruflich nur noch die Marmorplatten im Eingangsbereich farblich abzustimmen. Na ja, da muss ich dann halt mit leben. Das war sowieso nur als letzter Strohhalm geplant, wenn ich als freier Autor scheitere und dann lediglich mit einer Ausbildung zum Anlagenbuchhalter auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen muss.

Als letzter Punkt wird aufgeführt, dass ich auch nicht mehr kirchensteuerpflichtig bin. Was entweder eine ziemlich dreiste Lüge ist oder einen Gewohnheitsfehler beim Ausfüllen meiner jährlichen Steuererklärung enttarnt hat. Ich werde im nächsten Februar auf jeden Fall mal auf der Rückseite des Formulars darüber referieren, dass mit meiner Steuer auf keinen Fall die Kirchengehälter bestritten werden dürfen, da ich es schwarz auf weiß habe, keinerlei Kirchenabgaben mehr abdrücken zu müssen. Laut Spiegel hat der Staat 2010 sage und schreibe 442 Millionen Euro für diesen Posten ausgegeben, vielleicht bekomme ich da also richtig was erstattet. So eine halbe Millionen würde mir völlig reichen, ich bin ja bescheiden. Aber das sind jetzt ungelegte Eier, über die ich als Veganer ja eh nicht schnacken darf.

So oder so bin ich nach wie vor davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Denn den wichtigsten Punkt hat meine Pfarrerin natürlich bewusst unter den Tisch fallen gelassen. Der bezieht sich darauf, dass ich durch den Kirchenaustritt nach meinem Tod gute Chancen habe, in der Hölle mit Bon Scott, Jimi Hendrix und Kurt Cobain Poker spielen zu dürfen. Und allein das ist natürlich ein alles überragender Grund für den alten Handbremsentrick auf dem Stairway to Heaven und einer entsprechenden Fahrspurkorrektur zum Highway to Hell.


– Text: Jens Grotartig

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